Wortskulptur "Einheit" von Hüseyin Arda vor dem Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums, Berlin

7.8.2015 | Von:
Jürgen Danyel

Alltag Einheit: Ein Fall fürs Museum!

Alltag in der frühen Vereinigungsgesellschaft

"Alltag Einheit. Porträt einer Übergangsgesellschaft" – der für die Ausstellung schließlich gewählte Titel bringt in mehrfacher Hinsicht den Anspruch des Projekts zum Ausdruck: Im Mittelpunkt steht nicht das Geschehen auf der großen politischen Bühne, auf der nach dem Fall der Mauer der Weg zur deutschen Einheit geebnet wurde. Stattdessen nimmt die Ausstellung den Alltag in den Blick und fragt danach, wie sich die Zeitgeschichte mit ihren markanten Zäsuren in die alltägliche Erfahrungswelt und die Lebensgeschichten der Menschen in der ersten Hälfte der 1990er Jahre eingeschrieben hat.[6]

Fahnenproduktion, DEWAG-Fahnenlager, Berlin, 1.10.1990
Das Ausstellungsplakat zeigt eine Frau mit geblümter Kittelschürze, die schwarz-rot-goldene Fahnen zu einem Paket schnürt. Es handelt sich um eine Aufnahme des Fotografen Jens Rötzsch, die am 1. Oktober 1990 im Fahnenlager der Deutschen Werbe- und Anzeigengesellschaft (DEWAG) entstanden ist. Sie steht ganz offensichtlich im Zusammenhang mit den unmittelbar bevorstehenden Feiern zur deutschen Einheit, wobei es für den Betrachter offen bleibt, ob es sich um obsolet gewordene DDR-Fahnen oder die jetzt überall gefragten Deutschlandfahnen handelt. Das Spannungsverhältnis von Alltäglichem und Politischem wird mit diesem Bildmotiv besonders prägnant zum Ausdruck gebracht.

Die Ausstellung setzt im Jahr 1990 ein. Genau genommen geht für sie der Prozess der deutschen Vereinigung als ein historisch einmaliger Vorgang gesellschaftlichen Wandels nach dem 3. Oktober 1990 erst richtig los. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Reformutopien für eine bessere DDR längst erledigt, die Mehrheit der Ostdeutschen hatte für einen schnellen Weg zur Vereinigung votiert und die Euphorie des Mauerfalls war dem alltäglichen Leben mit der offenen Mauer gewichen. Im Sinne eines Prologs begegnen die Besucherinnen und Besucher am Beginn ihres Rundgangs durch die Ausstellung zwei großformatigen, besonders markanten Fotomotiven:

Die erste, noch im November 1989 entstandene Aufnahme von Harald Hauswald zeigt einige der von den Teilnehmern selbst gefertigten, mit frechen Sprüchen und Karikaturen versehenen Transparente der legendären Demonstration vom 4. November 1989 auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz. Sie liegen nun kreuz und quer übereinander geworfen im Heizungskeller einer Theaterwerkstatt, gleichsam vom rasanten Fortgang der Geschichte überholt. Die Stimmung in der ostdeutschen Gesellschaft hatte sich gegen weitere Experimente mit dem Ziel einer anderen DDR und Dritter Wege gewandt.

Die zweite Aufnahme lässt den Betrachter von einer offenen Stelle der Berliner Mauer am Bethaniendamm in Kreuzberg auf beide Seiten der ehemaligen Grenze blicken. Zu sehen sind Spaziergänger und Radfahrer – die offene Mauer ist inzwischen zum Alltag geworden und das spektakuläre Erlebnis ihrer Öffnung ist verblasst. Damit wird die Ausgangssituation für eine Alltagsgeschichte der deutschen Vereinigung treffend beschrieben.

Schwebezustand des Übergangs

Mit dem Begriff der "Übergangsgesellschaft" im Titel der Ausstellung wird eine Phase der Entwicklung umrissen, in der die Auflösung der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Institutionen der untergegangenen DDR einherging mit der schrittweisen Etablierung einer am Vorbild der Bundesrepublik orientierten Verfassungs-, Wirtschafts- und Institutionenordnung. Es handelte sich um eine Art Schwebezustand, in der das Alte noch nicht völlig verschwunden war und das Neue sich erst allmählich zu etablieren begann. Anders formuliert, wird die Dramatik des gesellschaftlichen Wandels noch deutlicher: Im Osten Deutschlands änderte sich für die Menschen fast alles und dies gleichzeitig. Die Geschwindigkeit der Veränderungen produzierte eine Atemlosigkeit, die in den Erinnerungen der Menschen an diese Zeit immer wieder aufscheint. Etwa Mitte der 1990er Jahre beruhigte sich diese Situation allmählich wieder. Wichtige Etappen der Transformation wie die Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft oder der Institutionenumbau im Bereich der öffentlichen Verwaltung waren weitestgehend vollzogen, und auch in der Taktung der Lebensgeschichten der Menschen trat wieder eine gewisse Beruhigung ein. Für die Ausstellung fungiert das Jahr 1995 deshalb als vorläufige Zäsur, um die für das Vorhaben besonders interessante frühe Phase der Vereinigung einzugrenzen. Letztere steht im Mittelpunkt.

