Hochbetagtes Paar unterhält sich im Garten.

11.9.2015 | Von:
Reiner Sörries

Zum kulturgeschichtlichen Kontext der Verhandlungen über das Lebensende Hochbetagter - Essay

Zumindest weiß es die Statistik, dass die Menschen immer älter werden, und viele von ihnen bleiben gesund, vital und unternehmenslustig. Die jungen Alten nennt man gerne die Generation der Golden Agers, und sie sind als Konsumenten hoch geschätzt. Doch nicht wenige bezahlen dann das hohe Alter mit Krankheit oder gar Pflegebedürftigkeit und werden zu einer Belastung für die Gesellschaft. Sie konsumieren allenfalls medizinische und pflegerische Leistungen, die sie, je länger je mehr, nicht mehr selbst finanzieren können. Muss sich da die Gesellschaft nicht darüber Gedanken machen, wie eine steigende Zahl solcher Menschen volkswirtschaftlich zu verkraften ist?

Euthanasie versus Euthanasia

Die Nationalsozialisten hatten ausgerechnet, was ein "Krüppel" oder "Erbgeschädigter" die "Volksgemeinschaft" kostet. In Reden, Schulbüchern und auf Plakaten informierte man die Bevölkerung über die Schäden, die durch ein "Durchfüttern" der "Ballastexistenzen" entstehen: "Zu der fortschreitenden Verdummung kommt noch die Belastung des Volkskörpers mit unbrauchbaren, verbrecherischen Elementen, mit körperlich Kranken, denen das Leben zur Qual wird, mit Epileptikern, Irrsinnigen, Säufern usw. Der jährliche Gesamtaufwand für die erblich Minderwertigen beträgt in Deutschland zur Zeit etwa 350 Millionen Reichsmark."[1] "Hier trägst Du mit" lautete die Botschaft auf einem Plakat, auf dem ein Mann zwei offenkundig "Unbrauchbare" auf seinen starken, aber dadurch niedergedrückten Schultern trägt: "Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres im Durchschnitt 50.000 RM."

Mit groß angelegten Euthanasieprogrammen hatte man begonnen, die Schwachen "auszumerzen", um die Volksgemeinschaft zu schützen, aber auch um die Kosten für die "hoffnungslosen Fälle" zu sparen. Moralisch konnte man sich auf die Thesen vom "unwerten Leben" stützen, und dass es doch sogar im Sinne dieser armen Geschöpfe sei, von ihrem Leiden erlöst zu werden. Bereits der Zoologe, Philosoph und Freidenker Ernst Haeckel (1834–1919) hatte mit dem Verweis auf den in vielen Kulturen geübten Infantizid für die Euthanasie behinderter Kinder plädiert. Der österreichische Psychologe Adolf Jost hatte 1895 Überlegungen angestellt, es könne Situationen geben, in denen der Tod eines Individuums sowohl für dieses selbst als auch für die Gesellschaft überhaupt wünschenswert sei.[2] Schließlich waren es jedoch der Leipziger Jurist Karl Binding und der Freiburger Psychiater Alfred Hoche, die Anfang der 1920er Jahre die wissenschaftliche Grundlage für eine Beseitigung der Schwachen schufen und die Vernichtung unwerten Lebens propagierten.[3]

Diese Vorgeschichte ist weitgehend bekannt, ebenso sind es die konkreten Tötungsmaßnahmen der Nationalsozialisten. Seit dieser Zeit hat die Euthanasia, die seit dem klassischen Altertum im positiven Sinn als gutes Sterben und durchaus als Hilfe zu einem guten Sterben verstanden wurde, als Euthanasie einen arg bitteren Beigeschmack angenommen.

"Der moderne Tod"

Man tut sich schwer, sachlich und emotionslos über die vorzeitige Beendigung des Lebens zu reden, und dennoch sind die Überlegungen zu einer Euthanasie aus ökonomischen oder sogar aus ethischen Gründen nie ganz verstummt. Immerhin gibt es jetzt modernere Konzepte, die ein "sozialverträgliches Frühableben" für erwägenswert oder gar notwendig halten. Noch bevor der damalige Präsident der Bundesärztekammer Karsten Villmar dieses Unwort des Jahres 1998 geprägt hatte, hatte der schwedische Schriftsteller Carl-Henning Wijkmark 1978 mit einem kleinen Buch mit dem Titel "Den moderna döden" – zunächst nur in schwedischer Sprache – eine Diskussion vorweggenommen, die auf moderne Industriestaaten zukommen könnte, falls es nicht gelingen würde, die "Rentnerschwemme" – so das Unwort des Jahres 1996 – zu bewältigen. Wie soll man angesichts ihrer wachsenden Anzahl mit den unproduktiven Alten umgehen, die nur noch Geld kosten und die Volkswirtschaft belasten?

