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Ebola-Viren

6.5.2015 | Von:
Bettina Radeiski

Zu Struktur und Stabilität von medialen Seuchendiskursen

Zuschreibung von Angst und Panik

Geht man den eben angestellten Überlegungen weiter nach, so verwundert es nicht, dass sich die Journalisten in den untersuchten Zeitungen und Zeitschriften einig sind, dass "die Bevölkerung" oder "die Öffentlichkeit" tatsächlich verängstigt sein müsse. In Seuchendiskursen allgemein wie auch im Diskurs zur Ebola-Epidemie findet seitens der Medien immer auch eine Zuschreibung in Richtung ihrer Adressaten statt. Diese werden als verängstigt charakterisiert, genauso wie dem Ebolavirus als quasi natürliche Eigenschaft zugesprochen wird, dass es Angst auslöse: "Noch ist die Seuche nicht in Deutschland angekommen. Doch ihr Vorbote ist schon da: die Angst."[22] "Ebola-Angst: Amerika ist infiziert."[23]

Die Angst vor einer weltweiten Seuchenausbreitung wird in medialen Seuchendiskursen aber nicht nur "entdeckt", "beschrieben" und "kommentiert", vollendet wird sie damit, dass sie erstens als "unbegründet" und zweitens selbst als der eigentliche Grund für Angst auftritt. Medien, so lässt sich an verschiedenen Beiträgen studieren, belassen es nicht dabei, der Bevölkerung Angst einfach zuzuschreiben, sondern sie thematisieren immer auch vermeintlich übertriebene, pathologische Formen der Angst vor der Seuche. So ist beispielsweise mit der Charakterisierung von Angst als "Panik" oder "Hysterie" nicht nur Angst vor dem Virus geboten, sondern mindestens in gleichem Maße auch Angst vor der Angst vor dem Virus. Die Angst vernebele den klaren Blick auf die Realität, so heißt es an vielen Stellen,[24] genauso wie an anderer Stelle zu lesen ist, dass Angst die eigentlich schlimmste Seuche sei.[25]

Relativierungsversuche

Seuchendiskurse hantieren mit dem Motiv vergessener Fakten, die dem Vergessen (wieder) entzogen werden müssten. Ein typisches Beispiel für solche Erinnerungsstrategien findet sich beispielsweise bei dem Psychologen Gerd Gigerenzer, der in einem Interview mit "Zeit online" die Frage "Was hat die Ebola-Seuche an sich, dass sie derlei unbegründete Angst auslöst?" folgendermaßen beantwortet hat: "Die Gefahr dabei ist, dass man die Ursachen aus dem Blick verliert, die uns viel wahrscheinlicher das Leben kosten; Rauchen zum Beispiel oder Motorradfahren. Aus Sicht der Risikoforschung ist zum Beispiel Lungenkrebs eine größere Bedrohung für die Menschen in Deutschland als eine Infektion mit Ebola."[26]

Hier zeigt sich das Phänomen, dass der Diskurs selbst die Tendenz und die entsprechenden diskursiven Äußerungsformen hervorbringt, die der Angsterzeugung entgegenwirken. Die Angst wird auf diese Weise bereits mit der Fragestellung als unbegründet apostrophiert und im Prinzip zurückgewiesen. Der Vergleich mit anderen "Risiken" bringt zum Ausdruck, dass die Angst dem eigenen Wissen widerspreche und daher vor allem eine leicht abzustellende Gefühlslage sei. Die Gefahr eines bestimmten Schadens – so das Argument – könne allein schon deshalb niedriger eingestuft werden, weil es auch noch andere oder in ihrem Ausmaß größere Quellen von Gefahr gebe.

