Gipfeltreffen der Visegrád-Staaten am 04.09.2015 in Prag: der ungarische Premierminister Orban, der tschechische Premierminister Sobotka, die polnische Premierministerin Kopacz und der slowakische Premierminister Fico (v.l.n.r.)

13.11.2015 | Von:
Gerit Schulze

Dank Autobranche im Turbomodus: Die slowakische Wirtschaft

Rentner fahren gratis Bahn

Skeptisch beäugt die Wirtschaftswelt auch die ständig neuen "Sozialpakete", die die sozialdemokratische Regierung mit Blick auf das Wählerklientel schnürt. Schließlich stehen im Frühjahr 2016 Parlamentswahlen an. Zu den umstrittenen Maßnahmen zählen kostenlose Bahnfahrten für Rentner, Schüler, Behinderte und Waisenkinder. Berufspendler bekommen staatliche Zuschüsse für Zeitkarten. Der Mindestlohn steigt 2016 von derzeit 380 Euro auf 405 Euro. Zu den weiteren Plänen gehören geringere Zuzahlungen für Medikamente, der Neubau von Grundschulen und die Halbierung des Mehrwertsteuersatzes für einige Grundnahrungsmittel wie Fleisch und Brot.

Noch kann sich Bratislava diese Mehrausgaben leisten. Das Haushaltsdefizit soll 2016 auf unter zwei Prozent des BIP sinken (nach geplanten 2,7 Prozent Defizit für 2015). Bis 2018 will der Finanzminister sogar einen ausgeglichenen Etat vorlegen. Doch die Zukunftsfähigkeit der Slowakei sichern die "Sozialpakete" kaum. Denn während im Nachbarland Tschechien Themen wie Industrie 4.0 oder Forschung und Entwicklung längst auf der politischen Agenda stehen, verpasst Bratislava hier wichtige Trends.

Bei den Innovationen zeigt sich das besonders deutlich. Laut Eurostat gibt die Slowakei pro Jahr nur 0,8 Prozent des BIP für Forschung und Entwicklung aus (2013). Das ist deutlich weniger als der Durchschnitt der 28 EU-Mitglieder (2,0 Prozent). Alle Nachbarländer, mit denen der Transformationsstaat in direkter Konkurrenz steht, stecken mehr Geld in die Forschung: Polen 0,9 Prozent des BIP, Tschechien 1,9 Prozent und Ungarn 1,4 Prozent. Deutschland (2,9 Prozent) und Österreich (2,8 Prozent) spielen ohnehin in einer anderen Liga.

Als Volkswirtschaft, deren Wirtschaftsleistung zu fast einem Drittel in der Industrie entsteht, muss die Slowakei ihre Anstrengungen bei der Entwicklung innovativer Produkte aber erhöhen. Auch die Digitalisierung der Wertschöpfungsstufen unter dem Stichwort Industrie 4.0 darf sie dabei nicht vernachlässigen.

Die Wirtschaftspolitik hat bislang zu sehr auf die Ansiedlung reiner Produktionsstätten und auf die Schaffung von Arbeitsplätzen gesetzt. Doch solche Fabriken sind schnell demontierbar und wandern weiter, wenn der Lohndruck steigt. Das musste die Slowakei in jüngster Vergangenheit besonders in der Elektroindustrie erfahren. Panasonic, Emerson, Elektroconnect, Lenovo oder Leoni hatten Produktionsstätten geschlossen und diese nach Osteuropa oder Nordafrika verlegt. Das betraf vor allem die Montage von Fernsehgeräten, die zu den wichtigsten Exportgütern gehören. Erst langsam steuert die Regierung um und setzt bei der öffentlichen Förderung von Investitionsprojekten mehr Akzente auf Wertschöpfung. Seit 2015 können 25 Prozent der Ausgaben für die Entwicklung innovativer Produkte die Steuerbasis noch einmal zusätzlich verringern. Daneben wirken sich weitere 25 Prozent der Lohnkosten für Absolventen, die extra für Forschungsarbeiten eingestellt werden, steuermindernd aus.

Tabelle 1: Ausländische Direktinvestitionen nach Regionen, Bestand zum Jahresende 2012 (in Mio. Euro)
In Übereinstimmung mit den EU-Regelungen bekommen Unternehmen auf Antrag auch direkte Zuschüsse und Steuererleichterungen für Forschungsarbeiten. Die maximale Förderung beträgt dabei 15 Millionen Euro pro Firma und Projekt bei experimenteller Forschung (höchstens 25 Prozent der Gesamtkosten); 20 Millionen Euro für industrielle Forschung (höchstens 50 Prozent der Gesamtkosten) und 40 Millionen Euro für Grundlagenforschung (bis zu 100 Prozent der Gesamtkosten). Für kleinere Unternehmen können die Fördersätze in Ausnahmefällen auch höher liegen.

