Das Bismarck-Denkmal in Goslar
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Was bleibt von Bismarck?


20.3.2015
"Man kann Geschichte überhaupt nicht machen. Aber man kann immer aus ihr lernen, wie man das politische Leben eines großen Volkes seiner Entwicklung und historischen Bestimmung entsprechend zu leiten hat."[1]

Vor fünfzig Jahren stellte der Historiker Theodor Schieder anlässlich des 150. Geburtstages Otto von Bismarcks die immer wieder kontrovers diskutierte Frage, "was von diesem Tage und von einem Manne als erinnerungswürdig gelten kann, dessen Werk – die nationalstaatliche Einheit Deutschlands – im Jahre 1918/19 schwer angeschlagen worden und 1945 zerbrochen ist".[2] Seine Antwort war eindeutig: Bismarck habe geschichtliche Fundamente hinterlassen, die nach wie vor sichtbar seien; Bismarck bilde eine geschichtliche Macht, der man sich nicht entziehen könne, selbst wenn man ihm feindlich begegne. "Das Thema ist ein historisches und ein aktuelles in dem Sinn, in dem alle Geschichte aktuell ist. Wir fragen sie nach dem, was uns angeht",[3] so auch der Historiker Golo Mann.

Es ist nicht einfach, Bismarck im 21. Jahrhundert zu vergegenwärtigen. Wir müssen heute eigene, anders legitimierte politische Wege gehen, als sie im 19. Jahrhundert beschritten wurden. Wir können jedoch – wie im Folgenden geschehen soll – Aspekte betrachten und Grundfragen aufwerfen, die auf uns übertragen wurden oder die wir übernommen haben, und dabei einen Rückbezug auf Bismarck zulassen. Seit Jahrzehnten wird die bereits oben angedeutete Frage bemüht, ob Bismarck am Untergang seines eigenen Reiches in den Katastrophen des 20. Jahrhunderts Anteil hatte.[4] Respice finem – "bedenke das Ende" – taucht also stets als Imperativ auf, wenn wir das Erbe Bismarcks bedenken wollen, um daraus Inspirationen für die Gegenwart zu ziehen. Leitende Idee ist uns dabei das bekannte Wort des Soziologen John R. Seeley von 1896: "Political science without History has no root. History without Political Science bears no fruit."[5]

Parteien



Aufgrund eines latenten Antiparteienaffektes wurden Parteien in der Bismarck-Ära weder in der Verfassung, noch in der Verfassungswirklichkeit als tragende Institutionen der Demokratie angesehen. Bismarck respektierte zwar den Frühparlamentarismus, verschaffte dem Parlament Geltung und arrangierte Bündnisse mit nationalliberalen und konservativen Parteien. Zugleich ließ er aber keinen Zweifel daran, dass ein wirkliches Mitregieren von Parteien außerhalb des Möglichen lag beziehungsweise eine parlamentarische Regierung seinem monarchischen Grundsatz diametral entgegenstand. Das deutsche Parteiwesen konnte sich entsprechend nur verquast entwickeln: eine prekäre Nachwirkung.

Mit Otto von Bismarck ist keine Partei oder auch nur eine Tradition verbunden, an die ohne Weiteres im 21. Jahrhundert angeknüpft werden kann. Ein parteipolitisches Erbe Bismarcks gibt es nicht. Weder die Konservativen noch die Nationalliberalen sind als Formation heute noch existent. Stattdessen finden sich Anhängerinnen und Anhänger der politischen Grundsätze Bismarcks, die im politischen Spektrum wohl eher etwas rechts der Mitte zu verorten sind als links. Konservative gibt es vor allem in den Unionsparteien, soweit sie mittlerweile nicht zur AfD abgedriftet sind, wobei der konservative Gedanke im Kaiserreich und in der heutigen Bundesrepublik kaum mehr zu vergleichen sind. Insofern die CDU als Partei der deutschen Wiedervereinigung gelten kann, da die SPD zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung unter dem Einfluss des damaligen Vorstandsmitglieds Oskar Lafontaine der Deutschen Einheit distanziert gegenüberstand,[6] hat sie natürlich auch eine Schwäche für Bismarck. Zwischen Helmut Kohl und Otto von Bismarck als "Kanzler der Einheit" gibt es durchaus Parallelen, wie der Politikwissenschaftler Hans-Peter Schwarz eindrucksvoll aufzeigt.[7] Und die bayerische CSU sah sich in ihrer Geschichte schon öfter als Erbin preußischer Traditionen, etwa als sie als Kritikerin der Entspannungspolitik 1973 das Bundesverfassungsgericht anrief, um eine Wiedervereinigungsperspektive aufrechtzuerhalten.

