Eine 80 x 30 Zentimeter große gefaltete Urkunde mit der Formulierung "in civitate nostra Dresden" aus dem Jahr 1216 liegt am 21.01.2016 in einer Glasvitrine im Stadtarchiv in Dresden. Im Rahmen einer Pressekonferenz wurde die wertvolle Urkunde mit der Ersterwähnung der Stadt Dresden vor 800 Jahren präsentiert.

29.1.2016 | Von:
Frank Willmann

Einblicke in die Dresdner Fußballseele

Von ganz oben nach ganz unten

Dynamo Dresdens Leib ist von Narben übersät: Der glorreichen Zeit mit acht DDR-Meisterschaften folgte der jähe Absturz Mitte der 1990er Jahre. Wenn Dynamo Dresden in den 1970er und 1980er Jahren im Rudolf-Harbig-Stadion zauberte, tanzte die ganz Stadt. Wenn die Mannschaft zu DDR-Zeiten im Europapokal versagte, geriet am nächsten Tag die Stadt in einen Schockzustand. Bleischwere Stille auf den Straßen, Schulhöfen, in den Universitäten, Bussen und Straßenbahnen. In den Fabriken, den Verwaltungen, überall herrschte Trauer. Dresden war Fußball, Dresden liebte Dynamo, obwohl der Schutzpatron und Geldgeber das Ministerium des Innern war. Es war egal, dass Dresden ein "Bullenverein" war – der Fußball war einfach zu göttlich. Die genialen Spielzüge von Kreische, Häfner, Dörner, Minge, Kotte, Lippmann brachten das Herz der Stadt zum Leuchten. Die Fans waren eine große, liebe Masse. Gewalt spielte eine untergeordnete Rolle. Dynamo war in Dresden so wichtig wie die Semperoper. Dauerkarten wurden vererbt, Eurocup war Standard.

Dynamo glänzte bis 1990 mit großem Fußball. Die Fans waren laut, aber friedlich. Seither steht Dynamo für Überleben durch Kampf. Bis 1995 hielt sich Dresden in der Bundesliga, dann verweigerte der DFB aufgrund von zehn Millionen Mark Schulden die Lizenz. Dynamo wurde in die drittklassige Regionalliga verbannt und landete schließlich sogar in der Oberliga Nordost.

Wer den Dresdner Sonderweg verstehen will, muss in die wilden Wendejahre zurückblicken, als ruhmreiche Klubs der DDR-Oberliga plötzlich und unvermittelt den Profifußball lernen mussten. Minge: "Wir hatten 1991 die beste Ausgangsposition aller ostdeutschen Klubs. Resultierend aus den erheblichen Transfererlösen." Doch das viele Geld ersetzte nicht die in den Westen abgewanderten Stars, es sorgte nicht für sportliche Blüte, sondern zog nur westdeutsche Glücksritter und Hasardeure an. Der bekannteste Totengräber des Dresdner Fußballs war Rolf-Jürgen Otto: vor der Wende unter anderem Kneipier und Boxveranstalter, danach Goldgräber im Osten – und seit 1993 Dynamo-Präsident. Seine Dresdner Zeit endete mit der Pleite des Vereins und einer Gefängnisstrafe wegen Veruntreuung von drei Millionen Mark. Das kontinuierlichste in Dresden ist seither die Angst. Angst, aus dem deutschen Fußball zu verschwinden. Angst vorm bösen Westen, der vielen noch immer fremd ist. Der überzeugte Dresdner macht am liebsten in Dresden Urlaub.

Auf den Rängen machte Dynamo in den Wendezeiten ebenfalls eine merkwürdige Wandlung durch. Im DDR-Fußball war Dynamo der weltläufigste Klub des Ostens gewesen. Die Mannschaft spielte gepflegten, technisch starken Fußball und ließ begnadeten Individualisten den nötigen Raum. Stellvertretend für alle Fans aus dem "Tal der Ahnungslosen", in das sich kein westliches TV-Signal verirrte, eroberte Dynamo Europa. Und wer als auswärtiger Fan nach Dresden kam, musste anders als in Leipzig oder beim BFC Dynamo keine übermäßige Sorge haben, verdroschen zu werden. Doch schon 1991, zwei Jahre nach der Wende, standen Dynamo Dresden und die Fanszene im Rudolf-Harbig-Stadion plötzlich als Synonym für rohe Gewalt, blindwütige Ausschreitungen.

