Symbolische Darstellung der Durchbrechung des mittelalterlichen Weltbildes, Holzschnitt 1888, im Stil um 1520. Aus: Camille Flammarion, L'atmosphère météorologie populaire, Paris 1888. (Bis 1974 fälschlicherweise ausgegeben als mittelalterlicher Holzschnitt). Digitale Kolorierung.

2.10.2015 | Von:
Ingeborg Reichle

Ein Blick in die Geschichte der Bildwelten der Weltbilder

Menschen machten sich zu allen Zeiten ein Bild von der Welt, in der sie lebten und wie sie sie jeweils verstanden – und hielten dies entsprechend ihrer Möglichkeiten und den ihnen zur Verfügung stehenden Medien visuell fest.[1] Die hinter dieser Praxis des Entwerfens von Weltbildern liegenden Fragen sind über die Jahrhunderte die gleichen geblieben. Sie betreffen die Ordnung, in welche der Mensch sich eingebettet findet und seine Stellung innerhalb dieser Ordnung: Welche Gestalt hat die Welt? Welche Kräfte und Ideen wirken in ihr? Woraus besteht sie? Wie ist sie entstanden? Wie sieht ihre Zukunft aus?

Die mit dieser Ordnung einhergehenden Begriffe "Weltbild" und "Weltanschauung" verweisen dabei unmittelbar auf die grundlegende Bedeutung des Sehens und der Bildlichkeit für die menschliche Erfahrung von Welt.[2] Bilder erfüllen für den Menschen eine grundsätzlich orientierende und strukturierende Funktion. Anschaulichkeit als grundlegende Kategorie für unser Verständnis von Welt meint jedoch mehr als eine bloße Reproduktion des Sichtbaren: Die Bildwelten der Weltbilder vermitteln nicht nur ein anschauliches Bild der Welt und des Kosmos beziehungsweise der entsprechenden Vorstellungen. Bildliche Darstellung geht notwendigerweise immer auch mit einer Abstraktionsleistung einher. Daher ist die dargestellte Welt stets eine vom Menschen hervorgebrachte Wirklichkeit und somit einerseits interpretiert und andererseits symbolisch konstruiert. Bilder von der Welt sind zugleich wirkungsmächtige Instrumente zum praktischen und theoretischen Handeln in der Welt und prägen auf unterschiedlichste Weise die Konstruktion und Imagination von Welt überhaupt.

Die Geschichte der "Welt als Bild" reicht von kosmologischen Modellbildungen der Antike bis hin zu jüngsten computergenerierten Visualisierungen der Astrophysik. Es handelt sich also nicht nur um eine Geschichte wechselnder Weltvorstellungen, sondern zugleich um eine Geschichte wechselnder Darstellungsmethoden und unterschiedlicher Visualisierungsmedien: Bei der Betrachtung von Weltbildern gelangt daher eine Vielfalt visueller Medien in den Blick: Buchmalerei und Computersimulation, Tafelmalerei und Infografik, Kartografie und Diagramme. Im Folgenden möchte ich anhand ausgewählter bildlicher Darstellungen der Welt exemplarisch einige Aspekte der Geschichte der Bildwelten der Weltbilder aufzeigen – wobei diese chronologische Reihung nur eingeschränkt als lineare Entwicklung zu verstehen ist.

Von der Symbolik des Zentrums und vollkommenen Kreisen

Abbildung 1: Babylonische Weltkarte (7.–6. Jahrhundert v. Chr.)Abbildung 1: Babylonische Weltkarte (7.–6. Jahrhundert v. Chr.) (© bpb)
Bilder der Welt im Sinne von Praktiken visueller Welterzeugung entstehen bereits lange vor unserer Zeitrechnung. Eines der frühesten überlieferten Weltbilder ist die sogenannte Babylonische Weltkarte, die in der Zeit vom 7. bis 6. Jahrhundert v. Chr. im Zweistromland entstand und sich heute im British Museum in London befindet. Auf dem 8,2 mal 12,2 Zentimeter großen Fragment einer Tontafel sind auf der Vorder- und Rückseite Texte in Keilschrift eingeritzt sowie auf der unteren Hälfte eine Karte aus der Vogelperspektive (Abbildung 1).

