Symbolische Darstellung der Durchbrechung des mittelalterlichen Weltbildes, Holzschnitt 1888, im Stil um 1520. Aus: Camille Flammarion, L'atmosphère météorologie populaire, Paris 1888. (Bis 1974 fälschlicherweise ausgegeben als mittelalterlicher Holzschnitt). Digitale Kolorierung.

2.10.2015 | Von:
Georg Glasze

Neue Kartografien, neue Geografien: Weltbilder im digitalen Zeitalter

Bilder der Welt und damit nicht zuletzt Karten spielen eine wichtige Rolle bei der Herstellung und Vermittlung grundlegender Vorstellungs- und Deutungssysteme – also von Weltbildern in einem metaphorischen Sinn.[1] Der Evidenzeffekt von Karten, also ihre Augenscheinlichkeit, führt dazu, dass sie vielfach in höherem Maße als Texte als "wahr", das heißt als Abbildungen einer bestimmten Wirklichkeit, interpretiert werden.[2] Auch die Etablierung der Kartografie als Wissenschaft war eng verknüpft mit der Vorstellung, immer perfektere Abbilder der Erde schaffen zu können.

Allerdings wird die Idee einer kartografischen "Abbildung" seit den 1980er Jahren als modernistischer Mythos kritisiert. Diese sozial- und kulturwissenschaftlich orientierte, kritische Kartografieforschung betont, dass Karten immer in einem spezifischen soziotechnischen Kontext entstehen. Dieser prägt, welche Bilder der Welt hergestellt werden – und welche nicht. Karten oder, weiter gefasst, die ihnen zugrunde liegenden Geoinformationen sind also nicht einfach Abbilder der Welt, sondern (Re-)Produzenten von Weltbildern. Neuere Ansätze zeigen darüber hinaus, dass die Techniken und Praktiken der Kartografie und Geoinformation nicht nur Bilder der Welt prägen, sondern auch unsere physischen Lebenswelten mit formen.[3]

Im Folgenden werden zunächst die Ansätze einer sozial- und kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Karten und Geoinformationen vorgestellt. Anschließend werden wichtige Bausteine der soziotechnischen Transformation der Kartografie sowie des gesamten Feldes der Geoinformation im 20. und 21. Jahrhundert beschrieben, um abschließend zu diskutieren, welche Weltbilder heute in den sogenannten Neokartografien und Neogeografien des digitalen Zeitalters entstehen.

Jenseits der Karte

Unter dem Schlagwort der "Kritischen Kartografie" hat sich seit den 1980er Jahren eine sozial- und kulturwissenschaftliche Kartografieforschung entwickelt, welche die gesellschaftliche Einbettung von Kartografie und Karten sowie die Bedeutung der Kartografie für die (Re-)Produktion bestimmter Weltbilder untersucht. In jüngerer Zeit rücken dabei vermehrt auch die Praktiken, Konventionen und Techniken des Kartenmachens und -gebrauchens ins Blickfeld sowie die Frage, wie diese "in der Welt arbeiten".

Der Geograf und Kartografie-Historiker Brian Harley bemühte sich seit den 1970er Jahren, historische Karten nicht einfach als Abbilder historischer Situationen zu interpretieren, sondern als Dokumente, die innerhalb ihres spezifischen gesellschaftlichen Kontextes verstanden werden müssen. In seinem bekanntesten Aufsatz "Deconstructing the Map"[4] von 1989 benennt Harley die Konsequenzen bestimmter sozialer Strukturen auf die Art und Weise, wie Karten produziert werden: "Monarchen, Ministerien, Institutionen des Staates, die Kirche haben alle Kartierungsprogramme für ihre eigenen Zwecke initiiert."[5] Zum anderen spricht er von der "internen Macht" des "kartografischen Prozesses".[6] Harley lässt sich hier von den Schriften der Philosophen Michel Foucault und Jacques Derrida anregen und betont, dass Karten unweigerlich immer ein bestimmtes Bild der Welt präsentieren und damit bestimmte (soziale) Wirklichkeiten herstellen – und mögliche andere "verschweigen".

