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Ende der Aufstiegsgesellschaft?


27.2.2015
Die Chance auf sozialen Aufstieg ist ein Grundpfeiler der sozialen Ordnung in kapitalistischen Marktgesellschaften. Die Hoffnung auf sozialen Aufstieg entfesselte über Jahrhunderte hinweg – und tut dies in weiten Teilen der Welt noch heute – ungeheure Energien, die zu immensen Arbeitsleistungen, zu Disziplin, Verzicht und Leidensfähigkeit im Dienste einer besseren Zukunft anspornten. Gleichzeitig gilt die Möglichkeit sozialer Aufstiege als zentrales Kriterium für Leistungsgerechtigkeit und die Offenheit einer Gesellschaft. Gerade mit den Veränderungen hin zu einer aktivierenden und investiven Sozialpolitik ist die Chancengerechtigkeit, die sich auf die Ermöglichung sozialer Mobilität richtet, ins Zentrum gerückt. Untersuchungen zur Chancengleichheit etwa im Bildungssystem oder im Hinblick auf intergenerationale soziale Mobilität bescheinigen jedoch der deutschen Gesellschaft eine geringe Chancengleichheit. Die Chance auf einen höheren Bildungsabschluss oder eine höhere berufliche Position ist in Deutschland übermäßig stark abhängig von der sozialen Herkunft. Und das gilt selbst dann noch, wenn Leistungsindikatoren (wie schulrelevante Kompetenzen beziehungsweise Bildungsabschluss) dabei in Rechnung gestellt werden. Erst in jüngerer Zeit zeigen Studien hier eine leichte Tendenz zu mehr Chancengleichheit. So hat sich im Verlauf der PISA-Studien Deutschlands Position im Hinblick auf die Herkunftsabhängigkeit schulischer Kompetenzen zunehmend verbessert, und auch Studien zur intergenerationalen Bildungs- und Klassenmobilität weisen auf leicht zunehmende Chancengleichheiten hin, freilich ausgehend von einem vergleichsweise geringen Niveau.[1]

Für die Wahrnehmung und Legitimation sozialer Ungleichheit spielen jedoch relative Chancenungleichheiten möglicherweise eine geringere Rolle als absolute Mobilitätserfahrungen, also Erfahrungen einer Verbesserung der eigenen Statusposition und des Lebensstandards im Vergleich zu den eigenen Eltern beziehungsweise im Vergleich zu früheren Zeiten. Diese absoluten Mobilitätserfahrungen hängen in hohem Maße von strukturellem sozialem Wandel ab, wie dem Tempo der Bildungsexpansion, der Form des berufsstrukturellen Wandels, dem Wirtschaftswachstum, der Einkommensentwicklung und dem technologischen Fortschritt. Die Erwartung eines allgemeinen Wachstums an Lebenschancen trägt nicht minder zur Legitimation sozialer Ungleichheiten bei als die Hoffnung auf individuelle Aufstiegsmöglichkeiten: Solange es allen immer besser geht und solange jeder die Chance hat, sozial aufzusteigen, solange gelten soziale Ungleichheiten auch dann als akzeptabel, wenn sie zunehmen.

Diesem Legitimationsmuster sozialer Ungleichheit verdanken kapitalistische Marktgesellschaften ein gutes Stück ihrer historischen Überlegenheit und Hartnäckigkeit.[2] In den vergangenen zwei Jahrzehnten mehren sich jedoch empirische Evidenzen, dass das Grundmuster kapitalistischer Ungleichheitsdynamik in eine Schieflage geraten ist. Einerseits nehmen ökonomische Verteilungsungleichheiten in rasantem Tempo zu und führen zu einer Polarisierung zwischen extremer Reichtums- und Vermögenskonzentration auf der einen, verfestigter Armut und Ausgrenzung auf der anderen Seite. Gleichzeitig scheinen jedoch die Wachstums- und Mobilitätsdynamiken zu stagnieren, die für die legitimatorische Basis in Gestalt von Aufstiegserfahrungen sorgen.