Auf einer runden Fläche innerhalb eines gleichmäßig breiten Rings, der als Ozean gekennzeichnet ist, sind wichtige Städte und Gebiete lokalisiert. Jenseits des Ozeans schließen sich außen sternförmig eine Reihe dreieckiger Formen an, deren Spitzen in vermutlich unbekanntes Terrain – die Räume zwischen den Spitzen sind unbeschriftet – hineinragen. Zwei parallele Linien, die sehr wahrscheinlich den Euphrat darstellen, streben von der oberen Mitte des Kreises nach unten durch den Mittelpunkt der Karte und treffen auf zwei waagerecht verlaufende Linien, die als Kanal bezeichnet werden. Im Zentrum steht die Stadt Babylon mit dem Hochtempel, der als Sinnbild des Zusammenhalts der Welt – Himmel, Erde und Unterwelt – als vertikale kosmische Achse vorgestellt wird, welche von Anbeginn der Zeiten die Stabilität des Weltgebäudes garantiert.[3] Älteren kartografischen Konventionen folgend, werden die Ränder der bekannten Welt entweder als Berge oder als Meere dargestellt, die von furchterregenden Mischwesen bevölkert sind und somit eine Art Gegenwelt zur Zivilisation der geordneten altorientalischen Stadtkultur verkörpern.

Der Text auf der Vorder- und Rückseite der Tontafel nimmt auf die Darstellung erläuternd Bezug. Auf diese Weise wird der begrifflichen Ordnung der Welt eine modellhafte anschauliche Ordnung gegenübergestellt. Zugleich eröffnet die perspektivische Darstellung der Babylonischen Weltkarte der Betrachterin oder dem Betrachter eine kartografische Orientierung im bekannten Raum, die es ihm erlaubt, die Welt der Babylonier als Ganzes zu erfassen. Diese Perspektive auf die Welt ist jedoch zugleich eine Perspektivierung, die Rahmung eines Selbst- und Weltverhältnisses, das auf gewissen Grundannahmen von der Welt basiert, aufgrund derer die Phänomene überhaupt erst in den Blick genommen werden können.[4] Diese sind stets kultur- und zeitgebunden. Weltbilder sind daher als Modellierungen von Überzeugungen zu verstehen, durch die sich Menschen vor aller Erkenntnis und vor jeder Handlung ihrer selbst, ihrer Stellung in der Welt und der Welt als solcher vergewissern, mit einer Orientierungs- und Deutungsfunktion.[5] So sind auch die Babylonische Weltkarte und der zu ihr gehörende Text in eine symbolische Weltsicht eingebettet, in der insbesondere die Handlung der Götter die Welt für die Menschen lesbar macht.

Dies lässt sich auch an den Bildern christlicher Weltvorstellungen des lateinischen Mittelalters, sogenannten mappae mundi,[6] festmachen. Anders als etwa die auf den Methoden der griechischen Naturwissenschaft basierenden mittelalterlichen muslimischen Himmelskarten, die selbst keine religiöse Dimension dokumentieren und vielmehr dazu dienten, Mondkalender für die religiösen Rituale zu erstellen und die Gebetszeiten festzulegen, oder Kartendiagramme der islamischen Welt zur Ermittlung der Kibla, der Gebetsrichtung nach Mekka aus jeder Richtung der Welt, sind mappae mundi religiös überformt und geprägt von der biblischen Überlieferung der Ordnung der Welt und weisen zahlreiche Bezüge zur christlichen Heilsgeschichte auf.[7]

