Ebola-Viren
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Zu Struktur und Stabilität von medialen Seuchendiskursen


6.5.2015
Jede empirische medien- beziehungsweise diskursanalytische Untersuchung von Seuchendiskursen wird nicht umhin können, so etwas wie eine traditionsmächtige Struktur und Stabilität zu erkennen; zugleich sucht sie das "Neue", mögliche "Abschweifungen", die sich im Vergleich mit anderen (früheren) Seuchendiskursen ergeben und entwickelt haben könnten. Diesem doppelten Blick liegt die einfache These zugrunde, dass sich massenmediale Inszenierungen von Seuchendiskursen nur sehr bedingt in Abhängigkeit von medizinischen und naturwissenschaftlichen Fakten und Prognosen vollziehen.[1] Stattdessen zeigt sich immer wieder, dass sie sich durch eine eigene, eine mediale Realität sui generis auszeichnen, die in diesem Beitrag am Beispiel der medialen Inszenierungen der Ebola 2014 aufgezeigt werden soll.

Forschungsanliegen solcher Art sind immer auch durch das mitunter nur vage Bewusstsein und von der damit einhergehenden Sorge motiviert, dass Medien zumindest potenziell zu Übertreibungen neigen könnten, die die Öffentlichkeit manipulieren, beziehungsweise dass Medien Angst und Panik überhaupt erst, das heißt unnötig, stiften. Diese Sorge wirft die Frage nach einer angemessenen Berichterstattung auf, die allerdings ihrerseits nicht unproblematisch ist und der in diesem Beitrag aus drei Gründen nicht nachgegangen wird. Der erste Grund liegt in der für Seuchendiskurse typischen, entgegengesetzten Doppelläufigkeit, sich einerseits "Panik stiftender" und andererseits "beruhigender" Elemente zu bedienen, sowie zweitens in der mit ihr verbundenen ambivalenten Wirkmächtigkeit auf die Bevölkerung. Der dritte Grund besteht in der Spezifik des Gegenstandes "Seuche", der für die Mehrzahl der Menschen nur über seine mediale Präsenz als gesellschaftlich relevantes Phänomen wahrzunehmen ist und auch praktisch relevant wird. Eine Beantwortung der Frage nach der "Angemessenheit" des medialen Diskurses unterstellt den Vergleich mit einer quasi außerdiskursiven sozialen Wirklichkeit und erscheint daher in diesem Zusammenhang nicht schlüssig.

Die diskursive Realität von Seuchendiskursen entfaltet sich zwischen den Polen "Angsterzeugung" – in den Worten medienkritischer Polemik: "Panikmache" – und "Beruhigung" – polemisch: "Abwiegelung". "Angsterzeugung" geschieht vor allem durch eine hohe Frequenz von Schreckensnachrichten und Bildern, die sich besonders negativer emotionaler Motive bedienen, wie beispielsweise die Darstellung von Not, Trauer, Verzweiflung, Angst einer großen Zahl von Betroffenen. Zugleich provozieren solche Nachrichten und Darstellungen immer auch Gegenentwürfe, die die Momente von "Beruhigung" aufweisen. Ein prototypisches Beispiel für solch einen Gegenentwurf besteht in dem Vorwurf, dass Medien das Katastrophale von Seuchen lediglich inszenieren, um medienwirksame Schlagzeilen zu produzieren. Dieser Vorwurf ist ein empirisch regelmäßig nachweisbarer und daher theoretisch offenbar konstitutiver Bestandteil von Seuchendiskursen, dem zugleich ein hier nicht näher zu beleuchtendes, aber doch deutliches Moment von Beruhigung, Einordnung und Relativierung anhaftet.[2]

Keineswegs deckt sich dabei die diskursive Rolle beziehungsweise Wirkung von Äußerungen mit dem unmittelbaren Aussagegehalt. Mit dem Psychologen Eugene E. Levitt lässt sich sagen, dass sich das Gefühl der Angst hauptsächlich aus seiner Unreflektiertheit reproduziert.[3] Das heißt umgekehrt, dass jedes – eben auch mediale – Thematisieren von Angst zumindest potenziell dazu geeignet ist, zu dieser Angst zunächst eine Distanz aufzubauen und idealiter zu überwinden.[4] Anders ausgedrückt: Ein und dieselbe Äußerung kann im Diskurs beide entgegengesetzte Rollen der "Angsterzeugung" und "Beruhigung" übernehmen. Dies spiegelt sich nicht zuletzt auch in den Umfragen wider, die im Übrigen ebenfalls ein typischer Bestandteil moderner Seuchendiskurse sind: Umfragen, die es sich zum Anliegen machen, zu prüfen, ob die Ebola-Epidemie die deutsche Bevölkerung verunsichere, ergeben immer wieder, dass die Berichterstattung von der befragten Bevölkerung ambivalent wahrgenommen wird. Lediglich "die Hälfte der Deutschen hat Angst vor Ebola", lautet das Ergebnis verschiedener Befragungen.[5] Eine eindeutige Wirkmächtigkeit der Medien in Richtung Angst oder gar Panik ist demnach empirisch nicht nachweisbar und von daher auch nicht theoretisch aufrechtzuerhalten.

