Fauler Apfel

21.9.2015 | Von:
Heike Kleffner

Die Leerstelle in der Fachdiskussion füllen. Sozialarbeit und der NSU-Komplex

NSU-Komplex als Fallbeispiel

Barbara Schäuble verweist darauf, dass es in der Aus- und Fortbildung von Sozialarbeitern gängige Praxis sei, im Sinne lernender Organisationen mit sogenannten Worst-Case-Fallbeispielen zu arbeiten, etwa wenn es um Themen wie Kindeswohlgefährdung bei Kindern und Jugendlichen ginge. Mit Blick auf den NSU-Komplex ist die Professorin davon überzeugt, dass es anhand von Primär- und Sekundärquellen möglich ist, ein ausdifferenziertes Praxisszenario zu zentralen Fragen der Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie der Gemeinwesenarbeit gegen Rassismus und Rechtsextremismus zu entwickeln. Zu den wichtigsten Quellen gehören etwa die Fernsehinterviews mit Sozialarbeitern und Streetworkern wie Thomas "Kaktus" Grund aus Jena, der in den frühen 1990er Jahren mit den Besuchern des Winzerla-Jugendclubs arbeitete, in dem auch Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe ein- und ausgingen, oder die Anhörungen von Sachverständigen zur Rolle der Jugendarbeit in den 1990er Jahren in den NSU-Untersuchungsausschüssen der Landtage Thüringen und Sachsen.

Tatsächlich werden in den Abschlussberichten des Thüringer Untersuchungsausschusses "Rechtsterrorismus und Behördenhandeln" und des Sächsischen Untersuchungsausschusses zwei zentrale Aspekte deutlich. Erstens: Der Streit über die Konsequenzen und Schlussfolgerungen aus der "akzeptierenden Jugendsozialarbeit" mit rechtsextremen Jugendlichen und jungen Erwachsenen dauert bis heute an. Von 1992 bis 1996 wurden unter anderem im Rahmen des "Aktionsprogramms gegen Aggression und Gewalt" (AgAG) in Thüringen und Sachsen drei Dutzend Projekte der Jugendsozialarbeit aus Bundesmitteln zusätzlich gefördert,[3] darunter sowohl der Winzerla-Jugendclub in Jena als auch die Mobile Jugendarbeit im Heckert-Stadtviertel in Chemnitz. Zweitens: Die kommunalen Jugendtreffpunkte in Jena-Winzerla und im Heckert-Viertel in Chemnitz stellen wichtige Bausteine in der Entstehungsgeschichte des "Nationalsozialistischen Untergrunds" dar.

Fernsehbeiträge zum NSU zeigen immer wieder Bilder eines für die Nachwendezeit bis zum Ende der 1990er Jahre in den ostdeutschen Bundesländern vertraut wirkenden Jugendclubszenarios: eine sanierungsbedürftige, mit Graffiti überzogene Baracke und inmitten von ganz "normalen" Jugendlichen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im "klassischen" Neonazi-Outfit mit Glatze und Bomberjacke.[4] In Interviews und auch in dem von ihm mitverantworteten Film "Der verlorene Sohn. Uwe Böhnhardt – der Weg in den Untergrund" erklärt und verteidigt Thomas Grund die Entscheidung des Streetworker- und Sozialarbeiterteams, "dass wir Gruppen gemischt haben. Dass wir versucht haben, rechtes Denken abzubauen".[5] Er äußert sich überzeugt davon, dass es sonst noch viel mehr rechtsextreme Jugendliche gegeben hätte.

