Das Bismarck-Denkmal in Goslar

20.3.2015 | Von:
Andrea Hopp

Warum Bismarck?

Von dem US-amerikanischen Soziologen George Herbert Mead stammt die Aussage, dass "jede Generation ihre Geschichte neu" schreibt. Hinzuzufügen wäre, dass dies vor dem Hintergrund jeweils unterschiedlicher "Erfahrungsräume" und "Erwartungshorizonte" geschieht.[1] Letztere sind dafür verantwortlich, dass von Generation zu Generation die Vergangenheit neu auf dem Prüfstand steht und mit ihr das, was für die Gegenwart als erinnernswert und erinnerungsrelevant betrachtet wird – mithin auch jene Ereignisse und Personen, die als solches gelten und auf diese Weise zu "Erinnerungsorten"[2] werden. Als Fixpunkte aus der Vergangenheit sind sie infolgedessen keine statischen Größen: Erinnerungsorte wandeln den ihnen beigelegten Sinn mit den Kontexten und Bezügen, in denen sie stehen. "Bedeutungszuschreibungen" ändern sich "im Laufe der Zeit", genauso wie "Akteure und Zielpublikum, Akzeptanz und Konfliktträchtigkeit variieren".[3] Dies trifft auch auf den ersten deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck (1815–1898) zu: verehrt und umstritten, immer wieder politisch vereinnahmt, zusehends touristisch vermarktet, kontinuierlich erforscht. Wie jüngst der Historiker Eberhard Kolb herausstellte, bleibe dabei auch in der "historischen Einordnung (…) sein Bild durch scharf kontrastierende Bewertungen gekennzeichnet" – aufgrund der unterschiedlichen Beurteilung seines "Erbes" einerseits und des Bismarck-Mythos andererseits.[4]

Jahrestage allein sind also noch kein zwingender Grund für die Beschäftigung mit einer historischen Person. Die Aktivitäten rund um Bismarcks zweihundertsten Geburtstag am 1. April 2015 zeigen jedoch einmal mehr das fortbestehende Interesse an ihm. Sie reichen von wissenschaftlichen Konferenzen und Publikationen über wissenschaftlich begleitete Ausstellungen bis hin zur Sonderbriefmarke und zum Tourismusangebot. In der Presse war zum Jahreswechsel 2014/15 mit Blick auf Ersteres süffisant von "Historiker-Festspielen" die Rede, fand sich die Überschrift "Ein Mann des Jahres?" oder wurde gar lakonisch konstatiert: "Worauf auch immer wir in der deutschen Geschichte stolz sein können, er war dagegen."[5] Diese unübersehbare Ironie zeugt von unaufgeregter Distanz zum Gegenstand, nimmt aber doch auch Bezug darauf, dass mit einer Vielzahl von Akteuren gerechnet wird, die ebenso wenig wie deren Angebote ein einheitliches Bild abgeben. Insofern können Jahrestage auch Anlässe für einen prüfenden Rückblick sein. Angesichts der Wechselwirkung von öffentlicher Meinung und Expertenwissen ist es daher nicht nur legitim, sondern sogar unerlässlich zu fragen, welche Bedeutung Otto von Bismarck 2015 aus wissenschaftlicher Sicht beigemessen wird, und, eng damit verknüpft, welche Rolle ihm dementsprechend im Bereich der historisch-politischen Bildung zukommt.

Schlüsselfigur des 19. Jahrhunderts

Betrachtet man Bismarcks biografisches Grundgerüst, so liegt die Aufmerksamkeit, die er gegenwärtig genießt, nicht unbedingt auf der Hand. Er war ein preußischer Adliger, dessen aus der Stadt Stendal stammende Vorfahren seit 1562 als Gutsherren im altmärkischen Schönhausen lebten. 1846 übernahm er dort als Deichhauptmann ein für den Landadel gängiges erstes öffentliches Amt und trat 1847 im preußischen Vereinigten Landtag als hochkonservativer Nachwuchspolitiker in Erscheinung, ehe er vier Jahre später preußischer Diplomat wurde und 1862 Ministerpräsident von Preußen. Seit 1847 war er verheiratet mit Johanna von Puttkamer, wurde Vater dreier Kinder und schließlich Besitzer dreier Landgüter. Auf einem davon, Friedrichsruh, starb er am 30. Juli 1898 und wurde dort auch beigesetzt.[6]

