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4.12.2015 | Von:
Michael Zeuske

Globale Sklavereien: Geschichte und Gegenwart

Von der Atlantic Slavery zur neuen Sklavereimoderne

Die Infrastrukturen der Gewalt des dritten Sklaverei-Plateaus reichten vom Innern Afrikas, wo lokale Sklavenmärkte und Razzienkrieger beziehungsweise Sklavenjäger sowie Karawanenchefs sich mehr und mehr auf den Handel zu den Küsten und die Belieferung von Europäern und (später) Amerikanern spezialisierten, über die Küstenpunkte Afrikas, wo die Verschleppten auf die Schiffe verfrachtet wurden, den Atlantik (oft mit Zwischenlandungen auf den Kapverden oder São Tomé) zu den Hafenstädten der Amerikas und der Karibik. Dort wurden die Menschen aus Afrika verkauft und in Märschen zu ihren Arbeitsorten getrieben (urbane Sklaverei, Transportsklaverei, Bergbausklaverei sowie rurale Sklavereien, oft auf Plantagen).

Lançados, ihre Familien und Nachkommen, ich nenne sie zusammenfassend Atlantikkreolen, organisierten den Austausch mit europäischen und amerikanischen Faktoren (Händlern) an den Küsten Westafrikas. Europäer, das heißt Kapitäne, Offiziere, Mannschaften, Schiffsärzte und Faktoren waren bis um 1880 mit wenigen Ausnahmen[17] immer (!) Juniorpartner afrikanischer Sklavenhandelseliten. Mit dem Eintausch nach Gesundheits- und Körpercastings sowie der Einschreibung in die Cargolisten und der Verladung der menschlichen commodities (Handelsgüter) begann die Herrschaft der europäischen/amerikanischen Kapitäne über die Versklavten; mit der Einschreibung in Listen auch die Eigentumskonstruktion nach "römischem" Recht. Die Kontrolle über den Sklavenhandel zur See haben europäische und amerikanische Eliten nie aufgegeben, auch wenn sie sich bekriegten oder sich gegenseitig Korsaren auf den Hals schickten. Der Atlantik wurde zu einem großen transkulturellen Arbeitsraum und zugleich zum Ressourcen-, Profit- und Akkumulationsmotor für den Aufstieg des Kapitalismus.[18]

Das Kernstück der Atlantic slavery befand sich in Ost-West-Ausdehnung 1520 bis 1650 zunächst unter iberischer Kontrolle. Von 1650 bis um 1808/20 war der atlantische Sklavenhandel geteilt: Im Mittelteil (mit der bekannten Figur des Dreieckshandels) zwischen Afrika und Inseln der Karibik sowie Nordamerika dominierten Nordwesteuropäer (Niederländer, Engländer, Briten, Atlantikfranzosen, Dänen, Schweden und auch ein paar Preußen), im Südatlantik Portugiesen, Iberer und Brasilianer. Das 18. Jahrhundert, bekanntlich das Jahrhundert der Aufklärung, war mit rund sechs Millionen Fällen das schreckliche Jahrhundert der Verschleppungen. Von 1520 bis 1867 erreichten elf bis zwölf Millionen Menschen die Amerikas lebend. In der größten sozialwissenschaftlichen Datenbank zum Thema sind bislang über 35000 Fahrten nachgewiesen.[19]

Ende des 18. Jahrhunderts setzte, vor allem in England und in den jungen USA, die Abolitionsbewegung ein; 1808 verboten die USA und Großbritannien den atlantischen Sklavenhandel (noch nicht den inneren Sklavenhandel). Großbritannien nutzte die moralische Macht der Abolition und seine Stellung im internationalen System, um bis etwa 1840 alle anderen bisherigen europäischen Sklavenhandelsmächte zur Abolition zu nötigen. Danach setzte auch das Verbot der Sklavereien selbst ein: 1838 in den britischen Kolonien, 1848 in den französischen Kolonien, 1863 in den niederländischen Kolonien, 1865 in den USA, 1886 in der (noch) spanischen Kolonie Kuba und 1888 in Brasilien.[20] Schon vorher hatte die einzig erfolgreiche Sklavenrevolution auf Saint-Domingue/Haiti den französischen Sklavenhandel beendet und das europäische Frankreich gezwungen, 1794 die Aufhebung der Sklaverei zu proklamieren. Trotz dieser Abolitionen und Revolutionen wurden auf dem hidden Atlantic des 19. Jahrhunderts nochmals zwei bis drei Millionen Menschen aus Afrika in die Amerikas verschleppt, meist durch Brasilianer (bis um 1850) sowie Spanier-Kubaner (von Kuba aus, bis um 1880) und Amerikaner. Mitteleuropäer, etwa Schweizer oder Deutsche, profitierten auch davon, ebenso wie Banken des ach so abolitionistischen Vereinigten Königreichs.

