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Spendenbüchse mit der Aufschrift "Für die Armen" in der Schlosskirche auf Schloss Friedenstein in Gotha.

27.2.2015 | Von:
Olaf Groh-Samberg
Florian R. Hertel

Ende der Aufstiegsgesellschaft?

Verfestigungen der Armut: Abnehmende Aufstiegsmobilität

Die ökonomischen Verteilungsungleichheiten sind nicht zuletzt deshalb bedeutsam für die Einschätzung zukünftiger Mobilitätschancen, weil sie den Spielraum für die Bildungs- und Zukunftsinvestitionen abzirkeln. In den höheren Berufsklassen nimmt der Bildungswettbewerb gerade angesichts der zunehmenden intergenerationalen Abstiegsdrohungen eine ökonomisch immer kostenintensivere Form an, wie sich am Boom privater Bildungseinrichtungen und Förderangebote zeigt. Vor allem aber für die unteren Berufsgruppen stellt die Investition in Bildung die zentrale Schwelle für mögliche Aufstiegsmobilitäten dar.

Die Zunahme ökonomischer Verteilungsungleichheiten ist vielfach dokumentiert.[8] Bedeutsam ist aber auch die Frage der Einkommensmobilität. Entsprechende Analysen machen deutlich, dass Einkommensaufstiege über die Zeit in der Regel abgenommen haben. Diese Abnahme ist jedoch am stärksten für Personen aus den unteren Einkommensschichten. Lediglich bei Personen mit hohen und sehr hohen Einkommen blieb der Anteil von Einkommensaufstiegen weitgehend konstant. In dieselbe Richtung weist die Betrachtung von Einkommensabstiegen, die insbesondere in der unteren Mittelschicht und im Niedrigeinkommensbereich in den vergangenen Jahren beachtlich zugenommen haben.

Besonders hervorzuheben ist der Trend zu einer Verfestigung von Armut am unteren Rand der Gesellschaft. Sie verweist auf einen Prozess zunehmender Blockierung von Lebenschancen und damit einer dauerhaften sozialen Ausgrenzung größerer Bevölkerungsteile vom gesellschaftlichen Wohlstand. Um Verfestigungen von Armut zu erfassen, sollten zwei zentrale Aspekte berücksichtigt werden: zum einen die Kumulation von materiellen Problemlagen; zum anderen die Dauer von Armutsphasen, die für die Auswirkungen der Armut auf die weiteren Lebensläufe von ausschlaggebender Bedeutung ist. Der in Abbildung 3 dargestellte Indikator unterscheidet verschiedene Armuts-, Prekaritäts- und Wohlstandslagen anhand einer sowohl multidimensionalen wie längsschnittlichen Betrachtung. Dazu werden auf Basis der Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), getrennt für West- und Ostdeutschland, die Haushaltsnettoeinkommen und die drei Lebenslagendimensionen der Arbeitslosigkeit, der Wohnsituation und der Verfügbarkeit von finanziellen Rücklagen für jede Person über jeweils fünf Jahre hinweg betrachtet.[9]

Personen, die fünf Jahre hintereinander kontinuierlich über sehr geringe Einkommen verfügen und gleichzeitig von mehrfachen Lebenslagendeprivationen (beispielsweise Arbeitslosigkeit und Wohndeprivation) betroffen sind, werden der "Zone der verfestigten Armut" zugeordnet. Der Anteil der Personen in dieser Zone lag in der Fünfjahresperiode von 1984 bis 1988 noch bei sechs Prozent und verweilte bis in die 1990er Jahre auf diesem Niveau. Seither ist ein kontinuierlicher Anstieg zu verzeichnen. In den letzten vier Fünfjahresperioden lag er bereits bei zehn Prozent der westdeutschen Bevölkerung. Angesichts der grundsätzlichen Untererfassung von Personen in ausgeprägten Armutslagen in Umfragen ist dies ein beachtlich hoher Wert. Geradezu alarmierend ist jedoch die Ausdehnung der Zone der verfestigten Armut in Ostdeutschland. Während sie nach der Wiedervereinigung mit vier Prozent der ostdeutschen Bevölkerung deutlich kleiner ausfiel als im Westen und noch bis Ende der 1990er Jahre hinein unter dem westdeutschen Vergleichswert blieb, stieg sie seither auf einen Anteil von zwölf Prozent der ostdeutschen Bevölkerung an.