Wijkmark schilderte einen fiktiven Dialog unter schwedischen Experten, die auf Einladung von Dellem, einer Projektgruppe für Altersfragen im schwedischen Sozialministerium, in einem behaglichen Hotel am Öresund zusammengekommen waren, um die Frage zu erörtern, wie man überflüssige Menschen auf möglichst humane Art töten könne. Dabei sollte unbedingt auf die Einsicht der Betroffenen gesetzt werden, dass es nicht gut sei, aus egoistischen Gründen am Leben festzuhalten. Am besten sei es nämlich, wenn die Alten aus freien Stücken in ihr Ableben einwilligten. Erst 2001 erschien das Buch dann in deutscher Sprache unter dem Titel "Der moderne Tod. Vom Ende der Humanität".

2005 wurden in Hamburg und Senftenberg Theaterfassungen des "modernen Todes" uraufgeführt und angesichts der aktuellen Sterbehilfedebatte 2015 im Volkstheater Rostock neu ins Programm genommen, und zwar in dieser Version:

"In der vergangenen Woche fand in Sitzungszimmer N207 im Bundesministerium für Arbeit und Soziales in Berlin eine lange geplante Sitzung zum Thema Sterbehilfe statt. Die Teilnehmer hatte man im Vorfeld um strikte Vertraulichkeit gebeten. Es ging um 'heikle Fragen'. Als Erstes ergriff Abteilungsleiter Bert Persson das Wort, Leiter der Projektgruppe des Ministeriums, die sich mit der sozialpolitischen Dimension des letzten Lebensabschnitts beschäftigt. Persson holte weit aus, sprach über das demografische Problem, die Belastungen für die junge Generation, die explodierenden Pflegekosten. 'Wir müssen', sagte Persson, 'die Probleme zusammen mit den Alten lösen, nicht gegen sie.' Dann stellte er die Vorschläge seiner Projektgruppe vor. Sie will vor allem an den Gemeinschaftssinn der älteren Generation appellieren. Den Senioren müsse klargemacht werden, welche Opfer sie der Gesellschaft abverlangen. Man müsse, forderte Persson, die Einstellung zum Tod verändern. Natürlich nicht sofort nach der Pensionierung, sondern erst, 'wenn die Kräfte abnehmen und die Alterskrankheiten einsetzen'. Unterstützt wurde Persson von Caspar Storm, Professor am Institut für medizinische Ethik. Er forderte in seinem kurzen Vortrag eine 'neue Lebens- und Todesethik'. Widerspruch gab es nach Angaben von Teilnehmern kaum. Man beschloss zu prüfen, wie eine Telefon-Hotline eingerichtet werden könne, die Sterbewillige an entsprechende Organisationen vermittelt. Perssons Fazit ist eindeutig: 'Wir brauchen schnell mehr Tote.'"[4] Aber das ist ja nur Theaterdonner – noch.

Der altruistische Selbstmord

Doch ist das wirklich nur ferne Zukunftssorge? Immerhin resümiert der Sozialwissenschaftler Ludger Fittkau 2006, dass Sterbehilfe seit ihrer "Erfindung" am Ende des 19. Jahrhunderts ein doppeltes Gesicht besitze. Zum einen soll sie dem Einzelnen die Kontrolle über das Sterbegeschehen und den Todeszeitpunkt geben. Zum anderen bietet sie der Gesellschaft die Möglichkeit einer "biologischen Politik".[5] Im Sterbehilfediskurs ging es von Beginn an um politische Ökonomie, beispielsweise um Ressourcenpolitik im Gesundheitssystem.[6] Es waren Biologen und Ökonomen, die als erste ein Recht auf Sterbehilfe propagierten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wo immer es um Sterbehilfe geht, sind Überlegungen zur Bevölkerungsentwicklung, zu Budgetbelastungen durch Altersdemente oder psychisch Kranke nicht weit.

Haben denn die Projektgruppen auf der schwedischen Insel oder im Berliner Ministerium in den Inszenierungen von "Der moderne Tod" nicht mit guten Gründen für ein gesellschaftspolitisch notwendiges Lebensende plädiert, durchaus mit dem Verweis auf den alten Grundsatz, dass Allgemeinwohl vor Eigennutz gehe? Ist es dann nicht eine gute Tat, wenn ein Hochbetagter beschließt, der Gemeinschaft nicht länger als Kostgänger zu schaden?

Fußnoten

1.
Hermann Römpp, Lebenserscheinungen. Eine allgemeine Biologie für die Oberstufe höherer Lehranstalten und zum Selbstunterricht, Stuttgart 1933, S. 150.
2.
Adolf Jost, Das Recht auf den Tod, Göttingen 1895, S. 1.
3.
Karl Bindung/Alfred Hoche, Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form, Leipzig 1920.
4.
Nicola Abé et al., Der moderne Tod, in: Der Spiegel vom 3.2.2014, S. 36.
5.
Geprägt wurde der Begriff von Wilhelm Schallmayer, der als Begründer der Rassenhygiene und Eugenik gilt; Wilhelm Schallmayer, Vererbung und Auslese im Lebenslauf der Völker. Eine staatswissenschaftliche Studie aufgrund der neueren Biologie, Jena 19204 (1903), S. 329.
6.
Vgl. Ludger Fittkau, Autonomie und Fremdtötung. Sterbehilfe als Sozialtechnologie, Frankfurt/M. 2006.
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Autor: Reiner Sörries für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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