Darstellung des Ausbruchsortes und Seuchengeschehens

Moderne Seuchendiskurse räumen der Bebilderung und Ausschmückung des Ausbruchsortes sehr viel Platz ein. Sie konstituieren dabei eine Zweiteilung der Welt: der Ausbruchsort der Seuche auf der einen Seite, "wir" auf der anderen Seite. Im Falle von Ebola könnte sie lauten: "wir im Norden" versus "die im Süden". Integraler Bestandteil der Gefährlichkeit des Virus scheint seine fremde Herkunft zu sein. Sämtliche Angaben über den Ort des grausamen beziehungsweise gefährlichen Geschehens erfüllen die Funktion einer Verortung der Gefahr, des Gegners außerhalb des positiv konstituierten Kollektivs. Angesichts der geografischen Ausdehnung dieses Teilkontinents ist die Lokalbestimmung "(in) Westafrika" an und für sich als nähere, erläuternde Ausführung schlicht untauglich, vielmehr steht sie für den (bisher) großen Abstand zu "uns". Mit Äußerungen wie "Es ist kein Wunder, dass Ebola gerade in Westafrika solche verheerenden Folgen hat, dass ausgerechnet hier eine Epidemie wütet, wie es sie seit der Entdeckung des Virus Mitte der 1970er Jahre nicht gab"[27] wird dem Subkontinent zugeschrieben, dass es kein natürlicher Zufall sein kann, dass "ausgerechnet" dort die Seuche ausgebrochen ist und sich verbreitet. Berichtet wird über fehlende medizinische Kapazitäten, Ärzte und monetäre Engpässe, die dafür sorgen, dass die Ebola-Epidemie nicht wie erhofft in den Griff zu bekommen ist. Stereotype Vorstellungen über Afrika werden bedient, das Geschehen und die Gefahr werden so in eine Fremde verlagert, die mit "uns" nichts zu tun hat: "Die Epidemie hat genau die Länder im Griff, die politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich besonders schwach sind. Jahrzehntelange strukturelle Armut, Unterentwicklung, fehlende Staatlichkeit, aber auch der Einfluss internationaler Interessen – all das sind Faktoren, die den Boden für diese Epidemie bereitet haben."[28]

Mit diesen Aufzählungen findet gewissermaßen eine Vollendung der "Fremdheit" statt. Dies erfolgt dadurch, dass die Bedingungen vor Ort ausgemalt werden, die Entstehung und Ausbreitung der Seuche nicht nur begünstigen, sondern im Prinzip geradezu provozieren. All diese "Faktoren" legen die Schlussfolgerung nahe, dass dort ein Unheil ausbrechen musste. Umgekehrt scheint es nur schwer vorstellbar, dass "uns" etwas Ähnliches passieren könnte. Tatsächlich aber wirkt die geografische wie die politisch-gesellschaftliche Scheidelinie zwischen Europa und Westafrika gerade nicht als eine natürliche Ausbreitungsbarriere für Viren und ansteckende Krankheiten. Und auch diskursiv können alle Schilderungen von Fremdheit und Unzugänglichkeit jeden Moment in ihr Gegenteil umschlagen: Dann stehen all diese Eigenschaften für das unbekannte und gerade in seiner Unbekanntheit so bedrohliche Virus.

Moralische Dimension

In der medialen Berichterstattung über die Ebola-Epidemie kommt es zudem zu einer besonderen diskursiven Verschiebung innerhalb des Themas Seuche zum Topos weltweiter Humanität. Die im Diskurs omnipräsenten Titel "humanitäre Katastrophe",[29] "menschliche Tragik"[30] und "weltpolitisches Gewissen"[31] transportieren ganz offensichtlich eine moralische Botschaft. Die in diesen Titeln stillschweigend vorausgesetzten Topoi, einerseits der Aufruf, endlich etwas oder noch mehr zu tun, andererseits Hilflosigkeit und Verzweiflung, wirken trotz ihrer scheinbaren Gegensätzlichkeit: Die Perspektive ist nun die, dass nicht nur die Verantwortungsträger versagt haben, sondern die Menschheit überhaupt. Dieses Schuldmuster wird ergänzt durch "harte" und "realistische" Argumentationen. Die im Diskurs stets präsente Zahl von (erneuten und prognostizierten) Toten und Erkrankten verleiht dem Seuchengeschehen ebenso eine besondere moralische Dimension. Die gewaltigen Zahlen, die die schiere Masse der menschlichen Opfer kennzeichnen, plausibilisieren die besondere Tragik, die den Menschen in Westafrika, ja der Menschheit überhaupt widerfährt.