Mit der Industrialisierung und ihren neuen Technologien sowie dem Menschenschmuggel des hidden Atlantic entwickelten sich modernste Formen industrieller Sklavereien, konzeptualisiert als second slavery (in den USA als "Sklavereikapitalismus" oder "Kriegskapitalismus"[21]). Diese bildeten zugleich die Grundlage für Gesellschaften einer Sklavereimoderne, etwa im Süden der USA, in Westkuba, Puerto Rico, Suriname oder Martinique/Guadeloupe; in Brasilien entstand zwischen Rio de Janeiro und São Paulo das größte Kaffeeanbaugebiet der Welt. Second slaveries entstanden aber auch auf Inseln des Indischen Ozeans und Niederländisch-Indiens, in Ostafrika, im Sokoto-Kalifat, Ägypten, Marokko und Sansibar.[22] Dabei wurden tendenziell immer jüngere Menschen in diese Sklavereimodernen geraubt und verschleppt. Das heißt, der Menschenschmuggel erfasste unter der Drohung der Abolition immer mehr Kinder. Innerhalb des neuzeitlichen (dritten) Sklaverei-Plateaus traten zunehmend Elemente des "alten" Sklaverei-Plateaus einer Kindersklaverei "ohne Institution" auf, denn formal war Sklavenhandel ja aufgehoben und verboten. Zugleich bildeten sich damit Übergänge zu heutigen Formen der Sklaverei (Kinderhandel).

Ich könnte noch vieles über Sklavenwiderstand und durch Versklavte vermittelte neue Lebensweisen, Krankheiten, Essgewohnheiten, Religionen, Kampftänze und Musik sagen. Ich will mich hier aber auf die Sklaverei-Plateaus beschränken. Die "alten" Plateaus finden sich auch im neuzeitlichen Plateau der sozusagen "zusammengesetzten" atlantischen Sklaverei wieder: Haussklaverei gab es auf jeder Plantage; auch mit den ungewollten Formen einer Kin-Sklaverei, denn Sklavinnen hatten oft Kinder mit Verwaltern oder Plantagenbesitzern (US-Präsident Thomas Jefferson lässt grüßen). Im größten Sklavereiterritorium Amerikas, Brasilien, hat der Soziologe Gilberto Freyre 1933 aus der Kin-Sklaverei sogar eine soziologisch-kulturelle Theorie gemacht.[23] In den Städten und auf den Straßen verrichteten Haussklavinnen und -sklaven alle Arten von Arbeiten und Dienstleistungen, auch solche, die wir uns gar nicht mehr vorstellen können (oder wollen). Sklavinnen und Sklaven "ohne Institution" gab es in Gestalt der "Hof-Neger" (und geschenkter Frauen oder Kinder) in der gesamten Neuzeit in Europa, das sich nach und nach für sklavereifrei erklärt hatte (free soil). In die östliche Hemisphäre und nach Afrika kamen die Abolitionen nur formell, und traditionelle Frauen-, Kinder- und Schuldsklavereien – also Hauptelemente früherer Sklaverei-Plateaus – wurden zu "lokalen Traditionen" oder zu bonded labour (Schuldknechtschaft) erklärt. Millionen von Kulis aus Indien, Indonesien und China bekamen zwischen 1840 und 1940 formelle Verträge, wurden aber oft schlimmer als Privatsklaven behandelt und machten die gleiche Arbeit. In Konzentrationslagern und GULags oder großen Gefängniskomplexen wurden im 20. Jahrhundert, vor allem zwischen 1930 und 1970, Millionen Menschen zu Sklavenarbeiten gezwungen oder vernichtet.[24]

Ein weiteres Plateau?

Und heute? Ich wiederhole: Formale Sklaverei im Sinne des "römischen" Rechts (als Eigentumsrecht Bestandteil aller sogenannten Bürgerlichen Gesetzbücher) gibt es nicht mehr; ginge es wirklich nach der Formel der legal ownership, wären Sklavereien ein Phänomen der Vergangenheit. Ein Blick in die Bücher des Soziologen Kevin Bales oder der Historikerin Suzanne Miers zeigt aber, dass es Sklavinnen und Sklaven noch immer gibt.[25] Die Zahlen, die in der Debatte genannt werden, liegen zwischen 20 und 270 Millionen Sklavinnen und Sklaven weltweit – sie variieren, je nachdem, ob und wie weit man bereit ist, reale Phänomene als Sklaverei zu definieren. Und es ist alles dabei: "wirkliche", traditionelle Sklavereien wie in Mauretanien oder im Sudan, massive illegale Ausbeutung wie in Brasilien oder China,[26] illegaler Menschenhandel, Sexsklaverei, Kindersklaverei und neue Formen der Kontraktsklaverei vor allem in den Golfstaaten. Sogar neue Formen der Opfersklaverei (Organhandel und Schlimmeres) gibt es.