Personen, die in einer Fünfjahresperiode überwiegend geringe Einkommen und einzelne Lebenslagendeprivationen (zum Beispiel Arbeitslosigkeit) aufweisen, werden der "Zone der Prekarität" zugeordnet. Diese umfasst über den gesamten Zeitraum hinweg in West- wie in Ostdeutschland nochmals etwa zehn bis elf Prozent der Personen. Diese armutsnahe und stets gefährdete, aber gleichwohl noch nicht in die verfestigte Armut abgerutschte Personengruppe hat jedoch nicht signifikant zu- oder abgenommen. Dasselbe gilt für die kleineren Personengruppen der "temporären Armut" (Personen, die in einer Fünfjahresperiode starke Schwankungen zwischen guten Jahren und schlechten Jahren, jeweils auf Einkommen und Lebenslagen bezogen, erfahren) und der "inkonsistenten Armut" (Personen, die dauerhafte Inkonsistenzen zwischen Einkommens- und Lebenslagen aufweisen). Das Ergebnis widerspricht deutlich der These einer "Verzeitlichung" der Armut, also der Erwartung, dass insbesondere kurzfristige, vorübergehende Armutsepisoden zunehmen könnten. Vielmehr zeigt sich, dass es die Zone der verfestigten Armut ist, die im Zeitverlauf deutlich zunimmt.

Abbildung 3: Trends von Armut, Prekarität und WohlstandAbbildung 3: Trends von Armut, Prekarität und Wohlstand
Über den Erscheinungsformen der Armut und Prekarität in Abbildung 3 befindet sich eine Gruppe von Personen, die sich überwiegend in gesicherten Einkommens- und Lebenslagen befindet, in einzelnen der jeweils fünf betrachteten Jahren jedoch in prekäre Einkommensbereiche absinkt oder einzelne Lebenslagendeprivationen aufweist. Diese Gruppe lässt sich daher als "Zone des instabilen Wohlstands" charakterisieren. Sie ist jedoch im Westen wie im Osten im Zeitverlauf kleiner geworden. Die "Zone des gesicherten Wohlstands" schließlich, die durch dauerhaft gesicherte Einkommens- und Lebenslagen gekennzeichnet ist, weist abgesehen von konjunkturellen Schwankungen keinerlei Trend zu einer Zu- oder Abnahme auf.

Abbildung 4: Armutsdynamiken über zehn Jahre, 1984–2012Abbildung 4: Armutsdynamiken über zehn Jahre, 1984–2012
Die Zunahme verfestigter Armut ergibt sich dabei weniger aus einer Zunahme von Abstiegen in die verfestigte Armut hinein als durch eine im Zeitverlauf immer geringer werdende Wahrscheinlichkeit, aus verfestigter Armut wieder heraus zu kommen. Dazu lassen sich für die Personen, die mindestens zehn Jahre kontinuierlich an der Befragung des SOEP teilgenommen haben, die Übergangswahrscheinlichkeiten von einer Fünfjahresperiode in die nächstfolgende untersuchen. In Abbildung 4 ist der Verbleib aller Personen, die sich über fünf Jahre hinweg in verfestigter Armut befanden, in der darauffolgenden Fünfjahresperiode dargestellt. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wurden die Typen der inkonsistenten und temporären Armut hier der Zone der Prekarität zugeordnet und die beiden Zonen des gesicherten und des instabilen Wohlstands zusammengefasst. Der Anteil der Personen, die sich nach fünf Jahren in verfestigter Armut auch in den folgenden fünf Jahren in dieser Zone befindet, lag zu Beginn des Beobachtungszeitraums bei unter 45 Prozent. Bis zur Wiedervereinigung stieg dieser Anteil bereits auf gut 60 Prozent an und verharrte zunächst, bei einigen Schwankungen, auf diesem Stand. Seit der Jahrtausendwende steigt der Anteil der Personen, die in der Zone der verfestigten Armut verbleiben, auf 70 Prozent an und verharrt seither, wiederum mit einigen Schwankungen, auf diesem extrem hohen Niveau. Wenn überhaupt, gelingen lediglich kleine Aufstiege in die benachbarte Zone der Prekarität oder in eine Form der temporären oder inkonsistenten Armut. Aufstiege in den gesicherten Wohlstand finden sich so gut wie gar nicht, und Aufstiege in den instabilen Wohlstand verharren im Beobachtungszeitraum bei unter zehn Prozent.

