Spendenbüchse mit der Aufschrift "Für die Armen" in der Schlosskirche auf Schloss Friedenstein in Gotha.

27.2.2015 | Von:
Anne Seibring

Editorial

Wenn es ein "Oben" gibt und eine "Mitte", so die Titel vorangegangener Ausgaben, muss es auch ein "Unten" geben. Diese schlichte Einteilung der Gesellschaft bereitet aber insbesondere mit Blick auf "Unten" Probleme. "Unterschicht" ist kein wertneutraler Terminus, keine Kategorie, die bloß der nüchternen Beschreibung von Bevölkerungsgruppen dient, die eingeschränkt an der Gesellschaft teilhaben. "Unterschicht" ist vielmehr normativ aufgeladen, oft abwertend in Gebrauch und trägt zu ihrer Formierung bei.

Das Sprechen über Armut und Arbeitslosigkeit – den beiden Faktoren, die Ausgrenzung am stärksten determinieren – folgt oft tradierten Mustern sozialer Debatten, wie sie schon in den vergangenen Jahrzehnten geführt wurden. Da wird mangelnder Aufstiegswillen diagnostiziert, von "anstrengungslosem Wohlstand" gesprochen und die Verantwortung für die Lebenslage vor allem individuellen Schwächen zugeschrieben. Seltener ist von struktureller Ungleichheit die Rede, von der Verfestigung der Armut, von abnehmender Aufstiegsmobilität.

Die Debatte um soziale Ungleichheit ist zuletzt durch das Erscheinen von Thomas Pikettys "Das Kapital im 21. Jahrhundert" neu angefacht worden. Der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2014 beispielsweise konstatiert eine rückläufige Ungleichheit der Einkommen. Hingegen hat sich die Vermögenskonzentration weiter verstärkt. Die reichsten zehn Prozent der Deutschen verfügen nach jüngsten Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung über 63 bis zu 74 Prozent, das reichste Prozent fast über ein Drittel des gesamten Privatvermögens. Wer über "die da unten" redet, darf von "denen da oben" nicht schweigen.