Ebola-Viren
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Seuchen – gestern, heute, morgen


6.5.2015
Schweinegrippe, Ebola, Masern – Fast wöchentlich berichten die Medien über die Bedrohung durch Infektionskrankheiten. Häufig erlischt das Medieninteresse, sobald sich die prophezeiten Schreckensszenarien nicht erfüllen. Die Hintergründe von Infektionsdynamik, Krankheitsrisiko und Gesundheitsinterventionen werden dabei selten thematisiert. Weshalb also entwickeln sich manche kleinere Ausbrüche zu verheerenden Epidemien, während andere rasch von der Bildfläche verschwinden? Die Modellierung, Analyse und Einschätzung des Gefährdungspotenzials durch Infektionskrankheiten ist das klassische Feld der Infektionsepidemiologie – ein interdisziplinäres Gebiet, das Forschung und Anwendung vereint. Die Lehre der Epidemiologie basiert auf der Annahme, dass Krankheiten nicht rein zufällig auftreten und deren Auftreten, Verbreitung und Ausbreitung weitgehend auf kausalen und potenziell voraussagbaren Faktoren basieren. Zentrale Aufgaben der Epidemiologie sind die Quantifizierung der Krankheitslast innerhalb der Bevölkerung, die Beschreibung des räumlichen und zeitlichen Auftretens der Krankheitsfälle sowie die Analyse der dem Auftreten zugrunde liegenden Determinanten.[1]

Infektionskrankheiten sind Erkrankungen, die durch Infektionserreger – in der Regel Bakterien, Viren oder Parasiten – oder deren toxische Produkte ausgelöst werden. Man unterscheidet sie von den nichtübertragbaren, wie beispielsweise degenerativen, erblich bedingten oder psychischen Erkrankungen. Infektionen gehen aber nicht zwangsläufig mit einer Erkrankung einher, sodass sie oft nicht sofort zu erkennen sind. Hoch ansteckende Infektionskrankheiten werden auch als "Seuchen" bezeichnet.

Infektionskrankheiten können endemisch, epidemisch und pandemisch auftreten. Eine Endemie bezeichnet das konstante Zirkulieren einer Infektion oder Infektionskrankheit in der Bevölkerung. So ist zum Beispiel Malaria in vielen Ländern Afrikas endemisch. Eine zeitlich und räumlich auftretende Häufung von Krankheitsfällen wird als Epidemie bezeichnet. Dies schließt auch Ausbrüche von Krankheiten mit ein, die normalerweise endemisch in der Bevölkerung zirkulieren. In diese Kategorie fallen unter anderem die immer wiederkehrenden Masernausbrüche in Deutschland. Überschreitet ein solcher Ausbruch Ländergrenzen und breitet sich unbegrenzt aus, spricht man von einer Pandemie. So breitet sich die durch das HI-Virus ausgelöste Immunkrankheit AIDS seit Ende der 1980er Jahre pandemisch aus.

Die durch Infektionskrankheiten verursachte Mortalität und Morbidität nimmt in Industriestaaten seit dem 20. Jahrhundert aufgrund verbesserter Hygiene und medizinischer Innovationen – wie Impfungen und Antibiotika – immer mehr ab. Infolgedessen steigt die durchschnittliche Lebenserwartung und nichtübertragbare Krankheiten – wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes und chronische Atemwegserkrankungen – lösen Durchfallerkrankungen, Masern, Pocken und Tuberkulose als Haupttodesursachen ab. So sterben in Deutschland mittlerweile 16,5-mal mehr Menschen an den Folgen nichtübertragbarer Krankheiten als an Infektionskrankheiten.[2] Dieser Trend zeichnet sich auch in anderen wohlhabenden Regionen der Welt ab.

Heutzutage sind Infektionskrankheiten vor allem ein Problem ärmerer Länder. In vielen Regionen Afrikas und Asiens herrschen besonders in ländlichen Gegenden mangelhafte hygienische Zustände. Der Zugang zu medizinischer Versorgung ist ungenügend, Gesundheitsaufklärung ist oft gar nicht vorhanden. Solche Zustände bieten ideale Bedingungen für die Ausbreitung von Infektionskrankheiten. Während Krankheiten wie HIV/AIDS in unseren Breiten dank großflächiger Aufklärungskampagnen und dem Zugang zu Kondomen, Tuberkulose dank guter Diagnose- und Therapiemöglichkeiten, Durchfallerkrankungen dank verbesserter Hygiene und Masern aufgrund breiter Impfkampagnen allesamt selten geworden sind, gehören diese Krankheiten in den ärmsten Ländern der Welt zu den Haupttodesursachen.

