Eine 80 x 30 Zentimeter große gefaltete Urkunde mit der Formulierung "in civitate nostra Dresden" aus dem Jahr 1216 liegt am 21.01.2016 in einer Glasvitrine im Stadtarchiv in Dresden. Im Rahmen einer Pressekonferenz wurde die wertvolle Urkunde mit der Ersterwähnung der Stadt Dresden vor 800 Jahren präsentiert.
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Dresden. Eine Kurzbiografie


29.1.2016
Mit courttown, commercetown und coketown ermittelte die Sozialanthropologie "three major types in the history of urbanism",[1] die sich in fast schon idealtypischer Weise in Sachsen finden: das im Zuge der Industrialisierung zum "sächsischen Manchester" gewordene Chemnitz, die Messe- und Handelsstadt Leipzig sowie die Residenz-, Regierungs- und Verwaltungsstadt Dresden. Dass diese Typologie nicht nur historisch-analytisch gemeint ist, sondern dass sie auch gegenwartsbezogen ist, den Habitus einer Stadt und ihrer Bewohner, Selbstwahrnehmung und Fremdzuschreibungen zumindest teilweise erklären hilft, ist die Prämisse der Stadtanthropologie. Ihr Anliegen ist es – und hierauf spielt der Untertitel dieses Beitrags an –, gewissermaßen ein Stadtindividuum mit einer eigenen Berufskultur und "Geschmackslandschaft" herauszuarbeiten.[2]

Im Falle der Residenz- und Regierungsstadt ist hier nicht nur an den Hof und die von ihm abhängigen Personenkreise zu denken, sondern auch an eine von Repräsentationswünschen und -zwängen abgeleitete, eher luxusorientierte und ästhetisch verfeinerte Produktions- und Konsumkultur sowie an eine obrigkeitliche Überformung der Stadtgesellschaft. Dass in Dresden nicht einfach Autos vom Fließband rollen, sondern dass Limousinen, "Luxuskarossen", in einer Gläsernen Manufaktur gefertigt werden, oder dass ein Regierungschef in schon längst postmonarchischen Zeiten altmodisch prädiziert wurde ("König Kurt"), wären demnach pfadabhängige, das heißt auf die residenzstädtische Vergangenheit rekurrierende Ableitungen. Wahr ist aber auch, dass sich gerade in Residenz- und Regierungsstädten gelegentlich der Unmut über "die da oben" schärfer als andernorts artikuliert. Für das – wohlgemerkt – vormoderne London wurde beispielsweise die Gewaltneigung des Pöbels herausgearbeitet; selbst die königliche Familie sei bei öffentlichen Auftritten ausgebuht worden. Die durch die Anwesenheit des Hofes und staatlicher Autorität "aufgenötigte Zurückhaltung des Volkes disponierte es zu heftigen Ausbrüchen", schlussfolgerte Peter Sloterdijk.[3]

Weg zur Residenzstadt



2006 beging Dresden seine 800-Jahr-Feier, mit der an die Ersterwähnung in einer 1206 ausgestellten Urkunde erinnert wurde.[4] Die Siedlung selbst war erheblich älter, und sie war nicht von Anfang an von der Anwesenheit eines Hofes geprägt. Dresden stand vielmehr lange Zeit im Schatten Meißens, das seit dem 10. Jahrhundert mit der Errichtung einer königlichen Burg der herrschaftliche und mit der Bistumsgründung auch der geistliche Mittelpunkt der Markgrafschaft Meißen war. Dresdens Aufstieg war nach 1089 untrennbar verbunden mit der Dynastie der Wettiner, die es in einem gestreckten Prozess im mitteldeutschen Raum zu einer hegemonialen Stellung brachte. Zugleich wurde der Landesausbau forciert, das heißt, die überwiegend von Sorben dünn besiedelte Region wurde gezielt als Einwanderungsland für Siedler aus West- und Süddeutschland und den Niederlanden profiliert. Viele Menschen wurden überdies durch die reichen Silbervorkommen im Erzgebirge angelockt ("Berggeschrey"). Vorläufiger krönender Abschluss dieser Erfolgsgeschichte war 1423 die Übertragung der Kurwürde an die Wettiner, die damit in den Kreis der Königswähler und der vornehmsten Reichsfürsten aufrückten.

Dresden blieb von dieser Entwicklung noch weitgehend unberührt, seine Stunde sollte erst mit einer weiteren dynastisch bestimmten Entscheidung schlagen, der von den Brüdern Ernst und Albrecht vorgenommenen Leipziger Landesteilung von 1485. In einer historischen Phase, für die noch nicht von einem transpersonalen Staatsverständnis auszugehen ist und in der der Herrschaftsraum gewissermaßen als Familienbesitz galt, entstand so zum einen das Ernestinische Kurfürstentum Sachsen mit dem politischen Zentrum Torgau und dem intellektuellen Mittelpunkt der 1502 gegründeten Universität Wittenberg, zum anderen das Albertinische Herzogtum Sachsen mit der Messe- und Universitätsstadt Leipzig und dem erst jetzt zur Residenzstadt aufsteigenden Dresden.

