Münzfernglas im Gebirge

24.7.2015 | Von:
Sabine Pfeiffer

Industrie 4.0 und die Digitalisierung der Produktion – Hype oder Megatrend?

Vierte industrielle Revolution?

Der Diskurs zu Industrie 4.0 verläuft häufig zu technisch und national zentriert. Beides definiert den Kern des Redens über Industrie 4.0 als Megatrend nicht ausreichend: Der Ursprung und die Intention des Diskurses sind nicht rein technisch, sondern vor allem ökonomisch motiviert; sie folgen internationalen Strategien, denen nationale Politik eher nacheilt, statt voranzugehen. Dass wir im Jahr 2015 fast in jeder gesellschaftlichen Sphäre von Industrie 4.0 reden, ist nicht die kausale Folge eines realen Stands technischer Entwicklungen, sondern diskursanalytisch betrachtet ein Fall professionellen agenda-buildings.[9] Gerade deshalb aber sind der Ursprung des Diskurses und die damit transportierten Vorstellungen so relevant, denn sie beeinflussen Richtung und Ausgestaltung des erwarteten, realen und letztlich technisch und auf nationaler Ebene zu konkretisierenden Wandels.

Industrie 4.0 wird von ihren Protagonisten als vierte industrielle Revolution definiert; dabei ist schon der Begriff "industrielle Revolution" alles andere als eindeutig. Dass der Terminus "zwar zu den gebräuchlichsten, zugleich aber auch zu den umstrittensten Begriffen der Wirtschaftsgeschichte" gehört, gilt sowohl für die inhaltliche Bestimmung (wirtschaftlich-technische Veränderung der Produktionsweise vs. daran anschließende soziokulturelle und politische Wandlungsprozesse) als auch für die zeitliche Eingrenzung (auf wenige Jahrzehnte eingrenzbare Periode beschleunigten Wirtschaftswachstums vs. lang anhaltender Zeitraum des Wachstums) sowie die historische Bedeutung (vergleichbar mit der Entwicklung der neolithischen Jäger- und Sammlerkulturen oder nicht).[10] Über die wirkliche Bedeutung von Industrie 4.0 in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte werden sich erst nachfolgende Generationen – möglicherweise – ein Bild machen, aber auch die inhaltliche Bestimmung der aktuell beschworenen Revolution ist unklar, und die Entwicklungszeiträume werden ebenfalls divers eingeschätzt.

Während die Stifter des Diskurses und relevante politische Akteure einerseits von zukünftigen Entwicklungen sprechen und die Revolution gelegentlich in eine Evolution abgeschwächt wird, mahnen sie andererseits Dringlichkeit und rasches Handeln an, wolle man nicht den Anschluss – oder die Vorreiterrolle – im globalen Wettbewerb verlieren.[11] Die immanente Widersprüchlichkeit bringt eine der vielen Studien von Unternehmensberatungen zum Thema auf den Punkt: "The idea of how Industry 4.0 should actually be addressed becomes increasingly fuzzy. It has emerged in our discussions with clients and partners that there is no common understanding of how the manufacturing business will change and how organizations need to transform. There is a risk that the hype around Industry 4.0 will bypass corporate reality. Nevertheless, the consequences for late-movers are most likely devastating: as in earlier industrial revolutions, organizations ignoring the need for change will be forced out of the market rapidly."[12]

Selbst im engeren technischen Diskurs herrscht wenig Einigkeit über die inhaltliche Bestimmung: So hält ein Informatik-Fachausschuss den Begriff Industrie 4.0 für ein "emotional aufgeladenes Konzept"; CPS gebe es schon seit vierzig Jahren und es sei daher "vermessen und unseriös", von einer industriellen Revolution zu sprechen; technisch etwa sei selbst Echtzeit ein "alter Hut", den Konrad Zuse vor siebzig Jahren en passant erfunden habe.[13] Der Verfasser eines Fachartikels aus der Automatisierungsperspektive wundert sich zwar auch über das ungewöhnlich frühe Ausrufen einer Revolution, betont aber: Einzelne Technologien möge es schon länger geben, das revolutionär Neue aber erwachse aus der "Kombination verfügbarer Technologien auf neue Weise", mit der wiederum eine "Fülle an bisher undenkbaren neuen Geschäftsmöglichkeiten" entstehe.[14]

Ökonomische Hoffnungen

Damit sind wir bei den eigentlichen Erwartungen – denn diese liegen letztlich nicht im technisch Machbaren, sondern basieren vor allem auf ökonomischen Hoffnungen: So wird in einer vom IT-Branchenverband BITKOM gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation herausgegebenen Studie von einem durch Industrie 4.0 generierten Wirtschaftswachstum für Deutschland in Höhe von 78 Milliarden Euro bis 2025 ausgegangen, verbunden mit Wachstumsraten von bis zu 30 Prozent in einzelnen Branchen, etwa dem Maschinen- und Anlagenbau.[15] Andere Autoren kritisieren deren wenig überzeugende Datenbasis und verdeutlichen nach einem systematischen Vergleich diverser Einschätzungen der wirtschaftlichen Effekte durch Industrie 4.0, dass den durchweg positiven Wachstumserwartungen auch erhebliche Investitionen gegenüberzustellen sind, die das optimistische Bild relativieren.[16]