Dass Bismarcks Leben und Werk auch im 21. Jahrhundert noch als bedeutsam und daher erinnerungsrelevant eingestuft werden, resultiert aus seinem letzten Karriereschritt vom preußischen Ministerpräsidenten zum deutschen Reichskanzler. Eng verbunden mit dieser Phase seines Wirkens ist die Gründung des Kaiserreiches von 1871, die nach wie vor als ein klassischer Markstein der deutschen Geschichte und Geschichtsschreibung gilt. Denn mit ihr waren fraglos grundlegende Weichenstellungen verbunden, leitete die Reichsgründung doch zugleich einen langfristigeren Transformationsprozess ein. Eine politische Schlüsselfigur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Bismarck darum gewiss, nicht nur für Deutschland, sondern auch für Europa. Außenpolitisch bezieht sich dies auf die Neuordnung der europäischen Kräfteverhältnisse. Innenpolitisch trieb er den Auf- und Ausbau des neugegründeten Staates voran und stellte mit Justiz- und Wirtschaftsreformen sowie in Verwaltungsstruktur und Sozialverfassung die Weichen für den Durchbruch der Moderne. Diese Schlüsselrolle in der deutschen wie in der europäischen Politik ist ohne Zweifel ein Grund, sich anlässlich seines zweihundertsten Geburtstages mit dem Wirken des Staatsmannes Otto von Bismarck auseinanderzusetzen.

Neue Perspektiven

Dabei gilt die Aufmerksamkeit zugleich dem 19. Jahrhundert und damit einer Zeit, die in praktisch allen Lebensbereichen eine des Umbruchs und des Übergangs war. Diese kombinierte Betrachtung von Person und Zeit hat sich unterdessen in der geschichtswissenschaftlichen Forschung durchgesetzt. Bismarck und sein politisches Werk werden in ihren historischen Zusammenhängen verortet, wodurch er – jenseits kultischer Erhöhung – "eine normalmenschliche Dimension" annimmt.[7] Um diese Einordnung Bismarcks in sein Jahrhundert kommt keine Biografie mehr umhin.[8]

Eine Historisierung von Person und Werk wird nicht nur durch die seit Bismarcks Leben verflossene Zeitspanne begünstigt, sondern auch durch den zu Beginn des 21. Jahrhunderts gewandelten Blick auf Deutschland, Europa und die Welt. Während im 19. Jahrhundert noch Nationalstaaten die größten vorstellbaren "politischen Ordnungseinheiten menschlichen Zusammenlebens" waren und abgesehen davon um 1900 auch die einzigen, "die weltweit ins Gewicht fielen",[9] sind heute weit umfassendere Zusammenschlüsse unterschiedlichsten Zuschnitts denkbar beziehungsweise bereits realisiert. Entsprechend hat sich auch der geschichtswissenschaftliche Horizont von einer sinnstiftenden nationalstaatlich fokussierten Erfolgsgeschichte des eben Erreichten hin zur Frage nach der Rolle Deutschlands im Europa des 19. Jahrhunderts verlagert. In signifikanter Weise kam dieses heutige Selbstverständnis bereits 1990 zum Ausdruck, als die erste große Ausstellung des Deutschen Historischen Museums in Berlin "Bismarck: Preußen, Deutschland und Europa" thematisierte und Bismarck mithin im europäischen Kontext verortete.[10]

Überdies haben sich sowohl die Fragestellungen als auch die methodischen Herangehensweisen der Geschichtsschreibung enorm verändert und aufgefächert. Verbunden mit der transnationalen beziehungsweise vergleichenden Perspektive – die auch die Zusammenarbeit von Historikerinnen und Historikern aus verschiedenen Ländern einschließt – leistet dies einen weiteren Beitrag zu einer nüchterneren Betrachtung Bismarcks.[11] Eines der Resultate der größeren Bandbreite untersuchter Aspekte ist ein vielfältigeres und weniger auf eindeutige Entwicklungen festgelegt erscheinendes Bild von Bismarcks Zeit.

