Das Buch "Mein Kampf" von Adolf Hitler

16.10.2015 | Von:
Gideon Botsch
Christoph Kopke

NS-Propaganda im bundesdeutschen Rechtsextremismus

Rückblicke auf die "alte" Bundesrepublik

Die Präsenz nationalsozialistischer Propaganda im Rechtsextremismus der Gegenwart lässt sich schwer nachvollziehen, wenn man nicht die Entwicklung der "nationalen Opposition" in der "alten" Bundesrepublik mit in den Blick nimmt.[7] Wesentliche Elemente rechtsextremer Weltbilder wurden maßgeblich von denjenigen geprägt und tradiert, die während der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland und Europa – teils an prominenten Positionen – propagandistisch tätig gewesen waren. Ein gutes Beispiel ist der rechtsextreme Verleger Helmut Sündermann. Sündermann war schon vor 1933 der engste Mitarbeiter von Otto Dietrich, dem Reichspressechef der NSDAP, und bewegte sich im unmittelbaren Umfeld Hitlers. Im Nationalsozialismus stieg er zum Staatssekretär im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda auf und war Schriftleiter der Nationalsozialistischen Parteikorrespondenz, mithin einer der einflussreichsten Propagandisten des Regimes. Nach der Gründung der Bundesrepublik war er zwar für einige Jahre mit einem Publikationsverbot belegt, hielt sich aber nicht daran, sondern publizierte unter verschiedenen Pseudonymen, die zumeist leicht zu entschlüsseln waren. Phasenweise war er verantwortlich für die meinungsprägenden Leitartikel in "Nation Europa", einer Wochenzeitschrift, die bis 2009 – als sie von der neu gegründeten Zeitschrift "Zuerst!" übernommen wurde – das wichtigste Leitmedium des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik darstellte. Im Druffel-Verlag, den Sündermann in Leoni am Starnberger See betrieb, erschienen frühzeitig Memoiren nationalsozialistischer Funktionäre. Mit der Herausgabe des Briefwechsels zwischen Rudolf Heß und seiner Frau Ilse begründete der Verlag auch den sogenannten Heß-Kult.[8]

Unmittelbar an die NS-Propaganda knüpfte auch die 1949 gegründete Sozialistische Reichspartei (SRP) an, die sich für ihre Auftritte und Saalveranstaltungen nicht nur der früheren Funktionäre verschiedener NS-Organisationen als Propagandaredner bediente, sondern sich auch in der äußeren Form an Praktiken anlehnte, die aus dem Nationalsozialismus stammten. So war Marschmusik ein wichtiges Element dieser Veranstaltungen; im Mittelpunkt stand dabei der Badenweiler Marsch, der im Nationalsozialismus jeweils die Auftritte Hitlers untermalt hatte. Manchmal dirigierte sogar Herms Niels, der als Leiter des Reichsmusikzuges wohl der populärste Kapellmeister des untergegangenen Regimes gewesen war. Unter anderem wegen solch offener NS-Propaganda wurde die SRP 1952 verboten.[9] Ein bedeutender Teil ihrer Anhänger ging danach in die konkurrierende, insgesamt gemäßigtere und eher in deutschnationaler Tradition stehende Deutsche Reichspartei über.

Ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre näherte sich erstmals eine jüngere Generation von Rechtsextremisten an die nationalsozialistische Propaganda an. Ein Beispiel hierfür ist die Nationaljugend Deutschlands, die im Westteil Berlins aktiv war und etwa 40 Mitglieder umfasste. Während mehrerer Gruppenabende hörten sich die Jugendlichen Tondokumente der Reichstagsdebatte über das Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933 mit dem berühmten Rededuell zwischen dem SPD-Vorsitzenden Otto Wels und Adolf Hitler an. Damit bereiteten sie sich gezielt auf den Besuch einer Veranstaltung zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit unter dem Titel "Wie war das möglich?" am 5. November 1959 in einem Berliner Jugendzentrum vor. Hier ergriffen sie während der Diskussion das Wort und "brachten zum Ausdruck, daß sie das Vorgehen Hitlers und seine Argumentation billigten. Die Veranstalter waren diesen Meinungsäußerungen (…) dem Anschein nach nicht gewachsen, was auf dem nächsten Heimabend der NJD als ein ‚großer Erfolg‘ gefeiert und als Bestätigung für die (…) pronazistischen Anschauungen gewertet wurde."[10]

