Nomaden-Zelt - usbekische Jurte

15.6.2015 | Von:
Jörg Gertel

Nomaden – Aufbrüche und Umbrüche in Zeiten neoliberaler Globalisierung

Dynamiken ökonomischer Räume

Wie gestalten sich vor diesem Hintergrund die sich verändernden Wirtschaftsräume von Nomaden, Pastoralisten und Farmern, die extensive Weidewirtschaft betreiben? Dazu ist zunächst festzuhalten, dass besonders Nomaden auf kargen Weiden Erträge erwirtschaften, die andere wirtschaftliche Aktivitäten bisher kaum dauerhaft erreichen konnten. Während ihre Produktionsleistungen bemerkenswert sind, erfolgen sie keineswegs abgekoppelt von größeren Wirtschaftskreisläufen. Kein Nomade oder Farmer ernährt sich allein durch Produkte der Viehwirtschaft, sondern ergänzt diese durch agrarische Erzeugnisse und Waren vom Markt. Beispiele für den Austausch von Produkten zwischen Nomaden und Sesshaften sind Milch, Fleisch, Wolle und Tierkot (Dünger) gegen Getreide und Weiderechte. Vieh übernimmt zudem auch andere Funktionen; es ermöglicht Transporte, steht als Nahrungs- und Kapitalreserve sowie generell als Absicherung gegenüber Krisen zur Verfügung. Doch das Wissen über diese ökonomischen Bedeutungen ist bisher gering, nationale Statistiken erfassen Nomaden und ihre Produkte kaum und falls doch, ist die Qualität der Daten oft fragwürdig. Damit bleiben die Erzeugnisse der Subsistenzproduktion und die nomadische Wirtschaftsleistung insgesamt weitgehend unsichtbar.

Die Geschichte der nomadischen und pastoralen Produktionssysteme hat aufgrund der kolonialen Vergangenheit in Afrika und Asien sowie infolge der sozialistischen Erfahrungen und der frühen Marktintegration industrialisierter Staaten unterschiedliche Strukturen hinterlassen, die sich auf die aktuellen Vermarktungssysteme auswirken.[18] In jeweils verschiedener Komposition verzahnen sich hierbei drei Transformationsbündel: die Verschiebungen von der Subsistenz- zur Marktproduktion, die Übergänge von der Planwirtschaft zur Marktproduktion und die wachsende Integration und Finanzialisierung globalisierter Waren- und Wertschöpfungsketten. Dabei ist zu bedenken, dass nomadische und pastorale Produktionssysteme miteinander konkurrieren, jedoch unterschiedliche Voraussetzungen haben: Während eine Herde mit 500 Schafen und Ziegen im nomadischen Kontext eine große Herde darstellt, die viele Arbeitskräfte bindet und Großfamilien versorgen kann, erreichen bereits die durchschnittlichen Herden exportorientierter Betriebe in Australien oder Neuseeland leicht 5000 Tiere, zu deren Versorgung aufgrund des extensiven Weidemanagements nur ein bis zwei Arbeitskräfte benötigt werden. Fünf Kennzeichen charakterisieren die aus diesen Bedingungen hervorgehenden Wirtschaftsräume:

Erstens, die nomadischen Produkte in Afrika und Asien, insbesondere Fleisch, erreichen, obwohl sie zunehmend kommerzialisiert sind, kaum internationale Standards. Die Vermarktungswege beschränken sich abgeschottet durch Zölle, Regulationen und Grenzen vielfach auf den nationalen Raum, den nahen Grenzhandel oder regionale Märkte. Dennoch sind Millionen von nomadischen Haushalten von ihrem Vieh abhängig, um ihre Existenz zu bestreiten. Während Fleischprodukte von ihren Rindern, Schafen, Ziegen oder Yaks somit kaum jemals zahlungskräftige Konsumenten in den urbanen Zentren Europas oder Nordamerikas erreichen, gelangen allerdings einige Nischenprodukte auf die internationalen Exportmärkte: So zirkulieren etwa Kaschmirwolle aus der Mongolei, Geweihe aus Sibirien oder Raupenpilze (ein traditionelles Medizinprodukt) aus Tibet über weite Distanzen und prägen transnationale Warenketten.

Zweitens, weidewirtschaftliche pastorale Produktionsgebiete, die für die weltweiten Exportmärkte von Bedeutung sind, bleiben regional konzentriert: Der globale Markt für Schaf- und Lammfleisch wird durch Australien und Neuseeland dominiert, ebenso wie die Exportmärkte für Wolle. Demgegenüber stammt etwa die Hälfte der weltweiten Rindfleischexporte aus vier lateinamerikanischen Ländern (Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay). Große nationale Tierbestände bedeuten dabei nicht automatisch ein großes Exportvolumen. Wiewohl beispielsweise China einen der weltweit größten Produzenten für Fleisch und Wolle darstellt, ist es aufgrund seines hohen Eigenbedarfs ein Nettoimporteur.