Das Vorhaben, die Berichterstattung nach ihrer Angemessenheit zu beurteilen, erscheint auch aus einem weiteren Grund als problematisch: "Angemessenheit" beziehungsweise "Unangemessenheit" sind komparative Urteile. Sie halten die Thematisierung eines Gegenstandes gleichsam vor die Folie seiner "wirklichen" Beschaffenheit und stellen dann Übereinstimmung und/oder Nicht-Übereinstimmung fest. Nur: Wie können diejenigen, die diese Urteile treffen, sagen, was diese Wirklichkeit ist? Für die Mehrzahl der Menschen ist der Gegenstand "Seuche" überhaupt nicht anders wahrzunehmen als über seine massenmediale Vermittlung; und auch praktische Betroffenheit ist vor allem sozialer und damit wiederum diskursvermittelter Natur. Welche Eigenschaft das Ebolavirus besitzt, wie relevant es ist, ob eine weltweite Gefährdungslage überhaupt vorliegt und worin sie besteht – all dies ist für uns alle (abgesehen von der Minderheit der naturwissenschaftlichen Spezialisten) nicht anders zu erfahren als in der Wahrnehmung der medialen Aufbereitung dieses Themas.

Um solcher Schwierigkeiten wenigstens zum Teil Herr zu werden, werde ich erstens einen solchen von außen herangetragenen Maßstab fallen lassen und zweitens versuchen, den massenmedial vermittelten Diskurs als Diskurs zu untersuchen und nicht als bloße – "angemessene" oder "unangemessene" – Abbildung einer extradiskursiven Realität.

Bevor ich die einzelnen Diskurselemente an einigen Beispielen genauer darstelle, will ich kurz vorstellen, welche Grundannahmen und Texte den nachfolgenden Ausführungen zugrunde liegen. Die vorliegende Studie ist als Exploration konzipiert, sodass kein ausgearbeitetes Kategoriensystem existiert und das Grundgerüst für alle möglichen Erscheinungen in der Darstellung des Seuchengeschehens offen bleibt. Das Hauptaugenmerk liegt, wie bereits erwähnt, auf der medialen Darstellung von Ebola. Ich gehe der Frage nach, ob und wie sich die traditionsmächtige Struktur und Stabilität von Seuchendiskursen auch als Teil des Eboladiskurses auffinden und darstellen lässt. Das versuche ich, anhand der prominentesten Topoi darzulegen.

Die umfangreiche Berichterstattung zu den Ebola-Ereignissen erlebte im Herbst 2014 einen Boom. Daher werde ich Texte untersuchen, die im Zeitraum vom 1. Juli bis 31. Dezember 2014 erschienen sind. Es handelt sich also nur um einen Diskursausschnitt; die Texte, die vor und nach diesem Zeitraum publiziert worden sind, habe ich zumindest auf kontextueller Ebene berücksichtigt. In meine Analyse habe ich Pressetexte aus den Print- und Online-Ausgaben regionaler und überregionaler Tageszeitungen, Wochenmagazinen und Zeitschriften sowie aus Nachrichtenportalen einbezogen. Insgesamt flossen 805 Artikel, Interviews und Kommentare ein; Kurzmeldungen, Dokumentationen und Reden wurden nur am Rande berücksichtigt, da sich dort keine wesentlich neuen Gesichtspunkte ergaben.

In den folgenden Abschnitten werden keine Profile der untersuchten Medien erstellt, sondern es wird der Gesamttenor in der Berichterstattung über Ebola im Herbst 2014 beschrieben.


Fußnoten

1.
Vgl. u.a. Martin Dinges, Neue Wege in der Seuchengeschichte?, in: ders./Thomas Schlich (Hrsg.), Neue Wege in der Seuchengeschichte, Stuttgart 1995, S. 7–24.
2.
Vgl. hierfür Kapitel III, Abschnitt 2.4 "Angstabbau/Angstbewältigung/Angstüberwindung – Diskurs als Therapie" in: Bettina Radeiski, Seuchen, Ängste und Diskurse. Massenkommunikation als diskursives Rollenspiel, Berlin–New York 2011.
3.
Vgl. Eugene E. Levitt, Die Psychologie der Angst, Stuttgart 19875.
4.
Vgl. B. Radeiski (Anm. 2), S. 61.
5.
Vgl. Politbarometer: Die Hälfte der Deutschen hat Angst vor Ebola, 26.9.2014, http://www.tagesspiegel.de/politik/politbarometer-die-haelfte-der-deutschen-hat-angst-vor-ebola/10759248.html« (18.3.2015); Enorme Angst vor Ebola in Deutschland, 2014, http://www.bild.de/bildlive/2014/15-umfrage-38119262.bild.html« (18.3.2015); Straßenumfrage: Ebola-Angst spaltet Bevölkerung, 10.10.2014, http://www.welt.de/videos/article133152951/Ebola-Angst-spaltet-Bevoelkerung.html« (18.3.2015).
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Autor: Bettina Radeiski für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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