Um dies zu untersuchen, schlägt Harley vor, Karten ähnlich wie Texte zu analysieren. Dabei soll von den Regelmäßigkeiten in der Gestaltung von Karten auf die impliziten Regeln der Kartografie geschlossen werden: Was wird im Zuge der Generalisierung hervorgehoben, was wird nicht dargestellt? Welche Bezeichnungen werden verwendet? Welche Grenzen werden gezogen? Welche Orte werden ins Zentrum der Karte gerückt? Wie wird die dreidimensionale Erde auf die zweidimensionale Karte projiziert, zum Beispiel winkel- oder flächentreu? Als eine Regelmäßigkeit und diskursive Regel der Kartografie identifiziert Harley beispielsweise das Prinzip der Ethnozentrizität von Karten – also die Regel, dass der Ort des Eigenen ins Zentrum von Karten gesetzt wird.[7] So ist es kein Zufall, dass die moderne europäische Kartografie genordete, eurozentrierte Karten hervorgebracht hat.

Als eine weitere Regel beschreibt Harley die "Regel der sozialen Ordnung".[8] Dabei geht er davon aus, dass Karten implizit die Prinzipien der sozialen Ordnung ihres Entstehungskontextes reproduzieren: "Häufig dokumentiert der Kartenproduzent genauso eifrig die Konturen des Feudalismus, die Umrisse der religiösen Hierarchien oder die Schritte auf den Stufen der sozialen Klasse wie eine Topografie der physischen und menschlichen Umwelt."[9] In den Karten werden damit bestimmte soziale Wirklichkeiten (re-)präsentiert. Ganz im Sinne der Diskursforschung geht Harley davon aus, dass diese Praktiken nicht auf bewussten Entscheidungen einer Kartografin oder eines Kartografen beruhen, sondern dass diese letztlich unbewusst gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten reproduzieren – mit anderen Worten: diskursive Regeln.

Dies lässt sich anschaulich illustrieren: So heben topografische Karten in Deutschland beispielsweise christliche Kirchen durch eine Signatur hervor. Andere religiöse Bauten werden hingegen nicht mit einer Signatur dargestellt und somit in der Regel kartografisch "verschwiegen". Für Synagogen oder Moscheen existieren in der amtlichen Kartografie in Deutschland bislang keine Signaturen – im Sinne Harleys eine Konsequenz der vorherrschenden sozialen Ordnungen, in diesem Fall der "religiösen Hierarchien".[10]

In Weiterführung der sozial- und kulturwissenschaftlichen Kartografieforschung hat sich seit Ende der 1990er Jahre zunächst in der englischsprachigen Sozial- und Kulturgeografie ein Forschungszusammenhang entwickelt, der den Blick in noch höherem Maße auf die Prozesse "vor und nach" der Karte lenkt – beyond the map. Diese Arbeiten beziehen viele Anregungen aus der sozialwissenschaftlichen Wissenschafts- und Technikforschung. Ins Blickfeld rücken hier die Praktiken, Konventionen und Techniken, mit denen Karten hergestellt und verwendet werden.

So hat der Wissenschaftssoziologe Bruno Latour gezeigt,[11] welche Rolle die Kartografie seit der Neuzeit bei der Produktion wissenschaftlichen Wissens und damit von Autorität in den europäischen Machtzentren spielte und wie sie genutzt wurde, um "in der Welt zu arbeiten".[12] Latour stellt dar, wie theoretische Ansätze der Kartografie sowie Kartierungstechniken und -instrumente wie Sextanten mit disziplinären Praktiken des Handels wie den standardisierten Techniken, mit denen Seefahrer räumliche Informationen erkunden, erfassen und sichern, zusammenwirkten und dadurch ermöglichten, dass systematisch Informationen von entfernten Orten gesammelt wurden. Karten schufen damit eine Voraussetzung für internationalen Handel, territoriale Expansion und globale Kolonisation.[13]

