APuZ 1-2/2016 Schulden

4.1.2016 | Von:
Andrea Braun
Vera Lanzen
Cornelia Schweppe

Junge Menschen, Geld, Schulden

Beispiel Frau F.

Daran anknüpfend möchten wir mit einem Fallbeispiel unsere weitere Auseinandersetzung einleiten.[13] Frau F. ist 23 Jahre alt und seit zwei Jahren mit 7000 Euro bei unterschiedlichen Gläubigern (Möbelhäusern, Versandhäusern, Telefonanbietern) überschuldet. Teilweise kann sie ihre Miete nicht mehr zahlen, derzeit erhält sie Arbeitslosengeld II. Seit einem halben Jahr lebt Frau F. mit ihrem Freund, der noch studiert, und ihrem vierjährigen Sohn in einer Zweizimmerwohnung in einer Großstadt. Für den Sohn sucht sie derzeit einen Kindergartenplatz.

Frau F. erzählt, dass ihr Ex-Freund "aus besseren Verhältnissen" gekommen sei und sie vor ihm nicht "blöd dastehen" wollte. Sie habe daher Geld für gemeinsame Restaurantbesuche, Ausflüge und Medien ausgegeben, die sie sich nach eigener Einschätzung gar nicht leisten konnte. Im Gegenzug habe sie "andere Sachen" nicht bezahlt, "zum Beispiel Handyvertrag nicht, die Miete vielleicht nicht, aber dafür kann man dann, was weiß ich, nen schönen Tag im Freizeitpark oder was auch immer haben, dass wir drei weggehen konnten, essen gehen konnten, ins Schwimmbad gehen konnten. Halt eigentlich mehr diese Sachen, anstatt auf den Spielplatz zu gehen oder so, mehr die Sachen gemacht halt, die einfach Geld kosten. Eis essen gehen, ins Schwimmbad gehen oder ins Spieleland gehen oder was auch immer."

Hinzugekommen seien die finanziellen Probleme ihrer Mutter. Frau F. habe ihr einen Telefonanschluss eingerichtet, der aber auf ihren Namen lief. Die vielen Bitten an die Mutter, die Telefonkosten selbst zu bezahlen, seien größtenteils erfolglos gewesen. "Dann hab ich gesagt: Okay, dann gibst du mir das aber jeden Monat. Das hat dann mal geklappt, dann mal wieder nicht." Ihre Mutter habe schließlich den Vertrag wechseln wollen. "Da kam die Rechnung, Abschlussrechnung. Hab ihr die dann zurückgeschickt, hab gesagt: Hier, bezahl das. Und das hat sie wohl einfach nicht gemacht und da kam’s dann auch wieder vom Gericht und Mahnbescheid." Letztlich sei es zur Kontopfändung und zu einem Besuch des Gerichtsvollziehers gekommen. "Somit hab ich das jetzt dann auch nochmal zusätzlich am Backen kleben."

Zu viel und falscher Konsum? Oder: Kostenpflichtiger Jugendalltag

Die Ausführungen von Frau F. können schnell als Indiz für einen inkompetenten Umgang mit Geld und "unvernünftigen" Konsum gedeutet werden. Ein anderer Blick erschließt sich bei einer Betrachtung der Bedeutung von Geld im jungen Erwachsenenalter: Der Jugendalltag ist kostenpflichtig geworden. Egal, ob soziale Beziehungen zu Peers und (gemeinsame) jugendkulturelle Aktivitäten, Freizeit, die Ablösung vom Elternhaus, die mit dem Jugendalter einhergehende und normal gewordene Mobilität und mediale Kommunikation sind an finanzielle Mittel geknüpft. Geld ist ein notwendiges Mittel zur Bewältigung der Jugendphase und zentral für die damit verbundenen Bildungs-, Sozialisations- und Entwicklungsprozesse und Übergänge.

