Eine 80 x 30 Zentimeter große gefaltete Urkunde mit der Formulierung "in civitate nostra Dresden" aus dem Jahr 1216 liegt am 21.01.2016 in einer Glasvitrine im Stadtarchiv in Dresden. Im Rahmen einer Pressekonferenz wurde die wertvolle Urkunde mit der Ersterwähnung der Stadt Dresden vor 800 Jahren präsentiert.

29.1.2016 | Von:
Gorch Pieken

The Benchmark: Dresden, 13. Februar 1945. Vom Umgang einer Stadt mit ihrer Geschichte

Als sich die Kampfbomber aus 2.000 Metern Höhe auf die Stadt stürzten, durchriss das schrille und markdurchdringende Heulen ihrer Sirenen die Stille der Nacht. "Plötzlich gab es eine Explosion auf dem Krankenhausgelände", berichtete ein Arzt. "Fensterscheiben klirrten und fielen auf mein Bett. Ich sprang auf, griff meine Kleidung und rannte ins Freie. In diesem Moment stürzte das Haus hinter mir zusammen. Überall lagen Trümmer und unter den Trümmern hörten wir Stöhnen. (…) Zwei Ordensschwestern, 4 Krankenschwestern und 26 Patienten sind bei dem Angriff getötet worden."[1] Bereits die erste Welle der angreifenden Flugzeuge hatte das Krankenhaus getroffen, obwohl auf dem Dach ein großes Rotes Kreuz zu erkennen war. Ein Achtjähriger und seine Schwester beobachteten das Zerstörungswerk von einem Hügel aus: "Viele Menschen rannten aus der Stadt. Nach dem Angriff sind wir ins Zentrum gegangen, um zu sehen, was dort passiert ist. Es war sehr zerstört (…) Überall lagen Leichen und abgerissene Körperteile: Arme, Beine. Ein Kopf."[2]

Mit diesem Angriff der deutschen Luftwaffe auf die polnische Stadt Wieluń am 1. September 1939, um etwa 4.35 Uhr, begann der Zweite Weltkrieg. Ohne Vorwarnung trafen die Bomben eine schutzlose Stadt und ihre Bewohner im Schlaf. Rund 1.200 Menschen wurden getötet, 90 Prozent des Stadtkerns zerstört. Wieluń war die erste zerbombte Stadt des Krieges. Im Ort hatten sich keine militärischen Einrichtungen oder Einheiten befunden, keine Kriegserklärung war dem Angriff vorangegangen. Die erste militärische Operation des Zweiten Weltkrieges war ein Kriegsverbrechen.

In den ersten zweieinhalb Jahren dehnte die Wehrmacht den deutschen Herrschaftsbereich auf halb Europa aus, doch schon im zweiten Kriegsjahr brachten britische Bomber den Krieg zurück nach Deutschland. Mit jedem weiteren Jahr erweiterte die Royal Air Force ihren Einsatzradius, seit 1943 zusammen mit den United States Army Air Forces. Abgesehen von schweren Angriffen auf Leipzig 1943/44 blieb Sachsen vom Luftkrieg weitgehend verschont – bis zum 13. Februar 1945.

In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 wurden die Dresdner Innenstadt und angrenzende Viertel durch zwei Angriffswellen der Royal Air Force vollständig zerstört. Ein Flammenmeer verschlang Straßen und Häuser und die darin Schutz suchenden Menschen. Aus der Hitze entwickelte sich ein orkanartiger Feuersturm, der den Asphalt schmelzen ließ, Bäume entwurzelte und Mauern emporschleuderte. In den haushohen Flammen verbrannten Menschen, viele erstickten in den Kellern, weil die Feuersbrunst der Luft den Sauerstoff entzog. 15 Quadratkilometer Stadtfläche brannten aus. Zwischen 19.000 und 25.000 Frauen, Männer[3] und Kinder starben. Unbeschreiblich und unvorstellbar ist das Leid der Menschen in dieser Nacht. Unter den Überlebenden sind viele an Körper und Seele Schwerverletzte.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten viele Dresdnerinnen und Dresdner geglaubt, dass sie mit zunehmender Dauer des Krieges dem Frieden näher wären als den Kampfhandlungen. Das Gegenteil war der Fall. Wehrmacht und Volkssturm bekämpften mit allen Mitteln den Friedensschluss in einem Krieg, den sie schon lange verloren hatten. Je länger sie das Ende hinauszögerten, desto totaler wurde die Niederlage. Mit jeder weiteren Woche und jedem zusätzlichen Tag vergrößerten die alliierten Bomberflotten die Ruinenflächen deutscher Städte. Im Untergangsszenario des "Dritten Reichs" war das Inferno von Dresden nur eine weitere Kulisse.

