"Privat"

19.8.2015 | Von:
Christine Bauhardt

Feministische Kapitalismuskritik und postkapitalistische Alternativen

Feministische Kritik am Kapitalismus ist kein völlig neuer Denkansatz, im Gegenteil: Sie kann auf eine Tradition zurückblicken,[1] deren Grundgedanken sich eindrücklich am Beispiel von Harriet Taylor Mill (1807–1858) zeigen lassen. Sie verband ihre ökonomische Analyse in den gemeinsam mit John Stuart Mill verfassten Publikationen mit einer Perspektive von Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit im Geschlechterverhältnis: "Das Ziel des Fortschritts sollte nicht nur sein, Menschen in Verhältnisse zu bringen, wo sie ohne einander etwas ausrichten können, sondern sie fähig zu machen, mit- oder füreinander zu arbeiten in gegenseitigen Beziehungen, die durchaus nicht in Abhängigkeit auszuarten brauchen."[2] Was sich hier primär auf Arbeitsverhältnisse bezieht, lässt sich auch auf die Lebensverhältnisse insgesamt übertragen: Freiheit nicht verstanden als Abgrenzung von und Distanzierung gegenüber anderen, was dem Idealbild bürgerlicher Autonomie entspräche, sondern Freiheit in wechselseitiger Bindung zu anderen, ohne dass diese Bindungen deshalb in Abhängigkeiten münden, die Hierarchien und Machtasymmetrien begründen.

Dieses Spannungsverhältnis von Autonomie und Bindung durchzieht die feministische Debatte insgesamt.[3] Es wirft aber auch grundsätzliche Fragen auf, die für eine feministische Kritik des Kapitalismus relevant sind: Welche Bedeutung haben Bindung und Sozialität für eine ökonomische Organisation, die auf individueller Nutzenmaximierung gründet? Wie verhalten sich individuelle Nutzenmaximierung und gesellschaftliche Verantwortung zueinander? Wer trägt die Folgekosten in einem ökonomischen System, das Bindung als Voraussetzung für Sozialität und Verantwortung – für die Gesundheit und das Wohlergehen von Menschen, für den Zustand der natürlichen Umwelt, für globale Gerechtigkeit – grundsätzlich ausblendet und in den Bereich des Nicht-Ökonomischen verweist?

Die Konstruktion des homo oeconomicus als eines autonom handelnden Subjektes, das seine Entscheidungen entsprechend seiner individuellen Präferenzen und gemäß dem größtmöglichen individuellen Nutzen auf einem anonymen Markt trifft, wurde aus feministischer Perspektive vielfach kritisiert.[4] Analog zur Analyse des Marktes als einer Institution, die alles andere als losgelöst von sozialen Verhältnissen ist, sondern fest eingebettet in soziale Beziehungen, normative Orientierungen und kulturelle Werthaltungen,[5] untersucht die feministisch-ökonomische Perspektive die Einbettung ökonomischer Prozesse in die Geschlechterhierarchie. Letztere prägt nicht nur Entscheidungen auf dem Markt entsprechend einem eng gefassten ökonomischen Verständnis. In einem weit gefassten Verständnis von Ökonomie als social provisioning – "that is, the production and reproduction of human material life"[6] – strukturieren Geschlechterverhältnisse den Kontext, also die Einbettung der Ökonomie in eine Ordnung von Bewertungen, Symbolisierungen, Ungleichheiten und Asymmetrien, die entlang der Achse "Geschlecht" hierarchisiert werden. Die Naturalisierung von Geschlecht,[7] das heißt die Interpretation der Geschlechterdifferenz als eine naturgegebene Tatsache, stellt ein grundlegendes Problem für die feministisch-ökonomische Analyse und Praxis dar: Zum einen wird durch diese Naturalisierung die Geschlechterordnung zu einem außerökonomischen Faktum erklärt, zum anderen verstärkt die These von der Einbettung ökonomischer Prozesse in soziale Institutionen den nicht-ökonomischen Charakter der Geschlechterordnung. Mit anderen Worten: Die Reproduktion der Gesellschaft wird als soziales oder politisches, aber nicht als ökonomisches Phänomen aufgefasst.

