Gipfeltreffen der Visegrád-Staaten am 04.09.2015 in Prag: der ungarische Premierminister Orban, der tschechische Premierminister Sobotka, die polnische Premierministerin Kopacz und der slowakische Premierminister Fico (v.l.n.r.)

13.11.2015 | Von:
Gerit Schulze

Dank Autobranche im Turbomodus: Die slowakische Wirtschaft

Beliebter Investitionsstandort

Die Bedeutung der Slowakei dokumentieren ohnehin nicht mehr nur die Warenströme, sondern immer mehr auch die ausländischen Investitionen vor Ort. Da im Nachbarland Tschechien Gewerbeflächen knapper werden, die Kosten schneller steigen und Personal zunehmend schwieriger zu finden ist, rückt die Slowakei verstärkt ins Blickfeld. Hinzu kommen höhere Investitionsanreize und die Währungssicherheit durch die Mitgliedschaft im Euroraum.

Die Nationalbank in Bratislava verzeichnete Mitte 2015 einen Bestand ausländischer Direktinvestitionen (ADI) von über 52 Milliarden Euro.[9] Die Bundesbank gab den Bestand der mittelbaren und unmittelbaren deutschen ADI in der Slowakei Ende 2013 mit 7,6 Milliarden Euro an. Davon sind 1,8 Milliarden Euro in den Kfz-Sektor geflossen, 800 Millionen Euro in IT und Telekommunikation sowie 500 Millionen Euro in die Energiebranche.[10]

In wichtigen Wirtschaftszweigen dominieren deutsche Investoren heute das Geschehen in der Slowakei. Besonders sichtbar ist das im Einzelhandel mit der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland), dem Rewe-Konzern (Penny Market, Billa), dm-Drogeriemärkten oder der Metro Group (Cash & Carry Abholmärkte). RWE und Eon sind im Strom- und Gasgeschäft unterwegs. Im Bereich Telekommunikation hat die Deutsche Telekom 2015 vom slowakischen Staat die restlichen 49 Prozent an Slovak Telekom erworben und kontrolliert diese nun komplett. Das Unternehmen ist Marktführer bei Festnetz, Breitband und Bezahlfernsehen. Die meisten deutschen Investitionsprojekte wurden jedoch im Fahrzeugsektor realisiert. Die Leuchtturminvestition von Volkswagen in Bratislava hat viele Zulieferer für die Branche angezogen, unter anderem Continental, INA Schaeffler, Hella, Getrag Ford Transmissions oder ZF Friedrichshafen.

In jüngster Vergangenheit hat sich die Schlagzahl neuer Projektankündigungen in der Automobilindustrie noch einmal erhöht. Autositzspezialist Brose will bei Prievidza (Privitz) in der Zentralslowakei 50 Millionen Euro investieren und 600 Mitarbeiter einstellen. Die koreanischen Teilehersteller Sungwoo und Samhwa Tech kündigten neue Fabriken an. Österreichs ZKW vergrößert die Scheinwerferproduktion in Topoľčany (Topoltschan). Tajco aus Dänemark baut ein Zentrum zur Komplettierung von Auspuffen in Malacky (Malatzka). Honeywell erweitert die Fertigung von Turbogebläsen in Prešov und macht das Werk zur zweitgrößten Anlage weltweit für diese Produkte.

Auch die Automobilkonzerne haben Ausbaupläne. Volkswagen investiert in seine Werkhallen in Bratislava. Unter anderem sind eine neue Montagelinie für SUV-Fahrzeuge, ein Diagnosezentrum sowie eine Teststrecke geplant.

