Eine 80 x 30 Zentimeter große gefaltete Urkunde mit der Formulierung "in civitate nostra Dresden" aus dem Jahr 1216 liegt am 21.01.2016 in einer Glasvitrine im Stadtarchiv in Dresden. Im Rahmen einer Pressekonferenz wurde die wertvolle Urkunde mit der Ersterwähnung der Stadt Dresden vor 800 Jahren präsentiert.

29.1.2016 | Von:
Frank Willmann

Einblicke in die Dresdner Fußballseele

    "Hell wie das Licht, schwarz wie die Nacht,
    wir haben alles schon mitgemacht …"
Fangesang "Wir sind Dynamo"

Es ist der 31. Oktober 2015: Der 1. FC Magdeburg spielt bei Dynamo Dresden – ein für Fans wie Sicherheitskräfte hoch brisantes Spiel. Sympathisanten und Funktionäre beider Vereine freuen sich über das fußballerische Wiedersehen der alten Rivalen nach fast zehn Jahren, inzwischen in der 3. Bundesliga. "Wenn ich jetzt die beiden Logos wieder nebeneinander sehe, da geht mir das Herz auf", sagt Mario Kallnik, Sportchef vom 1. FC Magdeburg. Sein Dresdner Kollege Ralf Minge empfindet das ähnlich freundschaftlich, während sich die Fans beider Mannschaften bereits im Vorfeld im Internet mit der üblichen Häme übergossen haben. "Manchmal hasst man das, was man doch liebt", sang schon 1978 die DDR-Kuschelrockgruppe Karat beim Schlagerfestival in Dresden.

Der Anpfiff zum Ostklassiker soll um 14 Uhr sein. Bereits seit 10.45 Uhr stehen Wasserwerfer vor dem Stadion. Herbstzeitlose im Großen Garten, die Sonne wirft mildes Licht auf Dresden. Die Dynamo-Seele frohlockt, denn Dresden grüßt souverän vom ersten Tabellenplatz. Die Dresdner Fans haben eine Riesenchoreografie angekündigt: Projekt X, streng geheim, 20.000 Euro Kosten. Zwei Jahre lang wurde Geld gesammelt. Die Idee entstand im K-Block, der Stehplatztribüne und Heimat der "echten Fans". Dort stehen auch Hunderte von Jungs mit schnittigen Frisuren: rechtsextreme Kameraden. Politik soll nicht ins Stadion getragen werden, sagen sowohl die sogenannten Kutten als auch die Ultras als auch die Hooligans. Trotzdem steht auf den Eintrittskarten und an der Anzeigetafel "Rassismus ist kein Fangesang". Ist das keine Politik?, frage ich ein paar weibliche Fans, die mit Bier in der Hand auf den Anpfiff warten. "Na ja, also, irgendwie schon. Aber wir wollen in keine Ecke gestellt werden. Weder rechts noch links, wir sind keine Radikalen."

Bei Pegida, so bestätigte im Oktober 2015 Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling vor der Burschenschaft Halle zu Mainz, seien von Anbeginn Hooligans von Dynamo Dresden unter den Ordnern gewesen. Festerling meinte, es gebe in Dresden "weniger Berührungsängste zu den bösen Hooligans" als im Westen. Dem sächsischen Innenministerium war von der Rolle der Hooligans bei Pegida lange nichts bekannt. Das berichtet die "Bild"-Zeitung am 16. November 2015. In dem Bericht heißt es, Innenminister Markus Ulbig sei entsetzt. Ein Ultra dazu: "Natürlich kann ein Fußballverein die Probleme einer Region, einer Stadt nicht lösen. Leute, die zu Protesten gegen Pegida gehen, kriegen Fragen gestellt. Besonders von der Hooliganfraktion wird ganz genau beobachtet, wer was macht. Beängstigend."