Feministische Analysen der kapitalistischen Produktions- und Konsumweise

Ausgangspunkt feministischer Analysen des Kapitalismus ist die Soziale Reproduktion, also die gesellschaftliche Organisation der (Wieder-)Herstellung der Arbeitskraft. Darin eingeschlossen sind die generative Reproduktion – das Gebären und Aufziehen der nachfolgenden Generation – und die alltägliche Reproduktion – die Regeneration der Arbeitsfähigkeit durch materielle und immaterielle Versorgungsleistungen. In einem weiteren Sinne muss auch die Versorgung von nicht mehr arbeitsfähigen Personen, die wegen Krankheit oder Alter nicht selbst für sich sorgen können, hinzu gezählt werden. Weil nicht alle feministischen Ökonominnen den etwas technisch klingenden Begriff "Soziale Reproduktion" und seine Ableitung aus der marxistischen Theorietradition positiv besetzen, haben sich in der aktuellen Debatte um die Verantwortungs- und Sorgearbeit die Begriffe "Care" und "Care-Ökonomie" weitgehend durchgesetzt.[8] Um etwas deutlicher zu benennen, worum es dabei im Kern geht, hat die Philosophin Cornelia Klinger den deutschen Begriff "Lebenssorge" vorgeschlagen.[9] Ich benutze meist die Umschreibung der Sorgeverpflichtung und Verantwortungsübernahme für Menschen, die nicht selbst für sich sorgen können.

Feministische Kapitalismuskritik umfasst diverse theoretische Strömungen, von institutionenökonomischen über marxistische und ökofeministische bis hin zu postmodernen Positionen. Aktuelle feministisch-ökonomische Stimmen sprechen im Anschluss an derzeitige Krisenanalysen des Kapitalismus – Überproduktionskrise, Bankenkrise, Umweltkrise – von der Krise der Sozialen Reproduktion. Damit bezeichnen feministische Ökonominnen die Unterversorgung von Menschen mit Zuwendung und Fürsorge, die vor allem zeitintensiv und den Rationalisierungsbestrebungen der kapitalistischen Produktionsweise nicht zugänglich sind – und dies aufgrund der Inhalte der reproduktiven Arbeit auch nicht sein sollten.[10] Arbeitsleistungen der Sozialen Reproduktion werden sowohl unbezahlt in privaten Haushalten als auch – meistens schlecht – bezahlt über den Arbeitsmarkt vermittelt (auch in Form von Schwarzarbeit) erbracht. Charakteristisch für diese Form der Arbeit sind ihre Unaufschiebbarkeit, die nötige zwischenmenschliche Empathie und ihre hohe Verbindlichkeit. Mit der Krise der Sozialen Reproduktion ist gemeint, dass über die Ausweitung der kapitalistischen Verwertungslogik auch die Versorgungsarbeit durch den ökonomischen Imperativ von Beschleunigung, Rationalisierung und Arbeitsintensivierung überformt wird.

Für beide Seiten, die Versorgenden und diejenigen, die versorgt werden, ist die Krise der Sozialen Reproduktion spürbar in der Überlastung und Überforderung derjenigen Menschen, die die Verantwortung für die Care-Arbeit tragen.[11] Dies sind unter den gegebenen Verhältnissen der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung in der großen Mehrheit Frauen: Frauen leisten den weitaus größten Anteil an unbezahlter familialer Arbeit und versorgen dabei nicht nur Kinder, sondern stellen auch trotz eigener Erwerbstätigkeit die Verfügbarkeit der männlichen Arbeitskraft für den Arbeitsmarkt sicher.[12] Frauen sind es auch, die weitgehend die Soziale Reproduktion in der Sphäre der Erwerbsarbeit übernehmen, sei es in der Betreuung und schulischen Bildung, sei es in der Kranken- und Altenpflege. Ein häufig gewählter Ausweg aus der Überlastung durch die Sorgekrise ist die Delegation reproduktiver Arbeit im eigenen Haushalt auf migrierte oder ethnisierte Frauen.[13] Dies ist ein deutliches Anzeichen dafür, dass eine anteilige Übernahme der unbezahlten Arbeit in der Lebenssorge durch Männer trotz einer lang andauernden Debatte über die geschlechtliche Arbeitsteilung nicht stattfindet.

