Münzfernglas im Gebirge

24.7.2015 | Von:
Horst W. Opaschowski

Mode, Hype, Megatrend? Vom Nutzen wissenschaftlicher Zukunftsforschung - Essay

Wünsche und Visionen von einer besseren Zukunft gibt es in der gesamten Menschheitsgeschichte. Dahinter verbirgt sich die uralte Sehnsucht nach dem "guten Leben", aber auch der Wunsch, dem eigenen Dasein einen tieferen Sinn zu geben und nicht nur blindlings in den Tag hineinzuleben. Das Problem vieler Voraussagen und Prognosen der vergangenen Jahrzehnte: Technologiemöglichkeiten wurden zu oft als Zukunftswirklichkeiten beschrieben. Wie selbstverständlich gingen Technologiegläubige von dem Immer-schneller-Prinzip aus. Fast alles, was vorstellbar war, sollte auch machbar sein. Entsprechend sahen die Prognosen für die weitere Zukunft aus – von der Wetterlenkung auf der Erde über die intergalaktische Nachrichtenverbindung bis zum lang anhaltenden Koma, das Reisen in die Zeit erlaubt. Das war purer Futurismus zwischen Fantasterei und Science-Fiction. Wer so einseitig technologisch-technokratisch dachte, musste einfach an der sozialen Wirklichkeit scheitern – an dem, was der Mensch braucht oder wirklich will.

Andererseits gibt es seit einem halben Jahrhundert eine Zukunftsforschung auf wissenschaftlicher Basis, die treffsichere Prognosen erstellt. In den 1960er Jahren[1] wurde beispielsweise prognostiziert, dass Menschen länger leben werden, dass die Kinderzahl sinken wird, dass immer mehr Menschen in Städten leben werden, dass die Möglichkeiten zur Datenverarbeitung das Stöbern in Büchern zunehmend ablösen wird und dass Maschinen dem Menschen immer öfter Arbeit ab- oder auch wegnehmen werden. Seinerzeit gab es noch kein Microsoft und kein Google, weder Facebook noch Amazon. Doch die wissenschaftlichen Prognosen sind inzwischen Wirklichkeit geworden.

Wie zu(ver)lässig sind Konjunkturprognosen?

Der ehemalige tschechische Präsident Václav Havel fragte sich einmal, was passieren würde, wenn man Ökonomen die Aufgabe übertrüge, die Arbeit eines Sinfonieorchesters zu optimieren. Seine Antwort: Wahrscheinlich würden sie in Beethovens Konzerten alle Pausen streichen. Denn man könne doch die Musiker nicht dafür bezahlen, dass sie nicht spielen. Ökonomen, so Havel, verhielten sich nicht selten wie bloße Buchhalter, die "aus einem engen materialistischen Blickwinkel heraus" nicht in der Lage seien, die Welt des 21. Jahrhundert wirklich zu verstehen.[2]

In gleicher Weise argumentiert Havels früherer Berater Tomáš Sedláček als Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrates in Prag. Er kritisiert die modernen Mainstream-Ökonomen, die vom Leitbild des homo oeconomicus besessen und für das Verstehen menschlicher Handlungen geradezu blind seien. Das Mathematische zähle ihnen mehr als das Menschliche, die Methode sei ihnen wichtiger als die Substanz. Und auf nicht exakte Wissenschaften – von der Philosophie bis zur Ethik – blickten sie "mit Verachtung hinunter, die auf positivistischer Arroganz beruht".[3] Die Folgen dieses Denkens bleiben nicht aus: Die Gier nach immer mehr (und nicht nach immer besser) beherrscht die Diskussion der modernen Ökonomie. Über Maßlosigkeit und Übermaß braucht sich daher niemand zu wundern. Bescheidenheit und Genügsamkeit bleiben auf der Strecke.

