APuZ 1-2/2016 Schulden

4.1.2016 | Von:
Andrea Braun
Vera Lanzen
Cornelia Schweppe

Junge Menschen, Geld, Schulden

Erweiterung von Handlungsspielräumen als Perspektive

Angesichts dieser Überlegungen erweist sich eine Perspektive als weiterbringend, die Verschuldung mit den sozialen Handlungsspielräumen junger Menschen in Bezug setzt und die Grenzen von Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten offenlegt. Verschuldungsproblematiken werden hierdurch nicht an ein Set individueller Fähigkeiten geknüpft, sondern der Fokus wird auf soziale Prozesse gelegt, durch die Menschen in ihrer Handlungsfähigkeit gestärkt werden.[25] Fragen der Benachteiligung, Chancengleichheit und gesellschaftlichen Anerkennung von Bedürfnissen und Herausforderungen zur Bewältigung der alltäglichen Lebensführung geraten hier in den Blick. Hiernach gilt es, die sozialen Strukturen und die darin enthaltenen Handlungsoptionen so zu gestalten beziehungsweise zu erweitern, dass sich Akteurinnen und Akteure als handlungsmächtig erfahren, indem die subjektive Handlungsfähigkeit sozial und politisch abgesichert und darüber gestärkt werden kann.[26] Dies schließt verlässliche und leicht zugängliche Unterstützungsstrukturen ein, die das oft schambesetzte und tabuisierte Thema der Verschuldung in den ganz "normalen" Kanon der Hilfe bei schwierigen Lebenssituationen aufnehmen.

Dies bedeutet nicht, auf Angebote der finanziellen Bildung prinzipiell zu verzichten. Der Umgang mit Geld ist ein wichtiger Bestandteil des jugendlichen Alltags, und Fragen rund um Geld und Schulden finden oftmals keinen Raum in der Schule oder Familie. Statt einen vorgegebenen Wissenskanon abzuarbeiten, erscheint es allerdings sinnvoller, jene Fragen aufzugreifen, die Jugendliche in Bezug auf Geld und Schulden auch wirklich beschäftigen.[27] In diesem Sinne könnte die Auseinandersetzung mit diesen Themen jenseits einer sogenannten Finanzkompetenz ermöglicht werden. Eine lebensweltliche Orientierung am Alltag der Jugendlichen, die die "Selbstbestimmung der Adressatinnen und Adressaten ernst" nimmt und "eigene Ideal- und Wunschvorstellungen" eines "richtigen" Lebens nicht durchzusetzen versucht,[28] gilt als Paradigma für die Präventions- und Bewältigungsarbeit im Problemfeld Jugendverschuldung genauso wie für jene in Bezug auf andere soziale Problemlagen. Ob sich dabei das Ziel der Unterstützung am Ideal der Schuldenfreiheit orientiert oder auch in der Förderung einer selbstbestimmten Verschuldung liegen könnte, wäre dabei zu diskutieren.[29]

Fußnoten

25.
Vgl. Weltbank, Weltentwicklungsbericht 2006, S. 58ff.; Hans-Günther Homfeldt/Wolfgang Schröer/Cornelia Schweppe, Transnationalisierung Sozialer Arbeit – Transmigration, Soziale Unterstützung und Agency, in: Neue Praxis, (2007) 3, S. 239–249.
26.
Vgl. ebd.
27.
Vgl. Stephan Sting, Suchtprävention im Kindes- und Jugendalter. Potenziale und Grenzen der verschiedenen Ansätze zur Suchtprävention im Hinblick auf Gesundheitsförderung unter Berücksichtigung der Lebens- und Risikolagen und der Suchtgefährdung von Kindern und Jugendlichen, München 2009, http://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs/13_KJB_Expertise_Sting_TG_Suchtpraevention.pdf« (14.12.2015), S. 39.
28.
Ebd., S. 39.
29.
Vgl. Christoph Mattes, Verschuldung erlaubt? Schuldnerberatung – ein Feld im Umbruch?, in: Sozial Aktuell, (2010) 4, S. 40–43.
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