Wiener Kongress
18.5.2015 | Von:
Heinz Duchhardt

Der Wiener Kongress und seine "diplomatische Revolution". Ein kulturgeschichtlicher Streifzug

Was im 17. Annex der Wiener Kongressakte im Juni 1815 verbindlich geregelt wurde,[1] kam einer "diplomatischen Revolution" nahe. Die den Kongress dominierenden Hauptmächte – die Signatarmächte des im Frühsommer 1814 geschlossenen Ersten Pariser Friedens (Russland, Großbritannien, Österreich, Preußen, Spanien, Portugal und Schweden) sowie das sehr rasch zu diesem Mächtekartell wieder zugelassene Frankreich – hatten sich auf Anregung des französischen Außenministers Talleyrand im Dezember 1814 darauf verständigt, eine Kommission einzurichten, die sich mit dem Rang der Fürsten und ihrer Repräsentanten beschäftigte. Diese Kommission, der die Vertreter aller acht genannten Staaten angehörten, hatte insgesamt nur dreimal getagt und sich auf einen Bericht verständigt, der Mitte Januar 1815 dem zentralen Achterausschuss des Kongresses vorgelegt wurde.

Dass auf dem Feld des diplomatischen Ranges dringender Handlungsbedarf bestand, hatte seit Generationen nicht nur die jeweils Betroffenen, sondern auch die Autoren des Völkerrechts und der sich allmählich entwickelnden akademischen Disziplin der internationalen Beziehungen bewegt und zu einer Reihe von Werken zum "Theatrum Ceremoniale" geführt.[2] Diplomatie und diplomatisches Zeremoniell waren seit dem Zeitpunkt zu einem "internationalen" Problem geworden, an dem die sich verfestigenden Gemeinwesen dazu übergegangen waren, mehr oder weniger regelmäßig Gesandte auszutauschen.[3] Die Anfänge lassen sich in Italien lokalisieren, doch die Praxis des Diplomatenaustauschs mit dem primären Ziel, Kriege zu verhindern und Auswege aus Krisensituationen zu finden, war rasch zu einer gesamteuropäischen Erscheinung geworden, der sich nach und nach auch die peripheren Staaten anschlossen. Die vielen Handbücher, die seit dem 17. Jahrhundert erschienen und sich mit dem "perfekten" Diplomaten und seinen Qualitäten und Qualifikationen beschäftigten,[4] waren freilich nur eine damit zusammenhängende Entwicklung; eine andere waren die Probleme, die sich vor Ort ergaben, wenn die Repräsentanten verschiedener fürstlicher Souveräne oder gar von Fürsten und Republiken zusammentrafen, sei es an einem Hof oder auf einem großen Kongress wie jenem in Wien.

Präzedenz als internationales Problem

Diese Probleme resultierten in erster Linie aus dem unterschiedlichen Rang, den die Entsendestaaten ihren Diplomaten beilegten, sowie aus den Unklarheiten, die hinsichtlich des Vorrangs, der "Präzedenz", bestanden. An der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert war zwar die eine oder andere päpstliche Rangtabelle – insbesondere die Anmerkungen des Zeremonienmeisters Paris de Grassis[5] – entstanden, um der Kurie über die Probleme und Unsicherheiten bei der Einstufung von Diplomaten aus der gesamten Christenheit hinwegzuhelfen. Diese hatten jedoch nie allgemeine Anerkennung gefunden. Konsens bestand allenfalls über den Vorrang kaiserlicher Diplomaten, aber dahinter entstand ein perpetuierliches Gerangel, zunächst vor allem zwischen Spanien und Frankreich, dann auch zwischen den anderen Mächten, die eine öffentliche Aufwertung und Rangerhöhung anstrebten. Im 17. und frühen 18. Jahrhundert hatten sich solche Ambitionen von Möchtegern-Aufsteiger-Staaten gehäuft – sei es von Schweden oder Polen, von Dänemark oder Russland, von den Niederlanden oder Preußen.

In der Staatenfamilie bestand auch weitgehend Einigkeit darüber, dass das Recht zur Entsendung von "Ambassadeuren" ausschließlich den gekrönten Häuptern zustand, also vor allem nicht den Republiken wie den niederländischen Generalstaaten oder der Eidgenossenschaft. Wie aber waren Gemeinwesen zu behandeln und einzuordnen, die nach eigenem Selbstverständnis königliche Parität hatten, wie Venedig oder Savoyen, das seit den 1630er Jahren mit abenteuerlichen Argumentationsketten Königsgleichheit beanspruchte, aber erst im frühen 18. Jahrhundert mit der Königskrone ausgestattet wurde? Schon im Ancien Régime entwickelte sich ein fein abgestuftes, drei Ränge umfassendes System diplomatischer Rangstufen, die aber immer dann infrage standen, wenn niedrigrangige Diplomaten von Großmächten mit höherrangigen Diplomaten beispielsweise von Republiken zusammentrafen. Natürlich prätendierten auch die Reichsfürsten mit den Kurfürsten an der Spitze "Königsgleichheit" und fochten lange Kämpfe aus, um darin bestätigt zu werden. Der Rang eines Diplomaten war nicht zuletzt auch ein politisches Signal: Schickte Frankreich einen bloßen Gesandten an einen Hof, an dem traditionellerweise ein Ambassadeur amtierte, sollte damit natürlich etwas zum Ausdruck gebracht werden.