Die sozialwissenschaftliche Wissenschafts- und Technikforschung stellt also eine konzeptionelle Perspektive zur Verfügung, die es ermöglicht herauszuarbeiten, wie die Praktiken, Techniken und Konventionen sowohl der traditionellen Print-Kartografie als auch der neueren digitalen Verarbeitung und Präsentation von Geoinformationen in der Welt wirksam werden und die Welt verändern.[14]

Satellitengestützte Fernerkundung

Die Bilder der Erde, die im Zuge der Entwicklung von Luftfahrt und Fotografie zunächst von Heißluft-Ballons und Flugzeugen, im 20. Jahrhundert dann auch von Satelliten aufgenommen wurden, läuteten eine neue Ära der (Re-)Präsentation der Erdoberfläche ein.[15] Obwohl räumliche (Re-)Präsentationen aus der Vogelperspektive seit vorhistorischer Zeit bekannt sind, war die kartografische Darstellung dabei in der Regel auf die Vorstellung und gegebenenfalls die mathematische Konstruktion angewiesen.

Früh nutzten die westlichen Nationalstaaten die neuen Techniken und unterstützten deren Weiterentwicklung. So setzte beispielsweise die französische Armee bereits 1794 erstmals einen Aufklärungsballon ein. Während des Ersten Weltkrieges trieb das Militär die Entwicklung der Luftbildfotografie voran, die nach wie vor für alle Arten von Spionage eingesetzt wird. Luftbildfotografie eröffnete damit neue Erkundungsmöglichkeiten für technisch hochentwickelte Staaten und stellt bis heute eine Herausforderung für die Souveränität anderer Staaten dar.[16]

Die Entwicklung der satellitengestützten Fernerkundung ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurde zunächst vor allem von den Regierungen der USA und der Sowjetunion vorangetrieben. Der Start des ersten Satelliten "Sputnik 1" 1957 durch die Sowjetunion markierte den Beginn einer neuen Phase der Fernerkundung, da die Akzeptanz dieses Satelliten beziehungsweise das Ausbleiben eines Protests seitens der US-Regierung sowie anderer Regierungen die Grundlage für das Recht auf freien Überflug im Weltraum schuf – die sogenannte Open Sky Doctrine. Nur zwei Jahre später, 1959, schickte die CIA den ersten Spionagesatelliten ins Weltall.[17]

Satellitengestützte Fernerkundung hat das Bild der Erde verändert: Erstens fordern die Bilder der gesamten, grenzenlosen Erdoberfläche das Konzept der territorialen Souveränität heraus.[18] Ob dies als Zeitalter einer "globalen Transparenz"[19] zu feiern oder als Ära einer globalen Überwachung aller durch wenige zu fürchten ist, ist eine Frage des (geo)politischen Standpunktes. Mithilfe der Fernerkundung können sich entfernte Beobachterinnen und Beobachter teilweise mehr geografische Informationen erschließen, als Akteuren in den beobachteten Territorien vorliegen. Dies ist nicht zuletzt deshalb relevant, weil die wichtigsten Organisationen der Satellitenindustrie bis heute in wenigen Ländern zumeist des globalen Nordens verortet sind.[20]

Zweitens hat die Verfügbarkeit von Bildern aus dem Weltall Vorstellungen der Erde als endliche, aber grenzenlose Heimstätte der Menschheit befördert: Die von Satelliten und den Mondflügen aufgenommenen Bilder eines strahlend blauen Planeten vor der Dunkelheit des unendlichen Weltraums wurden zu einem wichtigen Symbol für transnational-globale Umweltbewegungen.[21]

Nach dem Ende des Kalten Krieges beschleunigte sich die Verfügbarkeit von Satellitenbilddaten: Die Regierungen der USA und der Sowjetunion beziehungsweise Russlands gaben riesige Mengen von Daten zur zivilen Nutzung frei. Schrittweise hoben die USA Beschränkungen für die kommerzielle Satellitenindustrie auf. Es entwickelte sich eine Situation der zunehmenden wirtschaftlichen Konkurrenz der US-amerikanischen Anbieter mit Satellitenbildanbietern beispielsweise in Frankreich und Kanada.[22] Satellitenbilddaten sind heute wichtiger Teil der rasch wachsenden Verfügbarkeit digitaler, geografisch referenzierter Daten (Geodaten).