Grundsätzlich hat die Slowakei vier Bereiche definiert, in die öffentliche Investitionsförderung vorrangig fließen soll: verarbeitende Industrie, Technologiezentren, Shared Service Center (SSC) und Tourismus.[17] Rückgrat der Industrie bleibt aber trotz aller Bestrebungen zur Diversifizierung die Automobilbranche. In den drei großen Fabriken von Volkswagen (Bratislava), PSA Peugeot Citroën (Trnava, deutsch Tyrnau) und Kia (Žilina) laufen jährlich rund eine Million Fahrzeuge vom Band. Pro Kopf gerechnet ist die Slowakei das Land mit dem größten Pkw-Ausstoß weltweit. Je 1000 Einwohner wurden im letzten Jahr 183 Fahrzeuge produziert. Im Umfeld der Werke sind nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie ZAP SR bereits über 320 Hersteller von Kfz-Teilen tätig.

Abhängig vom Fahrzeugbau

Schon jetzt entfällt über ein Viertel der slowakischen Ausfuhren auf Produkte des Fahrzeugbaus. Die Branche trägt mit rund zwölf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei, deutlich mehr als im Nachbarland Tschechien (sieben Prozent). Mit 80.000 Beschäftigten sind die Kfz-Hersteller und ihre Zulieferer ein wichtiger Arbeitgeber.[18] Wenn Jaguar Land Rover seine Fabrik bei Nitra errichtet, rückt das Tatra- und Donauland endgültig in die Reihe der großen Automobilnationen vor. Mit einer Fahrzeugproduktion von künftig 1,3 Millionen Einheiten pro Jahr würde die Slowakei dann sogar das fast doppelt so große Nachbarland Tschechien hinter sich lassen. Im Osten Europas hätte nur noch Russland eine größere Fahrzeugindustrie. Allerdings steigt auch die Abhängigkeit von der Fahrzeugbranche weiter. Nach Berechnungen der slowakischen Nationalbank würden zwischen 2018 und 2021 rund 0,6 Prozentpunkte des Wirtschaftswachstums allein auf die Großinvestition von Jaguar entfallen.[19]

Zudem wird diese Investition das starke West-Ost-Gefälle in der Slowakei zementieren. Bis jetzt sind die westlichen Landesteile wirtschaftlich viel stärker als der Osten des Landes. Fast 70 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen sind in den Bezirk Bratislava geflossen, der laut Eurostat die sechstreichste Region in Europa ist.[20] Seine Wirtschaftskraft pro Kopf lag 2013 um 84 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Mit 49.000 Euro BIP (in Kaufkraftstandards) erwirtschaftet ein Bewohner der slowakischen Hauptstadt und ihres Umlands mehr als einer in so reichen Regionen wie Paris, Oberbayern oder Wien. Dagegen kommt die Ostslowakei nur auf 13.800 Euro und die Zentralslowakei auf 15.900 Euro.[21]

Das Gefälle drückt sich auch in der Arbeitslosenstatistik aus. So verzeichnete Bratislava im August 2015 mit sechs Prozent Arbeitslosigkeit nahezu Vollbeschäftigung. In den Bezirken Košice und Prešov, die an die Ukraine grenzen, waren 15 bis 16 Prozent der Erwerbsfähigen als arbeitslos registriert, ebenso in der Region Banská Bystrica an der Grenze zu Ungarn. Dort sucht in manchen Kreisen wie Rimavská Sobota oder Revúca offiziell sogar jeder Vierte einen Job. Entsprechend groß ist die Lohnspreizung. Arbeitnehmer verdienen laut Statistikamt im Bezirk Bratislava 30 bis 40 Prozent mehr als in anderen Bezirken. Die Hauptstadt war 2014 die einzige Region mit einem Durchschnittslohn von über 1.000 Euro (1.110 Euro). Dagegen betrugen die Gehälter im Bezirk Prešov nur rund 660 Euro.

Doch trotz der günstigen Löhne und besseren Verfügbarkeit von Arbeitskräften bleibt die Magnetwirkung der Ostslowakei bislang aus. Wichtigster Grund ist die schlechte Verkehrsanbindung. Züge zwischen Bratislava und Košice sind mindestens fünf Stunden unterwegs. Für Autos und Lkw gibt es keine durchgehende Autobahn. An der lebenswichtigen Verkehrsader D1 wird seit über 40 Jahren gebaut, doch immer noch fehlen große Teilabschnitte östlich von Žilina (Sillein). Rund 70 Kilometer sind derzeit nach Angaben der zuständigen Autobahngesellschaft NDS in Bau. Jede Übergabe einer Neubaustrecke wird in der slowakischen Presse frenetisch gefeiert. Dank einer effizienteren Ausschöpfung der EU-Mittel für den Straßenbau will die Regierung die Bauarbeiten nun beschleunigen. Bis 2019 sollen die beiden wichtigsten Städte des Landes per Autobahn miteinander verbunden sein.

