Französische Tageszeitungen vom 8. Mai 1945 mit Schlagzeilen zur Kapitulation Deutschlands

8.4.2015 | Von:
Leonie Treber

Mythos "Trümmerfrau": deutsch-deutsche Erinnerungen

Geburt eines Mythos: Medienkampagnen in Berlin und der SBZ

Insgesamt ist demnach festzuhalten, dass Frauen bei der Trümmerräumung eine deutlich nachgeordnete Rolle zukam. Dennoch stellen die in Berlin und der SBZ eingesetzten Bauhilfsarbeiterinnen den Kern dar, von dem aus sich der Mythos der Trümmerfrauen entspinnen lässt.[10] Denn zeitgleich mit der Zulassung von Tageszeitungen und Frauenzeitschriften in Berlin und der SBZ 1945 beziehungsweise 1946 avancierte die enttrümmernde Frau dort zum Medienschlager. Vor allem die Berliner Berichterstattung zeichnete das Bild von den heldenhaften Berliner Frauen, die selbstlos damit begannen, die Stadt aufzuräumen. Und so waren es auch diese Zeitungsartikel, die den Begriff der "Trümmerfrau" aus der Taufe hoben und ihn mit vielen der noch heute gängigen Stereotypen aufluden: "Frauen sahen bei ihren täglichen Gängen dieses Chaos. Aber nicht lange, denn in ihnen regte sich der Wille zur Abhilfe und zum Aufräumen. Und der Wille wuchs zur Tat – ohne Auftrag von oben, (…)."[11] Gerade die Freiwilligkeit, mit der die Frauen angeblich ans Werk gingen, wurde beständig wiederholt.

Diese regelrechte Medienkampagne war jedoch kein zufälliges Ergebnis journalistischer Berichterstattung, vielmehr sollte mit ihr eine ganz bestimmte Wirkung erzielt werden. Schließlich setzten die Stadtverwaltungen in Berlin und den Städten der SBZ seit Sommer 1945 darauf, die Enttrümmerung durch den Einsatz von Arbeitslosen voranzutreiben. Diese machten sich jedoch keineswegs freiwillig an die Arbeit, wie es die Berichterstattung suggerierte. Stattdessen herrschte eine negative Einstellung zur Trümmerräumung vor, die nicht nur in Stadtverordnetenversammlungen protokolliert, sondern auch in Tageszeitungen diskutiert wurde. So war im August 1945 in einer Dresdner Zeitung zu lesen: "Sieht man hingegen nicht an vielen Stellen nur müßig herumstehende diskutierende Gruppen – Frauen und Männer – auf Schaufeln und Hacke gestützt, gelangweilt ins Licht blinzelnd und nur auf den Feierabend wartend? Sieht man nicht schon auf weite Entfernung die Interesselosigkeit, das Muß, die notwendigen Lebensmittelmarken zu erhalten?"[12] Diese negative Haltung galt es zu ändern, wenn die Trümmer nicht ewig in den Städten liegen bleiben sollten.

Da vor allem Frauen das Arbeitskräftereservoir stellten, musste gerade für sie ein sinnhaftes Bild von der Arbeit in den Trümmern entworfen werden. Dies erforderte jedoch besondere Anstrengungen, denn die Trümmerräumung musste für Frauen doppelt unattraktiv sein. Zum einen war die Arbeit schwer und dreckig, zum anderen deutlich als Strafarbeit codiert, zunächst durch den Einsatz von Zwangsarbeitern im Nationalsozialismus und dann durch die Sühnemaßnahmen in der Nachkriegszeit. Zur Hebung der Arbeitsmoral mussten diese Bilder nun innerhalb kürzester Zeit umgedeutet werden.

