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Französische Tageszeitungen vom 8. Mai 1945 mit Schlagzeilen zur Kapitulation Deutschlands

8.4.2015 | Von:
Elke Kleinau
Ingvill C. Mochmann

Wehrmachts- und Besatzungskinder: Zwischen Stigmatisierung und Integration

"Irgendwie anders": Aufwachsen in der Nachkriegszeit

Viele Wehrmachts- und Besatzungskinder teilen, so der bisherige Stand der internationalen Forschung, das Schicksal der Ausgrenzung und Stigmatisierung, was bei einigen auch zu Traumatisierungen geführt hat. Sie leiden vermehrt an Identitätskrisen, und ihnen wurden oftmals basale Menschenrechte vorenthalten.[17] Während es in Nord- und Westeuropa mittlerweile eine Reihe von Untersuchungen über die Lebensbedingungen von Wehrmachtskindern gibt, fehlen für Ost- und Südosteuropa oftmals verlässliche Daten und Fakten. Am besten sind zurzeit die gesellschaftlichen und staatlich legitimierten Ausgrenzungs- und Stigmatisierungsprozesse erforscht, die die Wehrmachtskinder in Norwegen erfahren haben. Verglichen mit Gleichaltrigen haben sie eine höhere Selbstmordrate, sind häufiger berufsunfähig und geschieden und verfügen über niedrigere schulische und berufliche Qualifikationen.[18] Zudem haben viele von ihnen physische und psychische Misshandlungen erlitten.[19] Aber auch in anderen europäischen Ländern war der Umgang mit den Kindern lange Zeit von Diskriminierungsstrategien dominiert.[20]

Autobiografische Zeugnisse und Forschungsergebnisse zeigen, dass für viele Wehrmachts- und Besatzungskinder vor allem die Frage der Identität von zentraler Bedeutung ist. Viele wussten direkt oder indirekt von ihrer Herkunft. Gerade in Dörfern war es schwer, eine Beziehung oder Schwangerschaft geheim zu halten, und vor allem in Norwegen scheint die "Buschtrommel" funktioniert zu haben: Während dort 64,1 Prozent der Kinder in der Volksschulzeit über ihre Abstammung informiert waren, wussten in Dänemark nur 47,8 Prozent der Befragten bereits dann darüber Bescheid.[21] Viele Wehrmachts- und Besatzungskinder berichten allerdings, sie hätten gespürt, dass "irgendetwas nicht stimmte", etwa weil sie "anders" behandelt worden seien als ihre Geschwister, die sich später als Halbgeschwister erwiesen, oder weshalb ihr Vater, der eigentlich ihr Stiefvater war, sie nicht leiden konnte. In einigen Fällen übertrug die Mutter ihre Wut und Verzweiflung über ihre miserable Lage auf das Kind. Verleumdung, Verheimlichung und Vertuschung der biologischen Herkunft dieser Kinder waren jahrzehntelang nichts Ungewöhnliches. Die Mütter hüllten sich, wie es scheint, in Schweigen, vielleicht um sich, das Kind oder auch beide zu schützen.

Die Geschichte der Besatzungskinder in Deutschland wird bislang erzählt als die einer besonderen vaterlosen Gruppe, die verstärkt struktureller, institutioneller und individueller Diskriminierung ausgesetzt war. Vaterlos wuchsen allerdings während und nach dem Krieg viele Kinder auf. Allein die 5,3 Millionen gefallenen deutschen Soldaten hinterließen fast 2,5 Millionen Halbwaisen und rund 100000 Vollwaisen.[22] Ein Vergleich der Lebenssituation von Besatzungskindern mit anderen Gruppen von Kindern hat bisher nicht stattgefunden, weder mit Kriegskindern,[23] noch mit Flüchtlingskindern, über die seit Kurzem eine erste Studie vorliegt.[24]

Der Diskurs über Besatzungskinder in Deutschland ist zudem stark auf die Situation "schwarzer" unehelicher Besatzungskinder fokussiert. Es ist daher zu fragen, ob Besatzungskinder in der Wahrnehmung der deutschen Bevölkerung tatsächlich einen Sonderfall unter den unehelichen Kindern darstellten, oder ob sie das nur wurden, wenn andere Differenzzuschreibungen hinzukamen.

