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18.12.2015 | Von:
Manuela Boatcă

Multiple Europas und die interne Politik der Differenz

Europäisierung als Projekt, Prozess und Problem

Insbesondere nach dem 11. September und der diskursiven Konstruktion der terroristischen Bedrohung als "islamische Herausforderung" in der gesamten westlichen Welt ist Verwestlichung zunehmend zu einer Frage der Parteiergreifung im "Kampf der Kulturen" geworden, den der Politikwissenschaftler Samuel Huntington als charakteristisch für zukünftige Konflikte ansah. Das Modell multipler Europas wird in der Mehrheit der gegenwärtigen kognitiven Landkarten des Kontinents reproduziert. Die Bezeichnung der Expansion der EU als "Osterweiterung" und der Aufnahme zentral- und südosteuropäischer Länder in die EU als "Europäisierungsprozess" deuten dabei erneut auf den Brückencharakter, den der Osten Europas im westlichen Verständnis annimmt. Folglich ist der Allgemeinbegriff "Europa", mit dem im 19. und 20. Jahrhundert West-, Nord- und Teile Südeuropas bezeichnet wurden, heute gleichbedeutend mit der EU, während die östlichen Teile des Kontinents als eine Region von fragwürdiger politischer, soziokultureller und religiöser Europäität und mit unzureichenden wirtschaftlichen und juristischen Standards definiert werden.

Die Anwendung des Europäisierungsdiskurses auf Länder mit jahrhundertealten europäischen kulturellen und gesellschaftlichen Traditionen (von Polen über die Tschechische Republik bis zu Ungarn und Rumänien) entspricht der gleichen Logik. Einerseits reinstrumentalisiert er die orientalistische Symbolik, um die Distanz vom Orient als Maßstab für Standards der Modernität und Zivilisation zu etablieren; gleichzeitig mobilisiert er die so entstandenen Minderwertigkeitskomplexe mit Hilfe einer quantitativen Abwertungslogik:[17] Als die aus westlicher Sicht perzipierte islamische Gefahr an die Stelle der kommunistischen getreten ist, hat Osteuropa im okzidentalistischen Imaginären den Status einer politischen und ökonomischen Zweiten Welt, der ihr während des Kalten Krieges zugeschrieben wurde, für denjenigen einer kulturell und rassischen Zweiten Welt eingetauscht, ohne dabei die Rolle des "epigonalen" Europas zu verlassen. Als weiße, christliche und europäische Region, die jedoch gleichzeitig als wirtschaftlich rückständig, kulturell halborientalisch und politisch instabil gilt, übernimmt das "epigonale" Europa nach 1989 die Identität des unvollständigen Selbst des "heroischen" Europas, anstatt, wie im Falle des Islam und des Orients, sein Anderes zu werden.[18]

Dass Theorie und Praxis der Osterweiterung der EU als "Instrument der Orientalisierung" fungieren,[19] wird daran deutlich, dass die vorerst letzten Länder, die in die EU aufgenommen wurden, Rumänien, Bulgarien und Kroatien waren, die letzten, die über eine Aufnahme verhandeln, Serbien und Montenegro sind. Verhandlungen mit der Türkei, deren Antrag auf Vollmitgliedschaft fast 30 Jahre zurückliegt, wurden hingegen wiederholt auf Eis gelegt und stoßen regelmäßig auf Widerstand von Seiten Frankreichs und Deutschlands. Die Reihenfolge der Inklusion neuer Länder in die EU scheint somit den Grad ihrer jeweiligen Verbindung zu dem osmanischen Erbe, das als Gegenteil zur politisch und kulturell erwünschten Europäität konstruiert wird, fast exakt zu reproduzieren.

Von der Europäischen Kommission explizit als "entscheidende Maßstäbe für den EU-Beitritt" bezeichnet,[20] erinnern die Kriterien, anhand derer der "Fortschritt" östlicher Kandidaten beurteilt wird, stark an den Orientalismus des 19. Jahrhunderts. Sowohl Korruption und Menschenhandel als auch die fehlende Autorität des Gesetzes, die für den verspäteten Beitritt Rumäniens und Bulgariens während der fünften Erweiterungsrunde wie für die stockenden Verhandlungen mit Kroatien und der Türkei verantwortlich gemacht wurden,[21] gehören zum Repertoire des orientalischen Despotismus, der in den Vorstellungen über den Orient während des 18. und 19. Jahrhunderts eine prominente Rolle spielte. Sie als Kernprobleme der evaluierten Länder herauszuheben, lässt die Beitrittskandidaten nicht nur als exotisch und unterlegen erscheinen,[22] sondern führt ihre Missstände auf eine Vergangenheit zurück, die die Mitgliedstaaten bereits überwunden haben.

