Blick auf die Landschaft im Projektgebiet Magoma bei Korogwe/Tansania.

6.2.2015 | Von:
Franziska Müller
Aram Ziai

Eurozentrismus in der Entwicklungszusammenarbeit

Alternativen zur eurozentrischen EZ

Eine nicht eurozentrische EZ ist nur dann vorstellbar, wenn sie sich von der Grundstruktur der bisherigen EZ – Probleme dort, Problemlösungskompetenz hier – zu lösen vermag und das hiesige Gesellschaftsmodell nicht unhinterfragt als überlegen annimmt. Spätestens hier ist eine Gegenrede zu erwarten, etwa: "Aber sind die Lebensverhältnisse hierzulande nicht eindeutig besser als in Mali oder Afghanistan? Verfällt die Eurozentrismuskritik nicht in Relativismus?"

Diesem Einwand ist Folgendes entgegenzuhalten: Erstens ist natürlich innerhalb der einzelnen Länder zunächst nach unterschiedlichen Einkommensgruppen zu differenzieren. Dennoch kann der Befund großer materieller Unterschiede zwischen Deutschland und Mali wohl auch für durchschnittlich verdienende Lohnabhängige aufrechterhalten werden. Zweitens ist jedoch die in unterschiedlichen Post-Development-Ansätzen artikulierte Kritik ernst zu nehmen, dass ein gutes Leben (buen vivir) nicht auf ein höheres Pro-Kopf-Einkommen reduziert werden darf, sondern auch Aspekte wie Würde, Selbstbestimmung, sozialen Zusammenhalt und einen nicht umweltzerstörenden Lebensstil umfassen muss, wenn nicht doch wieder eurozentrische Normen reproduziert werden sollen. Drittens muss, selbst wenn wir uns auf diese materielle Ebene beschränken, eine wirksame Bekämpfung sozioökonomischer Ungleichheit auf globaler Ebene über den Bezugsrahmen der EZ hinausgehen und Forderungen nach globaler Gerechtigkeit stellen.

Es dürfte nur wenige Eurozentrismus-Kritikerinnen und -Kritiker auf den Plan rufen und unstrittig einen großen Beitrag zur Verringerung globaler sozialer Ungleichheit leisten, wenn beispielsweise:

  • die Geberländer das entwicklungspolitische Leitbild der "globalen Strukturpolitik"[24] ernst nehmen, also die Veränderung globaler Wirtschaftsstrukturen zugunsten ärmerer Länder in den Fokus rücken würden. Welthandel, Entschuldung und Finanzmarktregulation wären hier vordringliche Betätigungsfelder. Zwar hat sich in der EZ-Diskussion mittlerweile unter dem Schlagwort policy coherence for development die Einsicht durchgesetzt, dass viele Projekte durch außenwirtschaftliche Interessenpolitik konterkariert werden, in der Praxis hat sich jedoch kaum etwas daran geändert;
  • die sogenannten Industrieländer ihre "imperiale Lebensweise"[25] auf der Grundlage eines privilegierten Ressourcenzugangs und -verbrauchs und damit einhergehender überproportionaler Umweltzerstörung und Luftverschmutzung beenden würden. Dies gilt besonders für jene Länder, die historisch eine große Verantwortung für die Klimaerwärmung und ihre katastrophalen Konsequenzen vor allem in anderen Erdteilen haben;
  • ein Recht auf globale Bewegungsfreiheit politisch umgesetzt oder als Zwischenschritt zumindest eine Liberalisierung des Kapitalverkehrs an eine Liberalisierung des Personenverkehrs gekoppelt würde. Rücküberweisungen von Migrantinnen und Migranten haben im vergangenen Jahrzehnt bekanntlich größere Finanztransfers in die ärmeren Länder bewirkt als die gesamte öffentliche EZ. Ein weiterer Effekt wäre, dass unter den Bedingungen globaler Bewegungsfreiheit die Geberländer die Bekämpfung von Fluchtursachen sicher deutlich entschlossener betreiben würden;
  • im Hinblick auf den enorm gestiegenen Einfluss transnationaler Konzerne auf politische Prozesse ihre Aktivitäten generell einer deutlich stärkeren demokratischen Kontrolle unterworfen würden;
  • ausgehend vom Leitbild der Ernährungssouveränität, also dem Recht, sich selbstbestimmt zu ernähren, die Weltwirtschaft transformiert würde. Dies würde zuallererst umfassende Landreformen beinhalten, aber auch weitgehende Schutzregeln, um kleinbäuerliche Landwirtschaft vor der übermächtigen Konkurrenz der Agrarkonzerne zu bewahren;
  • über Finanztransaktionssteuern, die Schließung von Steueroasen und eine konsequente Besteuerung von Unternehmensgewinnen und individueller Vermögen weitere Finanzquellen erschlossen würden, die zur Umsetzung einer weltweiten Basisgesundheitsversorgung benutzt werden. Zugleich sollte die Patentgesetzgebung des TRIPS-Abkommens der Welthandelsorganisation[26] zugunsten der Pharmafirmen dem Recht Kranker auf verfügbare Medikamente nachgeordnet werden;
  • analog zu Reparationen für Kriege und Kriegsverbrechen auch Reparationen gezahlt würden für Kolonialismus und in diesem Kontext begangene Verbrechen und Völkermorde. Die African World Reparations and Repatriations Truth Commission beziffert die in diesem Kontext fällige Summe auf 777 Billionen US-Dollar;
Es wird deutlich: Wenn wir uns vom Diskurs der "Entwicklung" als dem dominanten Muster der Wahrnehmung und Bekämpfung globaler sozialer Ungleichheit lösen,[27] finden sich zahlreiche Maßnahmen, die vielversprechender erscheinen als die x-te Reform des Politikfelds Entwicklungszusammenarbeit.