Diese Metamorphose erfolgte einerseits implizit durch die massenhafte Berichterstattung über die "heldenhaften Trümmerfrauen". Andererseits wurde sie jedoch auch explizit betrieben: Ein Artikel der Zeitschrift "Frau von heute" von 1946 stellt beispielsweise ganz deutlich heraus, dass die im Berliner Baugewerbe tätigen Frauen nicht mit "Nazi-Weibern" zu verwechseln seien.[13]

"Trümmerfrau" im Zwiespalt: Erinnerungen der 1950er Jahre

Allerdings beschränkte sich die Berichterstattung über die Trümmerfrauen nicht darauf, ihr Bild umzudeuten und für die Arbeit bei der Enttrümmerung zu werben, vielmehr wurde das Bild der Trümmerfrau rasch auch für politische Zwecke genutzt. Von Anfang an wurde die Trümmerfrau in der SBZ zu einer positiven Identifikationsfigur des sich im Aufbau befindlichen sozialistischen Staates stilisiert: Sie wurde zu einer Vorreiterin der Gleichberechtigung, zu einem Prototyp der neuen sozialistischen Frau. Ihr vermeintlich freiwilliges Anpacken bei der Trümmerbeseitigung wurde als emanzipatorische Tat gedeutet, die wiederum ihre Leidenschaft für die Lohnarbeit, ganz besonders aber für die Arbeit auf dem Bau geweckt hätte. Ganz selbstverständlich – so suggeriert es die Berichterstattung – ließ sich die ungelernte Bauhilfsarbeiterin daher zur vollwertigen Bauhandwerkerin umschulen.[14] Das in der SBZ bereits früh verfolgte Ziel, Frauen in klassische Männerberufe einzugliedern, um so den Arbeitskräftemangel in diesen Berufen auszugleichen, ließ sich über die Figur der Trümmerfrau perfekt transportieren.[15]

Dieses bereits Ende der 1940er Jahre entworfene Bild, das konform mit der Frauenpolitik in der SBZ beziehungsweise DDR entwickelt wurde, beeinflusste die Erinnerung in der DDR nachhaltig. Das Narrativ von der Trümmerfrau, die den Grundstein für die Gleichberechtigung der Frau legte und aus der die neue sozialistische Frau hervorging, wurde gerade in den 1950er Jahren gebetsmühlenartig wiederholt. Dies ist insofern wenig verwunderlich, da in diesem Jahrzehnt die frauenpolitischen Weichen in der DDR gestellt wurden.[16] Die Frauen mussten auf die ihnen nun zugedachte Rolle der Erwerbstätigen eingestimmt werden. Positive Identitätsfiguren wie die Trümmerfrau waren dafür nur allzu hilfreich.

Weniger hilfreich musste dieses Bild hingegen für die Frauenpolitik der jungen Bundesrepublik sein – denn diese zielte nicht auf die Eingliederung der Frau in die Berufswelt ab, sondern auf die Konservierung der Mutter- und Hausfrauenrolle.[17] In der Forschung gilt es mittlerweile als Allgemeinplatz, dass die Ausgestaltung der Frauenpolitik von Bundesrepublik und DDR auch als ein bewusster Gegenentwurf zur jeweils anderen verstanden wurde – die frauenpolitischen Leitlinien also auch immer als Überlegenheit des eigenen Systems interpretiert wurden. Dies gilt in gleichem Maße für das Bild der Trümmerfrau, das in den 1950er Jahren entscheidend durch die Systemkonkurrenz der beiden deutschen Staaten geprägt wurde und somit die Erinnerung an die Trümmerfrau in verschiedene Richtungen lenkte.

Anders als in der DDR war die Erinnerung an die Trümmerfrau in der Bundesrepublik zweigeteilt: Aus West-Berlin war die Figur der Trümmerfrau nicht wegzudenken.[18] Frauen hatten schließlich in allen Sektoren Berlins enttrümmert und waren über die entsprechenden Medienberichte in aller Munde. Darauf baute auch die West-Berliner Erinnerung auf, die ab den 1950er Jahren ebenfalls stark politisch gelenkt wurde. 1955 wurde ein vom Senat in Auftrag gegebenes Trümmerfrauendenkmal errichtet. Außerdem verlieh Bundespräsident Theodor Heuss auf Vorschlag des Regierenden Bürgermeisters West-Berlins, Ernst Reuter, einigen Frauen, die an der Enttrümmerung beteiligt gewesen waren, das Bundesverdienstkreuz. Begleitet wurden diese Erinnerungsakte von entsprechenden Medienberichten, doch wurde die Figur der Trümmerfrau darin nicht mit der Gleichberechtigung der Frau verknüpft, sondern zum Symbol für den Wiederaufbau West-Berlins. Und als solches war ihre Strahlkraft sehr begrenzt. Zwar finden sich auch in der überregionalen westdeutschen Presse zwischen 1948 und 1955 immer wieder einzelne Berichte, in denen ein Loblied auf die Berliner Trümmerfrauen gesungen wird,[19] doch blieb dieses Bild dezidiert auf Berlin beschränkt: Es wurde von Berliner Frauen, die Berlin wieder aufbauten, berichtet – und nicht von deutschen Frauen, die Deutschland wieder aufbauten.