Während im kurfürstlichen Wittenberg 1517 die Reformation ihren Anfang nahm und die Ernestiner sich schützend vor Luther stellten, wurde im Herzogtum am alten Glauben festgehalten. Erst mehr als 20 Jahre später kam es im Albertinischen Sachsen zum religionspolitischen Kurswechsel; am 6. Juli 1539 wurde in der Dresdner Kreuzkirche offiziell die Einführung der Reformation vollzogen. Zu einer deutlichen Verschiebung der Gewichte zwischen den beiden Teillinien kam es dann 1546/47 im Schmalkaldischen Krieg, dem ersten "teutschen Krieg" vor dem Dreißigjährigen Krieg. Der albertinische Herzog Moritz, obwohl lutherischer Fürst, kämpfte an der Seite des katholischen Kaiserhauses gegen die protestantischen Fürsten, unter ihnen Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen, der gefangen genommen und abgestraft wurde. 1547 musste er auf einen nicht unerheblichen Teil seines Territoriums und die Kurwürde verzichten. Hauptprofiteur waren das Albertinische Sachsen und – nun Kurfürst – Moritz.

Der Aufstieg des Albertinischen Sachsen zu einem der führenden Territorien im Reich schlug auch auf Dresden durch: Die Befestigungsanlagen wurden erweitert und erneuert, 1548 wurde mit dem Um- und Neubau des Schlosses begonnen, das rechtselbische Altendresden, die heutige Neustadt, wurde gegen den Widerstand des Rates eingemeindet, zudem wurde eine Münzstätte eingerichtet. Dieses seit den 1540er Jahren eingeleitete Maßnahmenbündel ließ sowohl eine Prägung Dresdens durch den Hof als auch eine zunehmende Unterordnung der Bürgerstadt erkennen. Zugleich begann mit der Förderung der Hof- und Kirchenmusik und der fürstlichen Sammeltätigkeit in der "Geheimen Verwahrung" des Schlosses die Entwicklung der Residenz zur Kunststadt.

Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) bremste diesen Entwicklungsschub erst einmal. Das Kurfürstentum Sachsen musste infolge des Krieges und damit verbundener Epidemien und Hungersnöte hohe Verluste hinnehmen; die Bevölkerung sank von rund 1,5 Millionen auf unter eine Million Menschen, in Dresden wirkte sich in den 1630er Jahren die Pest verheerend aus. Von den Kriegsereignissen selbst blieb die befestigte Residenzstadt weitgehend verschont, allerdings wurde sie von den Verwerfungen des konfessionellen Zeitalters erreicht: Nach der Niederschlagung der Ständerevolte und als Folge der rigiden Rekatholisierungspolitik des Hauses Habsburg in Böhmen kam es zu einer Auswanderungswelle nach Sachsen. In Dresden ließen sich zwischen 1620 und 1750 schätzungsweise 2.500 böhmische Exulanten nieder. Obwohl konfessionsverwandt, standen sie unter dem "Generalverdacht"[5] der Häresie und wurden auf wirtschaftlichem Sektor zunächst als unliebsame Konkurrenz wahrgenommen. In der Bevölkerung wurden Zweifel laut, ob es sich bei den Migranten wirklich um Glaubens- und nicht nur um Wirtschaftsflüchtlinge handelte, während der Rat durchaus auch die Chancen der Zuwanderung für die in ihrer demografischen Entwicklung zurückgeworfene Stadt erkannte.

Von dieser konfessionsbedingten Zwangsmigration abzuheben ist die katholische Clusterbildung im lutherischen Dresden, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bemerkenswerte Dimensionen annahm; 1707 sollen rund 4.000 Katholiken in der Stadt gelebt haben. Zeitweise herrschte deshalb ein konfessionell motiviertes Reizklima, das sich 1726 in einem Priestermord und Tumulten entlud und in die konkurrierende Besetzung des Stadtbildes einmündete: Das Zentrum wurde optisch dominiert von dem 1743 vollendeten Neubau der Frauenkirche der evangelischen Bürgerstadt mit der berühmten Kuppel von George Bähr, unweit davon finden wir die 1751 geweihte katholische Hofkirche des italienischen Architekten Gaetano Chiaveri.

Die katholische Präsenz in Dresden war einerseits auf die Kunstpolitik des Hofes zurückzuführen, auf die im 18. Jahrhundert begründete Italianità Dresdens. Gefördert wurde sie aber auch durch die Konversion des sächsischen Kurfürsten zum katholischen Glauben, durch die – und im Mutterland der Reformation wurde das als starke Zumutung empfunden – Hofreligion und das Bekenntnis der Bevölkerung nicht mehr identisch waren.


Fußnoten

1.
Ulf Hannerz, Exploring the City. Inquiries Toward an Urban Anthropology, New York 1980, S. 243.
2.
Vgl. Rolf Lindner/Johannes Moser (Hrsg.), Dresden. Ethnographische Erkundungen einer Residenzstadt, Leipzig 2006.
3.
Peter Sloterdijk, Zeilen und Tage. Notizen 2008–2011, Berlin 2012, S. 512 unter Bezugnahme auf Peter Ackroyd, London: Die Biographie, München 2002.
4.
Zum Stadtjubiläum "im Auftrag der Landeshauptstadt Dresden" herausgegeben: Geschichte der Stadt Dresden, 3 Bde., Stuttgart 2005/06. Zu Facetten der Stadtgeschichte vgl. die mittlerweile über 120 "Dresdner Hefte" des Dresdner Geschichtsvereins, zuletzt Nr. 123: Fremde in der Stadt. Zur historischen Vertiefung von Migrationsprozessen nach Sachsen vgl. die Rubrik "Sachsen: Weltoffen!" des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde: http://www.isgv.de/aktuelles/sachsen-weltoffen« (15.12.2015).
5.
Frank Metasch, Exulanten in Dresden. Einwanderung und Integration von Glaubensflüchtlingen im 17. und 18. Jahrhundert, Leipzig 2011, S. 232.
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Autoren: Winfried Müller, Swen Steinberg für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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