Nomaden-Zelt - usbekische Jurte

15.6.2015 | Von:
Ulrike Jureit

Herrschaft im kolonialen Raum: Territorialität als Ordnungsprinzip

Der in den 1580er Jahren in Florenz von dem flämischen Maler Jan van der Straet angefertigte Stich "America" (siehe Abbildung), der die Entdeckung der Neuen Welt als Begegnung zwischen dem in Diensten der Familie Medici stehenden Kaufmann und Navigator Amerigo Vespucci und einer nackten Frau in Szene setzt, dient mittlerweile in verschiedenen Forschungskontexten dazu, die sexualisierte Kodierung kolonialer Landnahme zu entziffern.[1] Mit Fantasien der Inbesitznahme und Penetration des weiblichen Körpers assoziiert, wird Kolonialisierung als Akt der männlich dominierten Bemächtigung einer unbekleideten Frau gezeigt, die als kulturloser, noch ganz der Wildnis verhafteter Körper präsentiert wird. Der Soziologe Michel de Certeau verstand die von van der Straet gewählte Szene dahingehend, dass sich Vespucci als männlicher Eroberer in den von ihm erweckten und sich ihm darbietenden Körper des neuen Kontinents einschreibt.[2]
Abbildung: America, von Theodor Galle nach Jan van der Straet, um 1600Abbildung: America, von Theodor Galle nach Jan van der Straet, um 1600
Hierfür ist Vespucci auf dem Bild mit mehreren Gegenständen ausgestattet: Kreuzbanner, Schwert und Astrolabium. Und dieses letztere, auf Winkelmessung beruhende Navigationsinstrument gibt Hinweis auf eine weitere Deutungsvariante. Mit Bezug zu Michel de Certeau hat der Literaturwissenschaftler Jörg Dünne überzeugend darauf aufmerksam gemacht, dass sich die europäische Einschreibung offenbar nicht nur auf die Kulturtechnik der Alphabetschrift bezog, wie de Certeau selbstverständlich annahm, sondern darüber hinaus auch Verfahren der räumlichen Orientierung und der territorialen Erfassung des von Vespucci erstmals als nuova terra benannten Raumes einschloss.[3] Auch wenn hier noch die von Handelsinteressen geprägte Expansion zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert im Vordergrund steht, verweist das Astrolabium auf eine weitere Dimension kolonialer Landnahme. Die Entdeckung fremder Territorien in Amerika und Afrika zielte nicht nur auf militärische Unterwerfung und ökonomische Ausbeutung, sondern umfasste zugleich auch den Transfer europäischer Raumordnungskonzepte. Die Eroberer kamen eben nicht nur mit Schwert und Bibel, sondern brachten auch ihre in europäischen Kontexten gefertigten Instrumente, Insignien und Praktiken territorialen Ordnens mit.

Kolonialer Staat und territoriale Herrschaft

Dass Europa den Staat erfunden hat, gehört zu den prägnanten Schlagworten, mit denen der Historiker Wolfgang Reinhard seine Forschungen zur Geschichte der Staatsgewalt pointiert hat.[4] Auch wenn er den meisten Europäern heute selbstverständlich erscheint: Der Staat ist weder urwüchsig noch natürlich, er ist auch anthropologisch nicht notwendig oder gar ein Entwicklungsziel der Moderne. Der Staat ist vielmehr "ein durch Machtprozesse menschlichen Handelns zustande gekommenes Gedankengebilde", das nur in seiner Interdependenz von Diskurs und Praxis angemessen erfasst werden kann.[5] Und das gilt in gleicher Weise für die daraus abgeleitete Vorstellung eines durch Grenzen fixierten Territoriums. Die historisch gewachsene Korrespondenz von Staat, Nation und Territorium brachte ein europäisches Modell hervor, das zwar in großem Stil global exportiert und transferiert wurde, aber zugleich zu der irrigen Annahme führte, die überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung habe oder werde sich früher oder später in genau dieser Weise organisieren. Tatsache ist hingegen, dass das europäische Nationalstaatsmodell mit seinen spezifischen Strukturelementen der Staatsgewalt, des Staatsvolkes und des Staatsgebietes, mit seiner Ausformung eines bürokratischen Verwaltungsapparates, mit seiner historisch gewachsenen politischen Kultur, mit seinen europazentrierten Identitätspolitiken und seinem signifikanten Gemeinwohldenken weltgeschichtlich eine Ausnahme und keinesfalls die Regel darstellt. Der Exportschlager Nationalstaat avancierte im 19. und 20. Jahrhundert zwar formal zur weltweit vorherrschenden Organisationsform, in der Praxis verfügten allerdings die wenigsten europäischen und außereuropäischen Länder über eine sich selbst als homogen empfindende Nation. Hinzu kommt, dass die Adaption oder Implementierung staatlicher Strukturen gerade in kolonialen Zusammenhängen alles andere als widerspruchsfrei verlief. Die Übertragung des europäischen Staatsmodells nach Asien, Amerika und Afrika beförderte langfristig keineswegs Stabilität, Demokratie und Wohlstand, sondern vor allem die Instabilität der vorgefundenen wie auch der implantierten Ordnungen, letztlich die "Transformation, wenn nicht sogar Auflösung" staatlicher Strukturen.[6]