Natürlich gibt es in der EZ mittlerweile vielerorts ein Problembewusstsein für Eurozentrismus. Doch durch die Verflechtung von Expertenhierarchie, Geberhierarchie und Normenhierarchie ist eine vollständige Vermeidung von Eurozentrismus oder auch Sinozentrismus innerhalb der EZ-Strukturen schwierig: Im Namen von Partizipation, ownership und empowerment wird bereits seit Jahrzehnten am Abbau der Expertenhierarchie und damit meist auch des Eurozentrismus gearbeitet.

Unter den Bedingungen einer Geberhierarchie sehen sich die Projektverantwortlichen jedoch stets aufs Neue genötigt, die Interessen und auch die Normen des Entwicklungsapparates über die der Betroffenen zu stellen – und sei es nur aus Verantwortung gegenüber den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern. Der originelle Vorschlag des Ökonomen William Easterly, den Zielgruppen von EZ Gutscheine auszustellen, die sie bei EZ-Organisationen ihrer Wahl für Projekte ihrer Wahl einlösen können,[28] würde sicher zu einem teilweisen Abbau von Geberhierarchie und Normenhierarchie führen und mehr Selbstbestimmung für die Betroffenen bedeuten. Begleitende, dezidiert nicht eurozentrische EZ-Maßnahmen könnten sich mit dem Potenzial indigenen Wissens in der Medizin und der Landwirtschaft befassen oder danach fragen, was Europa von außereuropäischen Kulturen zur Bewältigung eigener gesellschaftlicher Probleme lernen kann.[29]

Fußnoten

24.
Aram Ziai, Globale Strukturpolitik? Die Nord-Süd-Politik der BRD und das Dispositiv der Entwicklung im Zeitalter von neoliberaler Globalisierung und neuer Weltordnung, Münster 2007.
25.
Ulrich Brand/Markus Wissen, Sozial-ökologische Krise und imperiale Lebensweise. Zu Krise und Kontinuität kapitalistischer Naturverhältnisse, in: Alex Demirovic et al. (Hrsg.), Vielfach Krise: Im finanzmarktdominierten Kapitalismus, Hamburg 2011, S. 79–94.
26.
TRIPS steht für Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights.
27.
Vgl. Aram Ziai, Zur Kritik des Entwicklungsdiskurses, in: APuZ, (2010) 10, S. 23–29.
28.
Vgl. William Easterly, The White Man’s Burden: Why the West’s Efforts to Aid the Rest Have Done So Much Ill and So Little Good, New York 2006.
29.
Siehe hierzu das an der Universität Coimbra angesiedelte EU-Forschungsprojekt "ALICE – Strange Mirrors, Unsuspected Lessons" oder auch die im Frühjahr 2015 startende Nachwuchsgruppe im Fachgebiet Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien der Universität Kassel unter der Leitung von Franziska Dübgen zu alternativen Formen des Strafrechts auf der Grundlage der südafrikanischen Ubuntu-Philosophie.
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Autoren: Franziska Müller, Aram Ziai für bpb.de
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