Darüber hinaus entfalteten diese Berichte wohl auch deshalb keine große Wirkkraft, da die Trümmerfrau in den 1950er Jahren in Westdeutschland zum Negativbild wurde, das auf die DDR und ihre Frauenpolitik projiziert wurde.[20] In den Auseinandersetzungen um die zukünftige gesellschaftliche Rolle der Frau in der Bundesrepublik wurde die Trümmerfrau von den Gegnern einer konsequenten Gleichberechtigung zur armen Schwester im Osten erklärt, die Männerarbeit leisten musste. Ein Beispiel hierfür ist eine vom Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen 1951 herausgegebene Schrift, in der die Bundesregierung das in der DDR ein Jahr zuvor erlassene Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau aufs Schärfste verurteilt. In der Broschüre wird die in der DDR forcierte Arbeitstätigkeit von Frauen regelrecht verteufelt, was unter anderem durch Abbildungen von Trümmerfrauen veranschaulicht wird.[21] Die Bilder von trümmerräumenden Frauen sollten zeigen, welche Mühsale den Frauen in der DDR vermeintlich zugemutet wurden. Und so avancierte die Trümmerfrau, die im Osten Steine klopfen musste, zum Gegenbild der westdeutschen Frau, mit deren Identität sie nichts zu schaffen hatte.

Vonseiten der DDR wurde ins gleiche Horn gestoßen, jedoch in umgekehrter Richtung. In einem Artikel in der "Frau von heute" wurde 1958 das Ost-Berliner Denkmal "Die Aufbauhelferin" dem West-Berliner Trümmerfrauendenkmal gegenübergestellt. Die Unterschiede sind auch für den heutigen Betrachter augenfällig: Während die West-Berliner Skulptur eine sitzende, gebückte Frau zeigt, die ihre Arbeit bereits getan hat, stellt das Ost-Berliner Denkmal eine stehende junge Frau dar, die den Spaten geschultert hat und ihren Blick in die Zukunft richtet (siehe Abbildung). Die Ikonografie der beiden Denkmäler ergibt im Kontext ihrer jeweiligen Einbindung in den Erinnerungsdiskurs durchaus Sinn. Doch darauf zielte der Artikel freilich nicht ab. Vielmehr verschärfte er die Bildsprache der Denkmäler durch die Gegenüberstellung der Lebensläufe zweier ehemaliger Trümmerfrauen und zeichnete so zwei ungleiche Bilder. Während der Ost-Berlinerin ihre Leistungen für den sozialistischen Staat in Form einer Neubauwohnung und einer Qualifizierung zur Verwaltungsfachkraft gedankt worden seien, müsse ihr West-Berliner Pendant in bitterer Armut leben. Für die alleinstehende, ältere Frau im Westen gebe es kein Wirtschaftswunder und keinerlei Berufsperspektive, stattdessen Sozialfürsorge und damit ein Leben am Existenzminimum ohne Aussicht auf Verbesserung.[22] In der Konsequenz bildete der Neid der West-Berliner auf die Ost-Berliner Frau das Fazit des Artikels. Dass es die Option der Sozialfürsorge für die Frau in der DDR hingegen praktisch nicht gab, darüber schwieg sich der Artikel selbstverständlich aus. Denn gerade ledige, geschiedene und verwitwete Frauen sowie Rentnerinnen gehörten zu den Verliererinnen der DDR-Sozialgesetzgebung in den 1950er Jahren. Ziel dieser Politik war es, den Frauen mehr oder minder keine Wahl zu lassen: Sie mussten arbeiten.[23]

"Trümmerfrau" von Katharina Szelinski-Singer und "Die Aufbauhelferin" von Fritz Cremer"Trümmerfrau" von Katharina Szelinski-Singer (1955) in Berlin-Neukölln (links) und "Die Aufbauhelferin" von Fritz Cremer (1956/58) in Berlin-Mitte (rechts).
Fotos: Dietmar Treber

Die Trümmerfrau kann somit als eine Figur interpretiert werden, anhand der nicht nur die positiven Leistungen der Frauen hervorgehoben, sondern auch negative Konsequenzen der Frauen- und Sozialpolitik in der DDR verschleiert werden konnten.

