Wortskulptur "Einheit" von Hüseyin Arda vor dem Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums, Berlin

7.8.2015 | Von:
Jürgen Danyel

Alltag Einheit: Ein Fall fürs Museum!

Dimensionen des Wandels: Acht Themenfelder

Acht Themenfelder stehen im Mittelpunkt: der Wandel der Sprache, die neue deutsche Medienlandschaft, der Einzug der D-Mark und der westlichen Konsumwelt, der Umgang der vereinten Deutschen mit nationalen Gefühlen, die Veränderungen in der politischen Kultur, die dramatischen Veränderungen in der Arbeitswelt, die sich Anfang der 1990er Jahre bietenden kulturellen Freiräume und schließlich die Begegnungen der Ost- und Westdeutschen im Alltag mit all den daraus erwachsenden Klischees und Stereotypen.

Sprache. Mit der Vereinigung wandelt sich die Sprache. Wie kein anderes Wort steht "Wende" für die durch den Umbruch im Herbst 1989 ausgelösten gesellschaftlichen Veränderungen. Der viel gebrauchte und umstrittene Begriff ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich die Bedeutung von Wörtern änderte. Zahlreich sind die Neuschöpfungen von Wörtern, die unmittelbar mit administrativen Maßnahmen des Vereinigungsprozesses zusammenhängen wie "Begrüßungsgeld", "Währungsunion", "Einigungsvertrag", "Treuhandanstalt" oder "gaucken".[8] Viele Wörter und Redewendungen aus dem alltäglichen ostdeutschen Sprachgebrauch verschwanden, besonders der politische Jargon der SED-Ideologie hat deren Ende nicht überlebt. In der Ausstellung können die Besucherinnen und Besucher in diese Welt der verschwundenen und neuen Begriffe eintauchen und eigene Erfahrungen an einer speziell dafür gestalteten Installation hinzufügen.

Neue deutsche Medienlandschaft. Wie der plötzlich mit bunten Werbeaufstellern vollgestopfte Ost-Berliner Zeitungsladen auf einer Fotografie von Harald Hauswald aus dem Jahr 1991 kommt der Themenraum daher, der sich dem Wandel der Medienlandschaft widmet. Diese Flut neuer Print- und audiovisueller Medien aus dem Westen haben viele Ostdeutsche als besonders mächtig erlebt. Gezeigt wird hier auch, wie die ostdeutschen Medien versuchten, auf diese neue Herausforderung zu reagieren und ihren Platz neben der Konkurrenz aus dem Westen zu finden. Die Vereinigung und zunehmend auch deren Probleme lieferten den Stoff für viele Fernsehsendungen. Und "Tatort" und "Polizeiruf 110" wurden ebenfalls vereinigt. Unter dem Titel "Unter Brüdern" trafen im Oktober 1990 die Kommissare Schimanski und Thanner auf ihre ostdeutschen Kollegen Fuchs und Grawe. Wolfgang Lippert moderierte als ostdeutscher Star für kurze Zeit die Sendung "Wetten, dass ..?" An den satirischen Serien "Motzki" und "Die Trotzkis" schieden sich die Geister. Eine Collage aus Fernsehclips verweist in diesem Raum auf den durchschlagenden Erfolg des privaten Unterhaltungsfernsehens im Osten.

Geld, Konsum und Eigentum. Im Sommer 1990 hielt die von vielen Ostdeutschen sehnsüchtig erwartete "harte" D-Mark mit der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion Einzug in ihren Alltag. Ein ostdeutsches Sparbuch mit dem Eintrag der Währungsumstellung und ein privater Kontoauszug machen diese Zäsur für das Alltagsleben sichtbar. Darüber blickt der Betrachter auf das großformatige Foto eines Busses, den die Deutsche Bank als rollende Zweigstelle in Thüringen einsetzte. Noch etwas ungläubig starrt eine Frau auf eine zu Werbezwecken aufgestellte lila Milka-Kuh in einem der über Nacht "auf der grünen Wiese" entstandenen Supermärkte. Die neuen Konsumangebote wurden bereitwillig angenommen, erfüllten sich doch damit lange gehegte Sehnsüchte. Ostprodukte hatten plötzlich einen schweren Stand. Viele Menschen entledigten sich im Handumdrehen der Dinge, die sie bislang umgeben hatten und versorgten sich mit den begehrten Westprodukten. Einige Objekte aus einem Projekt der Künstlerin Peggy Meinfelder, unter anderem eine mittlerweile völlig verschlissene und ausgewaschene Jeans, veranschaulichen, was sich die Ostdeutschen von ihrem ersten Westgeld gekauft haben und welche persönlichen Erfahrungen sich damit verbinden.
Supermarkt bei Rostock, 1991