Wichtigste Nachricht des Sommers 2015 war aber die Ankündigung des indisch-britischen Autokonzerns Jaguar Land Rover, in Nitra (Neutra) eine Produktionsstätte für Luxusgeländewagen zu errichten. Die Fabrik soll über eine Milliarde Euro kosten und rund 4.000 Menschen Arbeit bringen. Den geplanten Jahresausstoß gibt Jaguar Land Rover mit bis zu 300.000 Fahrzeugen an, der ab 2018 erreicht werden könnte. Das Unternehmen nannte die dort "etablierte Premium-Automobilindustrie" einen wichtigen Grund für die Standortentscheidung. Schließlich lässt Volkswagen in Bratislava bereits die großen SUV-Modelle VW Touareg und Audi Q7 montieren. Auch das dichte Zuliefernetz in der Nähe des westslowakischen Nitra dürfte Jaguar beeinflusst haben. Hinzu kommen finanzielle Anreize, mit denen die Regierung strategische Investoren anlockt. Laut Wirtschaftszeitschrift Trend könnte der zur indischen Tata Group gehörende Konzern direkte Zuschüsse oder einen Steuernachlass in Höhe von maximal 130 Millionen Euro bekommen.[11] Doch einer der ausschlaggebenden Faktoren dürften die gut ausgebildeten und vergleichsweise günstigen Fachkräfte sein. In der Automobilindustrie liegt der Durchschnittslohn bei 1160 Euro (erstes Halbjahr 2015).[12]

Immer weniger Fachkräfte

Bei der jährlichen Konjunkturumfrage der Deutsch-Slowakischen Industrie- und Handelskammer (DSIHK) unter ausländischen Unternehmen in der Slowakei gehören die Arbeitskosten stets zu den am besten bewerteten Standortfaktoren. Positiv sehen die Manager auch die Produktivität und Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer sowie deren Qualifikation. Größter Standortvorteil ist aus Sicht der befragten (meist deutschen) Unternehmen aber die Mitgliedschaft in der Europäischen Union.[13]

Kaum Bewegung gab es in den letzten Jahren bei den negativ bewerteten Faktoren. Dazu zählen die ausländischen Firmenvertreter die mangelnde Bekämpfung der Korruption, die geringe Transparenz öffentlicher Vergabeverfahren, Probleme mit der Rechtssicherheit und der schwierige Zugang zu EU-Fördermitteln. Immer häufiger wurde zuletzt auch die nachlassende Verfügbarkeit von Personal als Bremsklotz für die Entwicklung genannt. In den Boomregionen wie dem Hauptstadtbezirk ist es schon heute schwierig, Fachkräfte zu finden. Engpässe gibt es bei Informatikern, Elektrotechnikern, CNC-Maschinenfahrern oder Mechanikern. Gesucht werden außerdem Werksleiter mit Fremdsprachenkenntnissen, Controller und Qualitätsmanager.

Gleichzeitig sind aber trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs noch über 11 Prozent der Erwerbsfähigen ohne Arbeit. Der Grund ist häufig eine zu geringe Qualifizierung oder fehlende Mobilität bei der Jobsuche. Oft entspricht die theorielastige Ausbildung nicht den modernen Anforderungen der Wirtschaft. Die Regierung des Landes führt deshalb ein duales Ausbildungssystem nach dem Vorbild der deutschsprachigen Länder ein. Seit dem Schuljahr 2015/16 können Berufsschulen und Unternehmen gemeinsam praxisorientierte Lehrberufe anbieten. Zu den Vorreitern gehören deutsche Investoren wie T-Systems, Volkswagen, Hella oder Vacuumschmelze. Das Interesse der Schüler war zum Start aber gering. Trotz 1440 angebotener Ausbildungsplätze schlossen nur 422 Lehrlinge einen Ausbildungsvertrag nach dem neuen System ab.[14] Auf diesem Gebiet ist noch viel Überzeugungsarbeit nötig, um die Slowakei langfristig als attraktiven Investitionsstandort zu sichern.

