blaue Platine

6.3.2015 | Von:
Rolf Kreibich

Von Big zu Smart – zu Sustainable?

Nachhaltige Entwicklung?

Es ist bezeichnend, dass sich in der gesamten Debatte um Big Data und Smart Data kein einziger Hinweis auf das Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung findet. Auch wenn die wissenschaftlichen und ökonomischen Diskurse um einige der wichtigsten Bereiche des gesellschaftlichen Wandels kreisen – Industrie, Energie, Mobilität, Gesundheit –, findet eine Auseinandersetzung mit dem globalen Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung[12] nicht statt. Hier setzen die zentrale Fragestellung und der Erkenntnishorizont der modernen Zukunftsforschung an. Vor dem Hintergrund der eingangs dargelegten globalen Kernprobleme des sozialen und ökologischen Wandels müsste sich die Debatte um die hochinnovative Entwicklung von Big Data und Smart Data auch den Grundfragen unserer Zeit zuwenden: Wie bleiben wir langfristig zukunftsfähig in einer Welt, die in zahlreichen Bereichen deutliche Anzeichen einer selbstvernichtenden Tendenz der Menschheit zeigt? Welchen Beitrag können so starke innovative Konzepte wie Big Data und Smart Data dafür leisten?

Nach heutigen Erkenntnissen werden sowohl entwickelte als auch in Entwicklung befindliche Gesellschaften gegenwärtig und zukünftig von zwei Leitbildern geprägt: der bereits erwähnten Wissenschaftsgesellschaft (science society) und der Nachhaltigen Gesellschaft (sustainable society). Diese Einsicht gehört zu den zentralen Ergebnissen der Zukunftsforschung.[13] Die science society wird in erster Linie durch den Megatrend "wissenschaftliche und technologische Innovationen, Bildung, Wissensvermittlung und Qualifizierung" bestimmt. Sie erhält ihre stärksten Impulse aus der wissenschaftlichen Wissensproduktion, der Hochtechnologieentwicklung und der wissenschaftsbezogenen Ausbildung und Qualifizierung. Den deutlichsten ökonomischen Ausdruck finden die wissenschaftsbasierten Grundlagen in den hocheffizienten neuen Technologien. Intelligente Maschinen dringen immer tiefer in alle Lebensbereiche – von Produktionsstraßen (smart production) über Büros (smart office) bis in Küchen und Wohnzimmer (smart home). Das liegt vor allem an der ökonomischen und sozialen Mächtigkeit dieser Technologien, menschliche Fähigkeiten und technische Leistungen zu erweitern, zu effektivieren und zu ersetzen. Dabei stellt sich – wie die Debatte um Big Data und Smart Data zeigt – vordergründig zunächst nicht die Frage, ob uns das gefällt oder nicht.

Vom 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhundert wandelte sich in den entwickelten Staaten die Agrar- in eine Produktions- beziehungsweise Industriegesellschaft. Danach bildete sich sehr rasch die Dienstleistungsgesellschaft heraus. Schon in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahmen die IK-Technologien als neue Schlüsseltechnologien eine herausragende Stellung in allen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft ein. Zu Recht sprechen wir bei dieser Epoche von der Entwicklung zur Informationsgesellschaft (Tertiarisierung). Seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert wird der Strukturwandel gemäß dem Leitbild der science society fast ausnahmslos durch wissenschaftsbasierte ökonomische und soziale Innovationen geprägt, zu denen zweifellos auch Big Data und Smart Data gehören (Quartarisierung). Dem ist allerdings hinzuzufügen, dass der Strukturwandel zur Wissenschaftsgesellschaft noch von einer Reihe weiterer wissenschaftsbasierter Schlüsseltechnologien gekennzeichnet ist – etwa mit Blick auf Energiespeichertechniken, Mikro- und Optoelektronik, Bio- und Gentechnologien, Nanotechniken oder Hochleistungswerkstoffe.