Totaler Krieg

Nicht erst seit der Rede des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels 1943 im Berliner Sportpalast anlässlich der verlorenen Schlacht von Stalingrad war der Zweite Weltkrieg ein "totaler Krieg". Von Anfang an war die ganze Gesellschaft für den Krieg mobilisiert worden, standen sich die Volkswirtschaften der kämpfenden Staaten gegenüber, mit ihren Arbeitern, Unternehmern, Wissenschaftlern, Ärzten, Geistlichen und Landwirten.

Gleichzeitig geriet die Zivilgesellschaft in das Fadenkreuz des Militärs, weil sich viele Generalstäbler von der Bekämpfung der Bevölkerung eine größere Wirkung auf den Kriegsverlauf versprachen als von Offensiven an der Front. Bereits in einem Manöverbericht der Royal Air Force aus dem Jahr 1923 hatte man lesen können, dass der moderne Krieg "ein Wettstreit der Moral" sei,[4] in dem es darum gehen werde, die Arbeitskraft und den Durchhaltewillen der Bevölkerung zu treffen.

Auch wenn das moral bombing der Royal Air Force keine wahrnehmbare Wirkung auf den Kriegswillen der deutschen Bevölkerung hatte: Als Abnutzungskrieg führten die Teppichbombardements zu einer erheblichen Beeinträchtigung der deutschen Kriegführung. So waren zwar 80 Prozent der Hamburger Industrieanlagen schon zweieinhalb Monate nach der verheerenden Bombardierung vom 25. Juli bis 3. August 1943 wieder funktionsfähig, aber infolge dieses Angriffs wurden 45 Prozent aller deutschen Jagdflugzeuge im Reich stationiert, die dann an der Front fehlten.[5] Die Konsumgüterindustrie musste zu Lasten der Kriegsrüstung Hausrat für ausgebombte Familien herstellen, und durch den permanenten Alarmzustand in vielen Städten fielen ungleich mehr Arbeitsstunden in den Betrieben aus als aufgrund von Bombenschäden.[6] Die Zerstörung von Arbeiterwohngebieten führte zu erheblichen Produktionseinbußen selbst bei Rüstungsbetrieben, die nicht von Gebäude- oder Maschinenschäden betroffen waren.[7]

Dresden wurde schließlich von der über Jahre perfektionierten Militärmaschinerie Großbritanniens getroffen, das einen aufgezwungenen Krieg führte, den das NS-Regime aus irrationalen und menschenverachtenden Gründen nicht beendete.[8] Wenngleich das ungeheure Ausmaß der Zerstörung in Dresden nicht planbar gewesen war, entsprach es lehrbuchhaft den Vorstellungen von einem mustergültigen Angriff mit maximaler Schlagkraft. Ein Grund dafür war auch die Situation am Boden: Durch die Verlegung der deutschen Flugabwehrgeschütze und der meisten Jagdmaschinen an die Front war Dresden der Bombardierung schutzlos ausgeliefert worden,[9] paradoxerweise nur wenige Wochen nachdem der Generalstabschef des deutschen Heeres die Stadt im Dezember 1944 zur militärischen Festung erklärt hatte. Eine für September 1944 geplante große Evakuierungsaktion Dresdner Kinder war ohne Angaben von Gründen ersatzlos gestrichen worden,[10] obwohl die britischen Flächenbombardements auf die deutsche Zivilbevölkerung zielten.