In den 1960er Jahren zeigte sich ein anderes Bild. Einerseits wuchs das Wissen um die nationalsozialistische Herrschaft, ihre Voraussetzungen und ihren verbrecherischen Charakter in der deutschen Bevölkerung im Rahmen einer zunehmend kritischeren gesellschaftlichen, intellektuellen und juristischen Auseinandersetzung. Gleichzeitig trat die offene Anknüpfung an NS-Propaganda auch im Rechtsextremismus in den Hintergrund. Zwar dominierten immer noch Personen, die in den Jahren vor 1945 aktiv waren, darunter auch die bereits genannten Propagandisten des Regimes. Mit dem Wunsch, die 1964 gegründete Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) zur Wahlalternative für radikalnationalistische Wählerinnen und Wähler zu machen, setzte der Mainstream des Milieus indes auf Zurückhaltung.

Nach dem für die damalige rechtsextreme Szene unerwartetem Scheitern der NPD bei den Bundestagswahlen 1969 trat in den 1970er Jahren eine neue Phase der Rezeption von NS-Propaganda ein. Sie war auch dadurch geprägt, dass die tragenden Figuren des Netzwerkes früherer NS-Propagandisten allmählich verstarben, so beispielsweise 1972 Helmut Sündermann. Eine jüngere Generation von Rechtsextremisten erschloss sich den Nationalsozialismus in unterschiedlicher Weise. Ein Teil des Milieus versuchte, aus dem Schatten Hitlers herauszutreten – teils aus echter Kritik an der Rolle des Nationalsozialismus in der deutschen Geschichte, teils aber wohl auch aus strategischem und taktischem Kalkül mit Blick auf die abschreckende Wirkung eines Bekenntnisses zum Nationalsozialismus. Diese in der Regel mit der "Neuen Rechten" identifizierten Kreise suchten teilweise auch eine distanzierende Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit Hitlers oder den Techniken nationalsozialistischer Propaganda. Ihre "Verurteilung des III. Reichs" stellte eine "deutliche Differenz zur Alten Rechten" dar.[11]

Etwa zeitgleich entwickelte sich auch eine andere, entgegengesetzte Strömung, aus der später die Parteien und Kameradschaften der Neonazis hervorgehen sollten. Ab 1970 zeigte sich ein neues, zumeist unkritisches oder nur oberflächlich kritisches Interesse des Publikums an allem, was mit Hitler zu tun hatte. Gerade junge Menschen erlagen der Faszination nationalsozialistischer Propaganda, die in Form vermeintlich unparteiischer "Dokumentationen zur Zeitgeschichte" auf den Markt gebracht wurde. Zeitgenössisch war von einer "Hitler-Welle" die Rede.[12] Ermutigt von dieser unkritischen Rezeption nationalsozialistischer Propaganda, entstanden in verschiedenen Regionen Deutschlands zunächst eher kleine Grüppchen neo-nationalsozialistischer Ausrichtung. Von Gesinnungsgenossen im Ausland hergestelltes Propagandamaterial mit Hakenkreuzen wurde verbreitet. Insbesondere der junge rechtsextreme Aktivist Michael Kühnen aus Hamburg verstand es, das Bekenntnis zum historischen Nationalsozialismus als Tabubruch zu inszenieren und damit seine politische Forderung nach Wiederzulassung der NSDAP zu unterstreichen. In offener Anlehnung an die NS-Bewegung nannte er seine Gruppierung "Aktionsfront Nationaler Sozialisten" (ANS). Spektakulär war die "Eselsmasken"-Aktion 1978, bei der entsprechend verkleidete Männer durch Hamburgs Straßen liefen und dabei Schilder mit der Aufschrift "Ich Esel glaube immer noch, dass in deutschen KZs Juden vergast wurden" trugen. Diese Aktion erinnerte Beobachter an die herabwürdigende Zurschaustellung von Regimegegnern und rassenpolitisch Verfolgten durch SA-Trupps. Darüber hinaus veranstaltete die ANS im Juli 1978 eine Hitler-Gedenkfeier im schleswig-holsteinischen Lentföhrden. Im Zuge der polizeilichen Auflösung setzten sich die Neonazis gewaltsam zur Wehr.[13]