Der Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss hat sich als bislang einziger parlamentarischer Untersuchungsausschuss auch mit der Rolle der akzeptierenden Jugendsozialarbeit mit rechtsextremen und neonazistischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei der Entstehung des NSU-Netzwerks auseinandergesetzt und eine Reihe von Sachverständigen und Zeugen dazu gehört. Experten wie der Jenaer Soziologe Matthias Quent kritisierten vor dem Untersuchungsausschuss, dass mithilfe staatlicher Mittel – insbesondere durch das AgAG-Programm – nicht nur Anlaufpunkte für rechtsgerichtete Jugendliche geschaffen, sondern auch rechtsextreme Strukturen mit aufgebaut worden seien.[6] Vor den Abgeordneten des Thüringer Landtags schilderten Sachverständige und Zeugen – darunter ehemalige Sozialarbeiter, Jugendamtsmitarbeiter, Polizeibeamte und Wissenschaftler –, wie im Winzerla-Jugendtreff und in anderen aus Mitteln des AgAG-Programms finanzierten Jugendprojekten aus auf den ersten Blick losen rechten Gruppen gefestigte neonazistische Kameradschaftsstrukturen wie die "Kameradschaft Jena" entstanden. So seien etwa die Räume kommunaler Jugendclubs für Neonazi-Konzerte genutzt und die Produktion neonazistischer Musik unter anderem sogar durch Zuschüsse für den Kauf von Instrumenten unterstützt worden.[7] Schon 1997 hatte auch die Begleitforschung des AgAG-Programms an der Technischen Universität Dresden festgestellt, "dass die Projekte nicht nur milieustärkende sondern auch milieubildende Effekte haben".[8]

Auch das neonazistische Helferinnen- und Helfernetzwerk, welches das untergetauchte NSU-Trio Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe über zwei Jahre lang in Wohnungen in Chemnitz unterbrachte und mit Ausweispapieren und Geld unterstützte, hatte sich in dem kommunalen Jugendtreff "Piccolo" im Heckert-Viertel in Chemnitz zusammengefunden.[9] Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen hätten den Treffpunkt als eine Art "Ersatz-Heimstatt" angesehen, erinnert sich ein ehemaliger Sozialarbeiter. Das wurde auch in den Aussagen von Zeugen im Prozess gegen Beate Zschäpe vor dem Oberlandesgericht München deutlich: Vormittags richteten die Neonazis eine Wohnung für die gesuchten Kameraden aus Jena in der Wolgograder Allee ein, am Abend traf man sich – ohne das Trio – zum Billard-Spielen im nahegelegenen "Piccolo" und besprach dort die Ausflüge zu Konzerten des rechtsextremen Netzwerks Blood & Honour. Am 30. November 2000 überfielen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in unmittelbarer Nähe zum "Piccolo" eine Postfiliale und erbeuteten dort knapp 20000 Euro. Auch in der Fahndung nach dem gesuchten Trio nennt das Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen damals das "Piccolo" als einen bekannten Treffpunkt der gewaltbereiten rechtsextremistischen Szene. Doch da nutzt der Neonazifreundeskreis von Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt das "Piccolo" schon nicht mehr als Treffpunkt.[10]

Der ehemalige Sozialarbeiter des "Piccolo" berichtet, dass dem Team die "Organisierung" von Jugendlichen des Clubs in Vereinigungen wie Blood & Honour, die 88er, Hoonara und Junge Nationalsozialisten durch informelle Quellen schon damals bekannt gewesen sei. Im "Beziehungsverhältnis" zwischen Jugendlichen und Sozialarbeitern seien aber keine Informationen zu den Untergrundnetzwerken geflossen, vielmehr seien die Sozialarbeiter von den Jugendlichen eher als "Sozialfuzzies" wahrgenommen worden. Im Rückblick, sagt der ehemalige Sozialpädagoge, sei das Konzept der offenen Kinder- und Jugendarbeit nur "bedingt tauglich gewesen für die Arbeit mit den ‚Rechten‘ und eher anwendbar für die ‚Normalos‘ und die Kindergruppe", die es auch im "Piccolo" gegeben habe. Eine Supervision und eine fachliche Auseinandersetzung um Konzepte der akzeptierenden Sozialarbeit habe es damals für das Team nicht gegeben.

Neue Herausforderungen

Barbara Schäuble verweist darauf, dass es für ihre Studierenden mit der Exkursion zum NSU-Prozess am OLG München sehr viel greifbarer geworden sei, dass es für die Soziale Arbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen Grenzen gebe – und dass sie sich immer auch der Stärkung von Alternativen zuwenden müsse.