Ein Beispiel ist etwa die Londoner Psalterkarte, die in den 1260er Jahren entstand und heute in der British Library in London aufbewahrt wird (Abbildung 2). Sie zeigt auf der Vorderseite, ebenfalls aus der Vogelperspektive, die Welt als vom Heiland gesegnete Scheibe, eingefasst von einem grünen Ring, der den Ozean darstellt. Mittig oben auf der Karte, also im Osten, ist das Paradies mit dem Doppelporträt von Adam und Eva sowie fünf dort entspringenden Flüssen zu erkennen. Rechts davon ist das Rote Meer zu sehen, links die kaukasische Festung, hinter der Alexander der Große die Endzeitvölker Gog und Magog eingeschlossen haben soll. Gegenüber, am südlichen Rand der Karte, befinden sich menschliche Missgestalten und halbtierische Fantasiewesen in ihren Gehäusen. Im Zentrum des Erdkreises, in der Mitte der Welt und der Völker, liegt Jerusalem – wie insbesondere seit der Eroberung des Heiligen Landes durch die Kreuzfahrer 1099 auf solchen westlichen Darstellungen der Welt üblich. In der unteren Hälfte sind die ebenfalls in Grün gehaltenen, waagerecht verlaufenden Flüsse Don und Nil sowie, senkrecht skizziert, das Mittelmeer zu sehen. Diese in den Weltozean eingelassene T-Form der Gewässer trennt die drei um das Mittelmeer angeordneten Kontinente Asien, Europa und Afrika voneinander. Der antiken Konvention sogenannter T-O-Karten folgend, liegt Asien im oberen Teil der bewohnten Welt, Europa im linken unteren Viertel und Afrika im rechten unteren Viertel.[8] Auf der Rückseite des Blattes werden die drei Kontinente den drei Söhnen Noahs Sem (Asien), Jafet (Europa) und Ham (Afrika) zugeordnet, die laut der biblischen Überlieferung nach der Sintflut die Erde besiedeln.
Abbildung 2: Londoner Psalterkarte (ca. 1262 n. Chr.)Abbildung 2: Londoner Psalterkarte (ca. 1262 n. Chr.) (© bpb)

In dem gleichen Maße, in dem bildliche Darstellungen der bekannten Welt bis in die Frühe Neuzeit hinein von der Symbolik des Zentrums inspiriert sind, beherrscht das geozentrische Weltbild die Vorstellung der Menschen vom Kosmos: Von der Antike an wird dem im stetigen Wandel befindlichen Dasein auf der Erde der supralunare göttliche Bereich der ewigen und unveränderlichen Sphärenwelt gegenübergestellt, in dem die Gestirne in vollkommenen Kreisbewegungen ihre Bahnen um die Erde ziehen, die als unbeweglich im Mittelpunkt des Kosmos vorgestellt wird.

Dieser Bezug auf die Idealform des Kreises ist von der Annahme einer göttlichen Geometrie inspiriert, die schon der griechische Philosoph Platon (ca. 428–348 v. Chr.) beschreibt. Er sieht diese im Zusammenhang mit der Erschaffung der Welt. Sie habe die Funktion, das Unbegrenzte zu begrenzen, die Materie nach Maß und Zahl zu gestalten und vor allem Harmonie und Ordnung zu stiften.[9] Dieses Motiv des geometrisierenden Gottes ist in kommentierten Bibelhandschriften aus dem frühen 13. Jahrhundert wiederzufinden. So zeigt etwa eine Darstellung in der "Bible moralisée" aus Oxford von 1235/45 n. Chr., die heute in der Bodleian Library aufbewahrt wird, Gott als deus geometra auf einem Thronsessel sitzend, wie er die Weltscheibe vor sich hält und mit einem Zirkel in der Hand präzise die kreisrunde Form der Welt umreißt.