Idee und Schwerpunkt

Das Ausstellungsdesign greift dieses Motiv eines Übergangszustandes mit vielen parallel ablaufenden Veränderungen auf. Die Ausstellungsarchitektur weckt Assoziationen mit einer Baustelle. Die ganze Struktur des Raumes ist damit offen und wirkt, als ob sie noch veränderbar ist. Den Besucherinnen und Besuchern wird keine Richtung für ihren Rundgang aufgezwungen. Das gleichberechtigte Nebeneinander der Themen soll die Gleichzeitigkeit der Veränderungen in ganz verschiedenen Lebensbereichen betonen. In der Mitte des Raumes werden mit Fotos, Kurzbiografien und Zeitzeugenvideos "Vereinigungsbiografien" dokumentiert. Sie zeigen, wie prominente und weniger prominente Menschen aus Ost und West die ersten Jahre der Vereinigung erlebt, verarbeitet und mit ihrem Tun selbst gestaltet haben. Auf diese Weise bietet sich dem Betrachter eine Art Kollektivbiografie, die programmatisch den alltags- und erfahrungsgeschichtlichen Zugriff der Ausstellung unterstreicht.

Thema und Zeithorizont der Ausstellung bringen es mit sich, dass der Schwerpunkt im Osten Deutschlands liegt. Für die Ostdeutschen bedeuteten das Ende der DDR, der Mauerfall und die Vereinigung eine einschneidende Zäsur mit weitreichenden Konsequenzen für ihre individuellen Lebensläufe. Sie mussten sich in nahezu allen Lebensbereichen umorientieren und in relativ kurzer Zeit lernen, mit den neuen Verhältnissen zurechtzukommen.

Die Asymmetrie der deutsch-deutschen Parallelgeschichte[7] bekommt auf diese Weise mit der deutschen Vereinigung eine neue Wendung. Während sich im Osten in einem rasanten Tempo die gesamte Institutionenlandschaft, die Wirtschafts-, Eigentums- sowie die Werteordnung und mit ihr die Koordinaten der Lebenswelt veränderten, erfuhr der größere Teil des Landes die Vereinigung zunächst als kulturelle Selbstbestätigung. Im geeinten Berlin wurde jedoch schon relativ früh klar, dass sich mit der Vereinigung auch der Westen grundlegend wandeln würde. Die damit einhergehende Verlusterfahrung speist den gegenwärtig so auffälligen Boom der Bücher, Filme und Ausstellungen über das verschwundene Biotop West-Berlin. Deshalb konzentriert sich der Blick auf den Westen in der Ausstellung vor allem auf Entwicklungen in Berlin. Zu dieser "Schieflage" bekennt sich das Ausstellungsteam ausdrücklich. Schließlich brachte die deutsche Einheit auch für die Menschen in den alten Bundesländern Veränderungen mit sich. Sie kamen jedoch erst mit zeitlicher Verzögerung zum Tragen und waren in der Regel weit weniger dramatisch.

Es ist daher auch ein Anliegen der Ausstellung zu zeigen, dass die Vereinigung beider Gesellschaften ohne die enormen Anpassungsleistungen, ohne die Bereitschaft von Millionen Menschen im Osten, sich neu zu orientieren, nicht möglich geworden wäre. Die Präsentation richtet sich an die "Generation der Mitlebenden". Sie sind eingeladen, ihre individuellen Erfahrungen einzubringen und zu verorten. Es gibt Angebote zur Partizipation, die von den Besucherinnen und Besuchern nach den bisherigen Erfahrungen gerne angenommen werden.

Fußnoten

6.
Vgl. Stiftung Deutsches Historisches Museum (Hrsg.), Alltag Einheit. Porträt einer Übergangsgesellschaft, Berlin 2015.
7.
Das auf Christoph Kleßmann zurückgehende Konzept zielt auf die trotz der Teilung der beiden deutschen Staaten und ihrer Abgrenzung voneinander bestehenden Verflechtungen. Gleichzeitig verweist es auf die Asymmetrie dieser Beziehungsgeschichte, denn die DDR und ihre Bevölkerung maßen sich viel stärker an der Bundesrepublik, als die Westdeutschen am Osten. Vgl. Christoph Kleßmann, Verflechtung und Abgrenzung. Aspekte der geteilten und zusammengehörigen deutschen Nachkriegsgeschichte, in: APuZ, (1993) 29–30, S. 30–41; ders./Peter Lautzas (Hrsg.), Teilung und Integration. Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte, Bonn 2005.
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