Fauler Apfel

Editorial


21.9.2015
Dass sich extremes beziehungsweise antidemokratisches Gedankengut nicht nur an den Rändern der Gesellschaft, sondern auch in ihrer Mitte findet, ist keine neue Erkenntnis. Bereits 1959 schrieb der Soziologe Seymour Martin Lipset über einen "Extremismus der Mitte". In jüngster Zeit mehren sich die Anlässe, um erneut darüber nachzudenken: vom Erstarken rechtspopulistischer Parteien in vielen Ländern Europas über die Dresdner "Abendspaziergänge" der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" und deren Ablegern in vielen Städten Deutschlands bis hin zu den Anschlägen sowie Protesten gegen Asylbewerberheime, an denen sich mitunter ganze Familien offen beteiligen.

Wie weit antidemokratische Einstellungen in "die Mitte" reichen und wie sehr diese Rechtsextremisten ein Umfeld bietet – etwa, indem scheinbar harmlose, aber doch herabsetzende Bemerkungen über Flüchtlinge oder andere Minderheiten geduldet und damit Tabus schleichend verschoben werden –, sind berechtigte Fragen. Dabei ist zu beachten, dass sowohl "Mitte" als auch "rechts" durchaus schwierige Begriffe sind, die unterschiedlich definiert und gebraucht werden. Die politische Mitte sollte man nicht mit der sozioökonomischen verwechseln. "Soziale Mitte heißt nicht zwingend auch demokratisch", brachte es die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan auf den Punkt. "Mitte" könnte insofern auch aufgefasst werden als "mitten unter uns", also zumindest geduldet, wenn nicht sogar akzeptiert.

Die vielen zivilgesellschaftlichen Willkommensinitiativen zeigen indes, dass "Mitte" und "demokratisch" eben auch kein Gegensatzpaar sind und "sozial schwach" und "extremistisch" keine Synonyme. Die Bundeskanzlerin und viele andere fanden für die Gewalt gegen Flüchtlingsunterkünfte klare Worte. Trotz dieser ermutigenden Zeichen bleibt es eine Daueraufgabe jedes Einzelnen in unserer Gesellschaft, Zivilcourage zu zeigen und Fremdenhass, Rassismus und anderen Facetten "Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" entschieden entgegenzutreten – auch und gerade, wenn sie bürgerlich verbrämt daherkommen.