Die Erwartungen immensen Wachstums durch Industrie 4.0 sind gerade in Deutschland eng an die Export- und Innovationsstärke des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus geknüpft, die als Ausrüster eine zentrale Rolle für Industrie 4.0 spielen: Basis der CPS sind die physischen Produkte und die daran gekoppelten Dienstleistungen dieser Branche. Diese Stärke Deutschlands und der vergleichsweise hohe Wertschöpfungsanteil der industriellen Produktion erklären die national zentrierte Diskussion. Es geht letztlich darum, ob die neuen Möglichkeiten der globalen Vernetzung in national wirksame ökonomische Effekte umgesetzt werden können. Im Kontext des globalen Wettbewerbs – insbesondere zu China und den USA – erscheint Industrie 4.0 etwa dem Vorstandsvorsitzenden von Siemens, Joe Kaeser, gar als "Schicksalsfrage der deutschen Industrie".[17] Kaum bescheidener sieht es die Politik: "Wir wollen Deutschland als digitales Wachstumsland Nr. 1 in Europa etablieren", so der Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Sigmar Gabriel.[18]

Auch wenn der Begriff Industrie 4.0 eine deutsche Erfindung sein mag – die Idee ist es nicht: Eine Task Force des World Economic Forum (WEF) beschäftigt sich seit 2011 mit advanced manufacturing. [19] Zentral sind auch hier Ideen zunehmender Vernetzungsqualität in der Produktion oder des Einsatzes additiver Verfahren. Seit der internationalen Finanzkrise ab 2008 beobachtet das WEF eine wachsende Bedeutung der industriellen Produktion und beschreibt Industriepolitik in diesem Zusammenhang als "eine Kunstform" mit dem zentralen Ziel, die Wirtschaft zu unterstützen und sie von Bürokratie oder anderen Störungen zu befreien. Die erste Phase des Projekts hatte das Ziel, ein "datengetriebenes Narrativ" zu initiieren – ein Vorhaben, das offensichtlich funktioniert hat, startete der deutsche Diskurs zu Industrie 4.0 doch praktisch zeitgleich mit den Aktivitäten der WEF Task Force.[20]

Mit ähnlicher Diagnose – Wiederentdeckung der Bedeutung des industriellen Sektors für die Wertschöpfung, ökonomisches Risiko durch die Deindustrialisierung in den USA und Zentraleuropa zugunsten der Schwellenländer China und Brasilien – und expliziter Handlungsaufforderung an die Politik folgte die Unternehmensberatung Roland Berger 2014 der Linie des WEF: Immense Investitionen seien nötig, die Idee von Industrie 4.0 müsse zu einer europäischen Idee transformiert werden, und Politik habe die Aufgabe, Regulierungshemmnisse abzubauen, die nötige Infrastruktur zu schaffen und Unternehmensneugründungen zu unterstützen.[21] Der Nachhall dieser Appelle ist in den Positionspapieren nationaler Akteure in Deutschland fast eins zu eins wiederzufinden: Sie spiegeln sich in den Handlungsfeldern der Digitalen Agenda der Bundesregierung[22] ebenso wider wie in den Positionspapieren der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.[23]

Fußnoten

9.
Vgl. Reiner Keller, Müll. Die gesellschaftliche Konstruktion des Wertvollen, Wiesbaden 2009, S. 64.
10.
Vgl. Hans-Werner Hahn, Die industrielle Revolution in Deutschland. Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 49, München 2005, S. 51–58, Zitat: S. 51.
11.
Vgl. Thomas Bauernhansl, Die Vierte Industrielle Revolution, in: ders./Michael ten Hompel/Birgit Vogel-Heuser (Hrsg.), Industrie 4.0 in Produktion, Wiesbaden 2014, S. 5–37.
12.
Jochen Bechthold et al., Industry 4.0. The Capgemini Consulting View, Sharpening the Picture Beyond the Hype, Paris 2014, S. 4.
13.
Wolfgang A. Halang/Herwig Unger, Vorwort, in: dies. (Hrsg.), Industrie 4.0 und Echtzeit, Wiesbaden 2014, S. V f.
14.
Rainer Drath, Industrie 4.0 – eine Einführung, in: Open Automation, (2014) 3, S. 17–21.
15.
Vgl. Wilhelm Bauer et al., Industrie 4.0. Volkswirtschaftliches Potenzial für Deutschland, Berlin 2014.
16.
Vgl. Steffen Wischmann/Leo Wangler/Alfons Botthof, Industrie 4.0. Volks- und betriebswirtschaftliche Faktoren für den Standort Deutschland, Berlin 2015.
17.
Zit. nach: Kaeser: Industrie 4.0 ist Schicksalsfrage der deutschen Industrie, 12.4.2015, http://www.finanznachrichten.de/33371314« (9.7.2015).
18.
Sigmar Gabriel, Vorwort, in: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (Hrsg.), Industrie 4.0 und Digitale Wirtschaft, Berlin 2015, S. 2.
19.
Vgl. World Economic Forum, The Future of Manufacturing, Davos 2015, S. 6–9, S. 25, S. 73.
20.
Vgl. ebd.
21.
Vgl. Roland Berger, Industry 4.0. The New Industrial Revolution, How Europe Will Succeed, München 2014.
22.
Vgl. Bundesregierung, Digitale Agenda 2014–2017, http://www.digitale-agenda.de« (9.7.2015).
23.
Vgl. Digitalisierung von Wirtschaft und Arbeitswelt. Rede von Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer, 3.12.2014, http://www.arbeitgeber.de/www/arbeitgeber.nsf/res/25FFD432EBE52017C1257DA40035846A/$file/Rede-IK-Digitalisierung-von-Wirtschaft-und-Arbeitswelt.pdf« (9.7.2015).
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Autor: Sabine Pfeiffer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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