Die Bilder des wegen eines Steinhagels und zahlloser Leuchtraketen abgebrochenen Europacupspiels gegen Roter Stern Belgrad waren auch in westdeutsche Wohnstuben geflimmert. Die Videoaufnahmen von damals zeigen einen sichtlich geschockten Ralf Minge, der angesichts der verheerenden Ausschreitungen einer aus dem ganzen Bundesgebiet angereisten Hooligan-Gesellschaft um Worte ringt. In der ARD moderierte Heribert Faßbender sichtlich angewidert den Beitrag an. Für die Dynamo-Fans hingegen barg der gewalttätige Abend eine überraschende Erkenntnis in Sachen Aufmerksamkeitsökonomie: Mochte die ruhmreiche SG Dynamo sportlich auch langsam in die Bedeutungslosigkeit abrutschen, mit Spielabbrüchen und Massenprügeleien ließen sich dennoch verlässlich Schlagzeilen produzieren. Die Dresdner Szene lernte schnell und war hinsichtlich ihrer Gewaltbereitschaft rasch im Westen angekommen.

Leid und Stolz

Zu der einfachen Erkenntnis, dass auch schlechte Nachrichten immerhin noch Nachrichten sind, gesellte sich eine andere Dresdner Spezialität, die inzwischen bereits vielfach literarisch und gesellschaftlich seziert worden ist. Den Bürgern der Stadt wird eine Neigung zur Innerlichkeit, eine leicht weltfremde Flucht in ethische Prinzipien und Werte nachgesagt. Man muss nun keine alles überformende Stadtpsychologie entwerfen, kann aber feststellen, dass das Dresdner Publikum seine Beziehung zum Lieblingsverein zwangsidealisiert hat.

Anderswo gehen viele Menschen auch gerne ins Stadion, um schönen Fußball zu sehen oder Geschäftspartner zu treffen. Das jedoch ist eine Spezies, die in Dresden nur selten anzutreffen ist. Der idealtypische Dynamo-Fan identifiziert sich vielmehr weit übers Normalmaß hinaus mit dem Klub. Er hat Insolvenzen überlebt und unvergessene Dramen. Er hat mehrfach sein letztes Hemd gegeben, Blut gespendet, demonstriert, permanent die Spendierhosen an, um seine sieche Liebe nicht verrecken zu sehen. Wo jeder Euro dreimal umgedreht wird, ist der Fan König. Ihr seid Dynamo! Der Verein hat dies so oft beteuert, dass die Fans es am Ende geglaubt haben. Und auf eine merkwürdige Art und Weise ist es ja inzwischen tatsächlich so: Die Seele des Vereins ist die große und vielfältige Fanszene. Doch, ach, die Dynamo-Seele fühlt sich permanent nicht verstanden, über den Tisch gezogen, übervorteilt.

1954 wurde etwa die komplette Dynamo-Mannschaft – ein Jahr nach Gründung der SG Dynamo Dresden – schlicht nach Berlin delegiert, um ein konkurrenzfähiges Hauptstadtteam zu bilden. Ein weiteres Trauma ist der sogenannte Kotte-Weber-Müller-Fall. Im Januar 1981 wurden die Dresdner Fußballer Gerd Weber, Matthias Müller und Peter Kotte auf dem Ostberliner Flughafen Berlin-Schönefeld verhaftet. Vorwurf Republikflucht. Dynamo war der Klub des Ministeriums des Innern – am Leben erhalten von der Volkspolizei, dem Zoll und der Staatssicherheit. Für einen Tschekisten gab es kaum ein schlimmeres Vergehen als die Flucht zum imperialistischen Feind, meinte Stasi-Chef Erich Mielke. Entsprechend drastisch ging man gegen die "Sportverräter" vor. Weber wollte in den Westen, hatte Kotte und Müller davon berichtet. Ihr Vergehen: Sie hatten es nicht gemeldet. Das tat wiederum eine Stasi-Zuträgerin.

Weber wurde in der Folge für elf Monate ins Zuchthaus gesteckt, sein Sportlehrerstudium durfte er nicht weiter betreiben. Er musste sich in der Produktion als Kfz-Schlosser bewähren. Im August 1989 gelang ihm mit Frau und Tochter die Flucht in den Westen. Müller und Kotte erhielten nach mehrtägiger Untersuchungshaft wegen Mitwisserschaft eine lebenslange Sperre für die erste und zweite Fußballliga und wurden bei Dynamo Dresden entlassen.

Für viele Fans verdichten sich diese "historischen" Benachteiligungen zusammen mit dem Lizenzentzug 1995 und den heutigen Erfahrungen zahlreicher harter DFB-Strafen zu einem regelrechten Opfermythos, der aber, wie der Anhänger Steffen Pockart betont, "mich letztlich mit gesteigerten Stolz auf meinen Verein blicken lässt".

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Autor: Frank Willmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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