Symbolische Darstellung der Durchbrechung des mittelalterlichen Weltbildes, Holzschnitt 1888, im Stil um 1520. Aus: Camille Flammarion, L'atmosphère météorologie populaire, Paris 1888. (Bis 1974 fälschlicherweise ausgegeben als mittelalterlicher Holzschnitt). Digitale Kolorierung.

2.10.2015 | Von:
Pradeep Chakkarath

Welt- und Menschenbilder: Eine sozialwissenschaftliche Annäherung

In einem der berühmtesten philosophischen Gleichnisse eines der bedeutendsten abendländischen Philosophen sitzen Menschen gefesselt in einer Höhle vor einer Felswand. Die Fesseln hindern sie daran, sich in Richtung Höhleneingang umzusehen. An der Wand vor ihnen erblicken sie Schatten, die – dank des Lichts eines flackernden Feuers vor dem Höhleneingang – von Gegenständen und Geschehnissen außerhalb der Höhle schemenhaft auf die Felswand geworfen werden. Die Schattenbilder stellen somit nur die Erscheinung der Dinge dar, die von den Gefesselten aber – zumindest im Rahmen ihres derart eingeschränkten Laien- und Alltagswissens – für die eigentliche Realität gehalten wird. Die Projektionsmechanik und somit die Täuschung in dieser Urbehausung des Menschen zu durchschauen, ist nur denjenigen möglich, denen es gelingt, sich aus den Fesseln zu befreien, sich umzublicken und den Weg aus der düsteren Höhle ans Licht anzutreten.[1]

Platon zeichnet in seinem hier nur grob skizzierten Höhlengleichnis nicht nur ein sehr missliches Bild von der menschlichen Erkenntnislage, sondern weist dem Menschen zugleich auch eine missliche Position in der Welt zu, von der er in diesem Szenario entfernter kaum sein kann. Das Höhlengleichnis ist in einem zunächst sehr allgemeinen Sinne Menschenbild und Weltbild zugleich. Es beinhaltet dabei in kondensierter Form Elemente von Menschen- und Weltbildern, die sich in vielen Kulturen, in früheren wie späteren und auch in aktuellen Weltbildern wiederfinden. So verhandelt das Höhlengleichnis beispielsweise nicht nur die Fragen, welche die Beziehung des Menschen zur Welt ist, ob er zu objektiver Erkenntnis in der Lage ist und was er tun muss, um wahres Wissen zu erlangen, sondern auch, ob der Mensch frei ist, von welcher Art seine Freiheit sein kann, ob er selbst zu seiner Befreiung in der Lage ist oder der Hilfe anderer bedarf, etc.

Ohne die Spuren auch nur ansatzweise durch die komplette Geistesgeschichte hindurch verfolgen zu können, sei hier nur an die vier Fragen erinnert, die Immanuel Kant über 2000 Jahre nach Platon zu den Grundfragen der Philosophie erklärte. Sie dürfen als Fragen gelten, die Menschen zu allen Zeiten, in allen Kulturen, in verschiedensten weltanschaulichen Denk- und Überzeugungssystemen gestellt haben und nach wie vor stellen, für die sie aber zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Kulturen auch unterschiedliche Antworten gefunden haben: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der (diese Fragen stellende) Mensch?[2] Auch im Menschenbild der europäischen Aufklärung, das Kant mit seiner Definition von Aufklärung als dem "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" nachhaltig prägte, erkennen wir noch Platons Höhlenbewohner, der, aus seinen Fesseln befreit, dem Ausgang zustrebt.[3]