Der Hauptbahnhof ist am 31. Oktober ein besonderer Brennpunkt für die Dresdner Polizei. Alle Eingänge sind weiträumig abgesperrt, unten warteten Shuttle-Busse, um die Magdeburger Fans sicher zum Stadion zu bringen. Dieses Mal verläuft alles friedlich. Nur als die Magdeburger ihre Materialien für eine spontane Choreografie nicht mit ins Stadion nehmen dürfen, wird es kurz unruhig. Fanprojektmitarbeitern gelingt es, die Gemüter abzukühlen. Das Stadion ist ausverkauft, die Stimmung ist grandios. 30.000 Zuschauer in der 3. Liga sind eine Hausnummer. Solche Fanmassen mobilisiert im Osten nur Dynamo. Vor dem Spiel zeigen die Dresdner ihre Choreografie, bis auf den Gästeblock ist das Stadion mit gelbschwarzem Stoff verhüllt. Darauf das Vereinslogo und Sprüche wie: "Die besten Fans", "Die Legende aus Elbflorenz" und so weiter.

Es folgen 90 Minuten Dauergesang beider Fangruppen bei ansprechendem Fußball. Hinter mir sitzt Dresdens Sportdirektor Minge, der früher ein genialer Stürmer war – einer von denen, die in den 1980er und frühen 1990er Jahren für Dynamos schönen Fußball zuständig waren. Das ist lange her, verdammt lange. Er spielte 222 Mal für Dynamo und schoss fast in jedem zweiten Spiel ein Tor. Auch als Zuschauer ist er kaum zu halten: aufstehen, hinsetzen, aufstehen. Er rüttelt an der Lehne meines Stuhls, außer sich vor Leidenschaft.

Der Dresdner K-Block schunkelt, jauchzt und zeigt eine feine Laubsägearbeit begabter Volkskünstler: das Profil eines Schweins in den Farben Magdeburgs. Doch nicht jede martialische Fußballprovokation sollte man mit tödlichem Ernst betrachten. Fußball ist auch handfestes Volksvergnügen, grobe Scherze gehören zum Spektakel. Nach dem Spiel, das Dresden 3:2 für sich entscheidet, werden zwei erbeutete FCM-Fahnen und ein paar Schals von Dresdnern abgebrannt. Jeder Fußballfan hält seinen Fußballverein für den einzig wahren, samt heroischer Tradition und natürlich einmaligen Anhängern. Alle Fans gehören zusammen "wie der Wind und das Meer", alle sind "eine Familie". Wenn auch eine sehr heterogene.

Gewalt bei Dynamo: Eine populäre Wahrnehmung

Ende 2015 ist Dynamo so gut aufgestellt wie lange nicht. Sportdirektor Minge und Geschäftsführer Robert Schäfer sind die Väter des Erfolgs. Der eine entschuldete den Klub, der andere machte den Sport wieder groß. Das sah in den Spielzeiten zuvor nicht ganz so gut aus. Zum fußballerischen Tief kam die in Teilen problematische Fanszene: ob 2011 im Pokal in Dortmund, 2013 beim Auswärtsspiel in Bielefeld oder im Dezember 2014 in Rostock, als das Spiel gegen Hansa für eine knappe Viertelstunde unterbrochen werden musste, weil aus dem Dresdner Block Raketen in die gegnerischen Zuschauerränge geschossen worden waren. "Fakt ist eins, wir haben den schlechten Ruf nicht zu Unrecht. Er hat sich über Jahre hinweg in den Köpfen der Menschen über Dresden hinaus manifestiert", bekennt auch Sportdirektor Minge, betont aber zugleich: "Ich behaupte mal, die Anzahl der beteiligten Fans an Verfehlungen und die Zahl dieser Verfehlungen hat sich zuletzt deutlich verringert. Mindestens 95 Prozent unserer Fans sind friedlich." Der Verein führe einen offenen und kritischen Dialog mit den Fans und betreibe dafür einen enormen Aufwand, trotzdem müsse man feststellen, dass man einige eben nicht erreiche.

