Wiener Kongress
18.5.2015 | Von:
Stella Ghervas

Das Erbe des Wiener Kongresses und der Wert von Friedensstiftern – Essay

Mit der seit 2014 schwelenden Ukraine-Krise steht Europa heute erneut am Scheideweg zwischen Krieg und Frieden. Wie ist diese Situation zu lösen – durch Diplomatie, Waffengewalt oder eine Mischung aus beidem? Der Wiener Kongress, der vor genau zweihundert Jahren stattfand, kann bei der Beantwortung dieser Frage der Inspiration dienen: Er beendete nicht nur eine Periode schwerer Krisen, sondern schuf auch für fast vier Jahrzehnte Frieden zwischen den Großmächten – bis zum Ausbruch des Krimkrieges 1853. Bei einem solchen Vergleich ist angesichts der Unterschiede in Zeit und Kontext selbstverständlich Vorsicht geboten. Dennoch können wir tatsächlich ebenso viel aus den Fehlern der damaligen Herrscher lernen wie aus ihren Erfolgen.

Wiener Kongress (1814/15)

Nach der Niederlage Napoleons luden die siegreichen Großmächte Russland, Großbritannien, Österreich und Preußen die anderen Staaten Europas ein, Bevollmächtigte zu einem Kongress nach Wien zu schicken. So drängten im Spätsommer 1814 Kaiser, Könige, Fürsten, Minister und Repräsentanten in die befestigte Stadt, um über eine neue Ordnung auf dem Kontinent zu beraten. Lange war Europa entlang zweier Militärbündnisse geteilt gewesen – ein seinerzeit als "Mächtegleichgewicht" bezeichnetes Phänomen. Nach der Französischen Revolution, der Herrschaft Napoleons und zwanzig Jahren Krieg waren viele Staaten unterjocht, beliebig verändert oder sogar ganz verschwunden. Der Kontinent und insbesondere das Gebiet des heutigen Deutschland befanden sich im politischen Chaos. Darüber hinaus zeichnete sich schnell eine neue Bedrohung ab, als unter den Staaten fast sofort wieder Misstrauen und Rivalitäten aufkamen.

Die Krise brach im Winter 1814/15 aus, als Zar Alexander I. vorschlug, das nach mehreren Teilungen von der Landkarte getilgte Polen wiederherzustellen – allerdings unter russischer Herrschaft. Als Ausgleich für den Verlust seiner polnischen Gebiete bot er Preußen das von russischen Truppen besetzte Sachsen an. Dieser Plan, der die Grenzen Russlands weiter nach Westen verschoben hätte, versetzte Großbritannien und Österreich in helle Aufregung. Beide gingen sogar so weit, dem gerade erst besiegten Frankreich eine geheime Allianz vorzuschlagen. Die Gefahr war real, dass Alexanders Vorhaben zu einer neuerlichen Teilung des Kontinents in zwei Blöcke ausarten könnte, womöglich sogar zu einem Krieg.[1] Die Großmächte wussten dies jedoch zu vermeiden – durch geschickte diplomatische Verhandlungen, aber auch, weil beide Seiten eine friedliche Lösung anstrebten. Das Letzte, was der Zar wünschte, war ein erneuter europäischer Konflikt. Er erkannte, wohin sein Vorhaben führen würde, und ruderte zurück. Daraufhin kehrten die Mächte im freundschaftlichen Einvernehmen an den Verhandlungstisch zurück, und Polen wurde erneut aufgeteilt.

Andere dringende Angelegenheiten waren zu regeln: die Gründung eines neuen deutschen Staatenbundes anstelle des untergegangenen Heiligen Römischen Reiches, die Wiedereinsetzung des königlichen Adelsgeschlechts der Bourbonen in Frankreich, Spanien und Neapel, eine Verfassung für die Schweiz sowie das diplomatische Rangsystem; auch soziale und wirtschaftliche Fragen galt es zu besprechen, etwa die Rechte deutscher Juden, die Abschaffung des Sklavenhandels und die Freiheit der Rheinschifffahrt. Inmitten dieser Verhandlungen kehrte Napoleon im März 1815 völlig unerwartet aus seinem Exil in Elba nach Frankreich zurück, wo er für die "Herrschaft der Hundert Tage" erneut den Thron bestieg. Die aufgebrachten Alliierten schlossen sich erneut zusammen und besiegten Napoleon in der Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815 endgültig – jedoch nicht ohne neun Tage zuvor die Schlussakte des Wiener Kongresses unter Dach und Fach gebracht zu haben. Das abermals besiegte Frankreich wäre fast von der Landkarte verschwunden: Um zu verhindern, dass es jemals wieder eine Bedrohung für Europa werden könnte, spielten die Siegermächte kurze Zeit mit dem Gedanken, das Land aufzuteilen. Letztlich kam es jedoch mit einer mehrere Jahre währenden militärischen Besatzung und enormen Reparationszahlungen davon. Der gestürzte französische Kaiser wurde vor den Augen Europas im Zweiten Pariser Frieden vom 20. November 1815 angeklagt und für den Rest seines Lebens nach St. Helena verbannt, eine einsame britische Insel im Südatlantik.

