Eine 80 x 30 Zentimeter große gefaltete Urkunde mit der Formulierung "in civitate nostra Dresden" aus dem Jahr 1216 liegt am 21.01.2016 in einer Glasvitrine im Stadtarchiv in Dresden. Im Rahmen einer Pressekonferenz wurde die wertvolle Urkunde mit der Ersterwähnung der Stadt Dresden vor 800 Jahren präsentiert.

29.1.2016 | Von:
Franziska Gerstenberg

Mein Dresden - Essay

Im November 2015, da gibt es Pegida schon länger als ein Jahr, im November sage ich endlich: Ich gehe hin. Ich sehe mir das mal an. Früher habe ich manchmal wie im Fieber vor dem Fernseher gesessen, eine Staffel "Dschungelcamp" geschaut oder ein paar Wochen "Big Brother" verfolgt, nur um zuzuhören, worüber die Leute reden. Man muss schließlich wissen, in was für einem Land man lebt, habe ich gesagt. Und jetzt denke ich: Ich muss schließlich wissen, in was für einer Stadt ich hier lebe. Denn da stimmt doch was nicht mit diesem Dresden, mit dem Wind, der durch die Straßen weht.

Als ich über die Augustusbrücke laufe, überholt mich eine Familie auf Fahrrädern, der Mann trägt eine grüne Multifunktionsjacke, das Kind radelt voran. Ach, denke ich, die wollen bestimmt zur Gegendemo. Aber da zeigt der kleine Junge aufgeregt nach rechts: "Da geht’s lang!" Am Fürstenzug vorbei strömen die Leute mit ihren Deutschlandfahnen, ihren Wirmer-Flaggen, einem schwarz-gelben Kreuz auf rotem Grund. Der Theaterplatz füllt sich, Schilder mit Ortsnamen werden hochgehalten, handgemalte Sprüche begutachtet und gefeiert, einige der Rechtschreibfehler sind schon durch die Presse gegangen. Ständig zückt jemand sein Smartphone und fotografiert, wie schön das hier alles ist. Pegida-Humor: Eine Frau hat eine Burka angezogen und sich ein Schild umgehängt, auf dem steht, dass sie Schweineschnitzel mag. Irgendwann ertönt die Pegida-Hymne, danach tritt ein Redner auf die Bühne, er sagt: "Erst einmal, ich bin nicht der Lutz, der Lutz ist heute in wichtiger Mission unterwegs … seid gespannt." Es ist also nicht der Lutz, später stellt sich heraus, dass es der Siggi ist. Mir war nicht klar, dass man montags auf dem Theaterplatz automatisch per Du ist. Für den Siggi herrscht in Deutschland keine Demokratie, und er spricht jedes Mal, wenn er den Islam meint, sarkastisch von der "Religion des Friedens". Im Hintergrund sind die Gegendemonstranten herangekommen, sie rufen: "Say it loud. Say it clear. Refugees are welcome here!" Falsch, denke ich, ganz falsch, bei Pegida versteht man bestimmt nur Deutsch – und wirklich fragt neben mir eine Frau ihre Begleiterin: "Soll ich dir das übersetzen?"

Nach dem Siggi kommt der Ed. Der Ed ist kein Deutscher, der Ed spricht mit einem charmanten niederländischen Akzent. "Das ist bestimmt ein Schweizer", sagt die Frau, die neben mir steht. Sie gähnt, denn der Ed wettert auffällig langatmig gegen die Asylbewerber in ihren Hotels mit Vollpension, und dann fordert er die Schwulen, die Lesben und die jüdischen Mitbürger auf, sich Pegida anzuschließen. Um mich herum ziehen mehrere Leute zischend die Luft ein: Mit den Schwulen und Lesben hat der Ed den kleinsten gemeinsamen Nenner seines Publikums deutlich verfehlt. Bevor es schließlich losgeht mit dem Abendspaziergang – Matthias Claudius lässt grüßen – bevor es also losgeht, hat der Siggi noch einen Satz an die versammelte Presse zu richten: "Nur ganz kurz: Ihr seid widerlich." Donnernder Applaus, die Frau neben mir lacht kreischend auf.

Habt ihr zugehört?

