Wortskulptur "Einheit" von Hüseyin Arda vor dem Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums, Berlin

7.8.2015 | Von:
Eckhard Jesse

Das Ende der DDR

Essay

Ursachen und Folgen im Vergleich

Die Initiative für das Ende der DDR – der langjährigen diktatorischen wie der kurzzeitigen demokratischen – ging von den bei ihrer Flucht- wie ihrer Demonstrationsbewegung durch westliche Medien[35] beeinflussten Menschen in der DDR aus – die Macht der Bilder überlagerte die Bilder der Macht. Sie stürzten das System der Unfreiheit im ersten möglichen Moment, und sie strebten – sofort, unverzüglich – die Einheit Deutschlands an. Beides konnte nur gelingen, weil sich die Sowjetunion dem nicht mehr entgegenstellte. Im Vergleich zu den Ursachen für das Ende der SED-Diktatur (die veränderte außenpolitische Konstellation durch die Sowjetunion Gorbatschows) sind endogene Faktoren (der klare Wille der DDR-Bevölkerung) für das Ende der DDR stärker.

Wer die Folgen des Endes der DDR mit Blick auf Freiheit und Einheit in den Blick nimmt, erkennt eine gewisse Diskrepanz zwischen der Einschätzung im Osten und im Westen Deutschlands einerseits, der im Ausland andererseits. Der Blick von außen nimmt die deutsche Einheit weithin als "Erfolgsgeschichte" wahr und empfindet manche Klage als "Luxusproblem". In Deutschland hingegen wird mehr über die materiellen Kosten der Einheit geredet als über die immateriellen Lasten der Teilung. Richard Schröder, neben Jens Reich und Friedrich Schorlemmer einer der führenden Intellektuellen aus dem Osten, wendet sich gegen die Miesmacher, welche die deutsche Einheit vor allem unter der Rubrik "Pleiten, Pech und Pannen"[36] abhandeln, ebenso gegen Gesundbeterei.

Machen wir ein weiteres Gedankenexperiment: Bei den Menschen in der DDR wäre, kurz vor dem Fall der Mauer, als Zukunftsszenario die heutige Situation in Deutschland beschrieben, wohl eitel Freude gewesen; die ökonomische Lage nahm desolate Ausmaße an, die Demonstrationsbewegung höchst riskante Formen. Hätten dieselben Personen elf Monate später, kurz vor der deutschen Einheit, in höchster Euphorie, erfahren, die Lage werde in 25 Jahren so sein wie derzeit, wäre der Missmut groß gewesen. Das Urteil hängt stark vom jeweiligen Ausgangspunkt ab.

Ist durch die deutsche Einheit auch die "alte" Bundesrepublik Deutschland untergegangen? Wer diese Position teilt, benennt neben dem größeren außenpolitischen Spielraum, der militärische Verantwortung einschließt, Tendenzen im Westen, die jenen in den neuen Bundesländern ähneln: den Rückgang der Wahlbeteiligung etwa, die sinkende Zahl der Parteimitglieder, die nachlassende Partizipation in Bürgerinitiativen. Dies sind jedoch gesellschaftliche Prozesse in der gesamten westlichen Welt. Insofern ist der Osten keineswegs ein Vorreiter für den Westen. Es ist weithin zu einer Verwestlichung des Ostens gekommen, nicht zu einer "Verostung" (Arnulf Baring) des Westens. Je weiter wir uns von 1989/90 entfernen, umso klarer zeigt sich: Die DDR, ein künstliches Gebilde, schuf wenig Dauerhaftes.

Aufgaben der hiesigen Politikwissenschaft

Mit Blick auf die Rezeption der friedlichen Revolution 1989 und der deutschen Einheit 1990 fällt das Urteil über die Politikwissenschaft nicht sonderlich positiv aus. Die Geschichtswissenschaft hat ihr vielerorts den Rang abgelaufen. Ich nenne beispielhaft nur je ein (Meister-)Werk: Ilko-Sascha Kowalczuks "Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR" und Andreas Rödders "Deutschland einig Vaterland". Historische Umbrüche derartigen und unerwarteten Ausmaßes rufen naturgemäß zunächst Zeithistoriker auf den Plan, die den Verlauf samt Ursachen und Folgen detailliert nachzeichnen und Mythen korrigieren.

Ein Vierteljahrhundert nach 1989/90 ist es jedoch Zeit für größere politikwissenschaftliche Perspektiven. Ein Titel wie "Die Auflösung der Deutschen Demokratischen Republik", der an ein bahnbrechendes Werk Karl Dietrich Brachers von 1955 zur Weimarer Republik erinnert, ist ebenso ein Desiderat wie ein kategorial überzeugendes Werk zum Systemwechsel 1989/90 in der DDR, auch unter Einbeziehung der internationalen Konstellationen. Die innen- und außenpolitischen Folgen der deutschen Einheit sind politikwissenschaftlich ebenfalls unzureichend analysiert.

Beherzigte die deutsche Politikwissenschaft stärker Maximen ihrer Gründungsväter, gewönne das Fach mehr Ausstrahlung und Bodenständigkeit zugleich. Wie die mit dem Namen von Karl Dietrich Bracher und seinem Nachfolger Hans-Peter Schwarz verbundene "Bonner Schule" gelehrt hat, muss der Unterschied zwischen der Politik- und der Geschichtswissenschaft ohnehin nicht prinzipieller Natur sein. Die Politikwissenschaft hat bei aller Notwendigkeit der Strukturanalyse die Rolle von Persönlichkeiten (wieder) stärker zu erfassen.[37] Auch das lehrt die Geschichte der friedlichen Revolution und die der deutschen Einheit. Es gilt, an den großen Wurf Peter Graf Kielmanseggs, der die Zeit bis 1990 doppelsinnig mit "Nach der Katastrophe" einfängt, so die traumatische Vergangenheitsfixierung im westlichen Deutschland betonend, bald anzuknüpfen. Möglicher Titel: "Nach dem Wunder".

Der Beitrag ist eine gekürzte Fassung der Abschiedsvorlesung des Autors am 3. Juli 2014 an der TU Chemnitz.

Fußnoten

35.
Vgl. Thomas Großmann, Fernsehen, Revolution und das Ende der DDR, Göttingen 2015.
36.
Richard Schröder, Die wichtigsten Irrtümer über die deutsche Einheit, Freiburg i. Br. 2007, S. 9, 31, 201, 203.
37.
Vgl. Jürgen Hartmann, Persönlichkeit und Politik, Wiesbaden 2007.
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