Leere Metallschüsseln und Löffel

27.11.2015 | Von:
Christian Gerlach

Hunger in der Geschichte des 20. Jahrhunderts

In den Augen vieler Zeitgenossen war das 20. Jahrhundert auch ein Jahrhundert des Hungers. Man denkt dabei an die Hungersnöte in und nach den beiden Weltkriegen, an Hungerkrisen in sozialistischen Ländern oder an das sogenannte Welthungerproblem, das seit den 1970er Jahren vor allem mit Afrika verbunden wird. Doch auch in vorangegangenen Jahrhunderten gab es Zeiten des Hungers. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einigen offenen Fragekomplexen im Zusammenhang mit Hunger in der jüngeren Geschichte und hebt auf einige Besonderheiten der Geschichte des Hungers im 20. Jahrhundert ab.

Drei Erklärungsansätze für Hungersnöte

Wissenschaftliches Denken über Hunger ging in den vergangenen Jahrzehnten vor allem von Hungersnöten aus. Es gibt im Wesentlichen drei Wege, die Ursachen von Hungersnöten zu erklären; sie zu verstehen, eröffnet den Zugang zu vielem anderen, daher beginne ich hier mit ihnen. Der konventionelle Ansatz leitet Hungersnöte aus allgemeiner Nahrungsmittelknappheit in einem Land her. Dementsprechend sollte Hunger etwa durch eine Vergrößerung des Angebots bekämpft werden. Vertreter dieser These beschäftigen sich mit Möglichkeiten, die Lebensmittelproduktion zu erhöhen, sowie mit anderen Arten der Zufuhr wie internationalem Handel und Nahrungsmittelhilfe, der Bekämpfung von Ernteverlusten oder effizienter Essenszubereitung.[1]

In den 1970er Jahren wuchs die Kritik an dieser technokratischen Sichtweise. Sie erkläre nicht, so die Kritiker, wer im Fall einer Hungersnot hungert oder verhungert und wer nicht. Der prominenteste Vertreter eines neuen Erklärungsansatzes war der Wirtschaftswissenschaftler und spätere Nobelpreisträger Amartya Sen.[2] Er argumentierte, dass für das Zustandekommen einer Hungersnot keine Verknappung des Gesamtangebots an Nahrungsmitteln nötig sei. Sen erklärte Hungerkrisen vielmehr dadurch, dass größere Bevölkerungsgruppen ihren Zugang zu beziehungsweise ihr Anrecht auf Lebensmittel verlören, entweder direkt (Lebensmittelproduzenten, die an Ernteausfällen beziehungsweise Viehsterben leiden und dann weder die eigenen Produkte verzehren noch sich Lebensmittel über einen ausreichenden Ersatzverdienst beschaffen können) oder indirekt (Lohnabhängige, deren Verdienstmöglichkeiten durch Arbeitsplatzverlust oder starke Reallohnverluste verfallen). In dieser Sichtweise sind zeitweilige überproportionale Preisanstiege für Grundnahrungsmittel, Phänomene wie Hortung, Spekulation und Schwarzmärkte von besonderer Bedeutung.[3] Ihr zufolge sind verschiedene Bevölkerungsgruppen sehr ungleich von Hungersnöten betroffen (es gibt sogar Gewinner[4]), und Menschen sterben im Grunde hungers durch das Funktionieren von Märkten – und nicht durch deren Nichtfunktionieren. Hunger ist demnach ein Armutsproblem; betroffen sind Gruppen, die im Fall blockierter Zugangsrechte zu Nahrung ohne Eigentumsreserven und ausreichende soziale Bindungen dastehen. Eine Hungersnot erscheint damit nicht mehr als Naturereignis, sondern als ein gesellschaftlich verursachtes.

Von anderer Seite wurde seit den 1990er Jahren auch diese Perspektive als unzureichend zurückgewiesen: Sen und andere würden die politische Seite von Hungersnöten vernachlässigen. Eine Gruppe von Forschern, teilweise auch engagierten Aktivisten, sprach von der Existenz von "Hungersnöten neuen Typs" mit politischem Hintergrund. In der globalisierten Welt sei jede Hungersnot vermeidbar und daher ein Verbrechen. Oft sei sie gewollt, zumindest aber müsse schuldhaftes Versagen entweder bei nationalen Regimen oder auch bei internationalen oder transnationalen Akteuren gesucht und untersucht werden.[5] Diese Sichtweise kann sich auf zahlreiche Beobachtungen fragwürdiger, selektiver staatlicher Politiken berufen, zumal der Nahrungsmittelbereich traditionell zu den am stärksten regulierten Wirtschaftssektoren gehört. Nicht erst seit den 1990er Jahren und auch nicht erst seit dem 20. Jahrhundert hat jede Hungersnot eine politische Komponente; das Phänomen ist historisch keineswegs neu. Die Feststellung, dass diese oder jene Hungersnot menschengemacht ist, ist banal, denn das sind sie nach den Erkenntnissen über "Hungersnotverbrechen" und die Bedeutung von Zugangsrechten mehr oder weniger alle. Freilich sitzen die Vertreter der These von den "Hungersnöten neuen Typs" der Fiktion auf, dass politische Akteure namentlich aus den Industriestaaten heutzutage soziale Vorgänge global beherrschen könnten.

