Das Buch "Mein Kampf" von Adolf Hitler

16.10.2015 | Von:
Gideon Botsch
Christoph Kopke

NS-Propaganda im bundesdeutschen Rechtsextremismus

NS-Propaganda und "historisch-fiktionale Gegenerzählung"

Bei der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit seit den 1980er und 1990er Jahren trat der verbrecherische Charakter des nationalsozialistischen Regimes in der Öffentlichkeit klarer zutage. Kulturelle, wissenschaftliche und pädagogische Ansätze und Initiativen, darunter an prominenter Stelle die verschiedenen NS-Gedenkstätten, verankerten dieses Wissen in immer breiteren Kreisen der deutschen Gesellschaft. Rechtsextreme Geschichtspolitik steht damit vor einer besonderen Herausforderung. So haben sich im Rechtsextremismus Narrative durchgesetzt, die sich als "Gegen-Geschichte" darstellen. An historischen Entwicklungen, Fakten und Überlieferungen sind solche Narrative nur instrumentell interessiert. Diese werden wie in einer Collage mit Spekulationen, Mutmaßungen, widerlegten Thesen und teilweise auch mit reinen Fantasien montiert. Einen solchen Zugriff auf die Geschichte bezeichnen wir als "historisch-fiktionale Gegenerzählung" der extremen Rechten.[26]

Diese historisch-fiktionale Gegenerzählung unterscheidet sich grundlegend von anderen politischen Zugriffen auf Geschichte, bei denen es sich im Wesentlichen um bewusste oder unbewusste, offene oder versteckte Standortgebundenheit handelt, die zu einer unterschiedlichen Wahrnehmung, Anordnung und Interpretation historischer Quellen und Tatsachenbestände führt. Demgegenüber schotten sich rechtsextreme Geschichtserzählungen gegen empirische Überprüfung systematisch und durch ein spezifisches "Mittel" ab: Widerstreben die Quellen dem eigenen Geschichtsbild, so werden sie schlechterdings als gefälscht bezeichnet. Es geht dabei um die Schöpfung einer vorgeblich "wahren", "eigentlichen" Geschichte, für deren Konstruktion die historischen Fakten und Prozesse nur das Illustrationsmaterial abgeben, nicht aber den Stoff darstellen. In diese "Geschichte" werden einzelne, unsystematisch kompilierte Elemente aus der realen Geschichte eingepasst und mit eigenwillig interpretierten, nur behaupteten oder frei erfundenen Elementen kombiniert.

Es gibt hierfür eine bestimmte Technik, die auf ein Kernelement der "historisch-fiktionalen Gegenerzählung" verweist: auf die antisemitischen Weltverschwörungsmythen. Es ist dieses Verschwörungsmotiv, das die rechtsextreme Geschichtserzählung von der allgemeinen Basiserzählung abkoppelt und zur Gegenerzählung werden lässt: Historische Ereignisse und kausale Verkettungen unterliegen nicht mehr nur der instrumentellen Auswahl und absichtsvollen Interpretation, sondern werden offensiv geleugnet. Geschichte, wie sie die Historiografie, die Schulbücher und das Alltagsbewusstsein tradieren, ist aus dieser Perspektive nicht etwa erinnerungspolitisch gedeutete Realgeschichte, sie ist eine Manipulation seitens interessierter, anonymer und bösartiger Mächte – Mächte, die entweder selbst das Judentum repräsentieren oder doch zumindest mittelbar von diesem gesteuert werden und in seinem Interesse handeln. Diese Technik ermöglicht es, jede historische Darstellung, die unerwünscht ist, als böswillige Manipulation und Fälschung zu diffamieren.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Verwendung von NS-Propaganda in der Gegenwart zu sehen. Propagandamotive werden sehr selektiv eingesetzt, sodass sie sich in das Narrativ der historisch-fiktionalen Gegenerzählung einpassen lassen. So erscheint der Zweite Weltkrieg als Defensivkrieg, der die vermeintlich geplante Vernichtung des deutschen Volkes abwehren sollte. Damit wird eine historische Kontinuität konstruiert, bei der die gegenwärtigen "Gefahren" von Geburtenrückgang, Abtreibung und "Überfremdung" in einer Linie stehen mit den alliierten Luftangriffen auf deutsche Städte und dem Vormarsch der Roten Armee auf deutsches Territorium in der Endphase des Krieges. Ein Beispiel ist die Verwendung von NS-Propaganda-Motiven in der eingangs zitierten Ausgabe des "Lassaner Boten".