Und ich? Ich stehe ziemlich lange auf dem Theaterplatz und denke, dass ich das alles nicht ernst nehmen kann. Das ist es jetzt? Das soll eine Volksbewegung sein? Vor diesen Leuten haben wir Angst? Mulmig wird mir erst, als die Sprechchöre aufbranden: "Volksverräter", "Widerstand", "Lügenpresse". Und endgültig, als die Menge beginnt, sich zu Musik in Bewegung zu setzen. Denn erstens begreife ich, dass ich als Einzige hier nicht eingeweiht bin: Es wurde keine Route angesagt, trotzdem wissen alle, wohin sie laufen müssen. Vor allem aber wird mir nun klar, wie groß die Menge ist. Der riesige Theaterplatz war, egal, wo man stand, nur locker gefüllt. Aber jetzt, auf der Straße, zieht sich der Zug auseinander. Er ist lang, er wird immer länger, nimmt und nimmt kein Ende.

Und das ist der Moment, um den es diesen Menschen geht. In diesem schweigenden Loslaufen liegt eine unheimliche Kraft. Nach dem heiligen, stillen Ernst der ersten Meter tauscht man sich auch gleich wieder aus. Man ist sich ja einig. "Das ist so schön", sagt jemand, "wie sich hier einfach alle gern haben." Eigentlich sind alle hier eine große Familie. Und deswegen bleiben so viele dabei, deswegen gehen sie Montag für Montag wieder hin, auf den Theaterplatz, deswegen machen sie Montag für Montag ihre Geschäfte eher zu, um anreisen zu können, aus anderen Teilen Sachsens oder sogar von noch weiter her. Weil sie sich hier unter Gleichgesinnten fühlen, weil sie endlich – bei vielen ist es das erste Mal seit den "Wir sind ein Volk"-Rufen von 1989/90 – weil sie endlich wieder Teil einer Bewegung sein können. Weil sich hier alle lieb haben und sofort per Du sind. Und da sieht man auch gern darüber hinweg, dass die Ziele von Pegida schwammig sind, widersprüchlich oder kriminell. Hauptsache, vorn auf dem Lastwagen steht jemand, der einem sagt, dass man wichtig ist und dass es Feinde gibt, gegen die man zusammenhalten muss.

Aber habt ihr denn, schreie ich innerlich, vorhin nicht zugehört, dem Siggi und dem Ed? Kommt euch dieses Feindbild nicht selbst zu einfach vor? Besteht es aus mehr als ein paar Parolen? Habt ihr Lutz Bachmann nie richtig zugehört, diesem mehrfach straffällig gewordenen Ku-Klux-Klan-Verehrer? Habt ihr Tatjana Festerling nicht zugehört, die eine neue Mauer zwischen Ost und West fordert? Habt ihr dem Gastredner Akif Pirinçci nicht zugehört, der sagt, Deutschland werde zur "Moslemmüllhalde"?

"Lass dich nicht provozieren", hat mein Freund gesagt, bevor ich losgegangen bin, "mach nichts Unüberlegtes." Ich doch nicht, habe ich gedacht, ich sehe mir das einfach mal an, was soll da passieren. Aber jetzt bin ich kurz davor, wie ein wildgewordenes Rumpelstilzchen auf und ab zu hüpfen und verzweifelt zu rufen: "Ihr seid alle Nazis! Ihr seid alle Nazis!" Irgendjemand muss es doch aussprechen. Irgendjemand muss diesem Stammtisch die gute Stimmung verderben. Pegida marschiert seit dem Herbst 2014, seit über einem Jahr. Inzwischen ist klar: Hier geht es nicht um ein diffuses Unbehagen an der deutschen Politik. Wer heute noch dabei ist, läuft knallhart rechtsextremen Führungsfiguren hinterher, und weiß das auch. Wer heute noch dabei ist, legitimiert deshalb die Gewalt in Freital, in Heidenau, in Sachsen, immer wieder vor allem in Sachsen, weil er sich nicht deutlich von diesen Auswüchsen distanziert.

