Nomaden-Zelt - usbekische Jurte

15.6.2015 | Von:
Robert Kindler

Sesshaftmachung als Unterwerfung – Die kasachischen Nomaden im Stalinismus

Die Sowjetunion sollte nicht nur der Staat der Arbeiter und Bauern sein, sie war auch die Heimat zahlreicher Nomaden. Insbesondere an den Peripherien des Vielvölkerreiches, im Norden und Osten Sibiriens, in den Steppenregionen Zentralasiens und im Kaukasus gab es in den Jahrzehnten bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges eine Vielzahl nomadischer Gemeinschaften. Doch im Sowjetstaat war für sie auf Dauer kein Platz vorgesehen. Aufgrund ihrer Mobilität waren sie nur schwer kontrollierbar, und oft genug konnten sie sich den Anforderungen und Zumutungen der herrschenden Bolschewiki buchstäblich entziehen. Damit geriet das Projekt sowjetischer Staatsbildung insgesamt in Gefahr. Wo unklar war, wo sich die Untertanen überhaupt aufhielten, konnte von effizienter Herrschaftsdurchsetzung keine Rede sein. Deshalb wurden Kontrolle und Unterwerfung der Nomaden unter die Diktatur des sowjetischen Staates zu einem zentralen Ziel bolschewistischer Politik in Kasachstan; das Mittel, um es zu erreichen, war die Sesshaftmachung.[1]

Nomadismus als Herausforderung

Nirgends sahen sich die Bolschewiki durch den Nomadismus stärker herausgefordert als in Kasachstan.[2] Die zentralasiatische Sowjetrepublik gehörte zwar mit einer Fläche von rund 2,7 Millionen Quadratkilometern zu den größten administrativen Einheiten der Sowjetunion, doch war sie nur dünn besiedelt. 1926 lebte hier eine multiethnische Bevölkerung von etwas mehr als 6 Millionen Menschen. Mit rund 3,6 Millionen stellten die Kasachen die mit Abstand größte Bevölkerungsgruppe, an zweiter Stelle folgten mit knapp 1,3 Millionen Russen, hinzu kamen Ukrainer, Usbeken, Polen, Chinesen und Angehörige anderer nationaler Gruppen. Beinahe drei Viertel aller Kasachen waren Mitte der 1920er Jahre Nomaden oder Halbnomaden. Einige sowjetische Ethnologen beschrieben die Kasachen zu dieser Zeit als ein Volk, das mehrheitlich im Übergang zur Sesshaftigkeit begriffen sei.[3]

Dessen ungeachtet taten sich die Bolschewiki schwer damit, gegenüber den Nomaden staatliche Herrschaftsansprüche durchzusetzen. Ein frustrierter Sowjetfunktionär brachte das Problem zu Beginn der 1920er Jahre auf den Punkt: "In unseren Beziehungen mit den Bauern ist es (…) möglich, viel zu nehmen und wenig zu geben, aber mit den Nomaden ist dies nicht möglich – sie ziehen einfach weg."[4] Dies lag auch daran, dass der sowjetische Staat in der Steppe weitgehend auf dem Papier existierte; seine Institutionen waren vielfach hohl und handlungsunfähig.

Mit ähnlichen Verhältnissen hatten die Funktionäre auch in vielen anderen Regionen der Sowjetunion zu kämpfen, doch in Kasachstan verschärften die (halb)nomadische Kultur und die desolate Infrastruktur die damit verbundenen Probleme erheblich. Die Bolschewiki mussten sich daher notgedrungen auf Formen punktueller und interventionistischer Herrschaft beschränken und überließen die Landbevölkerung ansonsten weitgehend sich selbst. Für die meisten Nomaden waren dies gute Nachrichten. Sie legten keinen Wert auf die Anwesenheit des Staates und seiner Vertreter, die ihnen in der Regel ohnehin nur mit Forderungen und Zumutungen gegenübertraten.