IT-Valley im Osten

Ein Zukunftssektor, der weniger Betonpisten, und dafür eher eine Datenautobahn benötigt, hat sich im Osten des Landes schon jetzt etabliert: die IT-Branche. Košice ist zu einem kleinen Silicon Valley geworden. Bekannte internationale Branchengrößen beschäftigen dort bereits über 6.000 Software-Experten. Bis 2020 soll ihre Zahl auf 10.000 steigen. Microsoft, Cisco, IBM und Siemens sind präsent. Daneben haben sich interessante einheimische Startups angesiedelt. Zu ihnen gehören Games Farm, Inlogic Software oder Awaboom, die weltweit die Computerspielszene aufmischen. Erst dieses Jahr hatte der US-Riese GlobalLogic den Aufbau eines Entwicklungszentrums für ganz Mitteleuropa in der ostslowakischen Großstadt bekannt gegeben. 500 Beschäftigte sollen dort Mobilfunk-Apps programmieren.

Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter in Košices Hightech-Branche sind bei deutschen Unternehmen beschäftigt. Allein bei T-Systems arbeiten etwa 3200 Fachkräfte. Sie betreuen die Netzwerke internationaler Kunden, entwickeln Software oder betreiben Telekommunikationsanlagen für den Mutterkonzern, zum Beispiel Firewalls. Schon seit 1995 lässt der Siemens-Konzern in Košice Software für Computertomografen, Ultraschall- oder Röntgengeräte entwickeln. Er hat dort ein Entwicklungszentrum für Medizintechnik aufgebaut.

Wichtigste Gründe für den Gang nach Osten sind das Fachkräftepotenzial und die Kostenvorteile. Während ein Programmierer in Bratislava laut Statistikamt durchschnittlich 2.200 Euro pro Monat verdient, bekommt sein Kollege in Košice nur 1.500 Euro. Noch größer ist der Gehaltsunterschied zu Deutschland, was das ostslowakische IT-Valley zunehmend interessant macht für die Auslagerung von Programmierarbeiten und anderen IT-Prozessen. Die deutschen Manager vor Ort schätzen außerdem die Netzinfrastruktur, die nach ihren Aussagen auf dem neuesten Stand sei. Breitbandanschlüsse bis ins letzte Haus und Datentransfers ohne Limits in alle Welt sprechen für Košice.

Solche Erfolgsgeschichten über die regionale und sektorale Ausdifferenzierung braucht die Slowakei, um sich für die Zukunft zu wappnen. Denn wie gefährlich die Abhängigkeit von wenigen starken Wirtschaftszweigen sein kann, zeigen die Sorgen um die aktuelle VW-Abgasaffäre. Sollte der Skandal den Volkswagen-Konzern in Schräglage bringen, so hätte das direkte Auswirkungen auf das Werk in Bratislava und die zahlreichen slowakischen Zulieferer der Wolfsburger. Investitionen würden gestrafft, Arbeitsplätze stünden zur Disposition, der Aufschwung wäre in Gefahr.

Dennoch steht das Land inzwischen weitaus besser da als zum Start seiner Transformationsperiode. Die Slowakei ist heute ein wettbewerbsfähiger Standort, der weltweit gefragte Güter wie Autos, Elektronik, Software, Möbel, Metallprodukte oder Kunststoffe produziert. Und anders als zu Beginn der 1990er Jahre hat Bratislava mit Brüssel einen potenten Geldgeber für den weiteren Umbau der Volkswirtschaft an der Seite. Allein im aktuellen Förderzeitraum 2014 bis 2020 stehen über 15 Milliarden Euro aus EU-Fonds bereit. Vorausgesetzt, die Abschöpfung gelingt dieses Mal effizienter als in den abgelaufenen Perioden. Nutzt die Slowakei diese Chance, dann wird sie ihre wirtschaftliche Erfolgsgeschichte fortschreiben und die Schatten der Vergangenheit endgültig hinter sich lassen.

Fußnoten

17.
Vgl. Germany Trade & Invest, Nationale Investitionsförderung – Slowakei, 1.6.2015, http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Geschaeftspraxis/nat-investitionsfoerderung,t=nationale-investitionsfoerderung–slowakei,did=1251408.html« (12.10.2015).
18.
Vgl. Slovensko je i přes pokles největším výrobcem automobilů na hlavu (Die Slowakei ist trotz Rückgangs der größte Automobilhersteller pro Kopf), Meldung der Nachrichtenagentur ČTK vom 11.8.2015.
19.
Vgl. Mittelfristige Prognose der slowakischen Nationalbank, 29.9.2015, http://www.nbs.sk/_img/Documents/_Publikacie/PREDIK/2015/protected/P3Q-2015.pdf« (20.10.2015).
20.
Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ausgedrückt in Kaufkraftstandards, vgl. Eurostat Newsrelease 90/2015, 21.5.2015, http://ec.europa.eu/eurostat/web/products-press-releases/-/1-21052015-AP« (20.10.2015).
21.
Vgl. ebd.
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