Impulse aus der Intersektionalitätsdebatte[25] legen nahe, dass neben der Zuschreibung Besatzungskind die unterschiedlichen Bedingungen des Aufwachsens von "weißen" und "schwarzen" Kindern sowie von Jungen und Mädchen berücksichtigt werden sollten. Auch soziale Herkunft und religiöse Zugehörigkeit gilt es zu beachten, führten doch die Flüchtlingsströme nach 1945 zu einer Vermischung bis dato fast geschlossener religiöser Milieus. Ob die Kinder einer Liebesbeziehung, einer flüchtigen sexuellen Begegnung oder einer Vergewaltigung entstammen, sollte ebenfalls in die Analyse einbezogen werden, da der mit Gewalt erzwungene Sexualverkehr es den meisten Müttern erschwert haben dürfte, eine positive Bindung an das unerwünschte Kind aufzubauen. Aber auch enttäuschte Liebe oder gesellschaftliche Diskriminierungen können – wie für Norwegen belegt – zu Problemen in der Mutter-Kind-Beziehung beigetragen haben.

Die Analyse der Verflechtungen verschiedener Differenzzuschreibungen erscheint notwendig, damit erfahrene Diskriminierung, aber auch Unterstützung und Förderung nicht vorschnell und einseitig auf "Rasse", Geschlecht oder nationale Zugehörigkeit zurückgeführt werden. Eine These, die sich nach einer ersten Sichtung von Autobiografien und narrativen Interviews aufdrängt, ist die, dass die berichteten Diskriminierungserfahrungen bei "weißen" Kindern eher mit ihrem unehelichen Status, ihrer sozialen Herkunft und/oder ihrer Verankerung in einem streng religiösen Milieu zusammenhängen als mit ihrer "Abstammung" vom ehemaligen Feind. Immerhin gaben in einer in den 1950er Jahren erstellten Umfrage 33 Prozent der Befragten an, sie hätten keine Vorbehalte gegenüber ledigen Müttern, 41 Prozent wollten es jedoch vom speziellen Fall abhängig machen, und 18 Prozent missbilligten uneheliche Mutterschaften in jedem Fall. Zudem gaben alle Befragten an, eine Mutterschaft "aus Leichtsinn und Verantwortungslosigkeit" sei generell abzulehnen.[26] In Anbetracht der in der westdeutschen Nachkriegsbevölkerung vorherrschenden Stereotype über ledige Mütter kommt diese Einschätzung einer Generalverurteilung gleich.[27]

Für die optisch sichtbar "anderen" Kinder – Nachkommen von afroamerikanischen Soldaten, französischen Kolonialsoldaten, aber auch von nichteuropäischen Rotarmisten – sowie für deren Mütter stellt sich dieser Sachverhalt mit Sicherheit anders dar. Hier besteht zweifelsohne weiterer Forschungsbedarf.

Lernen aus der Geschichte?

In den Anfängen der Forschung über das Kriegserleben von Kindern wurde der Begriff des "Traumas" geradezu inflationär eingesetzt, was dem Thema die nötige öffentliche Aufmerksamkeit sicherte. Mittlerweile sollte dieser aus der Psychiatrie beziehungsweise Psychotherapie stammende Begriff nicht unterschiedslos als Bezeichnung für alles, was das 20. Jahrhundert an furchtbaren Erfahrungen zu bieten hatte, genutzt werden. So weisen autobiografische Zeugnisse und erste Forschungsergebnisse darauf hin, dass die Wehrmachts- und Besatzungskinder ihr Schicksal mit unterschiedlichen Strategien bewältigt haben.