Die Liste ist ellenlang, und ich habe noch nicht einmal die sehr umstrittenen Themen der neuen Elitesklaverei angesprochen, in der junge Körper zu Riesensummen gecastet, vermarktet und verkauft werden. Auch die Statusminderung aus dem Plateau der Kin-Sklavereien ist noch da – sie heißt heute nur anders und hat eine lange Phase theoretischer Begründungen und Widerlegungen durchlebt, deren Höhepunkt ebenfalls in der Mitte des 20. Jahrhunderts lag. Ich erinnere daran, dass praktischer Rassismus in jeder Sklaverei betrieben wurde und dass theoretischer Rassismus als Begründung fast aller Sozialwissenschaften mit dem Höhenflug europäischer Philosophie, Soziologie und Anthropologie (1800 bis 1950) verbunden war.

In Summe: Was ist das heute für ein Sklaverei-Plateau? Sklaverei-Plateau 4.0 oder 5.0? 5.0 wäre es, wenn wir den kollektiven Staats- und Lagersklavereien sowie Euthanasieprogrammen zwischen 1930 und 1970 ein eigenes Plateau zuschrieben. Und was wären die wesentlichen Charakteristika eines heutigen Sklaverei-Plateaus? Ist es der expandierende globale Kapitalismus menschlicher Körper unter den technologischen Bedingungen des 21. Jahrhunderts, gepaart mit informellem Rassismus (Fremdenfeindlichkeit)? Ist es der Aufstieg neuer Kapitalismen (etwa in den Golfstaaten, den sogenannten BRICS-Staaten oder im Osten Europas) mit Mustern der Organisation der Arbeit wie in Westeuropa und seinen Kolonien zwischen 1500 und 1890? Sind die Akteure marginalisierte Eliten in failed states, die in der Kapitalisierung menschlicher Körper ihre einzige Chance auf Profite sehen?

In unserem Zeitalter der Migrationen (seit 1990, mit Vorläufern) hat sich breitflächig nur eines fundamental geändert: In früheren Jahrhunderten, bis um 1840, haben sich Menschen mit Händen und Füßen gegen Verschleppung gewehrt, viele auch noch danach. Heute dagegen sind immer mehr Menschen dazu gezwungen, unter anderem als Flüchtlinge, entweder zeitweise (auch in ihrer jeweiligen Biografie) oder abschnittsweise, das heißt, in bestimmten Räumen und auf bestimmten Routen, Bedingungen aktiv zu nutzen (und sogar dafür zu zahlen und sich zu verschulden), die denen im atlantischen Sklavenhandel in nichts nachstehen. Auf dem Mittelmeer kostet das viele den Tod. Andere Migrationen enden oft – auch wenn es sich um einzelne Kinder oder Frauen nach dem Muster des Sklaverei-Plateaus Sklavinnen "ohne Institution" handelt – in ganz realer Sklaverei.

Fest steht, dass es heute mehr Sklavinnen und Sklaven gibt als jemals zuvor in der Geschichte.[27] Die Frage, ob wir es heute mit einem oder mehreren Sklaverei-Plateaus zu tun haben, bleibt offen.

Fußnoten

17.
Seit 1570: Luanda, danach Benguela (beide im heutigen Angola), Kapstadt (Südafrika) und Saint-Louis in der Senegalmündung (Senegal) sowie seit 1800 Freetown (Sierra Leone).
18.
Vgl. Michael Zeuske, Die Geschichte der Amistad. Sklavenhandel und Menschenschmuggel auf dem Atlantik im 19. Jahrhundert, Stuttgart 2012, S. 28–42.
19.
Vgl. Voyages. The Trans-Atlantic Slave Trade Database, http://www.slavevoyages.org« (6.11.2015).
20.
Vgl. Seymor Drescher, Abolition. A History of Slavery and Antislavery, Cambridge 2009.
21.
Sven Beckert, King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus, München 2014, S. 12.
22.
Vgl. James Watson (Hrsg.), Asian and African Systems of Slavery, Oxford 1980; Anthony Reid (Hrsg.), Slavery, Bondage, and Dependency in Southeast Asia, St. Lucia–New York 1983.
23.
Vgl. Gilberto Freyre, Herrenhaus und Sklavenhütte. Ein Bild der brasilianischen Gesellschaft, Köln–Berlin 1965 (brasil. Originalausgabe: Casa Grande e Senzala, Rio de Janeiro 1933).
24.
Vgl. Suzanne Miers, Slavery in the Twentieth Century, Lanham MA 2003.
25.
Vgl. Kevin Bales, Die neue Sklaverei, München 2001.
26.
Etwa auf Plantagen oder in "Sweatshops" der Modeindustrie, wo häufig noch die alte Regel "Sklaven sterben nie" gilt – für jeden Toten wird ein neuer Versklavter mit denselben gefälschten Papieren eingesetzt.
27.
Vgl. M. Zeuske (Anm. 3), S. 564–573.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Michael Zeuske für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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