Zentral für die feministische Analyse des Kapitalismus, darin sind sich feministische Ökonominnen unterschiedlicher Provenienz einig, ist der Blick auf die Soziale Reproduktion als gleichwertiger und ökonomisch ebenso relevanter Bereich wie die marktvermittelte, sogenannte produktive Erwerbsarbeit – produktiv deshalb, weil hier Waren und Mehrwert produziert werden. Aus einer gesamtwirtschaftlichen Perspektive gelten die Investitionen in die soziale Infrastruktur, also Bildung, Betreuung und Pflege, als konsumtive Ausgaben und die unbezahlte Arbeit in privaten Haushalten, so sie denn überhaupt als Arbeit gesehen wird, als reproduktiv. Um diese Begriffe und die damit verbundenen Prämissen gibt es in der feministischen Diskussion eine rege Debatte, auf die ich im Folgenden kurz eingehen werde.

ReProduktivität als Analysekonzept feministisch-ökologischer Forschung

Der Begriff "Reproduktion" hat schon früh Widerspruch bei Feministinnen ausgelöst: Warum sollte nur die Herstellung von Gütern und Waren für den Tausch als "produktiv" angesehen werden, nicht jedoch die "Herstellung" von Leben und das Aufrechterhalten lebendiger Prozesse? Und weiter gedacht: Warum gilt nur die Verarbeitung von Natur als produktiv, nicht jedoch die Natur als solche? Diese Fragen bilden den Ausgangspunkt für die feministisch-ökologische Analyse gesellschaftlicher Naturverhältnisse im Kapitalismus. Diese verbindet die ökologische Kritik an der Ausbeutung und Übernutzung natürlicher Ressourcen mit der feministischen Kritik an der Ausbeutung und gesellschaftlichen Aneignung der (unbezahlt oder unterbezahlt) geleisteten Arbeit von Frauen in der Sozialen Reproduktion.[14] Diese Arbeit ist ökonomisch unsichtbar und wird in ihrer Bedeutung deshalb maßlos unterschätzt, weil es sich um die Arbeit von Frauen handelt und sie damit in die Nähe der Natur gerückt wird: Frauen wird qua ihrer potenziellen Gebärfähigkeit unterstellt, für die Versorgung von Menschen, die nicht für sich selbst sorgen können, "von Natur aus" prädestiniert zu sein. Oder anders gesagt: Sorgekompetenzen seien Frauen "von der Natur" in die Wiege gelegt, sie bräuchten nicht erlernt und entwickelt und damit auch nicht bezahlt zu werden. Sie werden als selbstverständlich vorausgesetzt – und de facto wäre keine Gesellschaft, kapitalistisch oder nicht, überlebensfähig ohne die Arbeit von Frauen für die Soziale Reproduktion.

Gesellschaftliche Naturverhältnisse im Kapitalismus sind aus einer feministisch-ökologischen Perspektive also durch ein doppeltes Herrschaftsverhältnis gekennzeichnet, durch die Unterwerfung und Ausbeutung der Natur und der zur Natur erklärten Arbeit von Frauen. Gleichzeitig gäbe es keine (Über-)Lebensfähigkeit im Kapitalismus ohne die produktiven Kräfte der Natur – und hier kommt erneut die potenzielle Gebärfähigkeit des Frauenkörpers in den Blick. Die ReProduktivität[15] des weiblichen Körpers ist es, die Feministinnen im Kern beschäftigt. Wie soll mit diesem grundsätzlichen Unterschied – dem einzigen sozial und ökonomisch relevanten biologischen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Körpern – analytisch und politisch umgegangen werden?