Um jedoch behaupten zu können, die Unionsparteien hätten das Erbe Bismarcks angetreten – und vor allem welches, abgesehen von der Wiedervereinigungspolitik? –, müsste noch viel Bismarck-Traditionsbildung organisiert werden, was bisher nicht zu erkennen ist. Hinzu kommt für die Mitte-rechts-Parteien, dass es über Jahrzehnte inopportun war, sich zu Bismarck zu bekennen. Auch heute bestehen große Reserven insbesondere angesichts einer in der deutschen Bevölkerung verbreiteten pazifistischen Grundhaltung, aufgrund derer der Uniformträger Bismarck und seine kriegerische Reichseinigungspolitik von 1864 bis 1871 weitab vom gegenwärtigen politischen Spielfeld angesiedelt werden, obgleich diese Haltung unfair, vielleicht geschichtsvergessen ist: "Das Wort von ‚Blut und Eisen‘, die drei Kriege der Reichsgründungszeit haben allzu oft vergessen lassen, dass Bismarck nach 1871 eine ausgesprochene Friedenspolitik trieb", so der Historiker Wilhelm Mommsen.[8] Dementsprechend werden auch Versuche außerhalb des Parlaments, Bismarck zu vereinnahmen, ihm schon im Ansatz nicht gerecht.

Die SPD hat es da heute viel leichter, steht sie doch in der Tradition der Partei August Bebels[9] – vielleicht noch immer in Opposition zu Bismarck, auch wenn sie dessen diplomatische und einigungspolitische Leistung sicher längst nicht mehr infrage stellt. Die Verfolgung der Sozialdemokratie sowie der sogenannten ultramontanen Katholiken hat natürlich zur innergesellschaftlichen Feindbildung beigetragen.


Fußnoten

1.
Otto von Bismarck, zit. nach: Otto Pflanze, Bismarcks Realpolitik (1958), in: Lothar Gall (Hrsg.), Das Bismarck-Problem in der Geschichtsschreibung nach 1945, Köln–Berlin 1971, S. 222.
2.
Theodor Schieder, Bismarck – gestern und heute, in: APuZ, (1965) 13, S. 1–24.
3.
Golo Mann, Bismarck, in: L. Gall (Anm. 1), S. 328.
4.
Siehe auch Andreas Wirschings Beitrag in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
5.
John R. Seeley, Introduction to Political Science, London–New York 1896, S. 4.
6.
Vgl. Daniel Friedrich Sturm, Uneinig in die Einheit: die Sozialdemokratie und die Vereinigung Deutschlands 1989/90, Bonn 2006.
7.
Vgl. Hans-Peter Schwarz, Reichsgründung und Wiedervereinigung. Variationen zum Thema Vergleichbarkeit und Unvergleichbarkeit von Otto von Bismarck und Helmut Kohl (2010), in: Tilman Mayer (Hrsg.), Bismarck: Der Monolith, Hamburg 2015, S. 328ff.
8.
Wilhelm Mommsen, Der Kampf um das Bismarck-Bild (1950), in: L. Gall (Anm. 1), S. 168.
9.
Vgl. Brigitte Seebacher, Bismarck und Bebel. Ein Spiegelbild, in: T. Mayer (Anm. 7), S. 220ff.
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Autor: Tilman Mayer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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