Münzfernglas im Gebirge

24.7.2015 | Von:
Sabine Pfeiffer

Industrie 4.0 und die Digitalisierung der Produktion – Hype oder Megatrend?

Von Menschen, Arbeit und Maschinen

Was bedeutet all dies für Arbeitsmarkt, Beschäftigung und Qualifikation, aber auch für gesellschaftlich übergreifende Fragen, denen ebenfalls ein Megatrendstatus zugesprochen wird, wie Ökologie oder Demografie?[24] Zunächst scheint Industrie 4.0 auf all diese Fragen positive Antworten zu liefern: Der Ansatz ermögliche die fortlaufende Optimierung der Ressourceneffizienz über gesamte Wertschöpfungsnetze hinweg, Arbeit könne nicht nur demografiesensibel und sozialer gestaltet werden, sie werde auch kreativer und von Routineaufgaben entlastet und biete künftig verbesserte Weiterbildungs- und Vereinbarkeitschancen.[25]

Das klingt so schön wie erstaunlich – denn die Frage liegt nahe, warum neue technische Möglichkeiten quasi automatisch in der Lage sein sollten, Widersprüche und Schwierigkeiten der aktuellen Arbeitswelt zu überwinden. Die Entwicklung der Arbeit in den vergangenen dreißig Jahren hat gezeigt, dass erweiterte Autonomiespielräume für Beschäftigte stets auch mit Widerhaken verbunden waren. Die Chancen bisheriger IT-Technik wurden oft zu einseitig gestaltet; Arbeitsverdichtung und neue, vor allem psychische Belastungen waren und sind empirisch belegbare Folgen.[26] Und wenn betont wird, Beschäftigte würden nicht zu "biologischen Robotern degradiert", sondern stünden "weiterhin als Menschen im Mittelpunkt der Produktion",[27] stellt sich die Frage, warum in den vergangenen Jahren im Zuge der Umsetzung ganzheitlicher Produktionssysteme oft die Taktzeiten verkürzt, ganzheitliche Aufgabenzuschnitte zurückgenommen und teilautonome in geführte Gruppenarbeit umgewandelt wurde. Es gab eine Fülle an Maßnahmen, die tendenziell zu weniger guter Arbeit für Menschen in der Produktion geführt haben.[28]

Soll Arbeit im Kontext von Industrie 4.0 tatsächlich wieder stärker den Bedürfnissen der Menschen in den Produktionsprozessen folgen, dann erfordert dies eindeutige und letztlich normative Entscheidungen darüber, wie wir zukünftig arbeiten und leben wollen. Die Technik selbst "entscheidet" nicht – aber: Wie und nach welchen Prämissen wir Technik gestalten, das eröffnet oder verhindert Optionen. Wie in jeder anderen Phase der Automatisierung geht es um die Entscheidung darüber, in welchem Verhältnis Technik und Mensch zueinander stehen sollen. Im aktuellen Diskurs treffen sich dabei meist diametrale Szenarien, die entweder von einer Aufwertung der Rolle des Menschen im Arbeitsprozess (höhere Qualifikation, zunehmende Anteile kreativer Wissensarbeit und Abnahme körperlich belastender oder Routinearbeit) oder dessen Ersetzung und Abwertung ausgehen (technologische Arbeitslosigkeit und Abwertung der Qualifikation). Die häufig zitierten Szenarien betonen dabei entweder das positive Werkzeug oder die negativ konnotierte Automatisierung[29] beziehungsweise den positiven Schwarm gegenüber einer negativ gezeichneten, polarisierten Organisation.[30] Auch bei der Frage, ob durch Industrie 4.0 neue Arbeitsplätze entstehen oder wir einer Phase technologisch bedingter Arbeitslosigkeit entgegensehen, scheint es nur ein Entweder-Oder zu geben: So prognostizieren etwa Forschungen für den US-amerikanischen Arbeitsmarkt, dass dramatische 47 Prozent aller Jobs der Digitalisierung zum Opfer fallen würden,[31] andererseits stellt die Unternehmensberatung Boston Consulting Group allein durch Industrie 4.0 für Deutschland 390.000 neue Arbeitsplätze in Aussicht.[32]