Das öffentliche Auftreten der ANS Kühnens markiert einen Umbruch im deutschen Rechtsextremismus: Seit den 1950er Jahren hatten sich selbst die radikalsten Kräfte nicht mehr offen beziehungsweise öffentlich zum Nationalsozialismus bekannt. Kühnen nahm bewusst die staatliche Repression in Kauf, deren Einsetzen er kalkulierte und deren Wirkung er propagandistisch auszunutzen suchte. Das erklärte Ziel des von ihm maßgeblich geführten Netzwerkes war der Wiederaufbau der NSDAP. Neu war auch, als Ziel der politischen Arbeit die Wiedererrichtung eines nationalsozialistischen Staates als Alternative zum parlamentarisch-demokratischen System der Bundesrepublik zu fordern. Noch für 1989 planten Kühnen und seine Mitstreiter im Rahmen eines "Komitees zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers" verschiedene Aktivitäten. Blieben diese zwar einerseits wenig erfolgreich, so wurde es doch andererseits in breiteren Kreisen des Rechtsextremismus wieder üblich, den "Führergeburtstag" am 20. April als Gedenk- und Feiertag zu begehen.

Die Neonaziszene konnte in der Bundesrepublik der 1980er Jahre deutliche Geländegewinne erzielen: Seit Mitte der 1980er Jahre stieg der Einfluss neonazistischer Positionen in einzelnen Jugendszenen wie bei den Skinheads oder unter Fußballfans deutlich an. Waren bis dahin rechtsradikale Jugendliche fernab vom jugendlichen Mainstream eher randständig in verschiedenen nationalen Jugendbünden – der wichtigste war die 1994 verbotene Wikingjugend – organisiert, deren Aktivitäten und Stilmittel (Volkstanz und Volkslieder, Märsche und Wanderungen, Wehrsport und Ähnliches) vor allem an die historische Hitlerjugend erinnerten, so entstand nun eine neue extrem rechte Jugendkultur, die sich nach und nach ausbreiten konnte und seit den 1990er Jahren beträchtlichen Zulauf erhielt.[14]

Fußnoten

7.
Vgl. Gideon Botsch, Die extreme Rechte in der Bundesrepublik Deutschland. 1949 bis heute, Darmstadt 2012.
8.
Vgl. Gideon Botsch, Sündermann, Helmut, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Bd. 2/2: Personen L–Z, Berlin 2009, S. 812–813; ders., Nation Europa (seit 1951), in: ebd., Bd. 6: Publikationen, Berlin 2013, S. 473–475.
9.
Eine dichte Beschreibung der SRP-Propaganda bei Manfred Jenke, Verschwörung von rechts? Ein Bericht über den Rechtsradikalismus in Deutschland nach 1945, Berlin 1961, S. 79ff.; vgl. Henning Hansen, Die Sozialistische Reichspartei. Aufstieg und Scheitern einer rechtsextremen Partei, Düsseldorf 2007.
10.
Der Generalstaatsanwalt beim Landgericht Berlin, Anklageschrift in Sachen B.u.a. Mitglieder der National-Jugend Deutschlands (NJD) und des Bundes Nationaler Studenten (BNS), 2 P Js 12/60 v. 12.10.1960, S. 44 (Kopie im Archiv der Verf.).
11.
Klaus Schönekäs, Bundesrepublik Deutschland, in: Franz Greß/Hans-Gerd Jaschke/ders., Neue Rechte und Rechtsextremismus in Europa. Bundesrepublik, Frankreich, Großbritannien, Opladen 1990, S. 218–347, hier: S. 304.
12.
Vgl. Torben Fischer/Matthias N. Lorenz (Hrsg.), Lexikon "Vergangenheitsbewältigung" in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945, Bielefeld 2007, S. 220f.
13.
Vgl. Henryk M. Broder, Deutschland erwacht, Köln 19782; Giovanni di Lorenzo, Wer, bitte, ist Michael Kühnen? Beschreibung eines Phänomens, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Rechtsextremismus in der Bundesrepublik. Voraussetzungen, Zusammenhänge, Wirkungen, Frankfurt/M. 1993, S. 232–247; Fabian Virchow, Eselsmasken-Aktion (1978), in: W. Benz (Anm. 8), Bd. 4: Ereignisse, Dekrete, Kontroversen, Berlin 2011, S. 107f.
14.
Vgl. zusammenfassend Martin Langebach/Jan Raabe, Die Genese einer extrem rechten Jugendkultur, in: Jan Schedler/Alexander Häussler (Hrsg.), Autonome Nationalisten. Neonazismus in Bewegung, Wiesbaden 2011, S. 36–53.
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