Da das System der Rangtabellen nicht funktionierte und es keine Instanz gab, die alternative Regeln aufstellte, verlagerte sich der Wettstreit der Staaten – sofern nicht auf die Ebene des Krieges – auf die Ebene des Zeremoniells: Präzedenz wurde zum Schlüsselbegriff des Staatenlebens und der Staatenkonkurrenz. Streitigkeiten an dritten Orten gab es zuhauf. Über diese teils blutigen Auseinandersetzungen insbesondere zwischen spanischen und französischen Diplomaten in London Mitte des 17. Jahrhunderts, über deren trickreiche Bemühungen, der Gegenseite beim Besuch eines neu angekommenen Diplomaten den Rang abzulaufen, Samuel Pepys köstlich berichtet,[6] besonders häufig aber auch in Rom, einem Zentrum und Tummelplatz der frühneuzeitlichen Diplomatie und einem Ort, an dem die Päpste mit habsburgischen oder französischen Präferenzen einander abwechselten, drohten Kriege auszubrechen. Entschuldigungs- und Demutsakte wurden gefordert, und um solche Eklats zu vermeiden, gingen Diplomaten konkurrierender Staaten einander nicht selten ganz aus dem Weg – wenn denn der heimische Hof solche Akte politischer Klugheit erlaubte. Der Hof Ludwigs XIV. hatte dies sogar erzwungen: Spanische Diplomaten erschienen seit den 1660er Jahren grundsätzlich nicht mehr zu offiziellen Veranstaltungen, an denen französische Kollegen teilnahmen.

Natürlich brachen längst nicht immer die Diplomaten vor Ort solche Konflikte vom Zaun: Es waren die jeweiligen Fürsten, die die Dinge auf die Spitze trieben und aus einem Sessel mit Lehne oder einem Teppich, aus einer Karosse mit acht Pferden oder aus einer Anrede in der eigenen oder einer dritten Sprache eine Staatsaffäre machten, um vermeintliche Positionsvorteile im ewigen Ringen der Staaten um ihren Platz in der Hierarchie zu erwirken. Die diplomatischen Beziehungen zwischen der Kurie und Frankreich lagen im 18. Jahrhundert über viele Monate hinweg brach, da man dem französischen Botschafter eine lange Zeit benutzte Loge in der römischen Oper vorenthielt. Die Fürsten des 17. und 18. Jahrhunderts waren von einem unstillbaren monarchischen Ehrgeiz geprägt, von einer geradezu manischen Sucht nach Prestige. Dem hatten ihre Diplomaten in adäquater Weise möglichst massiv Ausdruck zu verleihen. Die Festlichkeiten, die Diplomaten an ihrem jeweiligen Dienstort anlässlich dynastischer Ereignisse ihres Entsendestaates, militärischer Erfolge oder Friedensschlüsse in Szene setzten, die Feuerwerke, Illuminationen und Bälle sind Legion und geradezu zu einem Kennzeichen jener Epoche geworden, die man lange als die des Absolutismus bezeichnet hat. Und die Konkurrenz war besonders inspirierend, wenn Diplomaten – wie während der großen Friedenskongresse der Vormoderne – gewissermaßen Haus an Haus wohnten und nicht nur das städtische Publikum durch ihre Aktivitäten zu beeindrucken suchten, sondern die ganze Welt. Dies geschah in Gestalt von Kupferstichen, die unmittelbar nach einem Event herausgebracht wurden.[7]

Fußnoten

1.
Johann Ludwig Klüber (Hrsg.), Acten des Wiener Congresses in den Jahren 1814 und 1815, Bd. 6, Erlangen 1816, S. 204–207.
2.
Dazu aus der rasch zunehmenden Spezialliteratur u.a. Milos Vec, Zeremonialwissenschaft im Fürstenstaat, Frankfurt/M. 1998.
3.
Viel Material zu diesen Prozessen bei Pietro Gerbore, Formen und Stile der Diplomatie, Reinbek 1964. Vgl. zudem Wilhelm Janssen, Die Anfänge des modernen Völkerrechts und der neuzeitlichen Diplomatie, Stuttgart 1965.
4.
Vgl. u.a. Abraham van Wicquefort, L’ambassadeur et ses fonctions, Den Haag 1681; François de Callières, De la manière de négocier avec les souverains, Paris 1716.
5.
P. Gerbore (Anm. 3), S. 87.
6.
Siehe Samuel Pepys, Tagebuch aus dem London des 17. Jahrhunderts, Stuttgart 1980, S. 96f.
7.
Vgl. bspw. Anja Stiglic, Ganz Münster ist ein Freudental …, Münster 1998.
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Autor: Heinz Duchhardt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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