Fußnoten

10.
Zum Folgenden vgl. auch dies., Die Geburtsstunde der "Trümmerfrau" in den Presseerzeugnissen der deutschen Nachkriegszeit, in: Elisabeth Cheauré/Sylvia Paletschek/Nina Reusch (Hrsg.), Geschlecht und Geschichte in populären Medien, Bielefeld 2013, S. 189–207; dies. (Anm. 5), S. 252ff.
11.
Unsere Schipperinnen feiern ein Fest, in: Frau von heute, 1. Februar-Heft 1946, S. 16.
12.
Mehr Tempo beim Aufbau Dresdens!, in: Sächsische Volkszeitung vom 26.8.1945, S. 1.
13.
"Kiek ma die Nazi-Weiba! Unter uns: Es sind gar keine!", in: Frau von heute, 2. März-Heft 1946, S. 29.
14.
Vgl. Irmgard Weyrather, "Was Männer zerstören, bauen Frauen wieder auf". Frauenarbeit am Bau in den Trümmerjahren, in: Arno Klönne/Olaf Bartels (Hrsg.), Hand in Hand. Bauarbeit und Gewerkschaften – Eine Sozialgeschichte, Frankfurt/M. 1989, S. 280–295, hier: S. 288; Gunilla-Friedericke Budde, Der Körper der "sozialistischen Frauenpersönlichkeit". Weiblichkeitsvorstellungen in der SBZ und frühen DDR, in: Geschichte und Gesellschaft, (2000) 26, S. 602–628., hier: S. 610.
15.
Vgl. L. Treber (Anm. 5), S. 291ff.
16.
Zur Frauenpolitik in der DDR vgl. unter anderem Michael Schwartz, Emanzipation zur sozialen Nützlichkeit: Bedingungen und Grenzen von Frauenpolitik in der DDR, in: Dierk Hoffmann (Hrsg.), Sozialstaatlichkeit in der DDR. Sozialpolitische Entwicklungen im Spannungsfeld von Diktatur und Gesellschaft 1945/49–1989, München 2005, S. 47–87; Beatrix Bouvier, Die DDR – ein Sozialstaat? Sozialpolitik in der Ära Honecker, Bonn 2002, S. 244ff.
17.
Zur Rolle der Frau in der Bundesrepublik der 1950er Jahre vgl. unter anderem Merith Niehuss, Familie, Frau und Gesellschaft. Studien zur Strukturgeschichte der Familie in Westdeutschland 1945–1960, Göttingen 2001.
18.
Für das Folgende vgl. L. Treber (Anm. 5), S. 318ff.
19.
Vgl. u.a.: Hut ab vor unseren Frauen, in: Constanze, Nr. 2/1948, S. 4f.; Ein Denkmal für 26000 Frauen, in: Constanze, Nr. 10/1955, S. 20f. und S. 52f.
20.
Zum Folgenden vgl. L. Treber (Anm. 5), S. 335.
21.
Vgl. Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen (Hrsg.), Arbeiten arbeiten arbeiten! Die "neuen Rechte" der Frau in der Sowjetzone. Zum sowjetzonalen "Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau" vom 27.9.1950, o.O. 1951.
22.
Vgl. Zwei Denkmäler in einer Stadt, in: Frau von heute, Nr. 48/1958, S. 10f.
23.
Vgl. Ute Schneider, Das Familienrecht als Instrument der Gesellschaftsordnung in der DDR, in: Michael Becker/Ruth Zimmerling (Hrsg.), Politik und Recht, Wiesbaden 2006, S. 602–620, hier: S. 602f.; Christiane Reuter-Boysen, Rentendiskussion und Artikulation von Fraueninteressen. Zur Situation der Altersversorgung der Frauen in der DDR der 50er Jahre im Spiegel der Eingaben 2008, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, (2010) 58, S. 332–354, hier: S. 333.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Leonie Treber für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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