Ich halte nicht einmal bis zur ersten Kreuzung durch. Ich schere aus, auf den Gehweg, drücke mich an eine Hauswand. Ich laufe die breite Wilsdruffer Straße hinunter. Die Mitte, mit den Gleisen der Straßenbahn, gehört Pegida. Nur wenige Autos stauen sich und warten das Ende des Zuges ab, ein paar chinesische Touristen stehen am Rand und machen große Augen, sonst sind die Flaniermeilen leergefegt, die Cafés und Geschäfte verlassen. Die vielbeschworene Pegida-Friedlichkeit kippt sofort, wenn jemand von der Presse versucht, eine Frage zu stellen. Ich sehe, wie ein Kameramann darum kämpft, seine Ausrüstung zu retten, er wird beschimpft, angerempelt, gestoßen, bis er sich schließlich stolpernd in eine Seitengasse rettet.

Niemand kann sich herausreden

Die Stadt steht still, jeder vernünftige Dresdner meidet am Montagabend die Innenstadt. Weil keine Bahnen fahren, laufe ich über eine andere Brücke zurück in die Neustadt. Brücken haben wir hier genug. Ich denke: Die Menschen dort hinter mir am Horizont, sie können sich nicht herausreden. Aber auch sonst kann sich niemand mehr herausreden. Das wären ja, hieß es oft, gar keine Dresdner, die Leute kämen schließlich sonst woher. Ja, aber doch nicht alle. Bei der Oberbürgermeisterwahl 2015 haben fast zehn Prozent für Tatjana Festerling gestimmt, und noch einmal fünf Prozent für den AfD-Kandidaten, das sind weit über dreißigtausend Dresdner. Nur alte Männer würden da hingehen, zu Pegida, hieß es. Nein, ich habe junge Leute gesehen, ich habe Frauen gesehen. Das werde sich bald von selbst erledigen, hieß es. Und wirklich sah es so aus, bis die Flüchtlingskrise den Trend umkehrte. Immer mal wieder sinken die Teilnehmerzahlen von Montag zu Montag, doch wann kommt die nächste Krise? Und der harte Kern bleibt.

Niemand kann sich herausreden. Die Stadt kann sich nicht mehr herausreden, das Ordnungsamt nicht und der Bürgermeister nicht. Der Mythos Pegida funktioniert über die Bühne, über das Bühnenbild, das die Semperoper, der Zwinger, die Frauenkirche jeden Montag abgeben. Es muss doch möglich sein, diese Inszenierung zu unterbinden. Es muss doch möglich sein, zu verhindern, dass diese Leute ausgerechnet am 9. November ausgerechnet den Theaterplatz besetzen. Der, wie ich erst seit Kurzem weiß, früher Adolf-Hitler-Platz hieß – und deshalb auch bei der NPD als Versammlungsort begehrt war. Es muss doch möglich sein, wenigstens in der Vorweihnachtszeit zu sagen: Tut uns leid, aber vor der Semperoper findet jetzt ein Weihnachtsmarkt statt. Die komplette Dresdner Innenstadt ist ein einziger großer Weihnachtsmarkt – wie leicht wäre es gewesen, auch dort noch Büdchen aufzubauen und Glühwein auszuschenken. Es muss doch möglich sein, diese Kundgebungen, wenn man sie schon nicht verbieten kann, wenigstens zu verlagern, andere Städte schaffen das schließlich auch.

Es wäre möglich, wenn es gewollt wäre. Stattdessen lässt man zu, dass Montag für Montag die komplette Innenstadt lahmgelegt wird. Von dem Geld, das die wöchentlichen Polizeieinsätze kosten, könnten sehr viele Flüchtlinge sehr lange sehr gut versorgt werden. Innerhalb eines Jahres hat Dresden seinen Ruf in der Welt verspielt. Das Risiko steigt, dass Firmen sich gegen eine Ansiedlung in Dresden entscheiden – um ausländische Mitarbeiter zu schützen. Der Rektor der Technischen Universität warnt, Pegida schrecke internationale Wissenschaftler ab. Er spricht von einem "erheblichen Imageschaden" für den Wissenschaftsstandort Dresden. Oft genug würde ich gern sagen: "Nein, ich bin nicht von hier. Das hat nichts mit mir zu tun." Nur dass das leider nicht stimmt. Ich wurde in Dresden geboren. Ich habe hier gelebt, bis ich neunzehn war, und vor anderthalb Jahren bin ich wieder hergezogen.

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Autor: Franziska Gerstenberg für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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