Die Grenzen Sozialer Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen hatte der Bremer Pädagogikprofessor Franz-Josef Krafeld, auf dessen Konzepte der akzeptierenden Jugendarbeit sich in den 1990er Jahren bundesweit viele Pädagogen und Jugendämter bezogen,[11] schon frühzeitig verdeutlicht: "Ohne ein unterstützendes, ohne ein zivilgesellschaftlich engagiertes Umfeld hat zum Beispiel pädagogische Arbeit gegen den Rechtsextremismus kaum Chancen. Wo vor Ort Pluralität und Vielfalt, wo Respekt und Achtung der Menschenwürde nicht Gewicht haben, da kommt Pädagogik, erst recht Pädagogik allein, meist ganz schnell an ihr Ende."[12]

Der Freiburger Soziologe Scherr hofft, dass sowohl anhand des NSU-Komplexes als auch aufgrund der aktuellen Welle rassistischer Gewalt eine dringend notwendige "Weiterentwicklung angemessener Strategien gegen Rechtsextremismus" stattfinden wird. Er will daher Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter ermutigen, Konflikte auszuhalten, betont aber auch: Von prekär beschäftigten Sozialarbeiterinnen, die kaum über Zeit für Fachdiskurse und Vernetzung verfügten, sei kein substanzieller Beitrag zur Zurückdrängung von Rassismus und Rechtsextremismus zu erwarten. Seine Vision: "Jugendarbeit kann dann einen wichtigen Beitrag gegen Rassismus und Rechtsextremismus leisten, wenn sie von Jugendlichen als eine offensive und attraktive Gegenkultur erlebt werden kann, in der Vielfalt und Gleichberechtigung erfahren werden können und die sich eine deutliche politische Positionierung gegen Rassismus und Rechtsextremismus zutraut."

Fußnoten

3.
Vgl. Irina Bohn/Richard Münchmeier, Dokumentation des Modellprojekts, in: Jürgen Fuchs (Hrsg.), Das Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt (AgAG), Bd. 1, Münster 1997, S. 207ff. Eine Kurzdarstellung des AgAG-Programms aus der Perspektive der Bundesregierung findet sich auch unter: BIK Netz – Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus, Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt (AgAG), o.D., http://www.biknetz.de/wissen-generieren/bundesprogramme/agag.html« (18.9.2015).
4.
Vgl. Ulrich Stoll, Brauner Terror, Blinder Staat. Frontal 21 Dokumentation, ZDF, 27.6.2012, http://www.youtube.com/watch?v=5w8Zaxdq62k« (18.9.2015); Anklage Mord – der Prozess gegen die NSU, Deutsche Welle 2013, http://www.youtube.com/watch?v=7ElO1B0mefk« (18.9.2015).
5.
Zit. nach: Andreas Kuno Richter, Der verlorene Sohn: Uwe Böhnhardt – der Weg in den Untergrund, 2012, http://www.eikon-nord.de/produktionen/details/der-verlorene-sohn-uwe-boehnhardt-der-weg-in-den-untergrund.html« (18.9.2015).
6.
Vgl. Thüringer Landtag, Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses 5/1 "Rechtsterrorismus und Behördenhandeln", Drs. 5/8080, 16.7.2014, S. 397ff.
7.
Vgl. ebd. S. 398.
8.
Lothar Böhnisch/Karsten Fritz/Thomas Seifert (Hrsg.), Das Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt (AgAG), Bd. 2: Die wissenschaftliche Begleitung – Ergebnisse und Perspektiven (erstellt durch die Projektgruppe am Institut für Sozialpädagogik und Sozialarbeit der TU Dresden), Münster 1997, S. 23.
9.
Vgl. Abweichender Bericht der Fraktion Die Linke, SPD und Bündnis 90/Die Grünen zum 3. Untersuchungsausschuss der 5. Legislaturperiode des Sächsischen Landtags "Neonazistische Terrornetzwerke in Sachsen", 29.6.2014.
10.
Vgl. ebd., S. 216f.
11.
Vgl. u.a. Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen (IDA NRW e.V.), Das Bremer Modell der Akzeptierenden Jugendarbeit, o.D., http://www.ida-nrw.de/paedagogische-arbeit/akzeptierende-jugendarbeit-/akzeptierende-jugendarbeit_2.html« (18.9.2015).
12.
Franz-Josef Krafeld, Grenzen in der sozialen Arbeit – speziell in der Arbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen, 4.10.2013, http://www.franz-josef-krafeld.de/7.%20Akzeptierende%20Jugendarbeit/Grenzen%20in%20der%20Arbeit%20mit%20rechtsextremen%20Jugendlichen%20%282010%29.pdf« (18.9.2015). Siehe auch Martin Langebach/Cornelia Habisch (Hrsg.), Zäsur? Politische Bildung nach dem NSU, Bonn 2005 (i.E.).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Heike Kleffner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.