Für Deutschland gilt das, wie in diesem Beitrag gezeigt wird, in besonderer Weise. Ungeachtet der leichten Zunahme relativer Mobilitätschancen nehmen Aufstiegserfahrungen und -chancen erkennbar ab, und zwar im Hinblick sowohl auf die intergenerationale Bildungs- und Berufsmobilität als auch auf eher kurz- und mittelfristige Einkommensmobilität.

Entwicklungen intergenerationaler Mobilität



Die soziologische Mobilitätsforschung unterscheidet sorgsam zwischen absoluter und relativer (oder auch struktureller und zirkulärer, individueller und kollektiver) Mobilität. Der Unterschied lässt sich am Bild der Rolltreppe gut erklären: Absolute Mobilität beschreibt die Geschwindigkeit, mit der alle auf einer Rolltreppe nach oben (oder in Krisen gegebenenfalls auch nach unten) fahren, ohne sich dabei jedoch zu bewegen und ohne ihre relativen Abstände zueinander zu verändern. Die Geschwindigkeit und Steigung der Rolltreppe wird dabei durch technischen Fortschritt, Wirtschaftswachstum, Bildungsexpansion und berufsstrukturellen Wandel bestimmt. Relative Mobilität beschreibt dagegen die Bewegungen von Personen auf der Rolltreppe selbst: Einige drängen nach vorn, andere machen ein paar Schritte nach unten. Die Frage, wie viel Bewegung auf der Rolltreppe herrscht, wie viele Personen ihre Position wechseln und dabei wie weit nach oben kommen oder nach unten fallen, charakterisiert die "Offenheit" oder – in der Sprache der Mobilitätsforschung – die "Fluidität" einer Gesellschaft.[3] Da es sich hier um Veränderungen relativer Positionen handelt, ist diese "Zirkulationsmobilität" ein Nullsummenspiel: Gewinnen kann man nur, indem andere verlieren. An diesem Punkt wird das Bild jedoch unzureichend, weil durch Mortalität, Fertilität und Migration Personen in jeweils unterschiedlichen Positionen aus der Rolltreppe aussteigen oder in sie einsteigen, und weil auch die Länge der Rolltreppe, und damit das Ausmaß der Distanz zwischen oben und unten, Veränderungen unterliegt.

Wie haben sich Aufstiegsmobilitäten im Kohortenverlauf entwickelt? Mit der Industrialisierung setzte ein historisch lang anhaltender Mobilitätsstrom aus dem Reservoir der (überwiegend ländlichen) Unterschichten in die industrielle Lohnarbeiterexistenz ein, der auch in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg noch anhielt und in den "Abschied von der Proletarität" (Josef Mooser) mündete. Dieser berufsstrukturelle Wandel wurde überlagert, verlängert und abgelöst von der Bildungsexpansion und dem Wachstum der "postindustriellen" Berufe insbesondere im Bereich der qualifizierten Büroarbeit und der Dienstleistungsberufe.[4] Diese Mobilitätsströme sind prägend für unser Verständnis von Wachstum und Aufstiegsmobilität.