Bei vielen Ostdeutschen standen Reisen in den Westen ganz oben auf der Wunschliste. Häufig ging es zunächst in die alten Bundesländer, nach Österreich und in die Schweiz. Ein Diaprojektor zeigt private Urlaubsfotos aus dieser Zeit. Mit dem neuen Besitz kam auch die Angst vor dessen Verlust – Türschlösser und Wegfahrsperren fanden reißenden Absatz. Eine neue, ganz reale Bedrohung waren die Forderungen auf Rückübertragung von Immobilien und Grundstücken, die nun von Alteigentümern aus dem Westen oder deren Nachfahren gestellt wurden. Viele Ostdeutsche fürchteten, ihr Dach über dem Kopf zu verlieren. Eine Karte von Kleinmachnow bei Berlin, auf der fast alle Grundstücke rot unterlegt sind, weil sie von Rückübertragungsansprüchen betroffen waren, zeigt die Dimension dieses Problems.

Wandel der Arbeitswelt. Als besonders gravierend empfanden die meisten Menschen in den neuen Ländern den Wandel der Arbeitswelt: Die vielfach maroden DDR-Betriebe wurden mit dem Ziel der Privatisierung in der Treuhandanstalt zusammengeführt. Auch scheinbar konkurrenzfähige Werke mussten schließen. Die Ausstellung erzählt anhand der Geschichte einzelner Betriebe und ihrer Belegschaften von Erfolgen und Misserfolgen: von der Sektkellerei in Freyburg, die sich mit ihrem "Rotkäppchen Sekt" auf dem Markt behaupten konnte, von letztlich erfolglosen Anpassungsversuchen, wie dem mit dem inzwischen legendären Colani-Fernseher der RFT AG Staßfurt, aber auch von der Stilllegung und dem Abriss ganzer Betriebe wie dem Stahl- und Walzwerk Brandenburg, das zum Industriemuseum wurde. Tausende von Menschen erhielten Kündigungsschreiben, sahen ihre Arbeitskraft entwertet und fassten manchmal nur mühsam und nach einer Reihe von Umschulungen wieder Fuß. Davon erzählt auch eine Fotoserie von Angelika Kampfer, die Brüche in den Erwerbsbiografien in dieser Zeit dokumentiert.
Blick in die Ausstellung

Politische Kultur und Zivilgesellschaft. Mit dem Aufbau der Stasi-Unterlagen-Behörde und den Regelüberprüfungen im öffentlichen Dienst begann eine groß angelegte Durchleuchtung der ostdeutschen Gesellschaft, die parallel zum Aufbau von Verwaltungen und politischen Strukturen verlief. Von den Ostdeutschen wurde verlangt, dass sie ihre Biografien offenlegen. Gleichzeitig wollten nun viele Menschen wissen, in welcher Form die Staatssicherheit in ihr Leben eingegriffen hatte. Einer der riesigen Karteipaternoster aus dem Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit veranschaulicht diesen Prozess, der von großem medialen Interesse und politischen Skandalisierungen begleitet wurde. Eine Projektion mit markigen Zeitungsschlagzeilen aus dieser Zeit dokumentiert, wie sehr das Thema "Stasi" und immer neue Enthüllungen über "inoffizielle Mitarbeiter" die Öffentlichkeit beherrschten.

Den Ostdeutschen wird häufig für die Zeit nach dem 3. Oktober 1990 eine wachsende Politikverdrossenheit nachgesagt. In der Ausstellung werden auch gegenläufige Tendenzen sichtbar: Zivilgesellschaftliches Engagement entwickelten die aus der Zeit des Umbruchs stammenden Bürgerinitiativen, die sich wie die Kalikumpel in Bischofferode gegen Betriebsschließungen, die Einwohner des brandenburgischen Horno gegen die Folgen des Braunkohlenabbaus oder die Bürger von Dresden für den Wiederaufbau der Frauenkirche einsetzten.

Nationalgefühl. Mit der Vereinigung artikulierte sich in Deutschland auch ein neues Nationalgefühl, das vom Ausland aufmerksam bis misstrauisch beobachtet wurde. Nationale Emotionen wurden erstmals bei der Fußballweltmeisterschaft 1990 weithin sichtbar. Wichtige Momente für nationale Emotionen waren auch die öffentlichen Silvesterfeiern 1989/90 und natürlich der 3. Oktober 1990, der Tag der Deutschen Einheit. Zugleich stieß dieses Nationalbewusstsein angesichts der sich im ganzen Land ausbreitenden rechtsextremen Gewalt gegen Ausländer und Asylbewerber auf offene Kritik nicht nur auf Seiten der politischen Linken. Der aufkommende Rechtsextremismus wurde zu einer ernsthaften und vom Ausland besonders kritisch beobachteten Gefahr für das vereinte Deutschland, denn die Vorbehalte reichten und reichen weit in die Bevölkerung hinein.