Insofern ist beispielsweise der Wunsch von Jugendlichen nach modernen Technologien nicht primär als überhöhter Konsum zu problematisieren oder gar zu pathologisieren, sondern gewinnt seine Bedeutung insbesondere aus den für junge Menschen wichtigen Funktionen, mit Gleichaltrigen zu kommunizieren, soziale Beziehungen mit ihnen aufrechtzuerhalten und an gemeinsamen Aktivitäten teilzunehmen. Gerade auch für die Identitätsentwicklung junger Menschen und die damit verbundene Auseinandersetzung mit der Gruppe der Gleichaltrigen ist Geld beziehungsweise Konsum von zentraler Bedeutung. In der Jugendphase dient Konsum dazu, Differenz zu schaffen, aber auch Gleichheit, und stellt einen zentralen Faktor moderner Vergemeinschaftung dar. "Konsum ist zu einem unverzichtbaren Mittel geworden, um kulturelle Zugehörigkeiten auszudrücken, eigene Stile zu entwickeln, und ist somit auch für die Identitätsentwicklung nicht mehr wegzudenken."[14] Dabei ist zu berücksichtigen, dass die häufig vorzufindende Annahme hoher Geldausgaben für Handy und Markenkleidung durch die wenigen Studien, die Geldausgaben junger Menschen untersuchen, infrage gestellt werden. Stattdessen heben diese die Ausgaben für Mobilität und Essen als häufigen Kostenfaktor hervor. Somit geht jugendlicher Konsum auch weit über die oft angenommene Statussymbolik hinaus.

Angesichts des kostenpflichtigen Jugendalters ist nicht zu konsumieren kaum eine Option beziehungsweise geradezu problembehaftet. Insbesondere für Jugendliche mit eingeschränkten finanziellen Mitteln bringt dies Fallstricke mit sich: Mangelnde finanzielle Möglichkeiten schließen einen Teil der Jugendlichen von der "Normalität und Notwendigkeit des Konsums" aus und bergen das Risiko, aus dem gesellschaftlich definierten leistungs-, wohlstands- und konsumorientierten Lebensentwurf ausgeschlossen zu werden.[15] Der Sinn von Geld und Konsum geht weit über Anschaffungen zum notwendigen Gebrauch hinaus. Aus konsumsoziologischer Sicht lassen sich Bedürfnisse nach Gütern immer auch als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse verstehen.[16] Geld und Konsum sind mit vielfältigen Funktionen verbunden. Sie sind von zentraler Bedeutung für die jeweiligen Handlungsmöglichkeiten, soziale Zugehörigkeiten und Partizipation sowie für den eigenen Selbstwert.[17]

Fußnoten

13.
Das Fallbeispiel basiert auf einem biografischen Interview, das im Rahmen des Dissertationsprojektes von Vera Lanzen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zum Thema Schulden im Übergang ins Erwachsenenalter erhoben wurde.
14.
Claus Tully/Wolfgang Krug, Konsum im Jugendalter. Umweltfaktoren, Nachhaltigkeit, Kommerzialisierung, Schwalbach/Ts. 2011, S. 207.
15.
Lothar Böhnisch, Sozialpädagogik der Lebensalter. Eine Einführung, Weinheim–Basel 2008, S. 235.
16.
Vgl. Norbert F. Schneider, Konsum und Gesellschaft, in: Doris Rosenkranz/ders. (Hrsg.), Konsum. Soziologische, ökonomische und psychologische Perspektiven, Opladen 2000, S. 9–22, hier: S. 21.
17.
Vgl. Elisabeth Streuli, Geld, Knappheit und Verschuldung im Jugendalter – Zwischen finanzieller Abhängigkeit und Mündigkeit, in: Stefan Schnurr/Edith Maud Piller (Hrsg.), Handbuch Kinder- und Jugendhilfe in der Schweiz. Forschung und Diskurse, Wiesbaden 2013, S. 333–368.
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Autoren: Andrea Braun, Vera Lanzen, Cornelia Schweppe für bpb.de
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