Fußnoten

1.
Zur Geschichte feministischen Denkens in der Ökonomie vgl. Edith Kuiper, Women’s Economic Thought in the Eighteenth Century, 3 Bde., London u.a. 2014.
2.
Principles of Political Economy 1848, zit. nach: Dorothea Schmidt, Mutmaßungen über Harriet Taylor Mill, 2001, S. 11f., http://harriet-taylor-mill.de/pdfs/Mutmassungen.pdf« (9.7.2015).
3.
Vgl. z.B. Barbara Holland-Cunz, Die alte neue Frauenfrage, Frankfurt/M. 2003.
4.
Vgl. Marianne A. Ferber/Julie A. Nelson, Feminist Economics Today. Beyond Economic Man, Chicago 2003; Christine Bauhardt/Gülay Çağlar, Gender and Economics. Feministische Kritik der Politischen Ökonomie, Wiesbaden 2010; Shirin M. Rai/Georgina Waylen, New Frontiers in Feminist Political Economy, London u.a. 2014; Brigitte Aulenbacher/Birgit Riegraf/Susanne Völker, Feministische Kapitalismuskritik, Münster 2015.
5.
Vgl. Karl Polanyi, The Great Transformation, New York–Toronto 1944.
6.
Marilyn Power, A Social Provisioning Approach to Gender and Economic Life, in: Deborah M. Figart/Tonia L. Warnecke (Hrsg.), Handbook of Research on Gender and Economic Life, Cheltenham u.a. 2013, S. 7–17, hier: S. 7.
7.
Auch die Konstruktion von "Ethnie" oder race, je nach historisch-politischem Kontext, unterliegt einer Naturalisierung. Für die feministische Analyse der aktuellen Erscheinungsform des Kapitalismus sind die Kategorie "Ethnie" und die damit verbundenen Abwertungen insbesondere für das Verständnis von globalen Sorgeketten von Relevanz. Im Laufe der Argumentation gehe ich auf die intersektionale Verschränkung von Geschlecht und Ethnie und deren Bedeutung für die Geschlechterordnung in der Sozialen Reproduktion ein.
8.
Vgl. z.B. Brigitte Aulenbacher/Maria Dammayr (Hrsg.), Für sich und andere sorgen. Krise und Zukunft von Care in der modernen Gesellschaft, Weinheim–Basel 2014; Widersprüche, 34 (2014) 134, zum Thema "Arbeit am Leben – Care-Bewegung und Care-Politiken".
9.
Cornelia Klinger, Krise war immer … Lebenssorge und geschlechtliche Arbeitsteilungen in sozialphilosophischer und kapitalismuskritischer Perspektive, in: Erna Appelt/Brigitte Aulenbacher/Angelika Wetterer (Hrsg.), Gesellschaft – Feministische Krisendiagnosen, Münster 2013, S. 82–104.
10.
Vgl. Regina Becker-Schmidt, "Verwahrloste Fürsorge" – ein Krisenherd gesellschaftlicher Reproduktion. Zivilisationskritische Anmerkungen zur ökonomischen, sozialstaatlichen und sozialkulturellen Vernachlässigung von Praxen im Feld "care work", in: Gender, (2011) 3, S. 9–23; Kerstin Jürgens, Deutschland in der Reproduktionskrise, in: Leviathan, (2010) 38, S. 559–587; Mascha Madörin, Care Ökonomie – eine Herausforderung für die Wirtschaftswissenschaften, in: C. Bauhardt/G. Çağlar (Anm. 4), S. 81–104; Gabriele Winker, Soziale Reproduktion in der Krise – Care Revolution als Perspektive, in: Das Argument, (2011) 292, S. 333–344.
11.
Einen sehr guten empirisch fundierten Überblick gibt dies., Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft, Bielefeld 2015.
12.
Darüber geben regelmäßig groß angelegte Zeitbudgetstudien Aufschluss, vgl. Debbie Budlender, Time Use Studies and Unpaid Care Work, London–New York 2010.
13.
Vgl. Bridget Anderson, Doing the Dirty Work? The Global Politics of Domestic Labour, London- New York 2000; Ursula Apitzsch/Marianne Schmidbaur (Hrsg.), Care und Migration. Die Ent-Sorgung menschlicher Reproduktionsarbeit entlang von Geschlechter- und Armutsgrenzen, Opladen–Farmington Hill 2010.
14.
Vgl. Carolyn Merchant, Der Tod der Natur. Ökologie, Frauen und neuzeitliche Naturwissenschaft, München 1987; Mary Mellor, Feminism & Ecology, New York 1997; Ariel Salleh, Ecofeminism as Politics. Nature, Marx and the Postmodern, London–New York 1997.
15.
Den Begriff benutze ich in Anlehnung an Sabine Hofmeister und Adelheid Biesecker, die das Konzept zuerst als "(Re)Produktivität" formuliert haben, vgl. Adelheid Biesecker/Sabine Hofmeister, Die Neuerfindung des Ökonomischen. Ein (re)produktionstheoretischer Beitrag zur Sozial-ökologischen Forschung, München 2006; dies., Im Fokus: Das (Re)Produktive. Die Neubestimmung des Ökonomischen mithilfe der Kategorie (Re)Produktivität, in: C. Bauhardt/G. Caglar (Anm. 4), S. 51–80. Ich bevorzuge die Schreibweise "ReProduktivität", um Über- und Unterordnungsverhältnisse zwischen "produktiv" und "reproduktiv" zu vermeiden.
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Autor: Christine Bauhardt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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