Ohnehin schneidet das Land in internationalen Rankings längst nicht so gut ab, wie bei den ausländischen Unternehmen, die bereits vor Ort engagiert sind. Im Global Competitiveness Index des World Economic Forum rangiert die Slowakei 2015 nur auf Platz 67 von 140 untersuchten Volkswirtschaften. Das war zwar ein deutlicher Sprung nach vorn gegenüber dem Vorjahr (Platz 75). Doch die drei wichtigsten Wettbewerber innerhalb der Visegrád-Gruppe (Polen, Tschechien, Ungarn) finden sich in der Tabelle durchweg weiter oben. Selbst vermeintlich schwierige Standorte wie Ruanda oder Kasachstan haben bessere Platzierungen erreicht. Die Autoren des Competitiveness Index kritisieren in der Slowakei vor allem Bürokratie und Korruption, die Steuererhebung und die restriktiven Regulierungen am Arbeitsmarkt. Bei den Themen wirtschaftliche Reife und Innovation belegt das Land nur einen Platz im Mittelfeld.[15]

Besser bewertet der Doing Business Report der Weltbank die Slowakei. Die Studie untersucht die Standortbedingungen für Unternehmen und ordnet das Land 2015 auf Platz 37 von 189 Staaten ein. Damit liegt es vor Tschechien (44) und Ungarn (54). Allerdings hat auch die Weltbank einige Kritikpunkte. Sie betreffen vor allem die Vergabe von Baugenehmigungen (Platz 110), die Steuerpraxis (100) oder die komplizierten Prozesse bei der Gründung einer Firma (77).[16]

Von der einst hoch gelobten Flat Tax ist heute nicht mehr viel übrig. Seitdem die sozialdemokratische Partei Smer-SD 2012 die absolute Mehrheit im Parlament errungen hat, lässt Regierungschef Robert Fico den einheitlichen Steuersatz aushöhlen. Zuerst wurden Besserverdienende zur Kasse gebeten. Sie müssen seit 2013 auf Einkommen, die 35.000 Euro im Jahr übersteigen, 25 Prozent Steuern zahlen. Für Unternehmen kletterte die Körperschaftsteuer 2013 auf 23 Prozent, bevor sie ein Jahr später wieder um einen Prozentpunkt gesenkt wurde. Schließlich führte die Regierung 2014 eine sogenannte Steuerlizenz ein. Diese Mindeststeuer von 480 bis 2.880 Euro müssen alle Unternehmen zahlen, unabhängig davon, ob sie Gewinne erzielen oder nicht. Außerdem wurden unter Premierminister Fico die Beitragsbemessungsgrenzen für die Sozialversicherungen erhöht und das Arbeitsrecht auf Druck der Gewerkschaften reformiert. Die Probezeiten haben sich verkürzt, Kündigungsfristen und Abfindungsregeln im Sinne der Arbeitnehmer wurden angepasst.

Fußnoten

9.
Vgl. Slowakische Nationalbank NBS, http://www.nbs.sk«, berechnet nach der neuen Methode BPM6 (6.10.2015).
10.
Vgl. Deutsche Bundesbank, Bestandserhebung über Direktinvestitionen, Statistische Sonderveröffentlichung 10, April 2015, http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/
Veroeffentlichungen/Statistische_Sonderveroeffentlichungen/Statso_10
/2015.pdf?__blob=publicationFile
(20.10.2015).
11.
Vgl. Čo prináša Jaguar Land Rover (Was bringt Jaguar Land Rover), in: Trend vom 20.8.2015, S. 20.
12.
Vgl. Statistikamt der Slowakischen Republik, Datenbank Slovstat, http://www.statistics.sk« (7.10.2015).
13.
Vgl. Stimmungsumfrage 2015 bei europäischen Investoren in der Slowakei, Bratislava, März 2015, http://www.dsihk.sk/fileadmin/ahk_slowakei/Dokumente/Presse/Ergebnisse_Konjunkturumfrage
_2015.pdf
(20.10.2015).
14.
Vgl. Firmy budú musieť viac lákať deviatakov (Firmen müssen mehr Neuntklässler anwerben), Tageszeitung Pravda, 27.9.2015, http://spravy.pravda.sk« (7.10.2015).
15.
Vgl. World Economic Forum, The Global Competitiveness Report 2015–2016, http://reports.weforum.org/global-competitiveness-report-2015-2016« (20.10.2015).
16.
Vgl. World Bank Group, Doing Business 2015, http://www.doingbusiness.org/rankings« (20.10.2015).
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