Schluss

Ökonomische Ungleichheiten haben in Deutschland signifikant zugenommen. Sie gehen jedoch nicht mit mehr, sondern mit weniger ökonomischer Mobilität einher. Während am oberen Rand eine Konzentration von Spitzeneinkommen und Vermögen stattfindet – begünstigt durch eine entsprechende Steuerpolitik – verfestigt sich am unteren Rand die Armut auf dramatische Weise. Diese Polarisierungen der Sozialstruktur sind eingebettet in eine anhaltend hohe Chancenungleichheit im deutschen Bildungs- und Berufssystem. Wenn sich hier in jüngster Zeit Tendenzen einer abnehmenden Chancenungleichheit abzeichnen, dann dürften diese nicht zuletzt durch einen Trend bedingt sein, der bislang weniger Beachtung gefunden hat: die in der Tendenz abnehmende oder mindestens stagnierende intergenerationale Aufstiegsmobilität und die gleichzeitig zunehmenden Abstiege, insbesondere in den Mittelschichten.

Besonders alarmierend ist die abnehmende Aufstiegsmobilität aus Armut, und dies obwohl die aktivierende Sozialpolitik gerade auf diese setzt. Alarmierend ist aber auch die regelrechte Vernichtung von Aufstiegschancen in Ostdeutschland. Es ist davon auszugehen, dass die jüngeren Tendenzen einer langfristigen Verfestigung von Armut den in Ostdeutschland bereits deutlich erkennbaren, im Westen sich erst ansatzweise abzeichnenden Rückgang der intergenerationalen Aufstiegsmobilitäten weiter verschärfen werden – darauf deuten auch Analysen zur Entwicklung von Jugendarmut, in der sich ein zunehmender Effekt der sozialen Herkunft beobachten lässt.[10]

Die empirischen Befunde legen damit nahe, dass die rasante Verschärfung ökonomischer Verteilungsungleichheiten nicht nur, wie jüngst diskutiert, negative Effekte auf nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum zeitigen,[11] sondern zumindest mittelfristig auch negative Auswirkungen auf die langfristigen Muster intergenerationaler Mobilität haben könnte – die möglicherweise zugleich an eine innere Sättigungsgrenze stößt.[12] Eine Politik zur Erhöhung von Aufstiegschancen, die allein auf Wachstums- oder expansive Bildungspolitik setzt, wird ihr Ziel mit großer Sicherheit verfehlen. Eine gezielte Förderung von Aufstiegsmobilität ist ohne eine Reduktion ökonomischer Verteilungsungleichheiten aller Voraussicht nach nicht zu haben. Darum laufen Beschwörungen von Chancengleichheit, die nicht zugleich die Reduktion von Verteilungsungleichheiten thematisieren, systematisch ins Leere.

Fußnoten

8.
Vgl. Markus Grabka, Ungleichheit in Deutschland: Langfristige Trends, Wendepunkte, in: Sozialer Fortschritt, 63 (2014) 12, S. 301–307.
9.
Zur Verfestigung von Armut siehe Olaf Groh-Samberg, No Way Out. Dimensionen und Trends der Verfestigung der Armut in Deutschland, in: ebd., S. 307–314
10.
Vgl. Olaf Groh-Samberg/Wolfgang Voges, Precursors and Consequences of Youth Poverty in Germany, in: Longitudinal and Life Course Studies, 5 (2014) 2, S. 151–172.
11.
Vgl. Joseph E. Stiglitz, Der Preis der Ungleichheit: wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht, München 2012.
12.
Vgl. Christoph Burkhardt et al., Mittelschicht unter Druck, Gütersloh 2012.
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