Aus dem beschriebenen Perspektivwandel und den damit zusammenhängenden neuen Interessengebieten und Fragestellungen resultiert auch eine neu ausgerichtete, intensivierte Grundlagenforschung.[12] Dabei wird durch die Berücksichtigung eines breiten Spektrums von Quellenbeständen das Panorama des politischen "Tagesgeschäfts" Bismarcks in ein klareres Licht gerückt. Besser erkennbar wird auf diese Weise, welche Position er tatsächlich innerhalb des monarchischen Herrschaftsgefüges einnahm. Denn so fraglos Bismarck das politische System und die politische Kultur prägte, war er doch dem Kaiser gegenüber verantwortlich, musste er vor ihm Rechenschaft ablegen und ihn von seiner Politik überzeugen.[13] Daher endete die Ära Bismarck schließlich nicht allein, weil das "System Bismarck" nicht mehr funktionierte und es etlichen Zeitgenossen überholt erschien, sondern weil allen voran Kaiser Wilhelm II. dieser Ansicht war. Nach mehreren schweren Konflikten, unter anderem um ein unbefristetes Sozialistengesetz, entließ er Bismarck am 20. März 1890.

Fußnoten

1.
Vgl. George H. Mead, Das Wesen der Vergangenheit, in: ders., Gesammelte Aufsätze, Bd. 2, hrsg. von Hans Joas, Frankfurt/M. 1987 (1929), S. 337–346, hier: S. 344; zu "Erfahrungsraum" und "Erwartungshorizont" als Rezeptions- und Deutungskategorien vgl. Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/M. 19922, S. 349–375.
2.
Vgl. Pierre Nora (Hrsg.), Les lieux de mémoire, Paris 1984–1992.
3.
So im Kontext von Gedenktagen Harald Schmid, Erinnern an den "Tag der Schuld". Das Novemberpogrom von 1938 in der deutschen Geschichtspolitik, Hamburg 2001, S. 47.
4.
Eberhard Kolb, Otto von Bismarck. Eine Biographie, München 2014, S. 175.
5.
In der genannten Reihenfolge: Georg Meck, Die Köpfe des Jahres 2015, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) vom 28.12.2014, S. 30; Albert Funk, Ein Mann des Jahres?, in: Tagesspiegel vom 4.1.2015, S. 3; Nils Minkmar, Urahn der Putinfreunde, in: FAS vom 4.1.2015, S. 34.
6.
Zur Familiengeschichte Bismarcks vgl. Ernst Engelberg, Bismarck. Urpreuße und Reichsgründer. Berlin 19883, S. 1–84.
7.
Formulierung beispielsweise bei Beate Althammer, Das Bismarckreich 1871–1890, Paderborn u.a. 2009, S. 266.
8.
Für die spätere Forschung wegweisend Lothar Gall, Bismarck. Der weiße Revolutionär, Neuausgabe, Berlin 1997, S. 17–25; eine detaillierte Einbettung in den historischen Kontext auch bei Otto Pflanze, Bismarck, Bd. 1: Der Reichsgründer, sowie Bd. 2: Der Reichskanzler, München 1998; jüngst E. Kolb (Anm. 4), S. 7ff.; mit dem Anspruch der Einbettung in die europäische Geschichte Christoph Nonn, Bismarck. Ein Preuße und sein Jahrhundert, München 2015.
9.
Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München 2009, S. 565.
10.
Vgl. Bismarck – Preußen, Deutschland und Europa, Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, Berlin 1990.
11.
Vgl. etwa Klaus Hildebrand/Eberhard Kolb (Hrsg.), Bismarck im Spiegel Europas, Paderborn u.a. 2006, mit Beiträgen von Historikerinnen und Historikern aus ganz Europa; innovativ hinsichtlich der Auswertung sonst weithin übergangener Quellenbestände beispielsweise Guido Thiemeyer, Internationalismus als Vorläufer wirtschaftlicher Integration? Otto von Bismarck, das Phänomen der Supranationalität und die Internationalisierung der Wirtschaft im 19. Jahrhundert, in: Ulrich Lappenküper/Guido Thiemeyer (Hrsg.), Europäische Einigung im 19. und 20. Jahrhundert. Akteure und Antriebskräfte, Paderborn u.a. 2013, S. 71–93.
12.
Vgl. etwa, seit 2004 erscheinend, Otto von Bismarck, Gesammelte Werke, Neue Friedrichsruher Ausgabe, Paderborn u.a.
13.
Zum Forschungsdesiderat einer systematischen Untersuchung der "Herrschaftspraxis im frühen Kaiserreich" vgl. Hans-Peter Ullmann, Politik im deutschen Kaiserreich 1871–1918, Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 52, München 1999, S. 68.
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