Französische Tageszeitungen vom 8. Mai 1945 mit Schlagzeilen zur Kapitulation Deutschlands

8.4.2015 | Von:
Leonie Treber

Mythos "Trümmerfrau": deutsch-deutsche Erinnerungen

Kontinuität und Bruch: Erinnerungen seit den 1960er Jahren

Ausgehend von den mitunter widersprüchlichen Erinnerungsbildern, die in den 1950er Jahren in DDR, Bundesrepublik und West-Berlin virulent waren, kam es in den Folgejahrzehnten zu einer schrittweisen Angleichung der disparaten Trümmerfrauen-Deutungen.

In der DDR war die Trümmerfrau als Vorbild für die neue sozialistische Frau und ihre unbändige Arbeitsmoral von Anfang an positiv aufgeladen worden. Der Topos von der Grundsteinlegerin für die Gleichberechtigung blieb bis in die 1980er Jahre ein elementarer Bestandteil der Nachkriegserinnerung. Dieses Bild wurde über die Jahre weiter ausgestaltet und ausgeschmückt, sodass sie ab den 1960er Jahren auch zur Erbauerin des Sozialismus wurde. In einer Rede des Ost-Berliner Oberbürgermeisters Friedrich Ebert jr. anlässlich einer Feierstunde zu Ehren der ehemaligen Trümmerfrauen 1965 hieß es: "In dieser Zeit haben sich unsere Trümmerfrauen als Bahnbrecher des Fortschritts erwiesen. Sie brachen nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes Bahn durch die mit Trümmern übersäten Straßen. Sie brachen auch Bahn in den Köpfen der Menschen und halfen dort, die geistigen Trümmer überwinden. Ihr Beispiel riß viele Abseitsstehende und Zögernde mit. Sie bauten mit am Fundament des Sozialismus."[24]

Weniger linear lässt sich hingegen die Entwicklung der Erinnerung an die Trümmerfrau in der Bundesrepublik erzählen. Ausgehend von den divergierenden Erinnerungen in West-Berlin und dem Rest des Landes blieb es in der Bundesrepublik auch in den 1960er und 1970er Jahren vergleichsweise still um die Trümmerfrauen. Im Rahmen der aufkeimenden Erinnerungspolitik an das Kriegsende war keine Rede von ihnen, lediglich in historischen Rückblicken in Film und Presse traten die Berliner Trümmerfrauen hin und wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Entscheidende Momente dafür, dass aus der "Berliner Trümmerfrau" in der Bundesrepublik schließlich die "deutsche Trümmerfrau" werden konnte, brachten erst die 1980er Jahre. Vor allem zwei führten dazu, dass die Figur der Trümmerfrau einen regelrechten Boom erlebte und sich als Grundsteinlegerin für das Wirtschaftswunder ins kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik einbrannte: Dies war zum einen die Rentendebatte um das "Babyjahr" und zum anderen die populär werdende Frauengeschichtsschreibung.[25]

Das sogenannte Babyjahr wurde 1986 nach jahrelangen Auseinandersetzungen durch die Regierung Kohl eingeführt. Seitdem wird Müttern – oder auf Wunsch auch Vätern – das erste Lebensjahr jedes Kindes auf die Rente angerechnet. Ausgeschlossen von dieser Regelung blieben die vor 1921 geborenen Frauen. Gegen diesen Ausschluss regte sich Widerstand. An vorderster Front kämpfte der Seniorenschutzbund Graue Panther für eine Ausweitung der Regelung auf die ältere Rentnerinnengeneration. Um ihrer Forderung Ausdruck zu verleihen, machten sich seine Unterstützerinnen das Bild und den Begriff der "Trümmerfrau" zu eigen. Eine ganze Generation wurde zu Trümmerfrauen erklärt, die erst Deutschland wiederaufgebaut hätten und jetzt von einer Rentenerhöhung nicht profitieren sollten.

Parallel zu dieser Entwicklung hatte sich in den 1980er Jahren die Neue Frauenbewegung etabliert, die unter anderem die Frauengeschichtsschreibung beförderte, deren Schriften sich an eine breite Leserinnenschaft wendeten. Ein Schwerpunktthema bildete die Auseinandersetzung mit der Mütter- und Großmüttergeneration und deren Rolle im Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit. In diesen Publikationen wird die deutsche Frau einerseits als Opfer des Krieges und andererseits als Heldin des Wiederaufbaus dargestellt. Eine kritische Verortung der Frauen im NS-System findet hingegen nicht statt. Gerade die Trümmerfrau erscheint vielmehr als starke Frau, die nicht verzagte und der man noch dazu den wirtschaftlichen Aufschwung verdanke.[26] Die Trümmerfrau wurde so nachträglich zur sinnstiftenden Figur der Bundesrepublik erklärt, die nun nicht länger ein Gegenbild zur DDR, sondern zum Nationalsozialismus darstellte.

Somit hatten sich bis zum Umbruch 1989/90 in beiden deutschen Staaten unterschiedliche Erinnerungsbilder der Trümmerfrau etabliert, die aber dennoch miteinander kompatibel waren, um in einen gesamtdeutschen Erinnerungsort münden zu können.[27] Freilich überlebte das Bild von der Erbauerin des Sozialismus die Wiedervereinigung nicht. Dennoch muss festgehalten werden, dass der heutige gesamtdeutsche Erinnerungsort eine sehr viel stärkere ost- als westdeutsche Prägung hat. Zum einen beruhen die Erinnerungen auf der lebensweltlichen Erfahrung von Frauen, die in der SBZ und Berlin lebten. In den westdeutschen Städten war das Phänomen der Trümmerfrau hingegen entweder unbekannt oder von nachrangiger Bedeutung. Zum anderen hatte die Figur der Trümmerfrau davon ausgehend einen festen und vor allem beständigen Platz im Inventar des kollektiven Gedächtnisses der DDR, lange Zeit aber nicht in dem der Bundesrepublik.

Fußnoten

24.
Zit. nach: Trümmerfrauen bauten mit am Fundament, in: Neues Deutschland vom 30.6.1965, S. 1.
25.
Für das Folgende vgl. L. Treber (Anm. 5), S. 387ff.; Nicole Kramer, Ikone des Wiederaufbaus. Die "Trümmerfrau" in der bundesdeutschen Erinnerungskultur, in: Jörg Arnold/Dietmar Süß/Malte Thießen (Hrsg.), Luftkrieg. Erinnerungen in Deutschland und Europa, Göttingen 2009, S. 259–276, hier: S. 265ff.
26.
Vgl. etwa Sibylle Meyer/Eva Schulze, Wie wir das alles geschafft haben. Alleinstehende Frauen berichten über ihr Leben nach 1945, München 1985.
27.
Vgl. L. Treber (Anm. 5), S. 432.
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