Die Aushandlung kultureller und rassischer Identitäten, die darauf beruhen, die eigene orientalische Vergangenheit zurückzuweisen, seinen eigenen Beitrag zur europäischen Zivilisation zu betonen und sich die Integration in die EU als eine "Rückkehr nach Europa" vorzustellen, dominierten noch einmal den osteuropäischen Identitätsdiskurs. In den 1990er Jahren hatten die nationalen Eliten Kroatiens und Sloweniens den politischen und wirtschaftlichen Übergang ihrer Länder als Befreiung von der "balkanischen Dunkelheit" bezeichnet.[23] Das Wahlversprechen, sich institutionell und wirtschaftlich Europa wieder anzuschließen, basierte in Kroatien und Polen auf dem nationalen Selbstverständnis als "Bollwerk des Christentums" gegenüber der osmanischen Gefahr[24] und im ehemaligen Jugoslawien auf Argumenten der historischen Zugehörigkeit zu Zentraleuropa – anstatt zu Osteuropa oder dem Balkan.[25]

Bei aller Unterschiedlichkeit verfolgen die diskursiven Strategien der Kandidaten zur Europäisierung ein ähnliches Ziel: den Aufstieg von der Position des "epigonalen" Europas in diejenige des "heroischen" Europas, das heißt das Erreichen vollständiger Europäität. Individuelle Abgrenzungsstrategien beruhen dabei darauf, Merkmale von Östlichkeit, Orientalismus, und letztlich Nicht-Weißsein an neu konstruierte "Andere" innerhalb der Region weiterzureichen, in einer internen Reproduktion von Orientalismus.[26]

Je mehr das "epigonale" Europa seinen eigenen Europäitätsgrad betont, desto stärker hebt es seine Andersartigkeit gegenüber dem "heroischen" Europa hervor und zollt dabei der imperialen Landkarte, in der die Vorstellung von Europäität dem dominant westlichen Modell entspricht, zusätzliche Anerkennung. Die Verinnerlichung einer kulturellen Identität als unvollständiges Selbst des Westens macht es somit möglich, Osteuropa gleichzeitig in die Identität der expandierenden EU zu inkludieren als auch zu exkludieren.

"Es gibt keinen sicheren Ort". Offene Fragen

Kann eines der multiplen Europas die Basis für eine einzige Idee von Europa oder ein allgemein gültiges Modell für eine charakteristische europäische Moderne liefern? Angesichts der Tatsache, dass sie alle zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte der globalen Moderne imperialistische, koloniale, nationalistische, rassistische oder totalitäre Ideologien produziert haben, gibt es keinen geopolitisch oder epistemisch sicheren Ort, der entweder die europäische oder die moderne Essenz verkörpern würde. Ganz im Gegenteil: Genauso, wie die Geschichte Europas mit der Geschichte derjenigen nicht-europäischen Regionen verflochten ist, die es eroberte, mit denen es Handel trieb, oder gegen die es sich verteidigte, ist auch die Geschichte der Moderne durch Kolonialismus, Imperialismus, Sklaverei und Kriegführung geprägt worden und bis heute damit untrennbar verbunden. Europäität auf eine triumphalistische Version der Moderne zu reduzieren, die auf eine Hand voll heroischer "Gründerväter" beschränkt ist, lässt die Vielfalt der Europas und deren jeweiligen (widersprüchlichen) Beiträge zur europäischen Zivilisation außer Acht. Damit dient ein diskursives Modell, das Europäität als Einheit beziehungsweise als Einzigartigkeit definiert, dazu, die Vielfalt des postkolonialen und postimperialen Europas als Manko zu verkennen sowie mittels der eingangs diskutierten Moralgeografie des Kontinents eine interne Politik der Differenz zu reproduzieren, die nur in das Gegenteil von Einheit münden kann.

Fußnoten

17.
Vgl. József Böröcz, Introduction: Empire and Coloniality in the "Eastern Enlargement" of the European Union, in: ders./Melinda Kovács (Hrsg.), Empire’s New Clothes. Unveiling EU Enlargement, Telford 2001, S. 4–50.
18.
Vgl. M. Todorova (Anm. 12), S. 18.
19.
J. Böröcz (Anm. 17), S. 6.
20.
Vgl. Europäische Kommission, Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament und den Rat. Erweiterungsstrategie und wichtigste Herausforderungen für den Zeitraum 2006–2007, 8.11.2006, S. 6, http://ec.europa.eu/enlargement/pdf/key_documents/2006/nov/com_649_strategy_paper_de.pdf« (25.11.2015)
21.
Vgl. ebd.; Europäische Kommission, Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament und den Rat. Erweiterungsstrategie und wichtigste Herausforderungen 2009–2010, 14.10.2010, http://ec.europa.eu/enlargement/pdf/key_documents/2009/strategy_paper_2009_de.pdf« (25.11.2015)
22.
Vgl. Melinda Kovács, Putting down and Putting off: The EU’s Discursive Strategies in the 1998 and 1999 Follow-Up Reports, in: J. Böröcz/dies. (Anm. 17), S. 196–234.
23.
Nicole Lindstrom, Between Europe and the Balkans: Mapping Slovenia and Croatia’s "Return to Europe" in the 1990’s, in: Dialectical Anthropology, 27 (2003), S. 313–329.
24.
Vgl. Milica Bakić-Hayden, Nesting Orientalisms: The Case of Former Yugoslavia, in: Slavic Review, 4 (1995), S. 917–931.
25.
Vgl. N. Lindstrom (Anm. 23), S. 324; M. Bakić-Hayden (Anm. 24), S. 924.
26.
Vgl. ebd., S. 922.
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