NS-Propaganda bleibt präsent

Positive Bezugnahmen auf die nationalsozialistische Propaganda begegnen uns also auch im gegenwärtigen Rechtsextremismus allerorten. Allerdings hat sich das Umfeld verändert. Michael Kühnens ANS konnte deswegen mit NS-Symbolik provozieren, weil der Zugriff auf NS-Propaganda nur begrenzt möglich war. Sie im "Angebot" zu haben, war quasi ein "Alleinstellungsmerkmal". Heute ist NS-Propaganda leichter zugänglich als je zuvor. Wenige Mausklicks im Internet reichen, und die gesamte Palette nationalsozialistischer Symbolik lässt sich auffinden. Heute ist es kein Problem, sich eine Hitler-Rede auf einem entsprechenden Internetportal anzuhören. Oder eben "Mein Kampf" herunterladen, sogar als Audio-Datei, um sich die Schrift vorlesen zu lassen.

Will sie Aufmerksamkeit erregen, muss die Szene inzwischen subtiler vorgehen, die Themen variieren, andere Motive aus der NS-Propaganda übernehmen als die erwarteten. Die "Volkstod"-Kampagne ist an erster Stelle zu nennen, da sie derzeit für die Identitätsbildung des neonazistischen Milieus die größte Rolle spielt. Sie lässt sich nicht nur auf aktuelle Problemlagen – Landflucht, Zuwanderung, Geburtenrückgang, Sparmaßnahmen und so weiter – beziehen, sondern stellt den Kampf der heutigen Neonazis in Kontinuität zum vorgeblichen Abwehrkampf des historischen Nationalsozialismus. Auf diese Weise wirkt der Bezug auf "Hitler" erneut werbend.

Aber auch wenn dies nicht der Fall wäre: Der deutschen extremen Rechten ist es bis heute nicht gelungen, aus dem Schatten Hitlers zu treten und die Faszination des historischen Nationalsozialismus zu überwinden. Schon um die eigenen identitätsstiftenden Bedürfnisse zu befriedigen, wird das nationale Lager immer wieder auf die NS-Bewegung und die Zeit ihrer Herrschaft zurückkommen.

Sogar eine rechtsextreme Autorin wie Angelika Willig, die lange zu den "neurechten" Kritikern des "Hitlerismus" in diesem Lager gerechnet werden konnte, kommt von der "Faszination Hitler" nicht los. In der in Österreich erscheinenden rechtsextremen Vierteljahrsschrift "Neue Ordnung" schrieb sie jüngst einen Artikel über "Mein Kampf", das sie mit doppelbödiger Ironie als das "Unbuch der Bücher" bezeichnete. Nicht nur der Titel, auch der Text operiert wiederholt mit Anspielungen auf das Judentum. Pauschal wird den "jüdischen Organisationen" unterstellt, die Veröffentlichung des Buches als "feindseligen Akt" zu empfinden, es habe für sie eine "‚Aura‘, die davon abstrahlt wie von einem unheimlichen Kultgegenstand".[27] Auch auf diese indirekte Weise lässt sich NS-Propaganda instrumentalisieren, um rechtsextreme Inhalte – hier: Judenfeindschaft – zu mobilisieren.

NS-Propaganda bleibt in der extremen Rechten präsent.

Fußnoten

26.
Gideon Botsch, Die historisch-fiktionale Gegenerzählung des radikalen Nationalismus. Über den rechtsextremen Zugriff auf die deutsche Geschichte, in: Jahrbuch für Politik und Geschichte, 2 (2011), S. 27–40.
27.
Angelika Willig, Das Unbuch der Bücher. "Mein Kampf" soll ab 2016 wieder erscheinen, in: Neue Ordnung, (2015) 2, S. 26ff., hier: S. 28.
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Autoren: Gideon Botsch, Christoph Kopke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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