Abbildung 1: Entwicklungen beruflicher Auf- und Abstiege (Erwerbstätige, 30–64 Jahre)Abbildung 1: Entwicklungen beruflicher Auf- und Abstiege (Erwerbstätige, 30–64 Jahre)
Entsprechend nehmen intergenerationale soziale Aufstiege über die Geburtskohorten hinweg zunächst zu (Abbildung 1). Betrachtet man die erwerbstätigen Personen im Alter von 30 bis 64 Jahren, so zeigt sich, dass der Anteil der erwerbstätigen Personen, die gegenüber ihrem Vater einen beruflichen Aufstieg erfahren haben, in der Generation der vor 1933 Geborenen bei etwa 30 Prozent lag (bei westdeutschen Frauen mit unter 25 Prozent deutlich darunter). Dieser Anteil steigt zunächst an und sinkt dann aber auch wieder. Bei den westdeutschen Männern ist der höchste Wert (37 Prozent) bei den unmittelbar nach dem Krieg geborenen Kohorten erreicht und seither ein leichter Rückgang (auf 32 Prozent) zu verzeichnen. Bei ostdeutschen Männern ist dieser Rückgang, vereinigungsbedingt, bereits bei den Kohorten der 1934 bis 1945 Geborenen erkennbar und auch in der weiteren Kohortenfolge extrem stark. Nur noch ein Viertel der heute unter 45-Jährigen ist gegenüber dem Vater beruflich aufgestiegen. Bei den Frauen ist in den letzten beiden Kohortengruppen zwar kein erneuter Rückgang, aber eine Stagnation der zunächst stark anwachsenden Anteile von beruflichen Aufsteigerinnen zu beobachten. Sie konsolidieren ihre Aufstiegsraten auf einem Niveau von 37 Prozent (westdeutsche Frauen) bis 40 Prozent (ostdeutsche Frauen) und damit deutlich oberhalb desjenigen der Männer. Insgesamt zeigen die Daten das Bild einer mindestens deutlich gebremsten (Frauen), wenn nicht bereits rückläufigen (insbesondere ostdeutsche Männer) Entwicklung von beruflichen Aufstiegen.[5] Umgekehrt sehen wir dagegen bei allen Gruppen eine Zunahme von beruflichen Abstiegen für die nach dem Krieg geborenen
Abbildung 2: Entwicklungen von beruflichen Auf- und Abstiegen, nach Herkunftsklasse
(Erwerbstätige, 30–64 Jahre)Abbildung 2: Entwicklungen von beruflichen Auf- und Abstiegen, nach Herkunftsklasse (Erwerbstätige, 30–64 Jahre)
Generationen. Während die in der NS-Zeit geborenen Männer zu 16 Prozent beruflich abstiegen, sind es in den jüngsten Generationen über 20 Prozent. Die Frauen konnten ihre zunächst sehr hohen Abstiegsraten von gut einem Drittel auf etwa ein Viertel drücken, liegen damit aber noch deutlich über denen der Männer und verzeichnen in den jüngeren Kohorten wieder einen leichten Anstieg.[6] Vergleicht man die erreichten Bildungsabschlüsse und Berufspositionen genauer mit denen der Eltern, zeigen sich interessante Entwicklungen (Abbildung 2). Grundsätzlich ist die Aufstiegsmobilität aus unteren Berufslagen hoch. Ganze 70 bis 80 Prozent der erwerbstätigen Söhne von ungelernten Arbeitern erreichen eine höhere berufliche Position als ihre Väter; bei den Töchtern liegen die Anteile etwas niedriger. Diese Aufstiege sind freilich überwiegend (zu mehr als 50 Prozent) Aufstiege in gelernte Arbeiterberufe, zu immerhin einem Fünftel aber auch Aufstiege in die höchste Berufsklasse. Erwerbstätige Kinder von gelernten Facharbeitern, Dienstleistern und Fachangestellten sind noch zu etwa 40 Prozent Aufsteiger.

Interessanterweise ist der Rückgang der Aufstiege über die jüngeren Kohorten hinweg jedoch nicht bei den ungelernten Arbeitern am stärksten ausgeprägt, sondern gerade bei den Kindern der mittleren Berufsklassen. Ebenso ist die Zunahme von intergenerationalen Abstiegen am stärksten bei den höheren Berufsklassen. Während bis in die Nachkriegskohorten hinein gut 40 Prozent der erwerbstätigen Söhne aus den oberen Berufsklassen sozial abgestiegen sind, nehmen diese Abstiege in den jüngeren Kohorten auf über 50 Prozent im Westen und über 60 Prozent im Osten zu. Auch in den gehobenen Mittelschichtsberufen ist der Anteil der Abstiege mittlerweile höher als der der Aufstiege – und dies wiederum in extremem Ausmaß in Ostdeutschland. Selbst bei den Ungelernten zeigen sich hier deutliche Rückgänge in der Aufstiegsmobilität.

