Leere Metallschüsseln und Löffel
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Relevanz einer "neuen Nachhaltigkeit" im Kontext globaler Ernährungskrisen


27.11.2015
Hunger in der Welt ist ein Dauerthema öffentlicher und medialer Diskurse. Hunger beziehungsweise Unterernährung, von der wir im Folgenden sprechen werden, ist dabei lediglich ein Phänomen der globalen Ernährungskrisen.[1] Diese sind viel komplexer, facettenreicher und schwerer zu bekämpfen, als es bereits die Unterernährung alleine wäre. Kurz gesagt, die globalen Ernährungskrisen, die sich – entgegen der Trends im Bereich der Unterernährung – weiter verschärfen, sind mehrdimensional.[2] Insbesondere vier Dimensionen sind von Relevanz, um sich einem komplexen Verständnis der Ernährungskrisen zu nähern.[3]

Die erste Dimension der globalen Ernährungskrisen stellen ihre Ausprägungen dar. Neben Unterernährung und Überernährung, die selbsterklärend sind, gibt es in dieser Dimension noch das Problem des verborgenen Hungers. Er zeichnet sich durch einen "Mangel an lebenswichtigen Vitaminen und Mineralstoffen (Mikronährstoffen)" aus.[4] Über einen längeren Zeitraum führen diese Mangelerscheinungen zu erheblichen gesundheitlichen Folgeerscheinungen. Der verborgene Hunger ist aber kein Problem, das auf Unterernährung begrenzt ist, denn er kann auch bei einer "ausreichenden oder übermäßigen Aufnahme an Nahrungsenergie aus Makronährstoffen, wie Fetten und Kohlenhydraten" auftreten.[5] Bereits hier zeigt sich, dass das Problem der Mangelernährung durchaus auch reichere Länder betrifft. Weltweit leiden mehr als zwei Milliarden Menschen an verborgenem Hunger.[6]

Die zweite Dimension ist geprägt von Herausforderungen an aktuelle und zukünftige Ernährungssysteme und Ernährungsweisen. Dazu zählen unter anderem die Ressourcenverknappung, der Bevölkerungsanstieg, der Flächenverbrauch von verschiedenen Anbauweisen und der Klimawandel.

Die dritte Dimension befasst sich mit der Zeitabhängigkeit von Ernährungskrisen. Ernährungskrisen gab es bereits in der Vergangenheit, es gibt sie aktuell und es wird sie auch zukünftig noch geben. Die anderen Dimensionen einer Ernährungskrise müssen also immer in ihrem zeitlichen Kontext betrachtet und verstanden werden, um adäquate Lösungsstrategien zu entwickeln.

Die vierte Dimension besitzt eine geografische Komponente. Die vielen Ernährungskrisen weltweit (Unterernährung, Überernährung, verborgener Hunger) werden häufig akkumuliert und als globale Ernährungskrise gefasst. Sinnvoller erscheint es uns aber, von vielen einzelnen Ernährungskrisen in einem globalen Rahmen zu sprechen. Deshalb ist es auch nicht zweckmäßig, im Ernährungsbereich stets in den Globalen Norden und den Globalen Süden einzuteilen. Ernährungskrisen sind konflikthaft, unter anderem weil sie oft nicht daraus resultieren, dass zu wenig Nahrung verfügbar ist, sondern auf Verteilungskonflikte innerhalb und zwischen Staaten verweisen.[7] Alle vier Dimensionen sind eng miteinander verwoben.

Der Blick auf diese vier Dimensionen verdeutlicht, dass Ernährungskrisen sich in einem komplexen Netz von Einflussfaktoren abspielen. In den vergangenen 45 Jahren wurden auf internationaler politischer Ebene verschiedenste Anstrengungen zur Bekämpfung des weltweiten Hungers unternommen; zu den bekanntesten zählen die Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) der UN. Viele der Maßnahmen zeitigten allerdings nur mäßigen Erfolg. Gleichzeitig drohen globalisierte Herausforderungen – insbesondere der Klimawandel und seine Folgen – heutige Ernährungssysteme weiter zu destabilisieren und globale Ernährungskrisen zu entgrenzen.[8]

Der Begriff der "Nachhaltigkeit" gewinnt an Relevanz im Diskurs um globale Ernährungskrisen. Gleichzeitig lässt sich im Nachhaltigkeitsdiskurs der vergangenen Jahre ein Trend erkennen, die Umweltdimension (eine der drei Säulen des klassischen Nachhaltigkeitsverständnisses, neben der ökonomischen und der soziokulturellen Dimension) als notwendigen Rahmen der Entwicklung menschlicher Gesellschaften stärker hervorzuheben.[9] Dieser Entwicklung liegt die Idee zugrunde, dass in einer Reihe von Teilbereichen, etwa der Nutzung fossiler Energien, ein zügiges und profundes Umschwenken hin zu nachhaltigen Produktions- und Konsummustern nötig wird. Ansonsten drohen grundlegende Veränderungen im Erdsystem, die die zukünftige Ernährungssicherheit gefährden und zu einer nicht gekannten Ausbreitung von Ernährungskrisen führen könnten.[10]