Auf der internationalen, interdisziplinär besetzten Fachtagung "Besatzungskinder und Wehrmachtskinder – Auf der Suche nach Identität und Resilienz", die am 7./8. Mai 2015 in Köln stattfinden wird, soll deshalb – stärker als es bisher in der Forschung der Fall war – nach Resilienzfaktoren gefragt werden.[28] Im Mittelpunkt stehen Fragen nach den Ressourcen, aus denen die Besatzungs- und Wehrmachtskinder schöpften, vom wem sie im Laufe ihres Sozialisationsprozesses Unterstützung und Förderung erfuhren. Neben einschlägig forschenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern werden Wehrmachts- und Besatzungskinder auch selbst zu Wort kommen. Viele von ihnen wussten lange Zeit nichts über ihren biologischen Vater, da ihre Mütter und/oder ihre Großeltern ihre Abstammung offenbar geheim hielten. Für viele Wehrmachts- wie Besatzungskinder standen aber auch – biografisch bedingt – andere Fragen auf der Tagesordnung, wie etwa Eheschließung, Familiengründung oder Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Mittlerweile sind die ältesten Wehrmachts- und Besatzungskinder im Rentenalter, und damit scheint sich für viele von ihnen die Frage nach ihrer biologischen Herkunft neu zu stellen. Die Betroffenen, die auf der Suche nach ihrem Erzeuger waren oder sind, haben sich mittlerweile in Netzwerken zusammengeschlossen. Hier helfen sie anderen Betroffenen – aber auch zunehmend der Generation der Enkelkinder – mit Ratschlägen zu Archiven, Materialien, Netzwerken, Kontaktpersonen, Literatur und unterstützen einander gegenseitig sowohl bei positiven wie auch negativen Erfahrungen. Zudem arbeiten viele Vereine mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammen und ermöglichen somit den Zugang zu wichtigen Erkenntnissen über eine Bevölkerungsgruppe, die ansonsten Forscherinnen und Forschern weitgehend verschlossen bliebe.[29]

Nun gab und gibt es weitere kriegerische Auseinandersetzungen auf der Welt, in der Kinder unter ähnliche Umständen geboren wurden beziehungsweise werden.[30] Auch in den aktuellen Konflikten in der Ukraine, in Syrien und im Nordirak ist zu erwarten, dass "Kinder des Krieges" geboren werden. Hinzu kommen Kinder, die von Mitgliedern der Friedenstruppen in verschiedenen Konfliktregionen gezeugt wurden beziehungsweise werden und die auch ähnlichen Stigmatisierungs- und Diskriminierungserfahrungen ausgesetzt sind. Somit stellt sich die Frage, ob sich aus den Erfahrungen der Wehrmachts- und Besatzungskinder weiterführende Lehren für die heutige Zeit ziehen lassen – etwa für die Entwicklung von nationalen und internationalen Richtlinien oder für die Planung humanitärer Interventionen. Dieser Arbeit widmet sich seit einigen Jahren das International Network for Interdisciplinary Research on Children Born of War (INIRC), das Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen, praktizierende Psychologinnen und Psychologen, Ärztinnen und Ärzte, Mitglieder internationaler Hilfsorganisationen sowie Betroffene zusammenbringt, um die Evidenzbasis für politische Entscheidungen und praktische Interventionsmaßnahmen im Interesse der Kinder voranzubringen.[31]