Die Problematik tritt vor allem bei Auswärtsspielen zutage. Thomas Geithner, Pressesprecher der Polizeidirektion Dresden, erzählt: "Dynamo Dresden bei Heimspielen beziehungsweise bei Auswärtsspielen zu erleben, sind zwei völlig verschiedene Geschichten. Die Heimspiele laufen in der Regel komplett friedlich ab. Das hängt einerseits vom Sicherheitsstandard des neuen Stadions ab, zum anderen stehen wir alle Tage der gleichen Klientel gegenüber. Wir kennen die, sie kennen uns. Die Chance, nach einer Straftat in Dresden als Täter ermittelt zu werden, ist weitaus höher als in der Fremde, wo man nur einmal im Jahr unterwegs ist." Dass Dynamo bereits ein schlechter Ruf vorauseilt, trage dabei zur gespannten Situation bei: "Bei vielen anderen Dienststellen in der Republik ist das Spiel gegen Dynamo unter Sicherheitsaspekten das Spiel des Jahres."

Das sieht auch der Dynamo-Fan Eric Spandaus so: "Auf alle Fälle habe ich das Gefühl, dass bei Ausschreitungen, egal welcher Art, immer wieder geschaut wird, wie man da Dynamo mit hineinbekommt. Jede Knallcharge, die auf einer Auswärtsfahrt jemandem einen Sitzplatz wegnimmt, ist eine Nachricht wert. Hinzu kommt sicherlich das permanente speziell Dresdner Gefühl, benachteiligt zu werden. Mit Argusaugen wird in der Fanszene überprüft, wie andere Mannschaften für Verfehlungen bestraft werden, um dann in den immer wieder gleichen Kanon einzustimmen, dass einzig an Dynamo ein Exempel statuiert wird. Dementsprechend findet leider nur unzureichend eine Selbstreinigung in der Fanszene statt. Der Verein hat es dabei nicht einfach. Fährt er eine härtere Linie, lehnt er Teile des eigenen Anhangs gegen sich auf, dabei sind bisher nie viel mehr als Drohungen ausgesprochen worden." In Dresden selbst geht man derzeit von 500 gewaltbereiten und 135 gewaltsuchenden "Fans" aus.

Am letzten Spieltag in der Saison 2013/14 trat Dynamo in der 2. Bundesliga daheim gegen Arminia Bielefeld an. Es ging mal wieder um alles. Dynamo versagte und verlor das Spiel. Als Mitte der zweiten Halbzeit Bielefeld mit zwei Toren in Front lag, liefen einige Jungs im Fan-Block heiß. Der klassische Reflex: Liegt Dynamo hinten, bleibt nur Gewalt und das Berauschen an der vermeintlichen Stigmatisierung als "böser Ossi". Böller flogen, die ersten begannen sich zu vermummen. Entsetzte Eltern stürmten mit weinenden Kindern aus dem Stadion. Der Schiedsrichter schickte die Mannschaften in die Kabinen, um sie vor einem Platzsturm zu schützen. Doch was nun passierte, war auch Dynamo. Das Stadion skandierte "Ultras raus! Ultras raus!" Und im letzten Moment hielt der positive Wille der großen Mehrheit die gewalttätige Minderheit in Schach.

Die Dresdner Fankultur gibt also ein sehr widersprüchliches Bild ab. Zu ihr gehört die stimmgewaltige Anfeuerung im prallgefüllten K-Block, zu ihr gehören progressive Gruppen wie "1953international", die sich etwa gegen Rassismus im Stadion engagieren, zu ihr gehören aber auch die Muskelprotze mit Dynamo-Mütze bei den Pegidademos der rechten Wutbürger und sexistische Plakate von beeindruckender Widerwärtigkeit. Auch ein Banner mit der Aufschrift "Lügenpresse" tauchte 2015 im Dresdner Stadion auf, bis es vom Verein entfernt wurde. Dresdner Fankultur, das bedeutet schiere Masse, aber eben auch unzählige Einzelpersonen mit ganz unterschiedlichen Fanbiografien. Manche sahen noch Fußballheroen wie Dixi Dörner und Matthias Sammer spielen, andere jubelten nur noch limitierten Talenten zu.

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Autor: Frank Willmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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