Im Folgenden analysieren wir daher, inwiefern das Konzept einer "neuen Nachhaltigkeit" zur Bekämpfung beziehungsweise Einschränkung zukünftiger Ernährungskrisen beitragen kann. Nach einer Erläuterung unseres Verständnisses der neuen Nachhaltigkeit untersuchen wir, inwieweit letztere sich in jüngeren Entwicklungen niederschlägt, insbesondere in der internationalen Politik und bei Ernährungstrends auf Konsumentenseite.

Neue Nachhaltigkeit und planetare Grenzen



Auf politischer Ebene ist die hohe Bedeutung, die dem Wandel zu einer neuen Nachhaltigkeit beigemessen wird, durchaus erkennbar. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) spricht von einer dringend notwendigen "Großen Transformation" zu einer nachhaltigen, postfossilen Gesellschaft, deren Ansätze bereits erkennbar seien.[11] Die Strategie "weiter so wie bisher" funktioniere nicht. Der WBGU fordert deshalb "die Schaffung eines nachhaltigen Ordnungsrahmens, der dafür sorgt, dass Wohlstand, Demokratie und Sicherheit mit Blick auf die natürlichen Grenzen des Erdsystems gestaltet (…) werden".[12] Damit spiegelt der WBGU den aktuellen Trend in der Nachhaltigkeitsforschung wider, die Bedeutung der Umweltdimension im klassischen Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit zu betonen.[13]

Veranschaulicht wird dies durch die Diskussion und Erforschung planetarer Grenzen beziehungsweise Leitplanken, die beachtet werden müssen, um Umweltschäden auf einem "akzeptablem Niveau" zu halten.[14] Neun zentrale Grenzen des Erdsystems wurden bislang definiert, und zwar in den Bereichen: Klimawandel; Einführung neuer Substanzen; Abbau der Ozonschicht; atmosphärische Aerosolkonzentration; Ozeanversauerung; Phosphor- und Stickstoffkreisläufe; Süßwasserverbrauch; veränderte Landnutzung; Verlustrate der biologischen Vielfalt.[15] Werden eine oder mehrere der planetaren Grenzen längerfristig überschritten, werden gefährliche "Kipppunkte des Erdsystems"[16] erreicht und es drohen (möglicherweise unwiderrufliche) Umweltentwicklungen.[17]

Für das Thema Ernährungssicherheit und -souveränität sind die planetaren Grenzen besonders relevant. Zum einen tragen aktuelle, nicht nachhaltige Ernährungssysteme beträchtlich dazu bei, dass Grenzen überschritten werden. Zum anderen können durch das Überschreiten von Grenzen die Möglichkeiten der Nahrungsmittelproduktion eingeschränkt werden, etwa durch fortschreitende Ressourcenverknappung und die Auswirkungen des Klimawandels. Hier wird die Relevanz der planetaren Grenzen für die Dimension "Herausforderungen" im oben erläuterten Modell deutlich. Als eines von vielen Beispielen für die Relevanz planetarer Grenzen für Ernährung möchten wir hier den Phosphorkreislauf erwähnen. Als Bestandteil von Düngemitteln ist Phosphor unerlässlich für die Landwirtschaft und damit für die Ernährungssicherheit.[18] Die exzessive Düngung mit Stickstoff und Phosphaten belastet jedoch einerseits Böden und Luft, andererseits gefährdet sie die langfristige Verfügbarkeit der knapp werdenden Phosphorreserven.[19] Als Ausweg wird etwa die vermehrte Rückgewinnung von Phosphor vorgeschlagen, beispielsweise durch das Einpflügen von Ernterückständen, die Kompostierung von Lebensmittelabfällen und die Verwertung menschlicher und tierischer Exkremente.[20]