Um sich diesem globalen Transformationsprozess anzunähern, ist es hilfreich, den einschlägigen Praktiken der kolonialen Raumaneignung und damit jenen der fortschreitenden Territorialisierung detaillierter nachzugehen. Die hierfür ausschlaggebenden Rahmenbedingungen waren bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts noch alles andere als einheitlich. Im Verlauf der kolonialen Eroberungen hatten sich weltweit verschiedenste Anwartschaften, Rechtstitel und Besitzverhältnisse entwickelt, und die sich seit den 1870er Jahren erneut zuspitzende Rivalität um koloniales Land – vor allem in Zentral- und Südafrika – offenbarte ein buntes Durcheinander beim Wettlauf um die letzten, noch als unentdeckt geltenden Gebiete auf der Weltkarte. Konkurrierende Okkupationsinteressen, ungeklärte Besitzverhältnisse, strategische Blockbildungen unter den europäischen Großmächten und den USA sowie die drohende Gefahr, dass die massive Konkurrenz zu offenen Konfrontationen zwischen den europäischen Mächten selbst führen könnte, kennzeichneten eine angespannte Großwetterlage, in der vor allem Afrika territorial aufgeteilt wurde.

Am 6. Oktober 1884 lud der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck zu einer internationalen Konferenz nach Berlin ein. Hintergrund dieser Zusammenkunft der führenden Kolonialmächte waren anhaltende Querelen um konkurrierende Handelsinteressen in Afrika, insbesondere im Kongobecken. Neben der Beilegung von Interessengegensätzen um Einflusssphären und Handelsfreiheit zielten die Verhandlungen in Berlin auf die "Feststellung der Formalitäten, welche zu beobachten sind, damit neue Besitzergreifungen an den Küsten von Afrika als effektive betrachtet werden".[7] Die am 26. Februar 1885 unterzeichnete Generalakte enthielt ein zwischen den teilnehmenden Staaten ausgehandeltes, rechtlich verbindliches Regelwerk, das die einzelnen Merkmale einer effektiven Okkupation festlegte. Darin verpflichteten sich die unterzeichnenden Staaten, neue Besitzergreifungen "mit einer an die übrigen Signatarmächte der gegenwärtigen Akte gerichteten Anzeige" zu notifizieren, "um dieselben in den Stand zu setzen, gegebenenfalls ihre Reklamationen geltend zu machen". Weiterhin wird die Verpflichtung anerkannt, "in den von ihnen an den Küsten des afrikanischen Kontinents besetzten Gebieten das Vorhandensein einer Obrigkeit zu sichern, welche hinreicht, um erworbene Rechte und, gegebenenfalls, die Handels- und Durchgangsfreiheit" zu schützen. Eine effektive Besitzergreifung lag somit dann vor, wenn eine für den freien Handel (und dessen Garantie war ein zentrales Anliegen der Konferenz) notwendige und hinreichende Ordnung als gesichert galt. Eine solche war allerdings ohne hoheitliches Handeln nicht zu gewährleisten, daher zielte Artikel 35 im Ergebnis auf die Herstellung territorialer Souveränität.[8] Die Generalakte umfasste Bedingungen der gegenseitigen Anerkennung eines bestimmten Territoriums als Kolonie eines souveränen Staates.