Wie liegt die Stadt so wüst

Unter den vielen Kindern, die bei den Luftangriffen auf Dresden am 13. und 14. Februar 1945 ums Leben kamen, waren auch elf Kreuzschüler. Rudolf Mauersberger, der Kantor des Dresdner Kreuzchores, hielt nach 1951 seine Erinnerungen in einem Bericht fest. "Als ich endlich zur Kreuzschule kam, war alles menschenleer und wie ausgestorben. Das Gebäude brannte noch. Man konnte sich nicht aufhalten, weil man dauernd mit schlimmster Atemnot kämpfen mußte (…). So eilte ich im Laufschritt wieder zurück, auf den Großen Garten zu. Ich erfuhr dann erst, daß der Alumneninspektor mit den Alumnen aus dem brennenden Haus in den Großen Garten geflüchtet war. Diese Maßnahme entsprach den allgemeinen, auch immer wieder durch den Rundfunk gekommenen Anweisungen und Aufforderungen. Auf der Tiergartenstr. schossen die Tiefflieger ebenfalls in die Menge, wobei der Alumneninspektor, Herr Studienrat Gebauer, schwer verwundet wurde, der Hausinspektor und ein dreizehnjähriger Junge aus dem Kreuzchor, der neben Herrn Gebauer lag, getötet wurden. Die anderen Jungen sind unterwegs getötet worden, ein kleiner Zehnjähriger vor der Kreuzschule, drei noch im Haus durch Lungenriß und die übrigen, die nicht Alumnen waren, kamen in der elterlichen Wohnung mit ihren Angehörigen ums Leben."[11] Unter dem Eindruck der Bombardierung schrieb Mauersberger die Trauermotette "Wie liegt die Stadt so wüst", die am 4. August 1945 uraufgeführt wurde und seither Teil der Dresdner Gedenkkultur ist.

Über keine andere zerstörte Stadt des Zweiten Weltkrieges ist so viel Fachliteratur und Belletristik publiziert worden wie über Dresden. Einer der auflagenstärksten Dresden-Romane wurde von Henri Coulonges verfasst und in der französischen Originalfassung 1979 veröffentlicht. Der deutsche Titel des Buches, "Dresden starb mit dir, Johanna", nennt die Protagonistin der Handlung, ein zwölfjähriges Mädchen, dessen Schicksal mit dem der Kruzianer und ihrem Kantor eng verwoben ist. Sie sieht die Kruzianer und ihren Kantor zum ersten Mal im Großen Garten, dem historischen Stadtpark Dresdens, als Johanna von Tieffliegern angegriffen wird. "Die Flugzeuge kletterten kerzengerade in die Höhe, kippten dann über einen Flügel ab und kamen der Reihe nach im Sturzflug herunter. Die Feuerstöße schienen sich jetzt auf alles, was sich bewegte, zu richten. Salve auf Salve. Um besser sehen zu können, ging sie mitten auf die Fahrbahn, wieder beschattete sie die Augen mit der Hand. Und plötzlich erhob sich hinter ihr – unmittelbar hinter ihr, meinte sie – ein apokalyptisches Dröhnen. Instinktiv warf sie sich hinter die kleine Mauer. Die prasselnden Geschosse streiften sie fast, sie wurde mit Erdbrocken und Steinsplittern bedeckt, und das Krachen der Feuerstöße zerriß ihr buchstäblich das Trommelfell; ein riesiger Schatten strich über sie hin. (…) Zum ersten Mal in ihrem Leben empfand sie so etwas wie Haß gegen diesen namenlosen, gesichtslosen Feind, der im Dunkel der Nacht gekommen war, eine wehrlose Stadt zu morden und das Leben in ihr zu verwüsten."[12]