Solche Gegenüberstellungen in Schwarz-Weiß-Manier suggerieren, wir stünden an einer eindeutig auszumachenden Wegscheide, an der es gelte, sich alternativlos für den einen oder anderen Pfad zu entscheiden. Die Realität wird vielschichtiger sein, die Entwicklungen widersprüchlich und ungleichzeitig. Diametrale Szenarien sind Zuspitzungen, die im Diskurs über Industrie 4.0 helfen, zu klären, was auf dem Weg in die Zukunft der Arbeit gestaltet werden soll. Die dafür notwendigen Entscheidungen müssen aktiv auf betrieblicher und gesellschaftlicher Ebene ausgehandelt werden. Was Industrie 4.0 am Ende ist, ob der Prozess das Etikett "industrielle Revolution" verdient haben wird, ob technologische Optionen Arbeit und Leben für viele besser machen oder ob wir alle neben dem Roboter ununterscheidbares Element einer global vernetzten blended workforce [33] werden – all das liegt in unser aller Hände.

"Einmischen, hinterfragen und mitgestalten" lautet das Gebot der Stunde. Dafür ist Deutschland tatsächlich gut gerüstet: 71 Prozent der Beschäftigten gehen heute schon an ihrem Arbeitsplatz mit hoher Komplexität und vielen Unwägbarkeiten um und bewältigen erfolgreich vielfältigen Wandel.[34] Ihr Fach- und Erfahrungswissen macht sie fit für die Industrie 4.0. Die Ressourcen zur partizipativen Gestaltung der Industrie der Zukunft sind also da – es gilt nun, sie auch zu nutzen.

Fußnoten

24.
Siehe hierzu auch die Beiträge von Oliver Geden/Silke Beck und Thorsten Wiechmann in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
25.
Vgl. H. Kagermann/W. Wahlster/J. Helbig (Anm. 5), S. 5.
26.
Vgl. Sabine Pfeiffer, Technologische Grundlagen der Entgrenzung, in: Bernhard Badura et al. (Hrsg.), Fehlzeiten-Report 2012, Berlin 2012, S. 15–21.
27.
W. Bauer et al. (Anm. 15), S. 38.
28.
Vgl. Wilfried Adami et al. (Hrsg.), Montage braucht Erfahrung, München 2008.
29.
Vgl. Lars Windelband/Georg Spöttl, Diffusion von Technologien in die Facharbeit und deren Konsequenzen für die Qualifizierung am Beispiel des "Internet der Dinge", in: Uwe Faßhauer/Bärbel Fürstenau/Eveline Wuttke (Hrsg.), Berufs- und wirtschaftspädagogische Analysen, Opladen 2012, S. 205–219.
30.
Vgl. Hartmut Hirsch-Kreinsen, Wandel von Produktionsarbeit – "Industrie 4.0", in: WSI Mitteilungen, 67 (2014) 6, S. 421–429.
31.
Vgl. Carl B. Frey/Michael A. Osborne, The Future of Employment: How Susceptible Are Jobs to Computerisation?, Oxford 2013.
32.
Vgl. Michael Rüßmann et al., Industry 4.0. The Future of Productivity and Growth in Manufacturing Industries, Boston 2015.
33.
Gemeint ist eine "collaborative workforce composed of both people and machines (…) working side by side". Ob intelligente Algorithmen oder Roboter: Menschen und Technik werden dabei auf eine Stufe gestellt, mit unterschiedlichen einzubringenden Fähigkeiten. Vgl. Accenture, Digital Business Era, Phoenix 2015, S. 88.
34.
Vgl. Sabine Pfeiffer/Anne Suphan, Der AV-Index. Lebendiges Arbeitsvermögen und Erfahrung als Ressourcen auf dem Weg zu Industrie 4.0., Stuttgart 2015, http://www.sabine-pfeiffer.de/files/downloads/2015-Pfeiffer-Suphan-draft.pdf« (9.7.2015).
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Autor: Sabine Pfeiffer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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