"Privat"

19.8.2015 | Von:
Giacomo Corneo

Kapitalismus: Alternative in Sicht?

Evolution

Ist einmal der Bundesaktionär errichtet und sind die ersten Unternehmen unter seiner Kontrolle, wird eine evolutionäre Anpassung der Eigentumsstruktur im Bereich der Großunternehmen stattfinden. Unter fairen Rahmenbedingungen und bei Einhaltung allgemeingültiger sozialer und ökologischer Standards wird die relative Effizienz der zwei Eigentumsformen (öffentlich und privat) von allein zur optimalen Eigentumsstruktur führen. Der rentablere Sektor wird expandieren und der andere schrumpfen, bis eine effiziente Aufteilung erreicht ist. In diesem Prozess werden die besser geführten Unternehmen profitabler sein und ihre Zusatzrendite wird dazu führen, dass ihre Aktien stärker nachgefragt werden und so mehr Kapital in die besser geführten Unternehmen fließt.

Dieses Entdeckungsverfahren umfasst die Möglichkeit, dass der Bundesaktionär die marktübliche Rendite nicht erwirtschaften kann und letztlich abgewickelt werden muss. Dies würde offenbaren, dass die Kapitalisten eine unersetzliche Kontrollfunktion ausüben, also die Steuerung der Großunternehmen ohne sie weniger effizient ist. Dies scheint aber angesichts der bedeutsamen Governance-Probleme kapitalistischer Konzerne ein unwahrscheinliches Ereignis. Wird die Anreizstruktur rund um den Bundesaktionär sorgfältig gestaltet, ist eher zu erwarten, dass sich letztlich eine gemischte oder gänzlich öffentliche Steuerung im Bereich der Großunternehmen als optimal erweisen wird. Im letzteren Fall würde die Soziale Marktwirtschaft allmählich in einen Aktienmarktsozialismus mutieren.

Coda

Eine pluralistische Marktwirtschaft, die nicht von kapitalistischen Dynastien dominiert ist, sondern bei der wirtschaftliche Macht ausgewogen verteilt ist, bietet bessere Voraussetzungen für die Entfaltung einer wirklich offenen Gesellschaft, die Solidarität in ihrem Inneren und nach Außen lebt und Frieden mit allen Völkern und der Natur schließt. Die vorangegangenen Überlegungen zur Aufwertung der Rolle von öffentlichem Kapital bieten praktische Hinweise, wie sich ein solches Wirtschaftssystem entwickeln könnte. Es wäre nicht das erste Mal, dass auf demokratischem Wege ein Prozess der Institutionenbildung in Gang gesetzt wird, der die Wirtschaftsordnung maßgeblich zum Besseren verändert. So war es mit dem New Deal in den USA unter Roosevelt, so war es mit dem Ausbau des Wohlfahrtsstaates in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Errichtung der Institutionen des SWF und des Bundesaktionärs würde einen ähnlichen politischen Vorgang darstellen.

Dem Aufbau des Wohlfahrtsstaates in Europa und den USA ging eine substanzielle Erweiterung der politischen Rechte der Arbeiterklasse und der Frauen voraus, die Kräfteverhältnisse herbeiführte, die die Besitzstandsansprüche der bis dahin herrschenden Schichten erfolgreich in Frage stellen konnten. Auch diesmal wird es einer Vertiefung der Demokratie bedürfen, um den sozialen Fortschritt zu ermöglichen. Die Aufwertung der Rolle des öffentlichen Kapitals im Wirtschaftssystem verlangt nämlich ein begründetes Selbstvertrauen des Gemeinwesens in seine Fähigkeit, den damit verbundenen Aufgaben gerecht zu werden. Dies wird nur erreicht, wenn jeder Bürger die Erfahrung gemacht hat, öffentliche Herausforderungen mitzugestalten. Mit anderen Worten setzt die Entstehung eines besseren Wirtschaftssystems einen Ausbau der direkten Demokratie und anderer Formen direkter Bürgerbeteiligung an Entscheidungsprozessen auf zentraler sowie lokaler Ebene voraus. Vorsichtige Anfänge dieser Entwicklung lassen sich bereits beobachten; es gilt nun, sie entschlossen voranzutreiben.

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Autor: Giacomo Corneo für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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