Die Betrachtung absoluter Mobilitätsströme ist in der soziologischen Mobilitätsforschung zunehmend hinter die Modellierung relativer sozialer Mobilität zurückgetreten. Wenn sich dabei in jüngerer Zeit für Deutschland eine geringfügige Zunahme der Fluidität oder Offenheit der Klassengesellschaft zeigt, so dürfte dies nicht zuletzt darauf zurückzuführen sein, dass gerade in den höheren Berufsklassen soziale Abstiegsdynamiken zunehmen. Die Zunahme sozialer Abstiege bei höheren Berufsklassen ist – statistisch gesehen – durchaus ein Beitrag zu mehr "Chancengleichheit". Sozialpolitisch gilt sie jedoch, gerade in der hochgradig ständischen und auf Statuserhalt ausgerichteten deutschen Sozialstaatskultur, als problematisch. Sie ist in der Tat ein klares Indiz dafür, dass die Frage des intergenerationalen Statuserhalts zu einer Gretchenfrage von "Mittelschichtsgesellschaften" geworden ist.[7]

Die gebremste Entwicklung beruflicher Aufstiegsmobilität ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass der berufsstrukturelle Wandel weit vorangeschritten ist und sich infolgedessen Sättigungseffekte einstellen. Im Vergleich zu vielen anderen entwickelten OECD-Staaten ist die Tertiarisierung in Deutschland allerdings immer noch gering ausgeprägt, der industrielle Sektor vergleichsweise stark. Auch die Bildungsexpansion ist in den vergangenen Jahrzehnten langsamer verlaufen als in vielen anderen Ländern. Insofern besteht hier noch Potenzial zur Erhöhung von Aufstiegsmobilität. Die Zunahme an Studierenden weist in diese Richtung. Dennoch ist fraglich, ob sich berufs- und bildungsbezogene Aufstiegsmobilitäten in Zukunft nochmals erhöhen werden. Dagegen sprechen nicht zuletzt die zunehmenden Polarisierungen am Arbeitsmarkt und die Verfestigungen von Armut und sozialer Benachteiligung.


Fußnoten

1.
Vgl. zu Bildungsungleichheiten Richard Breen et al., Bildungsdisparitäten nach sozialer Herkunft und Geschlecht im Wandel – Deutschland im internationalen Vergleich, in: Rolf Becker/Heike Solga (Hrsg.), Soziologische Bildungsforschung, Wiesbaden 2012, S. 346–373, und den Rückblick auf die PISA-Studien bei Manfred Prenzel et al. (Hrsg.), PISA 2012. Fortschritte und Herausforderungen in Deutschland, Münster u.a. 2013; zu sozialer Mobilität vgl. Richard Breen, Social Mobility in Europe, Oxford–New York 2004.
2.
Vgl. Jürgen Kocka, Geschichte des Kapitalismus, München 2014.
3.
Vgl. Robert Erikson/John H. Goldthorpe, The Constant Flux. A Study of Class Mobility in Industrial Societies, Oxford 1992.
4.
Vgl. Hartmut Häußermann/Walter Siebel, Dienstleistungsgesellschaften, Frankfurt/M. 1995.
5.
Vgl. auch Reinhard Pollak, Kaum Bewegung, viel Ungleichheit, Berlin 2010.
6.
Betrachtet man die intergenerationale Bildungsmobilität, so zeigen die Daten einen im Grundmuster ähnlichen Verlauf.
7.
Vgl. Steffen Mau, Lebenschancen. Wohin driftet die Mittelschicht?, Berlin 2012.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autoren: Olaf Groh-Samberg, Florian R. Hertel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de