Die 1920er Jahre stellten aus Sicht vieler Kasachen keinen fundamentalen Bruch mit der russischen Kolonialherrschaft in Zentralasien vor 1917 dar. Auch das zarische Imperium hatte nach der militärischen Eroberung der Region Mitte des 19. Jahrhunderts kaum wirksame Mittel gefunden, die Nomaden dauerhaft und effizient seinem Herrschaftsanspruch zu unterwerfen. Besonders deutlich wurde dies 1916, als in Zentralasien ein Aufstand losbrach, der sich an der Rekrutierung junger Muslime für die zarische Armee entzündete, aber eigentlich gegen die russische Kolonialherrschaft gerichtet war. Der Bürgerkrieg nach dem Ende des Zarenreiches und die damit verbundene Hungersnot hatten die Steppe noch weiter erschüttert und die Bevölkerung gelehrt, nicht an fremde Obrigkeiten zu glauben, sondern sich auf die eigenen Fähigkeiten zu verlassen.[5]

Die Bolschewiki gingen als Sieger aus dem siebenjährigen "Kontinuum der Krise" zwischen 1914 und 1921 hervor, in dem sich die Gewalterfahrungen des Ersten Weltkrieges, der Revolutionen des Jahres 1917 und des anschließenden Bürgerkrieges miteinander verbanden.[6] Doch der militärische Triumph der Roten Armee reichte nicht dazu aus, dass die Bevölkerung die Legitimität der Sowjetmacht anerkannte. Deshalb agierten die Bolschewiki in vielen Regionen wie Besatzer in einem fremden Land. Gewalt, Unterdrückung und Repressionen wurden zu zentralen Elementen ihrer Herrschaftsausübung.[7] Mit solchen Methoden gelang es nicht, die Sowjetmacht in der Steppe zu etablieren. Selbst führende kasachische Kommunisten gestanden dies Mitte der 1920er Jahre offen ein. Immer wieder machten Abgesandte des Zentrums in den abgelegenen Regionen die Erfahrung, dass die Autorität zentraler Institutionen immer nur so weit reichte, wie lokale Strukturen es gestatteten. Personale Netzwerke, die nach regionaler und verwandtschaftlicher Zugehörigkeit organisiert waren, instrumentalisierten die machtlosen Institutionen des sowjetischen Staates in der Provinz für ihre eigenen Zwecke. Dabei ging es einerseits um die Sicherung von materiellen Vorteilen, andererseits aber nutzten konkurrierende kasachische Klans Sowjetwahlen, Parteizellen und staatliche Organe in der Provinz für ihre Auseinandersetzungen untereinander.

Auch in ökonomischer Hinsicht hatten die Bolschewiki kaum Zugriff auf die Gesellschaft der Steppe, da die Schlüsselressourcen der Region – die Viehbestände – weitgehend von den Kasachen kontrolliert wurden. Damit war jedoch ein weiteres Problem verbunden: Insbesondere im Norden und Osten Kasachstans gerieten die (halb)nomadischen Viehhirten mit dort ansässigen Bauernsiedlern in Konflikt, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts aus dem europäischen Teil des Imperiums dorthin gezogen waren. Diese Migrationsbewegung riss auch nach 1917 nicht ab. Doch je mehr Bauern für den Ackerbau geeignete Flächen beanspruchten, desto weniger Weideland stand den Nomaden zur Verfügung.[8]

Der schwache sowjetische Staat war nicht in der Lage, die daraus resultierenden Spannungen aufzulösen und einvernehmliche Lösungen zu finden. Dies war auch deshalb schwierig, weil es zu den Prämissen der sowjetischen Nationalitätenpolitik gehörte, Angehörige der ehemals "unterdrückten" Nationen besonders zu fördern. Stalin hatte dies auf die berühmte Formel gebracht, die sowjetische Politik in den Unionsrepubliken solle "national in der Form, sozialistisch im Inhalt" sein.[9] Die Kasachen profitierten von der positiven Diskriminierung, die alle Bereiche des Lebens erfasste, von der Landverteilung bis hin zur Besetzung von Staats- und Parteiämtern. Wie in anderen Regionen der Sowjetunion auch, regte sich unter den europäischen Einwohnern Kasachstans erheblicher Widerstand gegen diese Praxis. Dabei konnten sie zumindest auf einige Fürsprecher in der Staats- und Parteiführung hoffen, die wenig mit der Bevorzugung indigener Bevölkerungsgruppen anfangen konnten.