Zusammenfassung

Der mediale Diskurs zur Ebola-Epidemie ist nicht einfach das Abbild einer davon getrennt vorliegenden "Realität", sondern eine eigene Sphäre sui generis. Konstituiert wird ein allgemein betroffenes Kollektivsubjekt, das sich zwischen den Polen "Angsterzeugung" und "Angstbewältigung" bewegt. Topoi und Motive, die der "Angsterzeugung" zuzuordnen wären, bestehen in der omnipräsent thematisierten Ungewissheit bezüglich der Entwicklung des Seuchengeschehens, aber auch in der gleichzeitig vermittelten Gewissheit, dass im Fall der Fälle auch für "uns" Schäden ungeahnten Ausmaßes auftreten können. Inszeniert wird auf der einen Seite ein Kriegsgeschehen gegen die Ebola-Epidemie. Auf der anderen Seite wird gewarnt, übertriebene Angst, Panik und Hysterie seien völlig fehl am Platz. Die Bevölkerung solle sich bewusst werden, dass es auch andere, mindestens genauso verheerende Gefahren gebe und dass das Ebolavirus nicht "zufällig" in einer "uns" fernen und fremden Welt grassiere. Zugleich wird die Zweiteilung der Welt in "die" und "wir" wieder aufgehoben. Das Kollektivsubjekt des humanitären Verantwortungsträgers vereint beide Gefühlslagen: den Aufruf, gegen diese katastrophale Tragik etwas zu tun, und sich zugleich eingestehen zu müssen, auf humanitärer Ebene versagt zu haben.

Das Virus unterliegt einer zweifachen Transformation: Die naturwissenschaftliche Forschung macht aus einem Phänomen der belebten Natur ein in wissenschaftlichen Kategorien zu fassendes, mit den Mitteln der Naturwissenschaft zugängliches und in ihrer Sprache beschreibbares System von Gründen und Folgen, Mikro- und Makrostrukturen, Wechselwirkungen und Wahrscheinlichkeiten. Damit ist die Voraussetzung – aber eben auch nur die Voraussetzung – dafür geschaffen, dass in einer weiteren Transformation aus dem Gegenstand der in einem begrenzten Zirkel betriebenen Forschung ein gesellschaftlich relevanter Gegenstand wird, der es aufgrund seiner Beschaffenheit ermöglicht, Angst hervorzurufen, eine Gefahr darzustellen und so weiter. Diese zweite Transformation leisten die Medien. Sie sind der Ort der Entstehung dieses transformierten Virus und zugleich der Raum seiner diskursiven Zirkulation und fortwährenden Veränderung.[32]

Fußnoten

22.
Stefan Kuzmany, Kommentar zu Ebola in Deutschland: Angst essen Vernunft auf, 17.10.14, http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/ebola-in-deutschland-angst-ist-die-schlimmste-seuche-kommentar-a-997537.html« (18.3.2015).
23.
Marc Pitzke, Ebola-Angst: Amerika ist infiziert, 14.10.2014, http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/ebola-in-den-usa-medien-schueren-panik-a-996977.html« (18.3.2015).
24.
Vgl. S. Kuzmany (Anm. 22).
25.
Vgl. ebd.
26.
G. Gigerenzer (Anm. 6).
27.
Alexander Göbel, Geld allein ist keine Hilfe, 5.8.2014, http://www.tagesschau.de/kommentar/ebola-westafrika-100.html« (18.3.2015).
28.
A. Göbel (Anm. 19).
29.
Mitten in einer humanitären Katastrophe, 15.12.2014, http://www.sueddeutsche.de/wissen/ethnologen-im-hilfseinsatz-boeser-zauber-ebola-1.2266597-2« (18.3.2015).
30.
Christoph Link, Tragik im fernen Afrika, 10.8.2014, http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.kommentar-zur-ebola-seuche-tragik-im-fernen-afrika.ba46fb20-f954-46a3-9d06-ad0c88d0f128.html« (18.3.2015).
31.
Ebd.
32.
Vgl. B. Radeiski (Anm. 2), S. 159f.
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