Es verwundert nicht, dass der Begriff "Weltbild", als er in seiner althochdeutschen Form Ende des 10. Jahrhunderts vermutlich erstmals auftaucht, mit Bezug auf Platons Ideenlehre verwendet wird, um einen Unterschied zwischen den wahrheitsverbürgenden "Ideen" und ihren Abbildern in der bloßen Erscheinungswelt zu behaupten. "Weltbild" wird dabei als ein Modell gefasst, in dem die bloßen Schatten und Abbilder geordnet und mit Bedeutung versehen werden können.[4] Seitdem hat der Begriff jedoch einige Wandlungen durchlaufen und wird in unterschiedlichen Zusammenhängen und auf verschiedenste Art und Weise gebraucht. Gelegentlich finden sich beispielsweise Versuche, den Begriff des Weltbildes als einen eher naturwissenschaftlichen von dem der "Weltanschauung" oder der "Weltsicht" als einem eher geistes- und sozialwissenschaftlichen zu unterscheiden, wobei "Weltbild" dann eher für kartografische Darstellungen und kosmologisch-astronomische Vorstellungen vom Universum, dem Weltraum, der Bewegung der Planeten und der Sterne vorbehalten bleiben soll. Beispielsweise hat die geläufige Rede von der Ablösung des ptolemäischen geozentrischen Weltbildes durch das kopernikanische heliozentrische Weltbild diesen Gebrauch des Begriffs beträchtlich geprägt. In der deutschsprachigen Gelehrsamkeit, insbesondere unter dem Einfluss der Philosophie des Deutschen Idealismus, wurde "Weltbild" gelegentlich als das Ergebnis der grundsätzlichen menschlichen Fähigkeit zur Anschauung verstanden und damit vom Akt der "Weltanschauung" unterschieden.

Der Begriff ist jedoch längst nicht mehr gelehrten Traktaten vorbehalten. Wenn wir beispielsweise alltagssprachlich von einem Menschen sagen, dass er ein "verschrobenes Weltbild" habe, dann meinen wir in aller Regel, dass sein Weltbild eher eigentümlich geordnet ist und dass die Bedeutungen, die bestimmten Dingen und Geschehnissen darin gegeben werden, eher befremdlich sind, also von einem in der Gemeinschaft etablierten und vertrauten Bild von den Verhältnissen abweichen. Dies ist jedoch eine Feststellung, die durchaus ihr oben bereits angeklungenes akademisches Pendant hat: Etablierte Weltbilder haben eine wichtige soziale Funktion, die darin besteht, den Mitgliedern einer Gemeinschaft ein Modell anzubieten – gelegentlich auch aufzuzwingen –, durch das sie die Dinge und Ereignisse der Welt betrachten, deuten und sinngebend erklären und verstehen können beziehungsweise sollen. Insofern als Weltbilder die Anschauungen größerer und kleinerer Gruppen über die Welt und den Menschen prägen, soll der Begriff "Weltbild" im Folgenden in starker Nähe zum Begriff "Weltanschauung" und vornehmlich in sozialwissenschaftlicher Perspektive erörtert werden, ohne damit abweichenden Verständnissen ihren jeweiligen ideengeschichtlichen, kontextuellen und terminologischen Nutzen absprechen zu wollen.[5]

Fußnoten

1.
Vgl. Platon, Politeia, Buch VII.
2.
Immanuel Kant, Die transzendentale Logik, in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 3: Kritik der reinen Vernunft, Berlin 1904 (17872).
3.
Ders., Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, in: ebd, Bd. 8: Abhandlungen nach 1781, Berlin 1923, S. 35.
4.
Für ausführliche Literaturangaben vgl. Horst Thomé, Weltbild, in: Joachim Ritter/Karlfried Gründer/Gottfried Gabriel (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 12, Darmstadt 2004, S. 460–463.
5.
Zu dieser Thematik vgl. ebd. sowie ders., Weltanschauung, in: ebd., S. 454–460. Für eine ausführlichere und betont psychologische Perspektive auf die funktionale Nähe dieser Termini siehe Mark E. Koltko-Rivera, The Psychology of Worldviews, in: Review of General Psychology, 8 (2004) 1, S. 3–58.
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Autor: Pradeep Chakkarath für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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