Entstehungsgeschichte der Epidemiologie



Einen Zusammenhang zwischen der äußeren Umwelt und dem Auftreten von Krankheiten erkannte schon Hippokrates im 5. Jahrhundert v. Chr. in seinem Buch "Lüfte, Gewässer, Orte". Er beschrieb unter anderem den Einfluss des Wetters, der Wasserqualität und der Wohnsituation auf die physische und psychische Gesundheit. Die Grundidee der Epidemiologie ist somit so alt wie die Medizin selbst. Allerdings vermutete Hippokrates damals Miasmen (giftige Ausdünstungen des Bodens) als Auslöser von Infektionskrankheiten; eine Theorie, die noch bis ins 19. Jahrhundert verbreitet war und – trotz falscher Grundannahme – vielen Menschen durch Isolations- und Hygienemaßnahmen das Leben rettete.

Während der darauffolgenden 2000 Jahre wurde der Einfluss der Umwelt auf den menschlichen Organismus zwar akzeptiert, wissenschaftliche Untersuchungen zu den genauen Auswirkungen sind jedoch nicht überliefert. 1662 stellte der britische Kurzwarenverkäufer John Graunt erstmals detaillierte Geburts- und Sterbestatistiken auf und entdeckte charakteristische Verteilungsmuster, gegliedert nach Geschlecht, Alter und Jahreszeit. Der Mediziner William Farr etablierte Mitte des 19. Jahrhunderts eine routinemäßige Erfassung der Sterbefälle, die es ermöglichte, statistische Aussagen über den Gesundheitszustand unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen zu treffen.

Abbildung 1: John Snows Karte der Cholerafälle in London 1854
Wenige Jahre später untersuchte der Arzt John Snow in London die Ursachen der Cholera-Epidemie. Auf Basis der von Farr etablierten Sterbestatistiken identifizierte Snow Gebiete mit besonders hoher Choleramortalität. Er erkannte, dass die dort wohnende Bevölkerung ihr Trinkwasser aus mit Fäkalien verunreinigten Bereichen der Themse bezog. Nachdem die Wasserentnahme für diese Gebiete an weniger verunreinigte Stellen der Themse verlegt wurde, gingen die Cholerafälle hier im Gegensatz zu den anderen Stadtteilen zurück. Snow stellte 1854 die Hypothese auf, dass Cholera – entgegen der damaligen Lehrmeinung – nicht durch Miasmen, sondern durch verunreinigtes Wasser übertragen werde. Um diese Hypothese zu testen, führte er akribische Aufzeichnungen bezüglich der räumlichen Lage der Cholerafälle, der Orte der Wasserentnahme (Abbildung 1) und – besonders bemerkenswert zu dieser Zeit – anderer Faktoren, die die unterschiedliche Choleraverbreitung schlüssiger erklären könnten (beispielsweise Alter, Geschlecht, Beruf, sozioökonomischer Status, Wohnhausgröße). Auf Basis seiner Untersuchungen und dank der Unterstützung des Mikrobiologen Arthur Hill Hassall, der im Trinkwasser und Stuhl der Erkrankten Mikroorganismen nachweisen konnte, identifizierte er die Wasserpumpe in der Broad Street als Kontaminationsherd und ließ kurzerhand dessen Schwengel entfernen. Das darauffolgende Abklingen der Epidemie schien seine Hypothese zu bestätigen. Seitdem gilt John Snow als der Urvater der modernen Epidemiologie, da er als Erster die drei zentralen Aufgaben der Disziplin – Quantifizierung, Beschreibung und Analyse – mit einer gezielten Intervention vereinte. Tatsächlich war zum Zeitpunkt der Intervention der Höhepunkt der Epidemie schon erreicht, und die Fallzahlen gingen bereits deutlich zurück, bevor die Wasserpumpe blockiert wurde.


Fußnoten

1.
Vgl. Charles H. Hennekens/Julie E. Buring, Epidemiology in Medicine, Boston 1987.
2.
Vgl. World Health Organization, World Health Statistics 2014, Genf 2014, S. 175.
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Autoren: Lutz Ehlkes, Jürgen May für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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