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich Vertreter dieser drei Perspektiven immer wieder mit Ausschließlichkeitsanspruch bekämpft. Besonders die Debatten zwischen Nahrungsangebots- und Zugangsrechtefraktion waren so bitter wie frucht- und haltlos im Bemühen zu zeigen, dass die Parameter der jeweils anderen Seite völlig irrelevant seien. Tatsächlich sollte man die drei Sichtweisen nicht als gegensätzliche Theorien begreifen, sondern als Denkansätze,[6] und Hungersnöte als komplexe, durch soziale Interaktion entstehende Prozesse verstehen, bei denen Gesamtangebot, Marktfunktionieren und -teilnehmer sowie staatliches und sonstiges politisches Handeln zusammenhängen. Anstöße für ein solch komplexes Denken über Hunger existieren, haben allerdings weit weniger öffentliche Resonanz gefunden als eindimensionale Theorien.[7]

Auch die Auslassungen in den skizzierten Debatten sind bezeichnend. Erstens konzentrieren sie sich auf Hungersnöte, obwohl chronische Mangelernährung immer noch jedes Jahr mehr Todesopfer fordert als solche dramatischen Krisen.[8] So führt die Weltgesundheitsorganisation WHO an die drei Millionen Todesfälle von Kleinkindern pro Jahr mit auf Mangelernährung zurück.[9] Die Bestimmung solcher Zahlen ist allerdings wissenschaftlich problematisch, von politischen Absichten beeinflusst und Hunger teilweise nur eine unter mehreren Todesursachen.[10] Akute Hungerkrisen scheinen seit den 1980er Jahren auf Afrika lokalisiert worden zu sein. Zu den Schwächen der auf Hungersnot fokussierten Forschung gehört die mangelnde Berücksichtigung des kumulativen Effekts jahrelangen Mangels auf soziales Gefüge, familiäre Ressourcen und individuelle Physis. Auch aufeinanderfolgende Krisen sollten in dieser Hinsicht verstärkt untersucht werden, wie in einem weiteren Sinne die Folgen von Hungersnöten (neben deren Ursachen) mehr Aufmerksamkeit verdienen, also besonders Verarmungs-, Migrations- und soziale Neuformierungsprozesse.

Zweitens beziehen sich die genannten wissenschaftlichen Denkansätze sehr stark auf den nationalen Rahmen. Gesamtangebotsfetischisten und Zugangsrechtefanatiker haben ihre Fehden jeweils über Ereignisse in einem Land geführt. Dies lässt jedoch die im 20. Jahrhundert nicht unbedeutenden transnationalen Wellen von Hungersnöten außer Acht, auf die ich im Folgenden eingehe.

Fußnoten

1.
Vgl. etwa Peter von Blanckenburg, Welternährung, München 1986.
2.
Vgl. Amartya Sen, Poverty and Famines. An Essay on Entitlement and Deprivation, Oxford–New York 1981.
3.
Siehe fürs Mittelalter bereits Wilhelm Abel, Agrarkrisen und Agrarkonjunktur, Hamburg 19783.
4.
Dazu zählen beispielsweise größere Nahrungsmittelproduzenten, die von den hohen Preisen profitieren, Händler sowie lokale Eliten, die das Land von in Not geratenen Bauern billig aufkaufen.
5.
Vgl. Stephen Devereux (Hrsg.), The New Famines. Why Famines Persist in an Era of Globalization, London 2007.
6.
So auch Siddiq Osmani, The Entitlement Approach to Famine. An Assessment, in: Kaushik Basu et al. (Hrsg.), Choice, Welfare, and Development, Oxford 1995, S. 253–294.
7.
Etwa Mohiuddin Alamgir, Famine in South Asia. Political Economy of Mass Starvation, Cambridge MA 1980, im Vergleich zu A. Sen (Anm. 2).
8.
Zum Thema chronische Mangelernährung beschränke ich mich hier auf wenige Hinweise. Siehe hierzu den Beitrag von Michael Brüntrup.
9.
Vgl. UN-Bericht: Kindersterblichkeit seit 1990 halbiert, 9.9.2015, http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/un-bericht-kindersterblichkeit-seit-halbiert-1.2639423« (2.11.2015).
10.
Siehe hierzu David Grigg, The World Food Problem, Oxford–New York 1986, S. 5–30.
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Autor: Christian Gerlach für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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