Fußnoten

1.
Zit. nach: Joachim Trenkner, Ziel vernichtet, in: Die Zeit vom 6.2.2003, http://www.zeit.de/2003/07/A-Wielun/komplettansicht« (14.12.2015).
2.
Zit. nach: ebd.
3.
An den Fronten des Zweiten Weltkrieges starben rund 30.000 Dresdner Soldaten. Vgl. Hermann Rahne, Zur Geschichte der Dresdner Garnison im Zweiten Weltkrieg 1939 bis 1945, in: Landeshauptstadt Dresden/Stadtmuseum Dresden (Hrsg.), Verbrannt bis zur Unkenntlichkeit. Die Zerstörung Dresdens 1945, Begleitbuch zur Ausstellung des Stadtmuseums Dresden, Dresden 1995, S. 121–135, hier: S. 124.
4.
Zit. nach: Richard Overy, Der Bombenkrieg. Europa 1939–1945, Berlin 2014, S. 49.
5.
Vgl. Horst Boog, Der anglo-amerikanische strategische Luftkrieg über Europa und die deutsche Luftverteidigung, in: ders./Werner Rahn et al. (Hrsg.), Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 6: Der globale Krieg. Die Ausweitung zum Weltkrieg und der Wechsel der Initiative 1941–1943, Stuttgart 1990, S. 429–565, hier: S. 449.
6.
Was auch schon beim "Blitz" gegen Großbritannien ein Problem war: "Die pauschale Auslösung des Fliegeralarms (rot) brachte bei Tag oder Nacht jede Arbeit zum Erliegen und warf die Kriegsproduktion erheblich zurück." Vgl. R. Overy (Anm. 4), S. 210.
7.
"Unmittelbar vor dem 13. Februar gab es in den 5 Dresdner Betriebsteilen von Zeiß Ikon 10.897 'produktiv Tätige'. (…) In einem Betriebsbericht hieß es: 'Wie festgestellt, haben im Februar 1945 durchschnittlich 7.833 Lohnempfänger gefehlt. Hiervon hatten sich 5.164 nicht gemeldet. Die restlichen 2.669 hatten sich gemeldet, waren aber entweder wegen Fliegerschadens, langem Anmarschweg usw. beurlaubt oder krank.' Am 14. und 15. Februar waren alle 5 Dresdner Betriebsteile völlig stillgelegt. Auch Ende Februar arbeitete immer noch weniger als die Hälfte der Belegschaft. Das hatte enorme Auswirkungen auf die Rüstungsproduktion." Friedrich Reichert, Verbrannt bis zur Unkenntlichkeit, in: Verbrannt bis zur Unkenntlichkeit (Anm. 3), S. 40–62, hier: S. 60.
8.
Dabei stand bereits 1935 in einer deutschen Fachpublikation: "Das Fehlen eines speziellen Luftkriegsrechts hat somit nicht nur einen hohen Grad von Unsicherheit über das Schicksal der Zivilbevölkerung zur Folge, sondern bewirkt sogar, daß diese faktisch im Ernstfall mehr oder minder vogelfrei ist. (…) Das ‚Terrorbombardement‘, das in einem Luftkriege nach menschlichem Ermessen eine große Rolle spielen würde", träfe die Zivilbevölkerung oder das private Eigentum ohne militärischen Charakter. Georg Herrmann, Völkerrechtliche Luftkriegsregeln und einzelstaatliche Luftschutznormen, in: Gasschutz und Luftschutz, 5 (1935) 2, S. 30f.
9.
Die wenigen in Dresden-Klotzsche verbliebenen deutschen Nachtjäger erhielten während der zwei britischen Angriffswellen zur Verwunderung der Piloten keine Starterlaubnis.
10.
Vgl. Heidrun Reim, Zum Kriegsalltag in Dresden 1939 bis 1945, in: Verbrannt bis zur Unkenntlichkeit (Anm. 3), S. 7–39, hier: S. 17.
11.
Rudolf Mauersberger, Aufzeichnungen über persönliche Erinnerungen im Zusammenhang mit der Zerstörung Dresdens 13. Febr. 1945, in: Gorch Pieken/Matthias Rogg/Ansgar Snethlage (Hrsg.), Schlachthof 5. Dresdens Zerstörung in literarischen Zeugnissen, Ausstellungskatalog des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr, Dresden 2015, S. 211–213, hier: S. 212.
12.
Henri Coulonges, Dresden starb mit dir, Johanna, Frankfurt/M. 1985, S. 91f. In der "Zeit" wurde Coulonges gelobt, weil er ein Thema aufgegriffen habe, "das ihm, soweit er sah, einseitig dargestellt schien: In einem Millionenvolk, das die Naziverbrechen zu seiner Geschichte zählt, mußte es Millionen von Schuldigen geben – und Millionen von Unschuldigen. Coulonges wollte die deutsche Tragödie aufzeichnen, gesehen, erlitten, begriffen mit den Sinnen eines Kindes. Das zwölfjährige Mädchen Johanna erlebt diese Geschichte, die Geschichte eines deutschen Untergangs, stellvertretend für die Millionen Unschuldiger." Ruth Henry, Ein Abschied, in: Die Zeit vom 22.2.1985, http://www.zeit.de/1985/09/ein-abschied« (14.12.2015).
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