Diese Techniken ermöglichen eine ungeahnte Innovationsoffensive und Effizienzsteigerung in allen Wirtschaftsbereichen und führen zu weltweit vernetzten Produktionsprozessen, neuen Produkten und Dienstleistungen sowie neuen Organisationsformen von Unternehmen.[14] Die Entwicklungen spiegeln sich auch in neuen Formen der Arbeitsteilung sowie in den globalen Finanztransaktionen wider. Die Quartarisierung hat mittlerweile alle Industrie- und Schwellenländer und in den vergangenen Jahren auch zahlreiche Entwicklungsländer erfasst – der Trend heißt wissenschaftsbasierter digitaler Kapitalismus.

Eine Schätzung des Massachusetts Institute of Technology and Management ergab, dass rund 70 Prozent des Preises von Mikrochips und Solarzellen, etwa 80 Prozent der Preise von Pharmaprodukten und 70 bis 80 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung auf wissenschaftlichem Wissen und wissenschaftsbasierten Techniken beruhen. Diese Entwicklung, die auf dem gleichen Paradigma wie die Industriegesellschaft fußt – nämlich dem "WTI-Paradigma" (Wissenschaft–Technik–Industrie) – ist somit in ihrem Kern die Fortsetzung der Industriegesellschaft mit anderen Mitteln.[15] Fragen nach der Wünschbarkeit und Zukunftsfähigkeit werden in diesem Leitbild jedoch nicht gestellt, denn der wissenschaftlich-technische Fortschritt ist im Rahmen dieses Leitkonzeptes zum allgemeinen gesellschaftlichen Fortschritt avanciert.

Spätestens 1992 – mit der Verabschiedung der Rio-Deklaration und der sogenannten Agenda 21 auf der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung – hat die internationale Staatengemeinschaft die Nachhaltige Entwicklung beziehungsweise die Nachhaltige Gesellschaft als Leitvision und Handlungsprogramm für das 21. Jahrhundert dagegensetzt. Dahinter stand die Erkenntnis, dass das Fortschreiten auf dem Pfad des WTI-Paradigmas nicht zukunftsfähig ist, weil damit unlösbare ökologische, soziale und kulturelle Verwerfungen verbunden sind. Demgegenüber bestand weitgehend Konsens darüber, dass das Leitbild der Nachhaltigkeit die zentralen Forderungen nach inter- und intragenerativer Gerechtigkeit und Zukunftsfähigkeit weltweit erfüllen kann.

Vor diesem Hintergrund haben sich die folgenden Leitperspektiven als Zielhorizont für eine zukunftsfähige Entwicklung herauskristallisiert: Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und Schonung der Naturressourcen; Verbesserung der Lebensqualität und Sicherung von wirtschaftlicher Entwicklung und Beschäftigung; Sicherung von sozialer Gerechtigkeit und Chancengleichheit; Wahrung und Förderung der kulturellen Eigenentwicklung und Vielfalt von Gruppen, Völkern und Lebensgemeinschaften; Förderung menschendienlicher Technologien und Verhinderung superriskanter Techniken und irreversibler Umfeldzerstörungen; Aufnahme eines Konsultationsprozesses auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, den gesellschaftlichen Organisationen und den Bürgern sowie zwischen den Staaten und Völkern weltweit.[16]

In den Jahren nach Rio wurden sowohl in der Wissenschaft als auch in der Praxis in zahlreichen Staaten, Kommunen und Unternehmen Strategien und Maßnahmen zur Nachhaltigen Entwicklung für alle Handlungsbereiche erarbeitet (unter anderem für die Bereiche Energie, Bauen und Wohnen, Stadtentwicklung, Mobilität, Gesundheit, Technologie, Wirtschaft, Bildung, Unternehmen, Produktion und Dienstleistungen). Das auf der Agenda 21 aufbauende Konzept einer sustainable society ist auch deshalb zukunftsweisend, weil es im Gegensatz zu einer neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsstrategie viele Gewinner und nur wenige Verlierer hat. Zudem kann das Leitkonzept der Nachhaltigkeit weltweit auf einer breiten wertebasierten Grundlage und gesellschaftlichen Zustimmung aufbauen. Es ermöglicht sowohl ökonomische als auch ökologische, soziale und kulturelle Gewinne gleichzeitig.[17]

