Wiener Kongress

Editorial


18.5.2015
Nach dem Sturz Napoleons und zwei Jahrzehnten der Revolutions- und Koalitionskriege trafen sich von September 1814 bis Juni 1815 europäische Staatsmänner und Diplomaten in Wien, um den gezeichneten Kontinent neu zu ordnen. Neben territorialen Fragen und einer Reihe schwieriger Angelegenheiten wie die Rheinschifffahrt, der Sklavenhandel oder das diplomatische Rangreglement standen vor allem zwei Aspekte im Zentrum des Wiener Kongresses: Zum einen sollten die Verhältnisse vor der Französischen Revolution wiederhergestellt, zum anderen erneute Revolutionen und Hegemonialbestrebungen einzelner Mächte verhindert werden.

Durch ein grundlegendes Misstrauen gegenüber liberalen und nationalen Bewegungen sowie ein gemeinsames Interesse an Revolutions- und Kriegsvermeidung geeint, beschritten die europäischen Mächte einen völlig neuen Weg: Sie etablierten ein System der Zusammenarbeit, um künftige Konflikte diplomatisch zu lösen. Das sogenannte Kongresssystem markierte die Geburtsstunde der Konferenzdiplomatie und gilt heute als Wegbereiter kooperativer Konfliktbearbeitung, manchen sogar als Vorläufer des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen oder der Europäischen Union.

Innenpolitisch stand die "Restauration" im Zeichen reaktionärer Politik gegen Forderungen nach Partizipation, bürgerlichen Freiheiten und nationaler Einheit. Doch trotz gesellschaftlicher Unruhen und eines steigenden Reformdrucks von innen, die 1848/49 europaweit in neue Revolutionen mündeten, folgten auf den Wiener Kongress fast vier Jahrzehnte stabilen Friedens zwischen den europäischen Staaten. Diese friedensstiftende Wirkung der in Wien geschaffenen Ordnung wurde seither immer wieder hervorgehoben – so auch zum zweihundertsten Jubiläum, zu dem Frieden in Europa nicht mehr selbstverständlich scheint.