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27.2.2015 | Von:
Julian Bank
Till van Treeck

"Unten" betrifft alle: Ungleichheit als Gefahr für Demokratie, Teilhabe und Stabilität

Wo liegt das "Unten" einer Gesellschaft?

Wo liegt vor dem Hintergrund dieser drei Dimensionen ökonomischer Ungleichheit das "Unten" in einer Gesellschaft? Mit Blick auf die Geschichte und die gegenwärtige Situation in Entwicklungsländern wird zumeist ein absoluter Armutsbegriff verwendet, um die Menschen, die "unten" stehen, zu erfassen. Dazu wird ein monetärer Wert festgelegt – beispielsweise 1 US-Dollar täglich –, der in etwa zur Befriedigung absoluter menschlicher Grundbedürfnisse nötig ist. Hier geht es unmittelbar um die Freiheit, über Grundgüter zu verfügen, unabhängig davon, ob und wie diese anderen zugänglich sind.

In Industrieländern hat sich der Armutsbegriff aufgrund des weitgehenden Verschwindens absoluter Armut zu einem relativen Armutsbegriff gewandelt. Dieser, häufig auch als "Armutsrisiko" bezeichnet, wird typischerweise als ein äquivalenzgewichtetes Haushaltseinkommen von unter 60 Prozent des Medianeinkommens eines Landes definiert.[11] Hier zeigt sich die zweite Ungleichheitsdimension, nach der die positionale Qualität von Gütern mit wachsendem gesellschaftlichem Wohlstand an Bedeutung gewinnt. Armut – so definiert – heißt, von gesellschaftlichen Teilhabechancen ausgeschlossen zu sein.

Allerdings verschleiert auch der relative Armutsbegriff Aspekte ökonomischer Ungleichheit, die erst im Lichte einer breiteren empirischen Betrachtung sichtbar werden. Grund hierfür sind zweierlei methodische Eigenschaften des relativen Armutskonzepts: Zum einen ist das Medianeinkommen, auf das es sich bezieht, unempfindlich gegenüber Veränderungen der Verteilung oberhalb des Medians. Nimmt etwa der Anteil der Spitzeneinkommen am Gesamteinkommen stark zu, so kann das Medianeinkommen davon unberührt bleiben. Aufgrund aufwärtsgerichteter Statusvergleiche kann dies jedoch sehr wohl auf die untersten Einkommensgruppen ausstrahlen: Wenn die reichen Haushalte im Zuge steigender Einkommen mehr Geld für Wohnen, Autos, Bildung und so weiter ausgeben, kann zunächst die obere Mittelschicht unter Zugzwang geraten. Wenn sie nun ebenfalls die Ausgaben für positionale Güter steigert, hat dies Auswirkungen auf die Teilhabemöglichkeiten der direkt darunter liegenden Einkommensgruppen. Ein regelrechtes "positionales Wettrüsten" kann einsetzen, das sich kaskadenartig von oben über die gesamte Verteilung erstreckt.[12]

Zum anderen werden in der Regel die Einkommen und nicht die Vermögen, die häufig eine langfristigere Komponente der Ressourcen Einzelner widerspiegeln, betrachtet. Die Vermögen jedoch sind typischerweise viel stärker konzentriert als die Einkommen. Eine hohe Ungleichheit der Vermögen bedroht angesichts daraus resultierender ungleicher politischer Einflusschancen nicht zuletzt das demokratische Prinzip politischer Gleichheit, betrifft also ebenfalls die gesamte Gesellschaft inklusive derer, die "unten" stehen.

Zunahme der Ungleichheit

Neben der Wahl des genauen Ungleichheitsmaßes sind die Datenquellen entscheidend für die Befunde einer Ungleichheitsbetrachtung. So haben Daten aus freiwilligen Haushaltsbefragungen (beispielsweise das Sozio-oekonomische Panel, SOEP) gegenüber Daten aus der Steuerstatistik und der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung den Nachteil, dass Personen mit sehr hohen Einkommen und Vermögen sich kaum daran beteiligen. In Deutschland besteht bei Steuerdaten wiederum das Problem, dass es seit langem keine Vermögensteuer mehr gibt und seit der Einführung der Abgeltungssteuer 2009 auch Kapitaleinkünfte nicht mehr personenbezogen erfasst werden. Entsprechend gibt es – und das ist auch ein Demokratieproblem – keine umfassenden und verlässlichen Daten mehr über die Verteilung von Kapitaleinkommen und Vermögen in Deutschland.[13]