Heute sind fast alle Handlungsbereiche bereits soweit in Richtung einer umsetzbaren Nachhaltigkeitsstrategie konkretisiert, dass der Weg in eine sustainable society nicht nur konzeptionell, sondern auch ganz praktisch als möglich und gangbar erscheint. In den vergangenen Jahren wurden vor allem auf lokaler Ebene und in zahlreichen Unternehmen viele Projekte, Initiativen, Prozesse und Produkte entwickelt, die beweisen, dass Nachhaltigkeitsstrategien realisierbar sind.[18]

Fazit

Die weit in die Zukunft weisenden Konzepte von Big Data und Smart Data sollten sich sowohl hinsichtlich ihrer wissenschaftlich-technischen als auch hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Anwendungen prinzipiell den Zielen der Nachhaltigen Entwicklung unterordnen. Das ist bisher jedoch noch nicht erkennbar.[19]

Die größte Herausforderung im 21. Jahrhundert besteht darin, die beiden globalen Leitkonzepte der Wissenschaftsgesellschaft und der Nachhaltigen Entwicklung so zusammenzuführen, dass die Menschheit überlebens- und zukunftsfähig bleibt. Das verlangt nach heutigen Erkenntnissen, dass in allen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Handlungsbereichen die Leitziele der Nachhaltigkeit unter Nutzung der effizienten wissensbasierten Technologien und Innovationen in einem Optimierungsprozess zusammengeführt werden sollten. Das kann aber nur gelingen, wenn sich alle relevanten gesellschaftlichen Kräfte – Wissenschaft, Wissenschaftsförderung, Politik, Wirtschaft, Bildung, Kultur und Zivilgesellschaft – in einem partizipativen, demokratischen Prozess auf diese Leitziele zubewegen und ihre grundlegenden Strategien, Entscheidungen und Maßnahmen daran ausrichten.

Eine zentrale Aufgabe fällt dabei der Wissenschafts-, Bildungs- und Forschungspolitik zu. Nur wenn die Förderprogramme der EU, des Bundes, der Länder und der Wirtschaft auf die Leitperspektiven der Nachhaltigkeit fokussiert werden, kann es mittel- und langfristig gelingen, hinreichend wirksame soziale, ökologische, ökonomische und kulturelle Innovationen in Richtung einer lebenswerten Zukunft auszulösen.

Fußnoten

12.
Vgl. Rolf Kreibich (Hrsg.), Nachhaltige Entwicklung – Leitbild für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft, Weinheim–Basel 1996.
13.
Vgl. ders., Zukunftsforschung zur Nachhaltigkeit – Forschungsfelder, Forschungsförderung, Forschungspolitik, IZT-Arbeitsbericht 34/2009.
14.
Vgl. Michael Heinze/Christian Trapp/Michaela Wölk et al., Virtuelle Unternehmen: Trendentwicklungen, Unternehmensfallstudien, Erfolgsfaktoren, Zukunftsszenarien, Frankfurt/M. u.a. 2007.
15.
Vgl. R. Kreibich (Anm. 1).
16.
Vgl. ders., All Tomorrow’s Crises, in: Internationale Politik – Global Edition, (2007) Spring, S. 10–15.
17.
Vgl. ders., Die Rolle wissenschaftlicher Zukunftsforschung für Nachhaltigkeitsstrategien in Unternehmen, IZT-Arbeitsbericht 36/2010.
18.
Vgl. Siegfried Behrendt/Lorenz Erdmann, Integriertes Technologie-Roadmapping zur Unterstützung nachhaltigkeitsorientierter Innovationsprozesse, IZT-Werkstattbericht 84/2006; Tobias Hahn/Mandy Scheermesser, Approaches to Corporate Sustainability Among German Companies, in: Corporate Social Responsibility and Environmental Management, 13 (2006) 3, S. 150–165.
19.
Davon zeugen etwa die "Handlungsempfehlungen an die politischen Akteure", die im November 2013 von der Gesellschaft für Informatik und dem Fraunhofer-Verbund IUK-Technologie auf den Big Data Days in Berlin vorgestellt wurden: http://www.gi.de/fileadmin/redaktion/Hauptstadtbuero/Handlungsempfehlungen.pdf« (24.2.2015).
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Rolf Kreibich für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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