Zurzeit sind mindestens vier planetare Grenzen – Verlustrate der biologischen Vielfalt, Phosphor- und Stickstoffkreisläufe, Klimawandel und veränderte Landnutzung – überschritten.[21] Wie können die planetaren Grenzen nun von der wissenschaftlichen Theorie und Forschung in der politischen Praxis in Geltung gesetzt werden, welche Herausforderungen müssen bewältigt werden?[22] Hier wird ein global diskutierter und kontrollierter Ansatz nötig sein, da Erdsystemprozesse nicht vor Ländergrenzen halt machen und wesentliche Ursachen von Ernährungskrisen, wie Klimawandel oder Preisschwankungen von Lebensmitteln durch Finanzmarktspekulationen, heute globalisiert sind. Zunächst muss sich die Staatengemeinschaft auf Ziele und nationale Verpflichtungen einigen, anschließend sind die Umsetzung und Kontrolle der Ziele zu klären. Eine Möglichkeit wäre, neue Institutionen zu schaffen, die sich der Geltung planetarer Grenzen widmen.[23] Einen solchen institutionellen Rahmen einzurichten, "could bring some coherence into a highly fragmented institutional landscape",[24] wäre aber vermutlich zu statisch angesichts der Dringlichkeit der Einhaltung der Grenzen. Der WBGU sah in der Gestaltung der Sustainable Development Goals (SDGs) der UN, die auf die MDGs folgen, eine Chance, die Einhaltung der planetaren Grenzen innerhalb eines internationalen Prozesses in die Praxis umzusetzen.[25]


Fußnoten

1.
Siehe zum Ausmaß der globalen Ernährungskrisen Klaus von Grebmer et al., Welthunger-Index 2014: Herausforderung verborgener Hunger, Bonn u.a. 2014, S. 7ff.
2.
Vgl. Matthias Bauer et al., Dimensionen der Ambiguität, in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 158 (2010), S. 7–75.
3.
Für weitere Informationen zu den Dimensionen der globalen Ernährungskrise siehe Steven Engler/Anne Siebert, Die Ambiguität der globalen Ernährungskrise. Weg zu einer neuen Nachhaltigkeit am Beispiel der Stadt George, Südafrika, in: Nicolas Potysch/Matthias Bauer (Hrsg.), Deutungsspielräume. Mehrdeutigkeit als kulturelles Phänomen, Frankfurt/M. u.a. 2016 (i.E.); Wilfried Bommert et al., Einleitung. Regional, Innovativ & Gesund, in: Steven Engler et al. (Hrsg.), Regional, innovativ und gesund. Nachhaltige Ernährung als Teil der Großen Transformation, Göttingen 2016 (i.E.).
4.
K. v. Grebmer et al. (Anm. 1), S. 5.
5.
Ebd.
6.
Vgl. Hans Konrad Biesalski, Hidden Hunger, Berlin–Heidelberg 2013, S. 41.
7.
Vgl. Amartya Sen, Poverty and Famines. An Essay on Entitlement and Deprivation, Oxford–New York 1981.
8.
Vgl. S. Engler/A. Siebert (Anm. 3).
9.
Vgl. Anna Bönisch et al., Fünf Minuten nach Zwölf? Planetarische Grenzen und Ernährung, in: S. Engler et al. (Anm. 3).
10.
Vgl. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Hauptgutachten, 2. veränderte Auflage, Berlin 2011.
11.
Vgl. ebd.
12.
Ebd., S. 1.
13.
Vgl. W. Bommert et al. (Anm. 3); A. Bönisch et al. (Anm. 9).
14.
Vgl. Johan Rockström et al., A Safe Operating Space for Humanity, in: Nature, 461 (2009), S. 472–475; ders. et al., Planetary Boundaries: Exploring the Safe Operating Space for Humanity, in: Ecology and Society, 14 (2009) 2, http://www.ecologyandsociety.org/vol14/iss2/art32« (3.11.2015); Will Steffen et al., Planetary Boundaries: Guiding Human Development on a Changing Planet, in: Science, 347 (2015), http://www.sciencemag.org/content/347/6223/1259855.full« (3.11.2015); WBGU, Zivilisatorischer Fortschritt innerhalb planetarischer Leitplanken. Ein Beitrag zur SDG-Debatte, Berlin 2014.
15.
Vgl. W. Steffen et al. (Anm. 14).
16.
WBGU (Anm. 10), S. 11.
17.
Vgl. J. Rockström et al. (Anm. 14).
18.
Vgl. WBGU (Anm. 10).
19.
Vgl. Christian Kroll, Sustainable Development Goals: Are the Rich Countries Ready? With a Foreword by Kofi Annan, Gütersloh 2015.
20.
Vgl. Dana Cordell et al., The Story of Phosphorus: Global Food Security and Food for Thought, in: Global Enviromental Change, 19 (2009) 2, S. 292–305.
21.
Vgl. W. Steffen et al. (Anm. 14).
22.
Vgl. Victor Galaz et al., "Planetary Boundaries" – Exploring the Challenges for Global Environmental Governance, in: Current Opinion in Environmental Sustainability, 4 (2012) 1, S. 80–87.
23.
Vgl. ebd.
24.
Ebd., S. 82.
25.
Vgl. WBGU (Anm. 10).
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autoren: Steven Engler, Anna Bönisch, Esther Trost für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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