Abbildung 1: Gini-Koeffizienten der HaushaltseinkommenAbbildung 1: Gini-Koeffizienten der Haushaltseinkommen
Verschiedene verbreitete Maße beschreiben – bei allen Unvollkommenheiten – die Entwicklung der Ungleichheit in Deutschland in den vergangenen Jahren. Der Gini-Koeffizient der Haushaltseinkommen als allgemeines Verteilungsmaß[14] zeigt einen Anstieg der Ungleichheit in den vergangenen rund 25 Jahren sowohl hinsichtlich der Markt- als auch der Nachsteuereinkommen (Abbildung 1). Eine in dieser Darstellung sichtbare jüngste Unterbrechung des Trends ist vor allem durch den vorübergehenden Einbruch der Kapitaleinkommen während der globalen Finanzkrise zu erklären.[15] Berücksichtigt werden muss zudem die konjunkturelle Situation, die Veränderung der Erwerbspersonen pro Haushalt sowie die Verschiebung hin zu atypischer Beschäftigung. Bei einer direkten Betrachtung der Erwerbseinkommen lässt sich auch nach 2005 eine wachsende Ungleichheit feststellen, allgemein und sogar innerhalb der Gruppe der Vollzeitbeschäftigten – also auch bereinigt um die Zunahme atypischer Beschäftigung.[16] Die Armutsrisikoquote zeigt ebenfalls einen insgesamt steigenden Verlauf (Abbildung 2). Beide genannten Maße beruhen jedoch auf freiwilligen
Abbildung 2: ArmutsrisikoquoteAbbildung 2: Armutsrisikoquote
Haushaltsbefragungen und untererfassen daher die sehr hohen Einkommen. Deren Anteile an den gesamten Haushaltseinkommen, ein drittes wichtiges Maß, betrugen für die einkommensstärksten zehn Prozent der Haushalte kurz vor der Krise fast 40 Prozent, der Anteil des oberen ein Prozents betrug deutlich über zehn Prozent (jeweils vor staatlicher Umverteilung) (Abbildung 3). Neuere Daten zu den Spitzeneinkommen liegen bisher nur lückenhaft vor. Eine Schwäche der bisherigen Maße ist, dass sie die einbehaltenen Gewinne der Unternehmen unberücksichtigt lassen, die im vergangenen Jahrzehnt stark gestiegen sind (Abbildung 4). Die Unternehmenseigner gehören aber überwiegend zu den oberen Einkommensgruppen.[17] Des Weiteren sind die Vermögen (Abbildung 5) sehr viel stärker konzentriert als die Einkommen. Der Gini-Koeffizient der Vermögen wies 2012 einen
Abbildung 3: Top-Haushaltseinkommen in Prozent
der gesamten HaushaltseinkommenAbbildung 3: Top-Haushaltseinkommen in Prozent der gesamten Haushaltseinkommen
Wert von 0,78 auf, im Vergleich zu 0,49 beziehungsweise 0,29 bei den Einkommen. Die obersten zehn Prozent besitzen rund 60 Prozent der im SOEP erfassten Vermögen in Deutschland, die oberen 20 Prozent besitzen rund 80 Prozent. Es ist daher nicht übertrieben, die untersten 80 bis 90 Prozent der Haushalte zumindest hinsichtlich der Vermögen als "Unten" zu bezeichnen. Zwar werden im SOEP die Ansprüche aus der Gesetzlichen Rentenversicherung, von denen gerade auch die Mittelschicht profitiert, nicht als Vermögen erfasst. Mit der Zunahme prekärer Beschäftigung lässt sich jedoch vermehrte Altersarmut erwarten. Zugleich dürften die in Haushaltsbefragungen angegebenen hohen Vermögen noch deutlich unterschätzt sein. Angesichts der gestiegenen Einkommensungleichheit und weil die oberen Einkommensgruppen überdurchschnittlich viel sparen, dürfte auch die Vermögensungleichheit zugenommen haben beziehungsweise in Zukunft weiter zunehmen.[18]

Abbildung 4: Verfügbares Unternehmenseinkommen
in Prozent des verfügbaren privaten EinkommensAbbildung 4: Verfügbares Unternehmenseinkommen in Prozent des verfügbaren privaten Einkommens
Abbildung 5: Vermögensverteilung (Perzentiluntergrenzen)
2012Abbildung 5: Vermögensverteilung (Perzentiluntergrenzen) 2012

Fußnoten

11.
Durch die Äquivalenzgewichtung wird die Zusammensetzung von Haushalten (Anzahl von Erwachsenen, Kindern) berücksichtigt. Das Medianeinkommen bezeichnet das mittlere Einkommen in der Einkommensverteilung, also des Haushalts, der genau in der Mitte steht, wenn man alle Haushalte nach deren Einkommen sortiert.
12.
Vgl. R.H. Frank (Anm. 8).
13.
Vgl. Jan Behringer et al., Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland: Eine makroökonomische Sicht, IMK Report 99/2014.
14.
Der Gini-Koeffizient misst die Abweichung von einer Gleichverteilung: Bei einem Wert von 0 herrscht völlige Gleichverteilung, bei einem Wert von 1 hätte eine Person alle Einkommen.
15.
Vgl. Gustav Horn et al., Wirtschaftskrise unterbricht Anstieg der Ungleichheit, IMK Report 97/2015.
16.
Vgl. Ulrike Stein, Einkommensungleichheit: Das vernachlässigte Problem der steigenden Lohnungleichheit, in: P. Bofinger et al. (Anm. 1).
17.
Vgl. J. Behringer et al. (Anm. 13).
18.
Vgl. ebd.
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