Jetzt wird auch verständlich, warum sich die Vorhersagen der Ökonomen oft als Fehlprognosen erweisen: weil sie die wirklich wichtigen Dinge im Leben nicht im Blick haben. Viele Ökonomen verstehen sich primär als Apostel eines ständigen Wirtschaftswachstums, konzentrieren sich auf das Hier und Jetzt und wollen vom Blick nach vorn und von Zukunftsfragen zur Sinnorientierung des Lebens wenig wissen. Sedláček bringt es auf den Punkt: Ein radikales Umdenken sei nötig, "weil eine Wirtschaftspolitik, die nur materielle Ziele verfolgt, immer zu Schulden führen wird".[4] Unerwartete Rezessionen und anhaltende Krisenzeiten machen Ökonomen ratlos. Ihre mathematischen Standardmodelle greifen plötzlich nicht mehr. So erweist sich am Ende fast jede Theorie als Biografie, die viel über die persönlichen Ansichten der Ökonomen, aber wenig über die offenen Lebenswünsche der Menschen sagt. Auf diese Weise droht die Ökonomie, ihre Seele zu verlieren.

Die Wirtschaftsforschung als Prognoseforschung ist seit Jahren überfordert; würden die Konjunkturforscher, die weiterhin alle paar Monate neue "Prognosen" aufstellen, nach ihrer Treffsicherheit bezahlt, wären sie allesamt Sozialfälle. Denn Ihre Projektionen erwecken nur den Anschein punktgenauer Vorhersagen; in Wirklichkeit agiert das moderne Vorhersagegeschäft mit unvorstellbaren Fehlerquoten. So rechneten die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Frühjahrsgutachten 2015 mit einem Wirtschaftswachstum von 2,1 Prozent, im Herbst 2014 hatten sie dagegen nur einem Anstieg von 1,2 Prozent prognostiziert. Dies entspricht einer Fehlerquote von 75 Prozent in nur sechs Monaten. Das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle an der Saale prognostizierte im Dezember 2011 für das Jahr 2012 ein Wachstum der deutschen Wirtschaft von 0,3 Prozent. Drei Monate später korrigierte das Institut seine Wachstumsprognose auf 1,3 Prozent, was einer Fehlerquote von über 400 Prozent in drei Monaten entspricht. Welchen Wert hat eine solche Forschung? Die Folgen der andauernden Überforderung sind fatal: Kaum ein Forschungsinstitut sieht (und sah) globale Finanz- und Wirtschaftskrisen voraus.

Zudem widersprechen sich die wirtschaftspolitischen Einschätzungen der Experten vielfach. Nach dem Erfolgsprinzip "Erzählen ist mehr als Zählen" entwirft jeder eine andere Geschichte, die auch zu anderen Vorhersagen führt. Der damalige Leiter der Abteilung Konjunktur des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gab vor einigen Jahren unumwunden zu: "Neben der Genauigkeit der Prognosen spielt vor allem die Story eine Rolle, die zu einer Vorhersage führt (…). Für die wirtschaftspolitische Beratung ist im Zweifel die Story wichtiger als die Genauigkeit."[5] Die Politik bleibt gegenüber dieser Art von Prognoseforschung jedoch relativ beratungsresistent: "Expertise wird in der Politik zwar als Argumentationshilfe gebraucht, aber nie umgesetzt, schon gar nicht eins zu eins. (…) Ökonomische Erkenntnis ist vor allem ein Mittel zum Zweck, eine Argumentationshilfe, aber kein Navigationssystem."[6] Denn, so Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble 2013: "Sie können politische Entscheidungen nicht an die Wissenschaft abtreten."[7]

Fußnoten

1.
Vgl. Ernst Gehmacher, Report 1998. So leben wir in 30 Jahren, Stuttgart 1968.
2.
Václav Havel, Vorwort, in: Tomáš Sedláček, Die Ökonomie von Gut und Böse, München 2012, S. 9ff., hier: S. 10.
3.
T. Sedláček (Anm. 2), S. 14.
4.
Ebd., S. 400.
5.
Zit. nach: Ralf Grötker, Plus/minus ein Prozent, in: brand eins 11/2008, S. 40–46, hier: S. 42.
6.
Ullrich Fichtner/Alexaner Smoltczyk, Mein Gott, liegen wir richtig?, in: Der Spiegel vom 21.9.2013, S. 64–68, hier: S. 68.
7.
Zit. nach: ebd.
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Autor: Horst W. Opaschowski für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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