Drittens, die Beziehungen, die Produzenten und Konsumenten miteinander verbinden, gestalten sich kontinuierlich neu – dies ist prägend für ökonomische Räume, die sich aus nahen und fernen Beziehungen konstituieren. So gelangen beispielsweise lebende Schafe aus Westaustralien, die auf Frachtern transportiert werden, als potenziell nach islamischen Regeln zu schlachtende Halal-Produkte in die arabischen Golfstaaten und konkurrieren in Saudi-Arabien mit anderen Lebendimporten aus Somalia und dem Sudan sowie mit tiefgefrorenem Fleisch aus Neuseeland. Gleichzeitig verändern sich durch Urbanisierung, Kaufkraftgewinne sowie neue Einzelhandelsstrukturen (Hypermärkte und Malls) lokale Konsumkulturen und Ernährungsgewohnheiten. Fertigprodukte werden zunehmend nachgefragt. So beträgt der globale Halal-Markt mittlerweile über 600 Milliarden US-Dollar und wächst jährlich mit bis zu 20 Prozent.

Viertens, die Existenzsicherung von Nomaden und Produzenten in postkolonialen, armen Staaten (wie dem Sudan) und in industrialisierten Ländern (wie Neuseeland) sind oft miteinander verbunden. Sie können sogar von den gleichen externen Entscheidungen, politischen Regimen und ökonomischen Regulationen abhängig sein, die sich häufig außerhalb ihrer Einflussnahme befinden. So beruht der Marktzugang von neuseeländischem Lammfleisch in die Europäische Union auf einer garantierten Einfuhrquote; dies schränkt wiederum die Vermarktungsmöglichkeiten etwa von nordafrikanischen Nomaden ein. Gleichzeitig werden Standards und Zertifizierungen immer wichtiger: Die international tätigen Einzelhandelsketten wie Aldi, Rewe, Carrefour oder Walmart steuern und kontrollieren dabei zunehmend die Warenketten, während die Produzenten immer geringeren Einfluss haben.

Fünftens spielen darüber hinaus unsere Entscheidungen als Konsumenten in der hochtechnisierten Welt des globalisierten Güteraustauschs eine wachsende Rolle für die Zukunft der Nomaden. Wird neuseeländisches Lammfleisch in einem europäischen Supermarkt gekauft, übermittelt der an der Kasse gelesene Barcode in Echtzeit im 18000 Kilometer entfernten Neuseeland sofort alle relevanten Informationen (Kaufzeitpunkt, Eigenschaften des Produkts, Herkunft). Unser Kaufverhalten entscheidet hier über das Leben von Tieren dort, und durch die Vielzahl von individuellen Konsumpräferenzen stimmen wir über die Wirtschaftlichkeit eines kompletten Produktionssystems ab. So setzt sich unter Umständen nicht das lokale/regionale Produkt, sondern ein anderes durch. Bezahlen wir dabei elektronisch und verwenden auch noch ein Bonusprogramm, wird unser Konsumverhalten zudem noch ausrechen- und damit kollektiv steuerbar.

Fazit

Die tiefgreifenden Transformationen der vergangenen Jahrzehnte – die Prozesse der Marktöffnung und die Privatisierung von Landrechten, die wirtschaftliche Spezialisierung und Diversifizierung, die Einbindung nomadischer Produktion in globale Warenketten und die Erosion von Solidarität in lokalen Gemeinden – haben die Lebenszusammenhänge von nomadischen Gruppen vielerorts aufgebrochen und radikal verändert. Einerseits müssen Nomaden heute neue Herausforderungen meistern, um ihre Existenzen zu sichern. Andererseits sind wir alle von diesen Umbrüchen, inklusive der Gewinne und Verluste, betroffen. Drei Prozesse sind zentral:

Erstens, die Handlungsräume für Nomaden werden immer kleiner: Zum einen nimmt das verfügbare Weideland ab, es wird privatisiert und der kollektiven Nutzung entzogen; zum anderen werden die wirtschaftlichen Handlungsoptionen zum Vermarkten ihrer Produkte auf internationalen Märkten durch Regulationen, Standardisierungen und Zugangsbarrieren immer weiter eingeschränkt. Nomadische Gruppen, die ohnehin oft zu den Armen zählen, werden noch weiter ins Abseits gedrängt, Biodiversität geht verloren und offene Landschaften werden verplant.

Zweitens, die Leistungen nomadischen Wirtschaftens, inklusive der Nachhaltigkeit – also der angepasste Umgang mit der Umwelt – bleiben weitgehend unsichtbar; sie werden vielfach unterschätzt, oft gar behindert und durch Entscheidungen der Sesshaften kaum gefördert. Einblicke in den Umgang mit kollektiven Ressourcen gehen ebenso verloren wie Vorbilder für lokal angepasste institutionelle Regelungen und indigenes Wissen.

Drittens, das schwache öffentliche Interesse an Weideland scheint sich erst zu verändern, wenn – wie im Zuge des aktuellen Staatszerfalls im saharischen Afrika (etwa in Mali und Südalgerien) und im Nahen Osten (im Irak und in Syrien) – neue gewalttätige Regime versuchen, sich zu etablieren. Auch hierbei sind nicht nur die Nomaden als Verlierer auszumachen. Krieg und kriegsbedingte Umweltzerstörungen sowie die Privatisierung der Gewalt hinterlassen nur schwer reversible verwüstete Natur- und Soziallandschaften. Nomadische Auf- und Umbrüche bleiben nicht im "dort", sie betreffen uns alle auch "hier" und verlangen nach Verantwortlichkeiten und neuen gesellschaftlichen Haftungsprinzipien.

Fußnoten

18.
Vgl. Jörg Gertel/Richard Le Heron (Hrsg.), Economic Spaces of Pastoral Production and Commodity Systems. Markets and Livelihoods, Farnham 2011.
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