Kongresssystem (1815–1823)

Die Aushandlung einer Nachkriegsordnung war für sich genommen schon ein komplexes Unterfangen. Doch die Großmächte verfolgten eine viel breitere Agenda: die Schaffung einer neuen politischen Ordnung in Europa. Die Fundamente der vorherigen waren hundert Jahre zuvor mit dem Frieden von Utrecht von 1713 gelegt worden. Auf dem Prinzip des Mächtegleichgewichts beruhend, gründete es auf zwei einander gegenüberstehenden Militärbündnissen, die ursprünglich von Frankreich und Österreich angeführt wurden.[2] Durch die enorme taktische Überlegenheit seiner Armeen hatte Napoleon das Gewicht jedoch vollständig zu seinen Gunsten verlagert; die Alliierten hatten erst dann die Oberhand gewonnen, als es ihnen endlich gelungen war, ihre Truppen gleichzeitig gegen ihn ins Feld zu führen.

1815 wollten sie diese Erfahrung nicht wiederholen. Im September desselben Jahres schlug der Zar den anderen Mächten eine "Heilige Allianz" vor.[3] Dieses Bündnis war insofern neuartig, als dass sein Ziel nicht darin bestand, Frieden zu schaffen, sondern ihn zu bewahren. Die Heilige Allianz trug zur Entstehung des sogenannten Kongresssystems bei: Über einige Jahre trafen sich Vertreter der Großmächte regelmäßig, um gemeinsame Sicherheitsfragen und andere Angelegenheiten zu besprechen.[4] Dieses bis 1822 bestehende System markierte den Beginn der Konferenzdiplomatie in den internationalen Beziehungen und wurde zum Vorbild für das Zueinanderfinden von Mächten mit unterschiedlichen Interessen. Für drei weitere Jahrzehnte, bis zum Beginn des Krimkrieges 1853, war Europa nicht in zwei Bündnisse gespalten, sondern bildete einen einzigen Block, der als das "Europäische Konzert" bekannt wurde.[5] In dieser Zeit erfreute sich der Ausdruck "Europäische Familie" beispielloser Beliebtheit. Schließlich handelte es sich um den ersten Versuch in der Geschichte, innerhalb eines einzigen Bündnisses größerer Staaten eine friedliche, auf aktiver Zusammenarbeit beruhende europäische Ordnung aufzubauen.[6]

Diese politische Ordnung wies allerdings auch Mängel auf, da sie auf die Bewahrung der Prinzipien des Status quo und der dynastischen Legitimität angelegt war – um jeden Preis. Innenpolitisch führte dies zu Unruhen und der Unterdrückung bürgerlicher Freiheiten; die Presse wurde zensiert und Parlamente aufgelöst – ein als "Reaktion" bezeichnetes Phänomen. Das Ergebnis war eine endlose Abfolge nationaler Aufstände während der 1820er Jahre bis hin zu den Revolutionen von 1848.

Fußnoten

1.
Zur Sachsen-Polen-Frage von 1814/15 vgl. Stella Ghervas, Three Lessons of Peace. From the Congress of Vienna to the Ukraine Crisis, in: UN Chronicle, 51 (2014) 3, S. 9ff.; Mark Jarrett, The Struggle for Poland in the Congress of Vienna, in: History Today, 64 (2014) 12, S. 29–34.
2.
Vgl. Friedrich von Gentz, Von dem wahren Begriffe eines politischen Gleichgewichts, in: Fragmente aus der neuesten Geschichte des politischen Gleichgewichts in Europa, St. Petersburg (Leipzig) 1806, S. 1–34; Edward Vose Gulick, Europe’s Classical Balance of Power, New York 1967, S. 30–91.
3.
Zum Bündnis der "Heiligen Allianz", das in Paris von den drei alliierten Mächten Russland, Österreich und Preußen gegründet wurde und dem in der Folge fast alle europäischen Staaten beitraten, vgl. Maurice Bourquin, Histoire de la Sainte-Alliance, Genf 1954; Stella Ghervas, Réinventer la tradition. Alexandre Stourdza et l’Europe de la Sainte-Alliance, Paris 2008; Philipp Menger, Die Heilige Allianz. Religion und Politik bei Alexander I. (1801–1825), Stuttgart 2014.
4.
Unter den jüngsten Arbeiten zum Kongresssystem vgl. Mark Jarrett, The Congress of Vienna and its Legacy. War and Great Power Diplomacy After Napoleon, London 2013; Stella Ghervas, Antidotes to Empire. From the Congress System to the European Union, in: John W. Boyer/Berthold Molden (Hrsg.), EUtROPEs. The Paradox of European Empire, Chicago 2014, S. 49–81.
5.
Vgl. Jacques-Alain de Sédouy, Le concert européen: Aux origines de l’Europe. 1814–1914, Paris 2009; Matthias Schulz, Normen und Praxis. Das Europäische Konzert der Großmächte als Sicherheitsrat. 1815–1860, München 2009.
6.
Vgl. Stella Ghervas/Mark Jarrett, Wie Frieden geschaffen wird – Der Wiener Kongress, in: Die Zeit vom 11.9.2014, http://www.zeit.de/2014/38/wiener-kongress-europa-frieden« (14.4.2015).
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Autor: Stella Ghervas für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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