Eindeutig war, dass nur diejenigen, die – wie die anderen Unterzeichnerstaaten – als staatlich souverän im europäischen Sinne galten, gemäß der Generalakte das Recht besaßen, mit den anderen Vertragspartnern über die Anerkennung ihrer Besitzansprüche zu verhandeln. Der Rechtstitel "Effektive Okkupation" betraf somit ausschließlich das Verhältnis der landnehmenden europäischen Staaten untereinander, eine Zustimmung der in staatenlosen Gebieten lebenden Einwohner wurde auf der Konferenz mehrheitlich abgelehnt. Staatenloses Gebiet, ob bewohnt oder unbewohnt, galt nach diesem Verständnis als res nullius (Niemandsland).[9] Afrika wurde – mit wenigen Ausnahmen – als staatsfreier Raum angesehen und war daher aus europäischer Sicht frei okkupierbar. Bestehende Verträge mit vorgefundenen Herrschaftsordnungen, die dem europäischen Rechts- und vor allem Staatsverständnis nicht entsprachen, waren rechtlich zwar nicht bedeutungslos, faktisch untermauerten sie aber nur – wenn überhaupt – die Ansprüche der jeweiligen Eroberer gegenüber ihren Konkurrenten.[10] Keine europäische Kolonialmacht verstand sich als Rechtsnachfolgerin vorgefundener Systeme. Geht effektive Besitzergreifung mit dem Erwerb territorialer Souveränität einher, schloss sich daran das Recht an, fremde Souveränität auf dem erworbenen Gebiet auszuschließen. Territoriale Souveränität bedeutet, über ungeteilte Hoheitsrechte auf einem mit eindeutigen Grenzen fixierten Gebiet zu verfügen. Dass solchen vertraglichen Regelungen europäische Staats-, Souveränitäts- und Territorialkonzepte zugrunde lagen, bedarf kaum noch einer weiteren Erläuterung. Hier transformierten souveräne Nationalstaaten ihr territoriales Ordnungsmodell in multilaterales Recht, auch wenn die Generalakte von 1885 aus anderen Gründen kein universell gültiges Völkerrecht schuf.

Fußnoten

1.
Vgl. Viktoria Schmidt-Linsenhoff, Amerigo findet America. Zu Jan van der Straets Kupferstichfolge Nova Reperta, in: Heide Wunder/Gisela Engel (Hrsg.), Geschlechterperspektiven. Forschungen zur Frühen Neuzeit, Königstein 1998, S. 372–394; Maike Christadler, Giovanni Stradanos America-Allegorie als Ikone der Postcolonial Studies, in: Guernica-Gesellschaft (Hrsg.), Jahrbuch "Kunst und Politik", Bd. 4, Göttingen 2002, S. 17–33.
2.
Vgl. Michel de Certeau, Das Schreiben der Geschichte, Frankfurt/M. 1991, S. 7.
3.
Vgl. Jörg Dünne, Ortung und Zeichenordnung im Códice Valentim Fernandes: Die portugiesische Atlantikschifffahrt zwischen Raumkalkül und Raumsymbolisierung, in: Tanja Michalsky/Felicitas Schmieder/Gisela Engel (Hrsg.), Aufsicht – Ansicht – Einsicht: Neue Perspektiven auf die Kartographie an der Schwelle zur Frühen Neuzeit, Berlin 2009, S. 141–160.
4.
Wolfgang Reinhard, Geschichte der Staatsgewalt. Eine vergleichende Verfassungsgeschichte Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 1999, S. 15.
5.
Ebd., S. 18.
6.
Ebd., S. 29.
7.
Entwurf einer Note auf der Grundlage des Zirkularerlasses vom 6. Oktober 1884, o.D., in: Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages, 6. Legislaturperiode, 1884/85, 7. Band, Anlagen Nr. 290, Aktenstücke zur Kongo-Frage, No. 38, http://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt3_k6_bsb00018455_00329.html« (2.6.2015).
8.
Vgl. Generalakte der Berliner Konferenz vom 26. Februar 1885, in: Stenographische Berichte (Anm. 7), No. 44, Art. 34 und 35, http://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt3_k6_bsb00018455_00338.html« (2.6.2015).
9.
Vgl. Jörg Fisch, Die europäische Expansion und das Völkerrecht. Die Auseinandersetzungen um den Status der überseeischen Gebiete vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Stuttgart 1984, S. 422.
10.
Ein erheblicher Teil der afrikanischen Kolonien wurde nicht okkupiert, sondern durch Verträge mit den vorgefundenen oder neu konstituierten Herrschaftsordnungen "erworben". Allerdings kam diesen Verträgen in der Praxis immer weniger Bedeutung zu, da die europäischen Mächte mehrheitlich die Auffassung vertraten, Afrika sei völkerrechtlich als herrenlos anzusehen. Der bisherige völkerrechtliche Verkehr wurde bis zum Ersten Weltkrieg somit durch geltendes Recht zwischen den Europäern ausgehöhlt. Zu den sogenannten Schutz- und Freundschaftsverträgen mit afrikanischen Häuptlingen vgl. Lazarus Hangula, Die Grenzziehungen in den afrikanischen Kolonien Englands, Deutschlands und Portugals im Zeitalter des Imperialismus 1880–1914, Frankfurt/M. 1991, S. 99–111.
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