Die Vorstellung von der Vollkommenheit der Kreisbewegungen der göttlichen Gestirne wird jedoch bereits in der Antike durch die zeitgenössische Beobachtung der Himmelserscheinungen der sogenannten fünf Irrsterne infrage gestellt: Die Bahnen der Planeten Saturn, Jupiter, Mars, Venus und Merkur bilden kaum zu deutende Schlaufen, stehen still oder sind sogar rückläufig. Im zweiten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung kann der griechische Mathematiker und Naturforscher Ptolemaios von Alexandria (ca. 100–170 n. Chr.) die komplexen Planetenbewegungen schlüssig erklären, woraufhin das nach ihm benannte Weltbild über Jahrhunderte – bis zur "kopernikanischen Wende" im 17. Jahrhundert – gültig bleibt: Er lässt die Himmelskörper auf Epizyklen kreisen, womit sich die Umlaufbahnen und die Winkelabstände der Planeten von der Sonne präzise beschreiben lassen. Das drei Jahrhunderte zuvor von dem griechischen Astronom und Mathematiker Aristarch von Samos (ca. 310–230 v. Chr.) entwickelte heliozentrische Modell zur Erklärung der komplexen Planetenbahnen kann Ptolemaios verwerfen. Denn er gelangt zu dem Schluss, dass wenn die Erde sich auf einer riesigen Umlaufbahn um die Sonne bewegen würde, im Sommer wie auch im Winter am Fixsternhimmel gewisse Verschiebungen erkennbar sein müssten – sogenannte Parallaxen. Parallaxeneffekte sind zu Ptolemaios’ Zeiten jedoch nicht auszumachen, auch nicht zu Lebzeiten von Nikolaus Kopernikus (1473–1543), Galileo Galilei (1564–1642) oder Johannes Kepler (1571–1630). Letzterer kann zwar anhand des Planeten Mars belegen, dass sich Planeten auf elliptischen Bahnen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit um die Sonne bewegen, und besiegelt damit die endgültige Abkehr von der Idealform des Kreises. Doch erst 1838 kann der deutsche Astronom und Mathematiker Friedrich Wilhelm Bessel (1784–1846) den von Ptolemaios geforderten Effekt einer Fixsternparallaxe präzise nachweisen.

Fußnoten

1.
Vgl. hier und im Folgenden: Ingeborg Reichle et al., Vorbemerkung, in: dies. (Hrsg.), Atlas der Weltbilder, Berlin 2011, S. XIII ff.
2.
Zur Begriffsgeschichte vgl. Johannes Zachhuber, Weltbild, Weltanschauung, Religion. Ein Paradigma intellektueller Diskurse im 19. Jahrhundert, in: Christoph Markschies/ders. (Hrsg.), Die Welt als Bild. Interdisziplinäre Beiträge zur Visualität von Weltbildern, Berlin–New York 2008, S. 171–194.
3.
Vgl. Friedhelm Hartenstein, Die Babylonische Weltkarte, in: I. Reichle et al. (Anm. 1), S. 14.
4.
Vgl. Eva Schürmann, Die Bildlichkeit des Bildes. Bildhandeln am Beispiel des Begriffs Weltbild, in: Klaus Sachs-Hombach (Hrsg.), Bildwissenschaft zwischen Reflexion und Anwendung, Köln 2005, S. 195–211.
5.
Vgl. I. Reichle et al. (Anm. 1).
6.
Vgl. zum Begriff mundus Wilhelm Kölmel, Imago mundi. Studien zum mittelzeitlichen Weltverständnis, Boethania-Forschungsergebnisse zur Philosophie, Bd. 19, Hamburg 1995, S. 10–21.
7.
Vgl. Michael Borgolte, Christliche Welt und muslimische Gemeinde in Kartenbildern des Mittelalters, in: I. Reichle et al. (Anm. 1), S. 122.
8.
Der Begriff "T-O-Karte" bezeichnet eine kreisrunde – O-förmige – Darstellung der Welt, die durch T-förmig angeordnete Gewässer in drei Teile getrennt wird (orbis terrae tripartitus).
9.
Vgl. Friedrich Ohly, Deus Geometra. Skizzen zur Geschichte einer Vorstellung von Gott, in: Norbert Kamp/Joachim Wollasch (Hrsg.), Tradition als historische Kraft. Interdisziplinäre Forschungen zur Geschichte des frühen Mittelalters, Berlin–New York 1982, S. 4.
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