Begegnungen und Stereotype. Im Zuge der Vereinigung sammelten Ost- und Westdeutsche ganz unterschiedliche Erfahrungen im alltäglichen Umgang miteinander. Hier zeigten sich durch die Teilung gewachsene unterschiedliche Mentalitäten und Lebensstile. Die Erfahrungen des Andersseins verdichteten sich zu Bildern und Klischees von den "Ossis" und den "Wessis", die das Zusammenleben von Ost und West bis heute begleiten. Zahllose Witze und Karikaturen fanden hier ihren Stoff. Gegenstände aus dem Alltag wurden zu Projektionsflächen für Unterschiede. In der Ausstellung ist eine große Vitrine mit Objekten gefüllt, an denen sich solche Stereotype festgemacht haben. Zu sehen sind etwa eine ostdeutsche Kittelschürze als Symbol für den proletarischen Habitus der Ostdeutschen oder eines der riesigen Handys, mit denen westdeutsche Manager den Osten eroberten und es zum Symbol für westliche Überheblichkeit machten. Ausgestellt sind ebenfalls eine Ost- und eine Westschrippe, weil auch Backwaren zu Projektionsflächen für im Alltag erfahrene Unterschiede werden konnten. An einer Station können die Besucherinnen und Besucher solche Unterschiede unmittelbar sinnlich erfahren, indem sie für den Osten und den Westen als typisch geltende Gerüche mit ihren eigenen olfaktorischen Erfahrungen der deutschen Einheit in Beziehung setzen können. Es ist eine Einladung, sich kritisch und mit ein wenig Humor mit solcherart Denken in Schubladen auseinanderzusetzen.
Unfall auf der B91, 1989/90

Kulturelle Freiräume. Die frühen 1990er Jahre boten aber auch schier unbegrenzte Möglichkeiten zum Experimentieren. Mitten im vereinten Berlin etablierte sich eine lebendige Kunst- und Clubszene. Die elektronische Musik erlebte eine bis heute nachwirkende Blütezeit. Techno und Rave avancierten zum Sound einer neuen Jugendkultur, die sich mit der "Love Parade" eine unverwechselbare Ausdrucksform schuf. Diesen Raum in der Ausstellung dominiert die mit einer Stahltür versehene Re-Inszenierung des inzwischen legendären Techno-Clubs "Tresor" in der Leipziger Straße.

Der Club befand sich in den Kellerräumen der Bank des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kaufhauses Wertheim. Die Reste der Bankschließfächer und zwei tonnenschwere Tresortüren gehörten zum unverwechselbaren Ambiente des Clubs. Eine vergleichbare Blütezeit gab es in der freien Kunstszene, für die an erster Stelle das Kunsthaus Tacheles in der Oranienburger Straße steht. Einer der ersten Besetzer des Tacheles, der Metallkünstler Hüseyin Arda, hat eigens für die Ausstellung eine seiner spektakulären Wortskulpturen angefertigt: Vor dem Pei-Bau des DHM fällt sofort das in über zwei Meter hohen Buchstaben aus Stahl gestaltete Wort "Einheit" ins Auge und lenkt die Aufmerksamkeit auf die Ausstellung. Es ist inzwischen zu einem beliebten Fotomotiv für Museumsbesucher und Touristen geworden.

Baustelle Einheit

Das DHM und das ZZF sind selbst "Kinder der deutschen Einheit". Daher lag es nahe, auch beide Einrichtungen mit ihrer eigenen Vereinigungsgeschichte zum Thema der Ausstellung zu machen. Sie historisieren sich gewissermaßen selbst. Dies geschieht in Form einer Reihe von Interviews. Und auch die Ausstellungsmacher sind mit ihren unterschiedlichen Biografien ein Teil der Geschichte.

Wie beschließt man eine Ausstellung, bei der das im Mittelpunkt stehende historische Geschehen noch nicht reif für abschließende Bewertungen und Einordnungen ist? Darüber hat das Ausstellungsteam lange diskutiert. Herausgekommen ist eine große von einem Bauzaun umgebene Holzwand, an der Dutzende Fotos von Baustellen in ganz Deutschland angepinnt sind und auf der ein im Zeitraffertempo gedrehter Film über die Veränderungen auf der Großbaustelle am Potsdamer Platz läuft. Die Botschaft ist genauso simpel wie eingängig: Die deutsche Einheit ist immer noch eine große Baustelle.

Der Autor ist einer der beiden Kuratoren der Ausstellung "Alltag Einheit. Porträt einer Übergangsgesellschaft", die seit dem 27. Mai 2015 und bis zum 3. Januar 2016 im Deutschen Historischen Museum in Berlin gezeigt wird.

Fußnoten

8.
Die Überprüfung auf eine Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit, benannt nach dem ersten Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde Joachim Gauck.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Jürgen Danyel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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