Wiener Kongress
18.5.2015 | Von:
Matthias Middell

Der Wiener Kongress aus globalhistorischer Perspektive

Der Wiener Kongress hat immer wieder Aufmerksamkeit auf sich gezogen – vor allem, wenn schwere Erschütterungen durch Kriege und Krisen Rufe nach einer neuen (Welt-)Ordnung laut werden ließen. Dabei wurde der Blick jedoch lange Zeit allein auf Europa gerichtet und vernachlässigt, dass der Wiener Kongress gegen Ende einer weltweiten revolutionären Krise und eines globalen Wettstreits um Präsenz und Einfluss ausgerichtet wurde. Dies spiegelte sich auf dem Kongress in vielfältiger Weise wider, wobei man zwischen zweierlei Debatten unterscheiden kann: einerseits jene, die zunächst mit Blick auf europäische Problemlagen geführt wurden, mittel- und langfristig aber zum Ursprung oder Vorbild globaler Regelungen wurden; andererseits jene, die vorrangig außereuropäischer Natur schienen, sich aber schnell als direkt mit Europas Neuordnung verflochten erwiesen. Im 18. Jahrhundert war die Welt viel enger zusammengerückt, ohne dabei jedoch homogener zu werden: Regionale Lösungen waren nicht sofort globale; beide Ebenen beeinflussten sich fortan jedoch stärker gegenseitig als im Jahrhundert zuvor.

Ideal des Mächtegleichgewichts unter neuen Vorzeichen

Nach Napoleons Niederlage nahmen die Siegermächte zügig Verhandlungen über eine Nachkriegsordnung auf und mühten sich, Frankreichs Platz in der künftigen Mächtebalance zu fixieren. Der im 18. Jahrhundert entwickelte Gedanke eines Mächtegleichgewichts als Garant dauerhaften Friedens wirkte dabei weiter.[1] Die Großmächte erkannten jedoch, dass dieses Gleichgewicht sich nicht mehr von selbst ergeben würde, sondern aktiv hergestellt werden musste. Drei Faktoren trugen dazu bei.

Erstens hatte sich die Bühne, auf der das Ringen der Mächte stattfand, immer mehr globalisiert. So war der in Europa sogenannte Siebenjährige Krieg von 1756 bis 1763 durch die Gleichzeitigkeit der Schauplätze in Nordamerika, Indien und Europa gekennzeichnet gewesen, und der amerikanische Unabhängigkeitskrieg Anfang der 1780er Jahre hatte mit dem drohenden Bankrott Frankreichs und den steigenden Steuern in England direkte Folgen für die Staatsfinanzen in Europa gehabt; auch die Kriege seit 1792 waren mehr und mehr durch eine direkte Verflechtung der europäischen und amerikanischen Schauplätze gekennzeichnet gewesen.

Zweitens hatte diese Spirale eines immer stärker transregional ausgetragenen Wettlaufs um die Kontrolle über Handelsstützpunkte, Siedlerkolonien und Plantagenwirtschaften sowie über die dorthin führenden Schifffahrtsrouten eine Militarisierung der europäischen Gesellschaften zur Folge gehabt: Die Steuern stiegen, um die Armeen auszustatten; durch allgemeine Wehrpflicht, Freiwilligenrekrutierung oder Söldnertum wurde die Zahl der dauerhaft verfügbaren Soldaten erhöht. Welch riesige Heere sich in kurzer Zeit aufstellen ließen, hatte zuletzt Napoleon eindrucksvoll demonstriert, bevor er die noch auf feudaler Abhängigkeit beruhenden mitteleuropäischen Armeen überrannte. Die relative Berechenbarkeit der militärischen Möglichkeiten von Konkurrenten war also nicht mehr gegeben.

Drittens war schließlich der ökonomische Stellenwert der Kolonien in Übersee im Laufe des 18. Jahrhunderts stärker hervorgetreten. Diese waren immer unübersehbarer zur Quelle des Aufschwungs in den europäischen Hafenstädten geworden. Der "revolutionäre Atlantik",[2] in dessen Weiten sich die Kontrolle der Metropolen leicht verflüchtigte, fügte dem Mächtegleichgewicht ein weiteres, nicht kalkulierbares Element hinzu.

Zugleich war die Zahl der Mitspieler im internationalen System gewachsen, womit sich das Risiko einer Fehlkalkulation weiter erhöhte. Seitens der europäischen Großmächte war es mithin konsequent, diese nach Möglichkeit wieder zu reduzieren. In der Anfang März 1814 unterzeichneten Allianz von Chaumont verständigten sich Russland, Österreich, Preußen und England darauf, bei einem künftigen Friedensschluss das Kommando zu übernehmen. Den zahlreichen kleineren Staaten, die aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und durch Napoleons Familienpolitik entstanden waren, sollte bei künftigen Verhandlungen nur der Katzentisch zugewiesen werden. Schon zu diesem Zeitpunkt zeigte sich, dass mit den Grenzverschiebungen in den Kolonien die Verbindung zur außereuropäischen Welt ebenfalls zur Debatte stand. England erklärte sich zur Rückgabe der Gebietsgewinne in der Karibik und in Indien bereit, wenn dafür die europäischen Friedensverhandlungen auf das Festland beschränkt blieben. Da Napoleon sich weigerte, einen solchen Kompromiss mitzutragen, unterstützten die Alliierten die Rückkehr der seit mehr als zwei Jahrzehnten im Exil wartenden Bourbonen auf den französischen Thron.

Warum es angesichts so präziser Vorbereitungen nach dem Waffenstillstand vom 23. April 1814 nicht zügig zu einem Friedensvertrag kam, sondern eines langwierigen Kongresses in Wien bedurfte, wird nur verständlich, wenn man sich die Uneinigkeit der Alliierten vor Augen führt, die die französische Diplomatie unter dem rechtzeitig Napoleon den Rücken kehrenden Charles-Maurice de Talleyrand mit viel Geschick nutzte, um immer wieder neue Forderungen zu stellen. Die Idee, den gordischen Knoten aller miteinander verwobener Problemlagen zu durchschlagen, hintertrieb Talleyrand erfolgreich und machte besonders seinem britischen Kollegen Lord Castlereagh den Gedanken eines Kongresses schmackhaft, der die ungelösten Fragen bearbeiten könnte. Der Friedensvertrag vom 30. Mai 1814, den die vier Großmächte sowie aufgrund der zwischen ihnen und Frankreich strittigen Kolonialterritorien auch Schweden, Portugal und Spanien unterzeichneten, trug denn auch diese Handschrift: Die entscheidenden Fragen sollten auf dem geplanten Kongress nur noch ratifiziert werden; um der neuen Ordnung ein breiteres Fundament zu geben, sollten jedoch alle europäischen Staaten eingeladen werden.

Fußnoten

1.
Vgl. Heinz Duchhardt, Balance of Power und Pentarchie. Internationale Beziehungen 1700–1785, Paderborn u.a. 1997.
2.
Peter Linebaugh/Marcus Rediker, The Many-Headed Hydra: Sailors, Slaves, Commoners and the Hidden History of the Revolutionary Atlantic, Boston 2001.
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Autor: Matthias Middell für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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