Angesichts dieser Umstände kann es kaum verwundern, dass intensiv über die Zukunft des Nomadismus und mögliche Formen der Sesshaftmachung debattiert wurde. Die Diskussion darum war keineswegs neu; bereits im russischen Imperium hatten Wissenschaftler und Politiker, aber auch eine kleine Gruppe reformorientierter Kasachen das Ende des Nomadismus propagiert. Während erstere diesen Schritt als elementaren Bestandteil ihrer kolonialen "Zivilisierungsmission" begriffen, verstanden letztere die Sesshaftwerdung als Voraussetzung für die Konstituierung einer kasachischen Nation. Im Kern ging es bei all diesen Debatten immer um dieselben Punkte: Die nomadische "Rückständigkeit" und "Unkultiviertheit" sollten überwunden, die Viehhaltung rationalisiert und damit ihre Produktivität gesteigert werden, und schließlich sollten die mobilen Nomaden in verlässlicher Weise staatlicher Kontrolle unterworfen werden. Damit verband sich aus russischer Perspektive auch der Wille, neue Territorien für Bauernsiedler zu erschließen, die nach Zentralasien zogen. Grundsätzlich änderte sich an diesen Zielen nach 1917 zunächst wenig.

Die organisierte Sesshaftmachung war bei alldem ein eher theoretisches Problem, dem abgesehen von einigen Spezialisten niemand besondere Aufmerksamkeit schenkte. Stets waren auch kritische Stimmen zu vernehmen, die vor den verheerenden Folgen einer unüberlegten Sesshaftmachung warnten. So hieß es etwa in einer Studie zur Lage der kasachischen Ökonomie: "Die Zerstörung des nomadischen Wesens in Kasachstan würde nicht nur das Ende der Viehhaltung in der Steppe und der kasachischen Wirtschaft bedeuten, sondern auch die trockenen Steppen in unbewohnte Steppen verwandeln."[10] Doch als sich die gesamte sowjetische Politik Ende der 1920er Jahre massiv radikalisierte, wurde der geplante Übergang zur Sesshaftigkeit praktisch relevant. Denn die stalinsche "Revolution von oben"[11] war auf die Unterwerfung der gesamten Sowjetgesellschaft ausgerichtet. Die kasachischen Nomaden stellten dabei keine Ausnahme dar.

Fußnoten

1.
Ausführlich dazu Robert Kindler, Stalins Nomaden. Herrschaft und Hunger in Kasachstan, Hamburg 2014.
2.
In diesem Beitrag wird mit "Kasachstan" die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik Kasachstan (KASSR) bezeichnet, die ab 1936 zu einer eigenständigen Sowjetrepublik (KSSR) wurde.
3.
Vgl. Isabelle Ohayon, La sédentarisation des Kazakhs dans l’URSS de Staline. Collectivisation et changement social, 1928–1945, Paris 2006.
4.
Zit. nach: Šamšija Muchamedina, Ėkonomi českaja politika sovetskoj vlasti v kazachstanskom regione 1917–1926, in: Voprosy Istorii, (1997) 6, S. 125–132, hier: S. 128.
5.
Detailliert dazu Jörn Happel, Nomadische Lebenswelten und zarische Politik. Der Aufstand in Zentralasien 1916, Stuttgart 2010.
6.
Vgl. Peter Holquist, Making War, Forging Revolution. Russia’s Continuum of Crisis, Cambridge MA 2002.
7.
Vgl. Jörg Baberowski, Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, München 2012.
8.
Zu den daraus resultierenden Konflikten vgl. Terry Martin, The Affirmative Action Empire. Nations and Nationalism in the Soviet Union, 1923–1939, Ithaca 2001, S. 59–67.
9.
Vgl. ebd., S. 1–28.
10.
Sergej Švecov, Kazakskoe chozjajstvo v ego estestvenno-istoričeskich i bytovych uslovijach, Leningrad 1926, S. 105.
11.
Vgl. Robert Tucker, Stalin in Power. The Revolution from Above, 1928–1941, New York 1990.
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