Fußnoten

1.
Vgl. Christoph Markschies et al., Vorbemerkung, in: dies. (Hrsg.), Atlas der Weltbilder, Berlin 2011, S. XIV.
2.
Vgl. Bruno Schelhaas/Ute Wardenga, Die Hauptresultate der Reisen vor die Augen zu bringen – oder: Wie man Welt mittels Karten sichtbar macht, in: Christian Berndt/Robert Pütz (Hrsg.), Kulturelle Geographien. Zur Beschäftigung mit Raum und Zeit nach dem Cultural Turn, Bielefeld 2007, S. 143–166.
3.
Für eine deutschsprachige Einführung in die Debatte vgl. Georg Glasze, Kritische Kartographie, in: Geographische Zeitschrift, 97 (2009) 4, S. 181–191.
4.
Vgl. Brian Harley, Deconstructing the Map, in: Cartographica, 26 (1989) 2, S. 1–20; für die folgenden Zitate aus der deutschen Fassung vgl. ders., Das Dekonstruieren der Karte, in: An Architektur, 5 (2004) 11–13, S. 4–19.
5.
Ebd., S. 16.
6.
Ebd., S. 17.
7.
Ebd., S. 9f.
8.
Ebd., S. 10.
9.
Ebd.
10.
Vgl. G. Glasze (Anm. 3).
11.
Vgl. Bruno Latour, Science in Action, Cambridge MA 1987; ders., Die Logistik der immutable mobiles, in: Jörg Döring/Tristan Thielmann (Hrsg.), Mediengeographie, Bielefeld 2009, S. 111–144.
12.
Rob Kitchin/Chris Perkins/Martin Dodge, Thinking about Maps, in: dies. (Hrsg.) Rethinking Maps, New Frontiers in Cartographic Theory, London–New York 2009, S. 14.
13.
Vgl. B. Latour (Anm. 11).
14.
Vgl. Christian Bittner/Georg Glasze/Cate Turk, Tracing Contingencies: Analyzing the Political in Assemblages of Web 2.0 Cartographies, in: GeoJournal, 78 (2013) 6, S. 935–948.
15.
Vgl. Wolfgang Sachs, Satellitenblick. Die Ikone vom blauen Planeten und ihre Folgen für die Wissenschaft, in: Ingo Braun/Bernward Joerges (Hrsg.), Technik ohne Grenzen, Frankfurt/M. 1994, S. 318.
16.
Vgl. Denis E. Cosgrove/William L. Fox, Photography and Flight, London 2010.
17.
Vgl. Walter A. McDougall, The Heavens and the Earth: A Political History of the Space Age, New York 1985.
18.
Vgl. Barney Warf, Dethroning the View from Above: Toward a Critical Social Analysis of Satellite Ocularcentrism, in: Lisa Parks/James Schwoch (Hrsg.), Down to Earth: Satellite Technologies, Industries, and Cultures, New Brunswick 2012, S. 42–60.
19.
Vgl. John C. Baker/Ray A. Williamson/Kevin M. O’Connell, Introduction, in: dies. (Hrsg.), Commercial Observation Satellites: At the Leading Edge of Global Transparency, Santa Monica 2001, S. 1–11.
20.
Vgl. Laura Kurgan, Close Up at a Distance: Mapping, Technology, and Politics, Cambridge MA–London 2013, S. 39ff.
21.
Vgl. Denis E. Cosgrove, Apollo’s Eye. A Cartographic Genealogy of the Earth in the Western Imagination, Baltimore 2001, S. 262ff.
22.
Vgl. J. C. Baker/R. A. Williamson/K. M. O’Connell (Anm. 19).
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