Fußnoten

17.
Vgl. Ingvill C. Mochmann/Sabine Lee, The Human Rights of Children Born of War: Case Analyses of Past and Present Conflicts, in: Historische Sozialforschung, 35 (2010) 3, S. 268–298.
18.
Vgl. Dag Ellingsen, En registerbasert undersøkelse. Oslo-Kongsvinger: Statistisk sentralbyrå, Rapport 19/2004.
19.
Vgl. unter anderem Kjersti Ericsson/Eva Simonsen, Krigsbarn i fredstid, Oslo 2005; Ingvill C. Mochmann/Stein Ugelvik Larsen, The Forgotten Consequences of War: The Life Course of Children Fathered by German Soldiers in Norway and Denmark During WW II – Some Empirical Results, in: Historical Social Research, 33 (2008) 1, S. 347–363.
20.
Vgl. für die Niederlande: Katja Happe, "Moffenmeiden". Der Umgang mit Kollaborateuren in den Niederlanden nach 1945, in: Norbert Fasse et al. (Hrsg.), Nationalsozialistische Herrschaft und Besatzungszeit. Historische Erfahrung und Verarbeitung aus niederländischer und deutscher Sicht, Münster 2000, S. 405–416; Monika Diederichs, "Moffenkinder": Kinder der Besatzung in den Niederlanden, in: Historical Social Research, 34 (2009) 3, S. 304–320; für Dänemark: Ingvill C. Mochmann/Arne Øland, Der lange Schatten des Zweiten Weltkrieges: Kinder deutscher Wehrmachtssoldaten und einheimischer Frauen in Dänemark, in: Historical Social Research, 34 (2009) 3, S. 283–303; für Griechenland: Kerstin Muth, Die Wehrmacht in Griechenland und ihre Kinder, München 2008; für Polen: Maren Röger, The Sexual Policies and Sexual Realities of the German Occupiers in Poland in the Second World War, in: Contemporary European History, 23 (2014) 1, S. 1–21; Großbritannien und Deutschland vergleichend: Sabine Lee, A Forgotten Legacy of the Second World War: GI children in post-war Britain and Germany, in: Contemporary European History, 20 (2011) 2, S. 157–181.
21.
Vgl. Ingvill C. Mochmann/Stein Ugelvik Larsen, Kriegskinder in Europa, in: APuZ, (2005) 18–19, S. 34–38.
22.
Vgl. Lu Seegers, Vater-Los – Der gefallene Vater in der Erinnerung von Halbwaisen in Deutschland nach 1945, in: José Brunner (Hrsg.), Mütterliche Macht und väterliche Autorität. Elternbilder im deutschen Diskurs, Göttingen 2008, S. 128–151.
23.
Als "Kriegskinder" werden im deutschen Forschungsdiskurs ausschließlich die Kinder und Jugendlichen bezeichnet, die die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges erlebt haben (zum Beispiel Bombardements).
24.
Vgl. Susanne Greiter, Flucht und Vertreibung im Familiengedächtnis. Geschichte und Narrativ, München 2014.
25.
Vgl. Elke Kleinau, Klasse, Nation und "Rasse" – Intersektionelle Perspektiven in der genderorientierten Historischen Bildungsforschung, in: Der pädagogische Blick, 18 (2010) 2, S. 68–81; Katharina Walgenbach, Heterogenität, Intersektionalität, Diversity in der Erziehungswissenschaft, Opladen–Farmington Hills 2014.
26.
Vgl. Lieselotte Pongratz, Prostituiertenkinder. Umwelt und Entwicklung in den ersten acht Lebensjahren, Stuttgart 1964, S. 4.
27.
Vgl. Sybille Buske, Fräulein Mutter und ihr Bastard. Eine Geschichte der Unehelichkeit in Deutschland 1900–1970, Göttingen 2004.
28.
Siehe die Tagungsankündigung unter http://www.childrenbornofwar.org/Portals/7/public/Program_Tagung_BesatzungsundWehrmachtskinder_Mai2015_K%C3%B6ln.pdf« (9.3.2015).
29.
Viele nationale Vereine der Wehrmachts- und Besatzungskinder haben sich im internationalen Netzwerk "Born of War" zusammengeschlossen: http://www.bowin.eu« (9.3.2015).
30.
Vgl. Kai Grieg, The War Children of the World. War and Children Identity Project, Bergen 2001; Charli Carpenter (Hrsg.), Born of War. Protecting Children of Sexual Violence Survivors in Conflict Zones, Bloomfield 2007.
31.
Für weitere Informationen siehe http://www.childrenbornofwar.org« (9.3.2015).
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Elke Kleinau, Ingvill C. Mochmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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